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1. Oktober 2026:

Was Leser nie zu sehen bekommen

Wenn ein Leser ein Buch in der Hand hält, sieht die Sache eigentlich ziemlich übersichtlich aus. Da gibt es ein Cover, ein paar hundert Seiten Text und am Ende vielleicht noch ein Nachwort.

Was man nicht sieht, ist der ganze Kram, der vorher und währenddessen entstanden ist.

Und mit Kram meine ich tatsächlich Kram.

Dokumente. Biografien. Notizen. Tabellen. Karten. Bilder. Dateien mit Ideen, die seit Jahren darauf warten, endlich einmal gebraucht zu werden. Und natürlich Zettel.

Viele Zettel.

Auf manchen steht etwas Sinnvolles. Auf anderen stehen Dinge wie:

„Mögen Quasselfetzen Musik?“

Oder:

„Rechte Hand blutig!“

Für jemanden, der zufällig einen solchen Zettel auf meinem Schreibtisch findet, dürfte das nur bedingt hilfreich sein. Für mich ergibt es in dem Moment meistens Sinn.

Meistens.


Bevor überhaupt der erste Satz geschrieben ist

Ein Buch beginnt bei mir normalerweise nicht mit dem ersten Satz. Es beginnt mit einer Idee. Manchmal ist es nur eine Szene. Manchmal eine Figur. Manchmal eine bestimmte Stimmung oder eine Frage, bei der ich wissen möchte, wohin sie führt.

Irgendwann entsteht daraus ein Plot. Der kann am Anfang noch ziemlich grob sein. Wer ist die Hauptfigur? Was passiert? Was ist das eigentliche Problem? Wo soll die Geschichte ungefähr hin?

Dann wird daraus nach und nach etwas, mit dem ich arbeiten kann.

Noch bevor der erste Satz des eigentlichen Romans geschrieben ist, existieren deshalb häufig schon mehrere Dokumente.

Da gibt es zunächst den Plot selbst.

Dazu kommen die Biografien der Figuren, die ich zu diesem Zeitpunkt bereits kenne. Vor allem natürlich die Protagonisten und andere Personen, von denen schon klar ist, dass sie eine größere Rolle spielen werden.

Diese Biografien können Informationen enthalten, die später niemals im Buch auftauchen.

Wo ist die Person aufgewachsen? Hat sie Geschwister? Wie war das Verhältnis zu den Eltern? Welche Hobbys hat sie? Was kann sie gut? Was kann sie überhaupt nicht? Welche Eigenheiten hat sie? Was mag sie? Was geht ihr auf die Nerven?

Der Leser muss das alles nicht wissen.

Ich manchmal schon.

Biographien zum Buch "Graumoos"
Biographien zum Buch „Graumoos“

Ich schreibe relativ selten mit Figuren, die für mich nur aus einem Namen und einer Funktion bestehen.

Wenn jemand einen Raum betritt, möchte ich normalerweise bereits ungefähr wissen, wer dieser Mensch ist.

Auch wenn davon später vielleicht nur zehn Prozent tatsächlich im Roman landen.


Auch Orte brauchen manchmal eine Vorgeschichte

Ähnlich ist es bei Orten.

Manche Schauplätze sind sofort klar. Andere nicht.

Bei wichtigen Gebäuden oder Orten schreibe ich deshalb manchmal eine Art kleines Exposé. Das ist keine nüchterne Liste mit Angaben wie Anzahl der Fenster, Quadratmeterzahl und Himmelsrichtung der Eingangstür.

Es ist eher eine kurze Beschreibung dessen, was dieser Ort für mich ist.

Wie sieht das Gebäude aus? Wie fühlt es sich an, wenn man davorsteht? Wie gelangt man hinein? Welche Räume gibt es? Was befindet sich hinter dem Haus? Wo steht eine Figur, wenn sie aus dem Fenster schaut?

Solche Texte können erstaunlich hilfreich sein.

Gerade dann, wenn ein Ort immer wieder vorkommt.

Denn nichts ist lästiger, als in Kapitel drei eine Treppe links vom Eingang zu haben und in Kapitel siebzehn plötzlich festzustellen, dass sie eigentlich rechts sein müsste.

Manchmal lasse ich mir inzwischen auch ein Bild mit künstlicher Intelligenz erstellen.

Nicht als Illustration für das Buch, sondern für mich.

