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2. September 2026:

Kann man Schreiben lernen?

Die Frage klingt zunächst ein wenig merkwürdig. Schließlich können die meisten von uns schreiben. Wir haben es in der Schule gelernt. Buchstaben, Wörter, Sätze. Manche sogar Kommas.

Trotzdem würde niemand ernsthaft behaupten, dass jemand einen Roman schreiben kann, nur weil er einen Einkaufszettel fehlerfrei zu Papier bringt.

Gemeint ist also etwas anderes.

Kann man lernen, Geschichten zu erzählen? Figuren zu erschaffen, die nicht wie Pappkameraden durch die Handlung laufen? Dialoge zu schreiben, die nach Menschen klingen? Spannung aufzubauen? Einen Leser dazu zu bringen, nach Mitternacht noch ein Kapitel zu lesen, obwohl er genau weiß, dass der Wecker um sechs klingelt?

Ich glaube: ja.

Allerdings steckt in diesem Ja eine ziemlich große Einschränkung.

Denn Menschen beginnen nicht am selben Punkt.

Der eine besitzt früh ein erstaunliches Gefühl für Sprache. Ein anderer kann Dialoge schreiben, ohne erklären zu können, warum sie funktionieren. Manche sehen eine Szene vor ihrem inneren Auge wie einen Film. Andere müssen sie Satz für Satz zusammensetzen.

Man könnte das Talent nennen.

Das Problem mit diesem Wort ist, dass es schnell wie ein Urteil klingt.

Talentiert.

Nicht talentiert.

Geeignet.

Ungeeignet.

Damit wird aus einem Startpunkt plötzlich ein Endergebnis.

Natürlich spielt Begabung eine Rolle. Das wäre albern zu bestreiten. Manche Menschen haben bessere Voraussetzungen für bestimmte Dinge als andere. Das gilt für Musik, Mathematik, Fußball und vermutlich sogar für das Zusammenbauen von IKEA Schränken.

Warum sollte ausgerechnet das Schreiben davon ausgenommen sein?

Aber Talent entscheidet zunächst nur darüber, wo jemand anfängt.

Nicht darüber, wo er endet.

Das Interessante beginnt ohnehin erst nach den ersten Seiten.

Denn spätestens dort hilft einem die berühmte Inspiration erstaunlich wenig.

Eine Idee zu haben, ist leicht.

Ein Mann findet morgens eine Leiche in seinem Garten.

Sehr schön.

Und jetzt?

  • Wer ist der Mann?
  • Wer ist die Leiche?
  • Warum liegt sie ausgerechnet dort?
  • Kennt er sie?
  • Ruft er die Polizei?
  • Falls nicht, warum nicht?
  • Und weshalb sollte mich das als Leser überhaupt interessieren?

Plötzlich besteht Schreiben aus Entscheidungen.

Hunderten davon.

Vielleicht Tausenden.

Und genau dort beginnt für mich das, was man lernen kann.

Man lernt, wann eine Szene zu lang ist. Man merkt irgendwann früher, dass ein Dialog nur Informationen transportiert und kein Mensch tatsächlich so reden würde. Man erkennt, dass eine Figur etwas weiß, was sie eigentlich gar nicht wissen kann.

Man schreibt einen Anfang und stellt hundert Seiten später fest, dass das Buch eigentlich auf Seite zwölf beginnt.

Also streicht man elf Seiten.

Schweren Herzens natürlich.

Sie waren schließlich wunderschön.

Vollkommen überflüssig, aber wunderschön.

Auch das gehört zum Lernen.

Was dabei ein wenig ernüchternd ist: Man lernt Schreiben hauptsächlich durch Schreiben.

Über Schreiben zu lesen kann helfen. Sehr sogar. Begriffe, Techniken und Modelle können einem zeigen, warum etwas funktioniert oder warum eine Szene ständig gegen die Wand fährt.

Aber sie schreiben die Szene nicht.

Auch viel Lesen macht aus einem Menschen nicht automatisch einen guten Autor.

