Warum ich zehn Jahre lang nicht geschrieben habe

Eigentlich stimmt die Überschrift nicht ganz.

Ich habe geschrieben.

Nur irgendwann keine Geschichten mehr.

Und wenn ich heute darüber nachdenke, wann das Schreiben bei mir angefangen hat, muss ich ziemlich weit zurückgehen. Ungefähr bis 1980.

Damals war ich ein kleiner Junge und schrieb zusammen mit meinem besten Kumpel Drehbücher.

Zumindest hielten wir das für Drehbücher.

Das sah ungefähr so aus:

Der Polizist schlich sich in die Lagerhalle.

PENG!

Er schoss.

Der Mörder brach zusammen.

Nächste Szene: TOTALE! Das Lagerhaus …

Hollywood hat sich erstaunlicherweise nie gemeldet.

Uns war das egal.

Wir hatten Geschichten im Kopf und schrieben sie auf. Von Dramaturgie, Szenenaufbau oder Figurenentwicklung hatten wir keine Ahnung. Aber wir wussten offenbar schon, dass man für einen ordentlichen Film mindestens einen Polizisten, einen Mörder und ein deutlich ausgeschriebenes PENG braucht.

Irgendwann wurden aus diesen Drehbüchern Kurzgeschichten.

Mal länger, mal kürzer. Geschrieben habe ich sie eigentlich für niemanden. Es gab kein Publikum, keinen Verlag und keinen Plan, daraus irgendwann etwas zu machen.

Ich schrieb sie für mich.

Das reichte.

Der Schrecken des Deutschlehrers

Auch in der Schule konnte ich mich schriftlich nur schwer kurzfassen.

Bei meinen Deutschlehrern war ich mit meinen Aufsätzen irgendwann berüchtigt.

Unter zehn DIN A4 Seiten ging wenig.

Es sei denn, es gab eine klare Vorgabe. Vermutlich wussten meine Lehrer irgendwann ziemlich genau, warum solche Vorgaben sinnvoll sind.

Andere Schüler fragten:

„Wie viel müssen wir schreiben?“

Bei mir wäre die bessere Frage gewesen:

„Wie viel darf er schreiben?“

Später wurden auch meine Geschichten länger. Und ernster.

Dann entdeckte ich irgendwann im Internet eine Seite, deren Namen ich leider vergessen habe. Irgendetwas mit „Cine“, glaube ich. Dort konnte man eine Filmfirma simulieren, Drehbücher schreiben, Schauspieler besetzen und das ganze Drumherum organisieren.

Damit waren die Drehbücher wieder da.

Und natürlich wurden sie größer.

Und länger.

Sehr viel länger.

Daneben schrieb ich an allen möglichen anderen Stellen. Bei ShortNews war ich lange aktiv. Für meinen Verein machte ich eine Vereinszeitung. Für ein Projekt mit Leuten aus der damaligen BBS Szene, also aus jener Zeit, als das Internet für viele noch Zukunftsmusik war, veröffentlichten wir ebenfalls eine kleine Zeitung.

Im Nachhinein betrachtet war das alles Pillepalle.

Aber ich schrieb.

Eigentlich ständig.

Dann schlug das Leben zu

Irgendwann passierte etwas ausgesprochen Unliterarisches.

Das Leben.

Aus der Freundin wurde meine Frau. Der Beruf wurde ernster. Unsere Tochter kam. Verantwortlichkeiten veränderten sich und damit verschoben sich zwangsläufig die Prioritäten.

Ich schrieb noch.

Aber anders.

Und vor allem weniger Geschichten.

Ein ernsthaftes Projekt blieb: „Robert, der Delfin“.

Meine Tochter war damals ungefähr acht Jahre alt und liebte Delfine. Also begann ich, für sie eine Delfingeschichte zu schreiben.

Aus einer wurden drei.

Und streng genommen schreibe ich heute noch daran. Die Geschichten haben sich verändert, wurden überarbeitet und weiterentwickelt. Aber der Grundstein stammt aus dieser Zeit.

Dann kam um 2012 der große Umbruch.

Der Umzug ins Saarland.

Und danach:

Funkstille.

Zehn Jahre nichts

Knapp zehn Jahre lang schrieb ich keine größeren Geschichten mehr.

Warum?

Keine Ahnung.

Ich könnte jetzt nachträglich eine schöne Erklärung konstruieren. Lebensphase. Familie. Beruf. Umzug. Fehlende Zeit. Andere Prioritäten.

Bestimmt spielte all das eine Rolle.

Aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich es nicht.

Ich schrieb einfach nicht.

Interessanterweise hörte mein Kopf damit nicht auf.

Da waren weiterhin Ideen.

Szenen.

Plots.

Einzelne Bilder.

Manche verschwanden wieder. Andere blieben. Einige kamen regelmäßig zurück und wurden mit den Jahren immer konkreter.

Ich schrieb sie nur nicht auf.

In meinem Buch Wie Geschichten wirklich entstehen habe ich diese Zeit später als eine Phase beschrieben, in der äußerlich kaum Text entstand, sich innerlich aber Material ansammelte. Ideen, Bilder und Stoffe können über Jahre weiterarbeiten, obwohl keine einzige Romanseite entsteht.

Damals hätte ich das vermutlich nicht so formuliert.

Damals schrieb ich einfach keine Romane.

Ganz still war es allerdings nie

Zwischendurch brauchte ich offenbar doch immer wieder irgendeine Möglichkeit, Texte in die Welt zu setzen.