Wenn ich ein bestimmtes Gebäude, einen Raum oder eine Landschaft vor Augen haben möchte, kann so ein Bild helfen. Es muss nicht einmal exakt stimmen. Es reicht oft schon, wenn es mir eine visuelle Richtung gibt.

KI erzeugtes Bild aus "Das Kirschblütenhaus"
KI erzeugtes Bild aus „Das Kirschblütenhaus“

Bei meinen fiktiven Orten ging das schon noch einen Schritt weiter.

Es existiert beispielsweise eine Landkarte mit Dörfern in meinem fiktiven Saarland.

Denn irgendwann reicht die Information „Dorf A liegt irgendwo neben Dorf B“ nicht mehr.

Spätestens wenn Figuren fahren, laufen, irgendwo abbiegen oder darüber reden, wie weit etwas entfernt ist, ist es ganz praktisch, wenn die Geografie wenigstens innerhalb der eigenen Geschichte halbwegs funktioniert.

Das fiktive Saarland (mehrere Bücher)
Das fiktive Saarland (mehrere Bücher)

Und dann beginnt das eigentliche Schreiben

Irgendwann ist es so weit.

Der erste Satz steht da.

Und theoretisch könnte man nun meinen, die ganze Vorarbeit sei damit abgeschlossen.

Ist sie natürlich nicht.

Während des Schreibens verändert sich ständig etwas.

Neue Figuren tauchen auf. Manche waren von Anfang an geplant. Andere erscheinen plötzlich, weil die Geschichte sie gerade braucht.

Dann stellt sich bei mir irgendwann die Frage: Wie wichtig ist diese Figur eigentlich? Ist sie nur für eine Szene da? Hat sie eine kleinere Funktion?

Oder wird daraus jemand, der später noch wichtig werden könnte?

Ich unterscheide für mich grob zwischen Figuren, die kaum mehr als eine Funktion erfüllen, Figuren mit etwas mehr Tiefe und Figuren, die wirklich ausgearbeitet werden müssen.

Spätestens wenn eine Figur für mich mehr als nur eine Randerscheinung ist, bekommt sie meistens ebenfalls einen Eintrag in der Biografie.

Denn auch eine Figur, die erst auf Seite 180 auftaucht, sollte für mich nicht erst auf Seite 180 geboren worden sein.

Sie hatte vorher schon ein Leben.

Auch wenn der Leser davon vielleicht nie etwas erfährt.


Die berühmten Zettel

Und dann gibt es noch die Notizen.

Ich könnte natürlich behaupten, alles würde ordentlich in dafür vorgesehenen Dokumenten landen.

Das wäre gelogen.

Während des Schreibens fallen einem ständig Dinge ein.

Etwas muss später noch erwähnt werden. Eine Verletzung darf nicht vergessen werden. Eine Figur weiß etwas noch nicht. Irgendwo muss ein Hinweis platziert werden. Eine bestimmte Reaktion sollte später noch eine Rolle spielen.

Und weil man dafür nicht jedes Mal ein Dokument öffnen möchte, landet so etwas eben auf einem Zettel.

Daher entstehen Notizen wie:

„Rechte Hand blutig!“

Vermutlich musste ich mich daran erinnern, dass eine Figur sich an der rechten Hand verletzt hatte und diese Verletzung in der nächsten Szene nicht auf wundersame Weise verschwunden sein durfte.

Oder eben:

„Mögen Quasselfetzen Musik?“

Ich weiß noch, was damit gemeint war.

Das ist vermutlich schon mehr, als ein Außenstehender behaupten könnte.

Kurzer Gedankenflash
Kurzer Gedankenflash

Bei Serien wird es irgendwann kompliziert

Bei einem einzelnen Roman kann man vieles noch halbwegs im Kopf behalten.

Bei einer Serie funktioniert das irgendwann nicht mehr.

Dann gibt es Serienguides.

Darin stehen Informationen, die für die Kontinuität wichtig sind.

Figuren. Orte. Beziehungen. Ereignisse. Entwicklungen.

Und je länger eine Serie wird, desto mehr solcher Informationen sammeln sich an.

Bei längeren Reihen existieren bei mir deshalb teilweise sogar Tabellen.

  • Wer trat in welchem Buch auf?
  • Wer ist noch am Leben?
  • Wer ist gestorben?
  • Was macht eine bestimmte Figur in diesem Band?
  • Welche Funktion hat sie für die Handlung?
  • Wann wurde sie zuletzt erwähnt?