Ich kann hundert hervorragende Kriminalromane lesen und anschließend trotzdem einen miserablen Kriminalroman schreiben.

Lesen vermittelt ein Gefühl für Sprache, Rhythmus und Geschichten. Man nimmt dabei unglaublich viel auf, oft ohne es zu bemerken. Aber erst beim eigenen Schreiben muss man plötzlich selbst entscheiden.

  • Wann verrate ich diese Information?
  • Welche Perspektive benutze ich?
  • Brauche ich diese Figur überhaupt?
  • Muss da wirklich noch eine Leiche hin?
  • Und weshalb heißt dieser Mann eigentlich Paul?

Das kann einem kein gelesener Roman abnehmen.

Am Anfang ahmt man außerdem häufig nach.

Ich halte das für völlig normal.

Man liest einen Autor, dessen Stil man großartig findet, und plötzlich klingen die eigenen Sätze verdächtig ähnlich. Dann kommt ein anderer Autor und einige Monate später schreibt man wieder anders.

Irgendwann bleibt davon etwas übrig.

Anderes verschwindet.

Und nach und nach entsteht etwas, das man vielleicht als eigene Stimme bezeichnen kann.

Auch die lässt sich allerdings kaum in einem Kurs erklären.

„So, heute zwischen 14 und 16 Uhr entwickeln wir Ihren persönlichen Stil.“

Schön wäre es.

Vieles entsteht schlicht dadurch, dass man lange genug eigene Texte schreibt und dabei bemerkt, was zu einem passt und was nicht.

Vielleicht liegt genau dort auch der Unterschied zwischen „besser schreiben“ und „Schreiben lernen“.

Ich weiß nämlich gar nicht, ob man mit jedem Buch automatisch besser wird.

Aber man wird erfahrener.

Man erkennt manche Probleme früher.

Man weiß, bei welchen Regeln man genauer hinschauen sollte und welche man problemlos ignorieren kann.

Man verbringt weniger Zeit damit, den perfekten ersten Satz erzwingen zu wollen, weil man irgendwann verstanden hat, dass dieser Satz später sowieso noch dreimal umzieht.

Man weiß auch, dass ein schlechter Tag am Schreibtisch kein Beweis dafür ist, plötzlich das Schreiben verlernt zu haben.

Und irgendwann erkennt man vielleicht sogar, dass manche Dinge, die man früher unbedingt richtig machen wollte, überhaupt kein Richtig oder Falsch besitzen.

Das halte ich für einen ziemlich wichtigen Teil des Lernens.

Nicht mehr Regeln zu kennen.

Sondern besser entscheiden zu können.

Kann also jeder Schreiben lernen?

Bis zu einem gewissen Grad vermutlich ja.

Kann jeder lernen, ein großartiger Schriftsteller zu werden?

Das wäre eine ziemlich gewagte Behauptung.

Nicht jeder, der Klavierunterricht nimmt, wird Konzertpianist. Trotzdem würde niemand daraus schließen, dass Klavierspielen nicht erlernbar ist.

Beim Schreiben scheint diese Logik manchmal verloren zu gehen.

Vielleicht weil Sprache so alltäglich ist.

Wir benutzen sie jeden Tag. Deshalb wirkt gutes Schreiben weniger wie ein Handwerk als beispielsweise Klavierspielen oder Malen. Man sieht die Übung nicht. Man sieht am Ende nur die Sätze.

Und bei wirklich guten Texten wirken sie häufig so, als hätten sie schon immer genau dort gestanden.

Haben sie meistens nicht.

Vor ihnen standen andere Sätze.

Schlechtere Sätze.

Zu lange Sätze.

Überflüssige Sätze.

Und wahrscheinlich einige, bei denen der Autor heute froh ist, dass sie niemand mehr zu Gesicht bekommt.

Vielleicht ist das sogar die beruhigendste Antwort auf die Frage.

Ja, man kann Schreiben lernen.

Leider muss man dafür schreiben.

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