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15. September 2026:

Warum ich mich nicht auf ein Genre festlegen will

Schubladen sind praktisch.

Man weiß sofort, wo etwas hingehört.

J. K. Rowling? Fantasy.

Stephen King? Horror.

John Grisham? Justizthriller.

Agatha Christie? Krimi.

Fertig.

Das funktioniert erstaunlich gut. Zumindest so lange, bis die betreffenden Autoren auf die Idee kommen, etwas anderes zu schreiben.

Dann wird es plötzlich kompliziert.

Denn Autoren scheinen eine merkwürdige Eigenschaft zu besitzen: Sie interessieren sich nicht immer dafür, was andere von ihnen erwarten.

Einmal Fantasy, immer Fantasy?

Bei J. K. Rowling wird vermutlich noch in dreißig Jahren zuerst Harry Potter im Kopf auftauchen. Das dürfte sich kaum verhindern lassen. Sie hat allerdings längst bewiesen, dass sie auch etwas anderes schreiben kann. Mit The Casual Vacancy erschien ein Roman für Erwachsene, der mit Hogwarts ungefähr so viel zu tun hat wie mein Kühlschrank. Unter dem Namen Robert Galbraith schreibt sie außerdem Kriminalromane.

Stephen King steht wie kaum ein anderer Autor für Horror. Nur hat er eben nicht ausschließlich Horror geschrieben. Die Augen des Drachen ist Fantasy. Die Verurteilten ist kein Horror. The Green Mile lässt sich ebenfalls nur mit einiger Gewalt in die klassische Horrorschublade drücken.

John Grisham? Anwälte. Gerichte. Prozesse. Klar.

Und dann gibt es A Painted House, einen Roman über einen siebenjährigen Jungen und seine Familie im ländlichen Arkansas. Coming of Age, Familiendrama, literarische Erzählung. Von Gerichtssälen weitgehend keine Spur.

Agatha Christie ist vielleicht noch interessanter.

  • Krimis.
  • Hercule Poirot.
  • Miss Marple.
  • Mord, Verdächtige, Auflösung.

Unter dem Namen Mary Westmacott schrieb sie jedoch mehrere Romane, in denen es nicht darum ging, herauszufinden, wer jemanden mit dem Kerzenständer in der Bibliothek erschlagen hat. Absent in the Spring ist beispielsweise ein psychologischer Roman über eine Frau, die gezwungen wird, ihr eigenes Leben und ihr Bild von sich selbst zu betrachten.

Und offenbar funktionierte das ebenfalls.

Was also soll das bedeuten?

Dass diese Autoren heimlich mehrere Persönlichkeiten hatten?

Vermutlich nicht. Vielleicht bedeutet es schlicht, dass ein Autor Geschichten schreibt. Und Geschichten besitzen die unangenehme Angewohnheit, sich nicht vorher zu erkundigen, in welcher Abteilung der Buchhandlung sie später stehen sollen.

Der Flurpsel interessiert sich nicht für meine bisherigen Bücher

Nehmen wir einmal an, ich hätte mein ganzes Leben ausschließlich Liebesromane geschrieben.

  • Mann trifft Frau.
  • Frau findet Mann zunächst unmöglich.
  • Mann findet Frau vermutlich ebenfalls unmöglich.
  • Nach dreihundert Seiten stellen beide fest, dass diese gegenseitige Abneigung erstaunlich viele Gemeinsamkeiten mit Verliebtheit besitzt.

Kann man machen.

Und wenn mir das Spaß macht, könnte ich das bis zum Ende meines Lebens schreiben.

Nun sitze ich aber eines Morgens beim Kaffee und plötzlich ist er da:

Der Flurpsel.

Keine Ahnung, woher.

Der Flurpsel ist ein kleines Erd- und Naturwesen, das Wünsche von Menschen sammelt. Allerdings keine großen Wünsche.

Kein: „Ich möchte Millionär werden.“

Kein: „Ich möchte berühmt sein.“

Kein: „Ich hätte gerne eine Villa auf Mallorca.“

Der Flurpsel kann einen Wunsch nur wahrnehmen, wenn ein Mensch ihn in genau diesem Augenblick denkt und gleichzeitig für vollkommen unwichtig hält.

  • „Hoffentlich regnet es nachher nicht.“
  • „Wäre schön, wenn heute noch jemand anruft.“
  • „Vielleicht finde ich irgendwo noch dieses Buch, das ich als Kind hatte.“

Solche Wünsche. Die sammelt er. Er bewahrt sie in den Falten hinter seinen Ohren auf und ernährt sich gewissermaßen von ihnen. Einmal im Jahr häutet sich der Flurpsel. Dabei entsteht allerdings ein Problem.

Er kann nicht alle gesammelten Wünsche mitnehmen. Einige muss er loswerden. Und Wünsche wird ein Flurpsel los, indem er sie erfüllt. Deshalb geschehen manchmal diese vollkommen unwahrscheinlichen kleinen Dinge.

