Die gefährliche Idee für ein neues Buch

Ich glaube, das hat fast jeder Autor schon einmal erlebt.

Man schreibt gerade an einem Buch.

Und es läuft.

Na ja.

Sagen wir: Man schreibt daran.

Die Figuren stehen, die Handlung steht zumindest größtenteils und irgendwo am Horizont kann man bereits erahnen, wie das Ganze enden könnte. Vielleicht fehlen noch hundert Seiten. Vielleicht fünfzig. Vielleicht steckt man auch gerade in der Überarbeitung und müsste eigentlich nur konzentriert weitermachen.

Eigentlich.

Denn dann passiert es.

Eine Idee.

Nur eine ganz kleine.

Völlig harmlos.

Was wäre eigentlich, wenn …

Oh nein.

Schnell aufschreiben

Natürlich will man kein neues Buch anfangen.

Auf keinen Fall.

Man arbeitet schließlich gerade an einem anderen.

Aber die Idee sollte man vielleicht kurz notieren.

Nur damit sie nicht verloren geht.

Also öffnet man eine neue Datei.

Ein paar Stichpunkte.

Mehr nicht.

Titel?

Kann man ja schon einmal hinschreiben.

Nur vorläufig.

Dann vielleicht noch zwei Sätze zur Handlung.

Und die Hauptfigur müsste natürlich …

Moment.

Warum macht sie das eigentlich?

Ah!

Das wäre gut.

Also noch schnell notieren.

Zwanzig Minuten später besteht die harmlose Notiz aus zwei Seiten, drei Figuren haben Namen und man hat bereits eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was in Kapitel zwölf passieren wird.

Kapitel zwölf.

Von einem Buch, das man ausdrücklich nicht angefangen hat.

Zurück zum eigentlichen Roman

Jetzt aber.

Datei schließen.

Altes Manuskript öffnen.

Wo war ich?

Ach ja.

Kapitel 23.

Die Hauptfigur steht vor einer wichtigen Entscheidung.

Seit gestern weiß ich auch ziemlich genau, wie die Szene weitergehen soll.

Also:

„Er öffnete die Tür und …“

Moment.

Bei der neuen Geschichte könnte die Hauptfigur doch statt …

Nein.

Alte Geschichte.

Konzentrieren.

„Er öffnete die Tür und trat …“

Aber wenn die andere Figur gar nicht weiß, dass …

Verdammt.

Neue Datei auf.

Noch einen Stichpunkt ergänzen.

Datei wieder zu.

Zurück zu Kapitel 23.

„Er öffnete die Tür und trat ein.“

Sehr schön.

Sieben Wörter.

Läuft.

Und plötzlich ist das alte Buch langweilig

Das ist vermutlich das Gefährlichste an einer neuen Idee.

Sie ist perfekt.

Natürlich ist sie das.

Es gibt schließlich noch kein Buch, das ihre Perfektion widerlegen könnte.

Keine misslungene Szene.

Keine Figur, die sich nicht so entwickelt wie geplant.

Kein Logikfehler auf Seite 217.

Keine drei Kapitel in der Mitte, bei denen man seit Wochen das Gefühl hat, dass irgendetwas nicht stimmt.

Die neue Geschichte existiert fast ausschließlich im Kopf.

Und dort funktioniert alles hervorragend.

Das aktuelle Manuskript dagegen besitzt einen entscheidenden Nachteil:

Es existiert.

Mit all seinen Problemen.

Plötzlich sitzt man also vor einem Buch, an dem man vielleicht seit Monaten arbeitet, und denkt über das andere nach.

Das andere ist frischer.

Spannender.

Größer.

Vielleicht sogar die beste Idee, die man jemals hatte.

Was natürlich Unsinn sein kann.

Aber erzähl das mal deinem Kopf.

Man schreibt weiter

Also versucht man vernünftig zu sein.

Erst das aktuelle Buch fertig machen.

Dann das nächste.

Ein guter Plan.

Man schreibt weiter.

Nur irgendwie halbherzig.

Die Figuren unterhalten sich und währenddessen überlegt man, welchen Beruf die Hauptfigur im neuen Roman haben könnte.

Man überarbeitet einen Absatz und plötzlich fällt einem ein perfekter Titel für Kapitel vier des anderen Buches ein.

Man recherchiert etwas für das aktuelle Manuskript und findet dabei zufällig etwas, das hervorragend zum neuen passen würde.

Also notiert man es.

Nur kurz.

Die Datei mit den „paar Stichpunkten“ hat inzwischen übrigens fünf Seiten.

Aber man hat das neue Buch selbstverständlich noch nicht angefangen.

Das muss an dieser Stelle ausdrücklich festgehalten werden.

Die Kopfcloud hat andere Prioritäten

Das Problem ist, dass sich Ideen nicht besonders dafür interessieren, woran man gerade arbeiten möchte.

Sie kommen, wenn sie kommen.

Und manche sind erstaunlich aufdringlich.

Bei mir landen solche Dinge erst einmal in meiner Kopfcloud. Aber gerade neue Buchideen geben sich damit häufig nicht zufrieden.

Sie wollen Aufmerksamkeit.

Beim Autofahren fällt einem eine Szene ein.

Beim Essen ein Dialog.

Kurz vor dem Einschlafen plötzlich die Lösung für ein Problem, das dieses noch gar nicht geschriebene Buch eigentlich erst in Kapitel acht haben wird.

Also wieder Notizen.

Stichpunkte.

Halbe Dialoge.

Manchmal nur einen Satz, bei dem man am nächsten Morgen hoffentlich noch versteht, was man damit gemeint hat.

„Bahnhof. Frau kennt Hund. 1987??? Schlüssel vorher!!!“

Völlig eindeutig.

Bestimmt.

Soll man die neue Geschichte einfach anfangen?

Das ist die gefährliche Frage.

Denn manchmal lautet die Antwort tatsächlich: ja.

Ich habe selbst schon an mehreren Geschichten parallel gearbeitet. Das kann funktionieren, wenn die Stoffe im Kopf klar genug voneinander getrennt sind. Gerade wenn Ideen lange gereift sind, muss paralleles Schreiben nicht automatisch chaotisches Springen bedeuten.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen mehreren Projekten, an denen man bewusst arbeitet, und einer neuen Idee, die gerade deshalb so verführerisch ist, weil sie noch keine Probleme hat.

Das muss ich mir gelegentlich selbst sagen.

Eine Idee ist noch kein Roman.

Sie kennt ihre schwachen Stellen nur noch nicht.

Also wird sie geparkt

Das ist zumindest der Plan.

Alles aufschreiben, was unbedingt raus muss.

Figuren.

Grundidee.

Szenen.

Vielleicht ein paar Dialoge.

Alles, von dem ich glaube, dass ich es später brauchen könnte.

Dann Datei speichern.

Schließen.

Und zurück zum eigentlichen Buch.

Das funktioniert sogar.

Meistens.

Man schreibt wieder ein paar Seiten. Findet zurück zu den Figuren. Erinnert sich daran, warum man diese Geschichte überhaupt erzählen wollte.

Und irgendwann ist man wieder drin.

Bis es plötzlich irgendwo im Hinterkopf heißt:

Was wäre eigentlich, wenn …

Nein.

Nicht schon wieder.

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