So entstand „Willenlos“, eine satirische Onlinezeitung.

Das war nie als Konkurrenz zu Postillon oder ähnlichen Angeboten gedacht. Es war ein Experiment. Eine Spielwiese für absurde Meldungen und satirische Artikel.

Später kam „Brain AFK“ dazu.

Diesmal wurde es deutlich ernster.

Eine Onlinespielezeitschrift mit Pressezugängen bei großen Spieleherstellern und journalistischen Berichten.

Rückblickend waren auch diese Projekte wichtig.

Nicht unbedingt wegen der Texte selbst.

Ich musste Themen finden. Informationen auswählen. Texte strukturieren. Einen Ton treffen. Für Leser schreiben. Entscheiden, was wichtig ist und was rausfliegt.

Damals dachte ich nicht:

Das brauche ich irgendwann für meine Romane.

Heute sehe ich die Verbindung.

Viele Texte aus diesen Jahren habe ich übrigens aufgehoben. Ein Teil davon liegt heute noch im Bereich „Projekte“.

Ich werfe Texte nur ungern weg.

Man weiß schließlich nie.

Kopfcloud und so.

Acht Jahre lang fliegen Patronenkugeln durch meinen Kopf

Ein gutes Beispiel dafür, wie lange eine Idee dort überleben kann, ist „Temporales Echo“.

Die Grundidee dahinter, Patronenkugeln, die durch die Zeit fliegen, war mindestens acht Jahre alt, bevor daraus tatsächlich das wurde, was heute existiert.

Acht Jahre.

Die Idee war da.

Sie verschwand nicht.

Sie bekam nur kein Buch.

Und „Temporales Echo“ war nicht allein.

Andere Geschichten lagen ebenfalls irgendwo herum. Manche ziemlich vollständig, andere nur als Grundidee. Figuren ohne Roman. Szenen ohne Zusammenhang. Konflikte ohne Figuren. Einzelne Bilder, bei denen ich wusste, dass daraus irgendwann etwas werden könnte.

Mein Kopf sammelte weiter.

Genau diese Erfahrung habe ich später als Wechsel verschiedener Schreibphasen beschrieben: sammeln, verdichten und irgendwann entladen. Von außen sieht die letzte Phase plötzlich wie enorme Produktivität aus. Tatsächlich kann das Material schon viele Jahre vorher entstanden sein.

Und dann kam diese Entladung tatsächlich.

Jetzt muss das alles raus

Ich kann keinen dramatischen Zeitpunkt nennen.

Kein Gewitter.

Keine schlaflose Nacht.

Keine Stimme, die mir zuflüsterte, dass ich meiner Bestimmung folgen müsse.

Irgendwann war einfach dieser Gedanke da:

Jetzt muss das alles raus.

Also fing ich wieder an.

Zuerst seitenweise.

Dann kapitelweise.

Und irgendwann kam die Explosion.

Anders kann ich es kaum beschreiben.

Die Bücher und Ideen wurden förmlich ausgekotzt.

Das klingt nicht besonders literarisch.

Aber es trifft den Vorgang ziemlich gut.

Alles, was sich über Jahre angesammelt hatte, fand plötzlich einen Ausgang. Eine Geschichte zog die nächste hinter sich her. Figuren, Szenen und Ideen, die teilweise seit Jahren in meinem Kopf existierten, wurden endlich zu Text.

Das erklärt auch etwas, das von außen vermutlich ziemlich seltsam aussah:

Warum hat der plötzlich fast gleichzeitig fünf Bücher fertig?

Weil diese fünf Bücher eben nicht plötzlich entstanden waren.

Ich hatte nur einen großen Teil davon noch nicht geschrieben.

Und heute?

Mittlerweile ist vieles von dem, was sich damals angesammelt hatte, auf Papier.

Vieles.

Längst nicht alles.

Da schlummern noch Geschichten, von denen ich ziemlich genau weiß, dass sie irgendwann herauswollen.

Andere melden sich nur gelegentlich.

Und dann gibt es natürlich immer noch die Kurzgeschichten.

Die sind nie wirklich verschwunden.

Manchmal schreibe ich eine, weil mir einfach danach ist. Manchmal entsteht sie für einen Schreibwettbewerb. Manchmal ist da nur eine Idee, die keinen ganzen Roman braucht.

Vielleicht schließt sich damit sogar ein Kreis.

Als Kind schrieb ich Geschichten, weil ich Geschichten schreiben wollte.

Ohne Marktanalyse.

Ohne Veröffentlichungsplan.

Ohne die Frage, ob irgendjemand darauf wartet.

Heute ist vieles professioneller geworden. Bücher werden fertiggestellt, überarbeitet und veröffentlicht. Es gibt Entscheidungen, Termine und all das Zeug, das irgendwann dazukommt, wenn aus einer Geschichte ein Buch werden soll.

Aber der eigentliche Grund ist erstaunlich ähnlich geblieben.

Ich schreibe gerne.

Mal mehr.

Mal weniger.

Es gibt Tage, an denen ich stundenlang schreiben könnte. Und andere, an denen ich meinen eigenen Text lieber nicht sehen möchte.

Das gehört inzwischen dazu.

Ob ich noch einmal zehn Jahre lang keinen Roman schreiben werde?

Ich glaube nicht.

Denn der entscheidende Unterschied zu damals ist gar nicht, dass ich heute mehr schreibe.

Schreiben hat wieder einen festen Platz in meinem Leben.

Und diesmal möchte ich ihn ihm lassen.

Nach oben scrollen