Man findet auf einem Flohmarkt genau das Buch, nach dem man seit zwanzig Jahren nicht mehr gesucht hat. Jemand ruft an, an den man gerade zufällig gedacht hat. Der letzte Zug wartet aus irgendeinem unerfindlichen Grund noch dreißig Sekunden.

Kleine Wunder. Keine Weltrettung. Kein Lottogewinn. Nur ein Flurpsel, der sich gehäutet hat.

So.

Und was mache ich jetzt damit? Werfe ich die Idee weg, weil auf meinen bisherigen Büchern zufällig „Liebesroman“ steht?

„Tut mir leid, Flurpsel. Wirklich nette Idee. Aber falsches Genre.“

Natürlich nicht. Der arme Kerl kann schließlich nichts dafür.

Ideen haben kein Genre

Genau darin liegt für mich der eigentliche Punkt.

Eine Idee fragt nicht: „Entschuldigung, welches Genre schreibt der Herr normalerweise?“

Sie ist einfach da.

  • Manchmal ist sie ein Krimi.
  • Manchmal Science Fiction.
  • Manchmal Fantasy.
  • Manchmal eine Liebesgeschichte.
  • Manchmal etwas, bei dem man nach drei Tagen immer noch nicht genau weiß, was es eigentlich ist.

Warum sollte ich eine Geschichte nicht erzählen, nur weil ich bisher andere Geschichten erzählt habe?

Ich lese schließlich auch nicht mein ganzes Leben dasselbe.

Zu den Büchern, die ich gelesen habe, gehören Klassiker genauso wie Der Herr der Ringe, P.S. Ich liebe Dich, Clever & Smart, Asterix oder Illuminati.

Das sind nun wirklich keine Bücher, die in der Buchhandlung friedlich nebeneinander im selben Regal stehen würden.

Warum auch?

  • Manchmal möchte ich etwas Spannendes lesen.
  • Manchmal etwas Lustiges.
  • Manchmal möchte ich in einer völlig anderen Welt verschwinden.
  • Manchmal interessiert mich eine Liebesgeschichte.
  • Manchmal ein historischer Stoff.
  • Und gelegentlich möchte ich einfach wissen, warum ein gallisches Dorf seit Jahrzehnten erfolgreich Widerstand gegen die Römer leistet.

Wenn ich beim Lesen Abwechslung suche, warum sollte ich sie mir beim Schreiben verbieten?

Aber kann ein Autor überhaupt mehrere Genres gut schreiben?

Ein Argument hört man dabei immer wieder: Ein Autor könne eigentlich nur in einem Genre wirklich gut sein.

Warum?

Natürlich gibt es Spezialisierung.

Wer zwanzig Kriminalromane geschrieben hat, kennt vermutlich sehr genau die Mechanismen eines Kriminalromans. Wer seit dreißig Jahren Liebesromane schreibt, weiß wahrscheinlich ziemlich genau, welche Erwartungen Leser an dieses Genre stellen.

Erfahrung hilft.

Aber daraus folgt nicht, dass dieselbe Person außerhalb dieses Genres plötzlich das Erzählen verlernt.

Ein Koch, der heute französische Haute Cuisine kocht und morgen japanisch, bleibt Koch. Die Zutaten ändern sich. Die Techniken ändern sich teilweise. Die Erwartungen der Gäste ändern sich. Aber er vergisst deshalb nicht, wie man mit einem Messer umgeht.

  • Ein Musiker kann Jazz spielen und Metal.
  • Ein Schauspieler kann in einer Komödie auftreten und anschließend Shakespeare spielen.
  • Ein Architekt kann ein Einfamilienhaus entwerfen und später ein Museum.

Niemand käme auf die Idee zu sagen: „Moment. Der hat letztes Jahr ein Einfamilienhaus gebaut. Ein Museum kann der unmöglich.“

Beim Schreiben scheint diese Vorstellung erstaunlich verbreitet zu sein. Dabei bleibt auch dort das grundlegende Handwerk bestehen.

  • Figuren müssen funktionieren.
  • Dialoge müssen funktionieren.
  • Eine Geschichte braucht Rhythmus.
  • Informationen müssen zum richtigen Zeitpunkt auftauchen.
  • Szenen brauchen einen Grund, warum sie existieren.

Sprache bleibt Sprache. Erzählen bleibt Erzählen.

Ganz so einfach ist es allerdings nicht

Natürlich wäre es Unsinn zu behaupten, Genres spielten überhaupt keine Rolle. Sie besitzen eigene Regeln und Konventionen.

