Warum heißt diese Figur eigentlich Paul?

Es gibt Fragen, die beim Schreiben eines Romans früh geklärt werden sollten.

Wer ist die Hauptfigur? Nebenfigur?

Was will sie?

Was steht ihr im Weg?

Und offenbar ebenfalls wichtig:

Warum zum Teufel heißt dieser Mann eigentlich Paul?

Diese Frage stellte ich mir ungefähr nach 180 Seiten.

Das war insofern ungünstig, als Paul zu diesem Zeitpunkt bereits Paul war. Seit 180 Seiten. Andere Figuren nannten ihn Paul. Ich dachte über Paul als Paul nach. In meinen Notizen stand Paul. Vermutlich hätte er auf die Frage nach seinem Namen selbstbewusst mit „Paul“ geantwortet.

Trotzdem war ich plötzlich nicht mehr sicher.

Passt Paul überhaupt zu ihm?

Vielleicht ist er gar kein Paul.

Ein beunruhigender Gedanke.

Wie sieht eigentlich ein Paul aus?

Das Problem mit Figurennamen ist, dass sie am Anfang häufig erstaunlich unkompliziert entstehen.

Man braucht eine Figur. Eine Figur braucht einen Namen.

Paul.

Gut.

Weiter.

180 Seiten später ist aus „Paul“ allerdings ein Mensch geworden. Zumindest im Kopf des Autors. Er hat eine bestimmte Art zu sprechen. Er reagiert auf bestimmte Dinge gereizt. Man weiß, was er morgens macht, was er niemals bestellen würde und vermutlich sogar, wie er eine Tür schließt, wenn er schlechte Laune hat.

Und plötzlich schaut man diesen Menschen an und denkt:

Du bist doch kein Paul.

Nur was ist er dann?

Thomas?

Nein.

Daniel? Gibt es bereits. Der Protagonist!

Auf keinen Fall.

Michael?

Interessant. Aber nein.

Alexander?

Viel zu sehr Alexander.

Also zurück zu Paul.

Paul sitzt währenddessen vermutlich irgendwo im Manuskript und wartet darauf, dass sein Autor seine Identitätskrise beendet.

Namen sind merkwürdig

Ein Name verändert eine Figur nicht.

Eigentlich.

Trotzdem verändert er sofort unser Gefühl für sie.

Namen tragen Alter, Herkunft, Assoziationen und manchmal Erinnerungen an Menschen mit sich, denen man lieber nie wieder begegnen möchte.

Das macht die Namenssuche überraschend kompliziert.

Ein neuer Name kann sich für ein paar Minuten hervorragend anfühlen.

Dann ersetzt man probeweise „Paul“ an einer Stelle im Manuskript.

„Markus öffnete die Tür.“

Nein.

Rückgängig.

„Stefan öffnete die Tür.“

Noch schlimmer.

Rückgängig.

„Paul öffnete die Tür.“

Ja.

Verdammt.

Das eigentliche Problem sind 180 Seiten

Hätte ich mir die Frage auf Seite drei gestellt, wäre die Sache einfach gewesen.

Aber nach 180 Seiten besitzt ein Name eine gewisse Trägheit.

Paul ist inzwischen mit der Figur verwachsen.

Natürlich könnte man den Namen technisch problemlos austauschen. Suchen, ersetzen, fertig.

Theoretisch.

Praktisch fühlt es sich ungefähr so an, als würde ein guter Bekannter nach mehreren Jahren sagen:

„Übrigens, ich heiße ab heute Matthias.“

Man könnte sich daran gewöhnen.

Man fragt sich nur, warum man das sollte.

Also begann die nächste Phase des Autorenwahnsinns: Ich suchte nach Alternativen zu einem Namen, mit dem ich eigentlich gar kein konkretes Problem hatte.

Das ist beim Schreiben erstaunlich gefährlich.

Denn sobald man lange genug über etwas nachdenkt, findet man garantiert einen Grund, warum es falsch sein könnte.

Vielleicht war Paul einfach Paul

Am Ende blieb es bei Paul.

Nicht aufgrund einer ausgeklügelten literarischen Analyse.

Auch nicht, weil ich nach langer Recherche herausgefunden hätte, dass dieser Name seine Persönlichkeit, seine Herkunft und seinen inneren Konflikt auf geradezu geniale Weise widerspiegelt.

Er hieß Paul.

Ich hatte darüber nachgedacht.

Ich hatte andere Namen im Kopf ausprobiert.

Und irgendwann stellte ich fest, dass keiner davon richtiger war.

Also durfte Paul seinen Namen behalten.

Vielleicht gehört auch das zum Schreiben: Manche Entscheidungen trifft man bewusst. Andere trifft man irgendwann noch einmal, obwohl man sie längst getroffen hatte.

Und manchmal besteht die große Erkenntnis nach langem Grübeln einfach darin:

Paul heißt Paul.

Was eigentlich von Anfang an klar war.

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