Das klingt vielleicht etwas bürokratisch. Ist aber sehr nützlich. Denn manchmal braucht man in einem späteren Buch plötzlich eine bestimmte Person. Vielleicht einen Spezialisten auf einem Gebiet. Vielleicht jemanden, der eine Figur von früher kennt. Vielleicht jemanden, der aufgrund seiner bisherigen Rolle perfekt in eine neue Handlung passen würde.

Dann kann es durchaus passieren, dass eine Figur aus einem viel älteren Buch wieder auftaucht. Praktisch ist es allerdings, vorher nachzusehen, ob diese Person noch lebt.

Es wäre etwas ungünstig, jemanden in Band sieben fröhlich durch eine Tür marschieren zu lassen, wenn er bereits in Band eins gestorben ist.

Monsterregeln (aus "Victor Vell")
Monsterregeln (aus „Victor Vell“)

Nein, ein Autor kennt nicht jedes seiner Bücher auswendig

Vielleicht ist das für manche Leser überraschend. Ich kenne nicht jedes Detail jedes meiner Bücher auswendig. Und ich vermute, dass es vielen Autoren ähnlich geht. Wenn man an einem neuen Buch arbeitet, lebt man gedanklich ziemlich stark in dieser aktuellen Geschichte.

  • Diese Figuren sind präsent.
  • Diese Orte sind präsent.
  • Diese Handlung ist präsent.

Ein älteres Buch dagegen liegt vielleicht Jahre zurück. Wenn mich dann jemand etwas sehr Konkretes dazu fragt, muss ich manchmal selbst wieder nachsehen.

  • Was genau war damals passiert?
  • Wie hieß diese Nebenfigur noch einmal?
  • War das in diesem Buch oder im nächsten?
  • Wann tauchte Person X zum ersten Mal auf?

Dann beginnt auch für den Autor manchmal das Ausgraben der eigenen Geschichte.

Gelegentlich hilft der Serienguide. Gelegentlich die Figurendatei. Und gelegentlich bleibt nur eine Möglichkeit. Das eigene Buch aufschlagen und nachlesen.

Das ist kein Widerspruch dazu, dass man das Buch selbst geschrieben hat. Während des Schreibens kennt man die Geschichte sehr genau. Aber danach kommen neue Geschichten. Neue Figuren. Neue Probleme. Neue Orte.

Irgendwann macht der Kopf Platz.

Zum Glück gibt es Dokumente.


Wenn das Ende näher kommt

Je näher ein Buch seinem Ende kommt, desto stärker verändert sich meine Arbeit noch einmal.

Dann beginnt der Moment, in dem man genauer hinschauen muss.

  • Stimmt der ursprüngliche Plot überhaupt noch?
  • Habe ich mich davon entfernt?
  • Und wenn ja, war das gut oder habe ich mir gerade ein Problem gebaut?
  • Gibt es inzwischen Logiklücken?
  • Habe ich irgendwo etwas angekündigt und später vergessen?
  • Passt das Verhalten der Figuren noch zu dem, was vorher passiert ist?

Manches, was am Anfang geplant war, funktioniert während des Schreibens plötzlich nicht mehr. Das ist nicht zwangsläufig schlimm. Ein Plot ist für mich kein Gesetzbuch.

Wenn eine Geschichte während des Schreibens eine bessere Richtung findet, darf sie die auch nehmen.

Aber irgendwann muss man kontrollieren, ob das neue Gebilde noch zusammenhält. Und dafür sind all die Unterlagen wieder hilfreich, die rund um den eigentlichen Roman entstanden sind.


Und irgendwo warten schon die nächsten Bücher

Dann gibt es noch die Ordner.

Darin liegen Geschichten, die noch gar keine Geschichten sind.

  • Plots.
  • Ideen.
  • Figuren.
  • Szenen.
  • Träume.
  • Bilder.
  • Sätze.

Manchmal nur ein Gedanke, bei dem ich irgendwann entschieden habe, dass daraus vielleicht einmal etwas werden könnte.

Einige davon warten schon lange. Andere kommen neu dazu. Ob aus allen jemals ein Buch wird?

Wahrscheinlich nicht. Dafür sind es zu viele. Aber sie liegen dort.

Und manchmal passiert es, dass eine Idee nach Jahren plötzlich wieder interessant wird.