  • Wer einen Krimi schreibt, sollte wissen, was Leser eines Krimis erwarten.
  • Wer einen Liebesroman schreibt, sollte verstehen, welchen Stellenwert die Beziehung der Hauptfiguren darin besitzt.
  • Science Fiction stellt andere Anforderungen an Welt und Plausibilität als ein Gegenwartsroman.
  • Horror funktioniert anders als eine Komödie.

Und wer glaubt, er könne einfach in irgendein Genre hineinspazieren, ohne sich dafür zu interessieren, wie es funktioniert, kann ziemlich schnell auf die Nase fallen.

Aber das ist ein Argument dafür, sich mit dem Genre zu beschäftigen.

Keines dafür, es nicht zu schreiben.

Ich kann schließlich japanisch kochen lernen, ohne vorher meinen französischen Kochlöffel feierlich zu verbrennen.

Vielleicht geht es bei der Sache gar nicht um Können

Ich glaube ohnehin, dass hinter der Forderung nach einem festen Genre häufig etwas anderes steckt.

Erwartung.

  • Leser möchten wissen, was sie bekommen.
  • Verlage möchten wissen, was sie verkaufen.
  • Buchhandlungen möchten wissen, in welches Regal ein Buch gehört.

Und natürlich hilft es beim Aufbau einer Leserschaft, wenn nach einem erfolgreichen Krimi der nächste Roman wieder ein Krimi ist.

Wer Stephen King kauft, verbindet mit diesem Namen eine bestimmte Erwartung.

Wer John Grisham kauft, ebenfalls.

Das ist verständlich. Es ist sogar ausgesprochen praktisch.

Nur beschreibt diese Schublade dann vor allem eine Erwartung des Marktes und der Leser. Sie beschreibt nicht automatisch die Fähigkeiten des Autors. Vielleicht erklärt das auch, warum manche Schriftsteller für andere Genres Pseudonyme benutzen.

Der Name auf dem Umschlag wird selbst zu einer Art Genreangabe. Das kann sinnvoll sein.

Wer ein bestimmtes Buch kauft, soll schließlich ungefähr wissen, worauf er sich einlässt.

Ich kann also durchaus verstehen, warum ein Autor sagt: „Ich schreibe ausschließlich Thriller.“

Vielleicht liebt er Thriller. Vielleicht hat er genug Ideen dafür. Vielleicht kennt er seine Leser. Vielleicht verdient er damit sein Geld. Vielleicht fühlt er sich dort einfach wohl.

Alles gute Gründe.

Nur ist Wohlfühlen eben kein Qualitätskriterium.

Und was sagt ein ständiger Genrewechsel über einen Autor aus?

Vielleicht gar nicht so viel, wie man denkt.

  • Möglicherweise ist er neugierig.
  • Vielleicht langweilt ihn Wiederholung.
  • Vielleicht entstehen seine Ideen einfach in sehr unterschiedlichen Bereichen.
  • Vielleicht möchte er ausprobieren, ob eine Geschichte auch funktioniert, wenn plötzlich keine Leiche darin vorkommt.
  • Oder ob sie funktioniert, obwohl diesmal eine vorkommt.
  • Vielleicht betrachtet er das Schreiben weniger als Herstellung eines bestimmten Produktes und mehr als Möglichkeit, Geschichten zu erzählen.

Natürlich kann ein solcher Autor einen schlechten Krimi schreiben. Er kann auch einen schlechten Liebesroman schreiben. Oder miserable Science Fiction.

Aber er kann genauso gut zwanzig schlechte Krimis hintereinander schreiben, ohne jemals das Genre zu wechseln.

Konsequenz ist noch kein Qualitätsmerkmal.

Ein Autor wird nicht dadurch besser, dass alle seine Bücher im selben Regal stehen.

Ich möchte die Tür jedenfalls offenlassen

Wenn jemand sein ganzes Leben ausschließlich Liebesgeschichten schreiben möchte: Bitte sehr.

Wenn jemand nur Science Fiction schreiben will: Go on!

Wenn jemand nach dreißig Kriminalromanen immer noch Lust auf den einunddreißigsten hat, wäre es ziemlich merkwürdig, ihm zu erklären, er müsse jetzt dringend einen historischen Familienroman schreiben.

Warum?

Offenbar hat er sein Genre gefunden.

Vielleicht finde ich meines irgendwann auch. Vielleicht aber auch nicht. Und damit kann ich hervorragend leben.

Denn irgendwo im Hinterkopf wartet vielleicht bereits eine Geschichte, von der ich heute noch nichts weiß.

Möglicherweise wird es ein Krimi. Vielleicht Fantasy. Vielleicht Science Fiction. Vielleicht etwas vollkommen anderes.

Vielleicht taucht darin sogar ein kleines Wesen auf, das Wünsche hinter seinen Ohren sammelt.

Und wenn der Flurpsel irgendwann anklopft, werde ich ihm jedenfalls nicht erklären, dass er leider im falschen Genre gelandet ist.

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