Muss ein Autor perfektes Deutsch können?
In letzter Zeit begegnet mir in sozialen Medien immer wieder eine interessante Vorstellung.
Ein Autor macht einen Rechtschreibfehler.
Oder setzt ein Komma falsch.
Oder schreibt einen Satz, bei dem sich jemand sicher ist, dass der Dativ hier dem Genitiv sein Tod gewesen sein müsste.
Und schon steht die Frage im Raum:
Wie kann jemand Bücher schreiben, wenn er nicht einmal richtig Deutsch kann?
Kann er das überhaupt?
Darf der das?
Manchmal fehlt eigentlich nur noch die Forderung, ihm vorsorglich Tastatur und Word Lizenz abzunehmen.
Gut.
Natürlich sollte ein Autor mit Sprache umgehen können.
Das wäre hilfreich.
Sehr sogar.
Wer einen Roman schreibt, sollte Sätze bilden können. Er sollte wissen, wie Sprache funktioniert. Er sollte ein Gefühl für Rhythmus haben, für Dialoge, für Wortwahl, für das, was ein Satz beim Leser auslöst.
Alles völlig richtig.
Dann kommt allerdings häufig noch ein zweiter Ratschlag.
Ein professioneller Autor sollte sein Buch selbstverständlich lektorieren und korrigieren lassen.
Moment.
Bitte was?
Wenn ein Autor perfektes Deutsch beherrschen muss, warum braucht er dann einen Korrektor?
Was genau soll dieser Mensch tun?
Den Kaffee bringen?
Lektorat und Korrektorat sind nicht dasselbe
Beim Lektorat kann ich die Sache noch relativ einfach nachvollziehen.
Ein Lektor schaut mit einem anderen Blick auf den Text.
- Funktioniert die Geschichte?
- Ist die Handlung logisch?
- Verhält sich eine Figur nachvollziehbar?
- Wiederhole ich mich?
- Ist eine Szene zu lang?
- Ist sie zu kurz?
- Warum steht auf Seite 184 plötzlich jemand im Wohnzimmer, der auf Seite 172 noch in Hamburg war?
Solche Dinge.
Beim eigenen Text wird man irgendwann betriebsblind. Man kennt die Geschichte. Man weiß, was man ausdrücken wollte. Und manchmal liest man deshalb irgendwann nicht mehr das, was tatsächlich dasteht.
Ein guter Lektor kann da ausgesprochen unangenehm werden.
Was vermutlich ein Qualitätsmerkmal ist.
Aber ein Korrektor?
Der kümmert sich nun einmal ganz wesentlich um Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung und formale Fehler.
Also genau um jene Dinge, bei denen im Internet gern behauptet wird, ein richtiger Autor müsse sie perfekt beherrschen.
Das ist interessant.
Denn entweder darf ein Autor Fehler machen und der Korrektor findet sie.
Oder ein Autor darf keine Fehler machen.
Dann wäre der Korrektor allerdings ziemlich arbeitslos.
Können und fehlerfrei sein sind zwei verschiedene Dinge
Vielleicht liegt das Problem schon in dem Satz:
„Ein Autor muss Deutsch können.“
Natürlich muss er das.
Aber was bedeutet eigentlich „können“?
Ein Softwareentwickler muss programmieren können.
Trotzdem wird sein Code geprüft.
Andere Entwickler schauen darüber. Es gibt Tests. Es gibt Fehlersuche. Es gibt Qualitätssicherung.
Offenbar ist noch niemand auf die Idee gekommen, einen Programmierer nach dem ersten gefundenen Fehler aus dem Gebäude zu begleiten.
„Tut uns leid. In Zeile 417 war ein Bug. Programmieren können Sie also offensichtlich nicht.“
Auch Journalisten sollten schreiben können.
Das wäre bei diesem Beruf ebenfalls nicht ganz unpraktisch.
Trotzdem werden Artikel redigiert und korrigiert. Andere Menschen lesen sie gegen, prüfen Formulierungen und entdecken Fehler.