Dann wird ein alter Ordner geöffnet. Ein Dokument herausgeholt. Und aus etwas, das lange nur eine Datei auf einer Festplatte war, wird vielleicht doch noch ein Buch.


Manchmal mache ich aber auch Ausnahmen

Nicht alles, was während der Arbeit an einem Buch entsteht, bleibt zwangsläufig in meinen Ordnern.

Bei „Temporalis“ habe ich beispielsweise einen großen Teil meiner Zeitreiseregeln als Anhang in das Buch übernommen.

Warum?

Weil die Geschichte für mich dadurch schlüssiger wird.

Natürlich ist mir bewusst, dass Zeitreisen nicht existieren. Ich kann also keine realen Naturgesetze zugrunde legen und behaupten, genau so müsse eine Zeitreise funktionieren.

Trotzdem sollte eine erfundene Welt ihre eigenen Regeln haben.

Wenn ich festlege, unter welchen Bedingungen eine Reise durch die Zeit möglich ist, was dabei passieren kann und was nicht, dann sollten diese Regeln auch später noch gelten. Ich möchte nicht auf Seite 300 plötzlich einen neuen Mechanismus erfinden, nur weil er gerade wunderbar dabei helfen würde, ein Problem der Handlung zu lösen.

Genau solche Lösungen stören mich in Geschichten besonders.

Dafür gibt es auch einen bekannten Begriff: „Deus ex Machina“.

Wörtlich bedeutet das ungefähr „Gott aus der Maschine“. Der Ausdruck stammt aus dem antiken Theater. Dort konnte am Ende eines Stückes plötzlich eine Gottheit mithilfe einer Bühnenmaschine erscheinen und einen scheinbar unlösbaren Konflikt kurzerhand beseitigen.

Heute bezeichnet man damit eine unerwartete Lösung, die kaum oder gar nicht aus dem bisherigen Verlauf einer Geschichte hervorgeht. Ein Problem wird plötzlich durch etwas gelöst, das vorher nicht vorbereitet wurde oder nur deshalb existiert, weil die Handlung gerade einen Ausweg braucht.

Natürlich darf eine fantastische Geschichte Dinge enthalten, die in unserer Wirklichkeit unmöglich sind.

Aber auch das Unmögliche sollte innerhalb der Geschichte nachvollziehbar bleiben.

Wenn eine Zeitmaschine bestimmte Grenzen hat, dann sollte sie diese Grenzen nicht plötzlich verlieren, nur weil es für die Handlung bequemer wäre. Wenn eine Reise in die Vergangenheit bestimmte Folgen hat, sollte ich diese Folgen nicht einfach ignorieren, sobald sie mir im Weg stehen.

Das gesamte Konstrukt muss für mich zusammenpassen.

Deshalb waren die Zeitreiseregeln bei „Temporalis“ irgendwann mehr als bloß Arbeitsmaterial. Sie gehörten für mich zur Welt des Romans selbst.

Also habe ich sie den Lesern nicht vorenthalten.

In diesem Fall sieht der Leser also tatsächlich einen Teil jener Unterlagen, die normalerweise hinter den Kulissen bleiben.

Und ich finde, dass das Buch dadurch gewinnt.


Das Buch, das niemand liest

Ein Leser bekommt am Ende den Roman. Er bekommt normalerweise nicht die Figurenbiografien. Nicht die Ortsbeschreibungen. Nicht die Tabellen. Nicht die Karten. Nicht die Entwürfe. Nicht die Bilder, die ich nur für meine eigene Vorstellung erstellt habe.

Und meistens bekommt er auch nicht den Zettel zu sehen, auf dem irgendwann einmal „Rechte Hand blutig!“ stand.

Trotzdem gehört all das für mich zum Buch. Es ist das Gerüst hinter der Geschichte. Ein Teil davon wird später überflüssig. Ein Teil wird verworfen. Manche Informationen tauchen nie im Roman auf.

Aber sie helfen mir dabei, die Welt und die Menschen darin so weit zu kennen, dass ich über sie schreiben kann. Deshalb beginnt ein Buch bei mir meistens schon lange vor dem ersten Satz.

Und wenn der letzte Satz geschrieben ist, existiert neben dem eigentlichen Roman noch ein zweites kleines Archiv.

Eines, das die Leser vermutlich nie vollständig zu Gesicht bekommen werden.

Was vielleicht auch besser ist.

Zumindest solange darin Zettel liegen, auf denen Dinge wie „Mögen Quasselfetzen Musik?“ stehen.


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