Kommen in meinen Geschichten „echte“ Menschen vor?

Natürlich.

Sonst wäre es ja langweilig.

Wer mich kennt und meine Geschichten liest, sollte sich dieser Tatsache vielleicht bewusst sein.

Ein Satz, den ich irgendwo aufgeschnappt habe.

Eine Geschichte, die mir ein Familienmitglied erzählt hat.

Eine Begebenheit aus dem Freundeskreis.

Etwas, das ein Kollege oder eine Kollegin irgendwann einmal nebenbei erwähnt hat.

Ein merkwürdiger Spruch beim Abendessen. Eine Reaktion, die so ungewöhnlich war, dass sie hängen blieb. Eine kleine Peinlichkeit. Eine absurde Situation. Etwas Trauriges. Etwas Schönes. Oder eine dieser Geschichten, bei denen man schon beim Zuhören denkt:

Das glaubt dir kein Mensch.

All das landet in meiner Kopfcloud.

Ich kann nicht genau sagen, wie diese Cloud organisiert ist. Vermutlich gar nicht. Es gibt keine Ordner, keine Schlagwörter und ganz sicher keine vernünftige Suchfunktion.

Trotzdem ist das Zeug da.

Manchmal jahrelang.

Und irgendwann schreibe ich eine Szene und plötzlich meldet sich etwas aus dieser Sammlung.

Moment mal.

Da war doch mal diese Geschichte.

Oder dieser Satz.

Oder dieser Mensch, der in einer vollkommen absurden Situation etwas gesagt hat, das so gut war, dass man es eigentlich gar nicht erfinden kann.

Dann wird es herausgekramt.

Muss man jetzt Angst haben, mir etwas zu erzählen?

Vielleicht ein bisschen.

Natürlich verwende ich keine echten Namen. Aus Peter wird möglicherweise Klaus. Aus Klaus wird vielleicht eine Frau. Aus der Kollegin wird ein Nachbar. Aus Saarbrücken wird London. Aus einer Familienfeier wird eine Beerdigung und aus einer Geschichte, die tatsächlich an einem Dienstagmorgen passiert ist, wird etwas, das meine Figuren nachts um halb drei erleben.

Geschichten halten sich schließlich nicht an die Realität.

Das Interessante ist aber:

Die betreffende Person erkennt es möglicherweise trotzdem.

Vielleicht nicht sich selbst.

Aber den Satz.

Die Situation.

Den kleinen Moment.

Sie liest die Stelle und denkt:

Moment.

Das kenne ich doch.

Ja.

Kann sein.

Menschen sind keine Romanfiguren

Ich würde allerdings niemals einen Menschen aus meinem Umfeld nehmen und ihn eins zu eins in eine Geschichte setzen.

Schon deshalb nicht, weil echte Menschen als Romanfiguren erstaunlich schlecht funktionieren würden.

Menschen sind widersprüchlich. Sie ändern ihre Meinung. Sie tun Dinge ohne erkennbaren dramaturgischen Grund. Sie beginnen Geschichten und bringen sie nie zu Ende. Sie reagieren manchmal völlig unpassend und lernen erschreckend wenig aus ihren Fehlern.

Für das wirkliche Leben ist das vollkommen normal.

Für einen Roman ist es gelegentlich eine Katastrophe.

Deshalb wird aus einem realen Menschen bei mir keine Figur. Es werden einzelne Bestandteile.

Eine Eigenart vielleicht.

Eine bestimmte Art zu sprechen.

Eine Reaktion.

Ein Satz.

Eine Haltung.

Der Rest entsteht beim Schreiben.

Und irgendwann hat die Romanfigur mit dem Menschen, bei dem alles angefangen hat, kaum noch etwas gemeinsam.

Bis auf diese eine Sache.

Und genau die wird er vermutlich erkennen.

Darf man das?

Für mich gibt es dabei eine ziemlich klare Grenze.

Das Leben liefert Material. Das bedeutet nicht, dass alles, was mir jemand anvertraut, automatisch literarisches Freiwild ist.

Es gibt einen Unterschied zwischen einer beobachteten Alltagsszene und etwas, das mir ein Mensch im Vertrauen erzählt. Zwischen einer komischen Bemerkung beim Grillen und einer persönlichen Geschichte, deren Veröffentlichung jemanden verletzen oder bloßstellen würde.

Meine Kopfcloud besitzt deshalb vielleicht keine besonders gute Suchfunktion.

Aber sie sollte wenigstens einen Anstand Filter haben.

Denn eine gute Geschichte rechtfertigt nicht alles.

Ist es positiv gemeint? Oder negativ?

Weder noch.

Das ist vielleicht der wichtigste Punkt.

Wenn etwas Reales in einer meiner Geschichten auftaucht, ist das keine versteckte Auszeichnung. Und normalerweise auch keine Abrechnung.

Es ist das, was es ist:

eine Geschichte des Lebens.

Wir alle sammeln solche Geschichten.

Der Unterschied besteht vielleicht nur darin, was anschließend mit ihnen passiert.

Andere erzählen sie beim Abendessen weiter.

„Weißt du noch, damals, als …“

Autoren machen im Grunde etwas sehr Ähnliches.

Nur mit deutlich mehr Aufwand.

Wir nehmen einen winzigen Moment, tragen ihn jahrelang mit uns herum, verändern Ort, Zeit und Personen, erfinden eine Handlung drumherum und schreiben irgendwann 300 Seiten.

Und irgendwo auf Seite 184 steht dann dieser eine Satz.

Ein vollkommen unscheinbarer Satz.

Für 99,9 Prozent der Leser ist er erfunden.

Aber irgendwo sitzt ein Mensch mit meinem Buch in der Hand, liest ihn ein zweites Mal und denkt:

Das hat er von mir.

Ja.

Wahrscheinlich.

Danke dafür.

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