Und ein Architekt?
Von dem darf man vermutlich erwarten, dass er weiß, wie man ein Gebäude plant.
Trotzdem gibt es Statiker und Fachplaner.
Der Architekt sagt schließlich auch nicht:
„Statiker? Brauche ich nicht. Wenn ich meinen Beruf beherrsche, muss ich schließlich alles selbst berechnen können.“
Zumindest hoffe ich, dass er das nicht sagt.
Warum sollte es bei Autoren anders sein?
Fachliche Kompetenz bedeutet nicht Fehlerfreiheit.
Ein Mensch kann etwas sehr gut können und trotzdem Fehler machen.
Eigentlich eine ziemlich banale Erkenntnis.
Nur beim Schreiben scheint sie gelegentlich verloren zu gehen.
Und dann gibt es noch LRS
An diesem Punkt wird die Sache für mich noch schwieriger.
Denn es gibt Menschen mit Lese und Rechtschreibschwierigkeiten.
Auch sie können Geschichten erzählen.
Sie können Figuren erschaffen.
Sie können Spannung erzeugen.
Sie können Dialoge schreiben, die funktionieren.
Sie können Ideen haben, auf die andere niemals gekommen wären.
Vielleicht haben sie gleichzeitig große Schwierigkeiten mit Rechtschreibung.
Und jetzt?
Dürfen sie keine Autoren sein?
Ist die Fähigkeit, eine Geschichte zu erzählen, plötzlich wertlos, weil jemand Probleme mit Kommas, Großschreibung oder einzelnen Wörtern hat?
Ich finde diese Vorstellung ziemlich merkwürdig.
Gerade hier zeigt sich doch, wozu Arbeitsteilung da ist.
Vielleicht braucht ein Autor mit LRS bei der Korrektur mehr Unterstützung als jemand, dem Rechtschreibung leichtfällt.
Na und?
Der eine Autor liefert einem Korrektor ein Manuskript mit zwanzig Fehlern.
Der andere mit zweihundert.
Entscheidend ist doch, was am Ende dabei herauskommt.
Ein gutes Buch wird nicht schlechter, weil vor der Veröffentlichung jemand Rechtschreibfehler beseitigt hat.
Und die Geschichte wird dadurch auch nicht plötzlich vom Korrektor geschrieben.
Was muss ein Autor also können?
- Er sollte erzählen können.
- Er sollte mit Sprache arbeiten können.
- Er sollte bereit sein, an seinem Text zu arbeiten.
- Und er sollte seine eigenen Schwächen kennen.
Vielleicht ist das sogar professioneller, als so zu tun, als hätte man keine.
- Wer weiß, dass er bei Kommas unsicher ist, lässt besonders genau darauf schauen.
- Wer zu Wiederholungen neigt, bittet den Lektor, darauf zu achten.
- Wer bei der Rechtschreibung Schwierigkeiten hat, investiert eben mehr in ein gutes Korrektorat.
Das Ergebnis zählt.
Natürlich gibt es Grenzen.
Wenn ein Manuskript sprachlich so chaotisch ist, dass ein anderer Mensch jeden zweiten Satz neu schreiben muss, sprechen wir irgendwann über etwas anderes als Korrektur.
Aber zwischen einem unverständlichen Text und perfekter Fehlerfreiheit liegt ziemlich viel Platz.
Und in diesem Platz befinden sich vermutlich die meisten Menschen.
Auch Autoren.
Vielleicht sollten wir deshalb etwas vorsichtiger sein, wenn wir aus einem falsch gesetzten Komma gleich eine grundsätzliche Berufsunfähigkeit ableiten.
Ein Autor darf Fehler machen.
Ein Programmierer auch.
Ein Journalist auch.
Ein Architekt übrigens ebenfalls.
Wobei ich beim Architekten dann doch ganz froh bin, wenn der Statiker noch einmal drüberschaut.