Meine Softwareprojekte
Lange bevor Schreiben zu einem Schwerpunkt für mich wurde, entstanden am Computer ganz andere Projekte. Einige davon möchte ich hier nach und nach wieder hervorholen. Den Anfang macht KIOSK, ein Mailbox-Spiel, dessen Geschichte Mitte der 1990er-Jahre begann und fast 30 Jahre später überraschend noch einmal weiterging.
KIOSK: Wie aus einer Mailbox-Idee ein kleines Stück DOS-Geschichte wurde
Die Geschichte von KIOSK begann für mich ungefähr 1995. Ich war damals 25 Jahre alt und von allem begeistert, was irgendwie mit Computern, Modems und Datenfernübertragung zu tun hatte.
Das Internet, wie wir es heute kennen, gab es für Privatleute praktisch noch nicht. Ich war zunächst mit BTX unterwegs und hatte später über die Universität Karlsruhe einen Internetzugang per SLIP. Ich selbst war nicht an der Uni, hatte dort aber die Möglichkeit eines Zugangs. Das bedeutete damals noch: Modem einschalten, einwählen und hoffen, dass die Verbindung hielt.
Das World Wide Web war zu dieser Zeit noch eine ausgesprochen schlichte Angelegenheit: viel Text, Hyperlinks und kaum Bilder. Verglichen mit dem heutigen Internet wirkte das fast spartanisch, gleichzeitig aber unglaublich faszinierend. Hinter jedem Link konnte etwas völlig Neues warten.
Viel wichtiger waren für mich zunächst aber die Mailboxen, international besser als Bulletin Board Systems oder BBS bekannt. Man wählte sich mit dem Modem direkt auf einem anderen Computer ein, konnte dort Nachrichten lesen und schreiben, Dateien herunterladen, mit anderen Benutzern kommunizieren und natürlich auch spielen.
Irgendwann reichte es mir nicht mehr, nur Benutzer zu sein. Ich betrieb meine eigene Mailbox, die Catbytes Mailbox.
Sie war auch Teil eines Mailbox-Netzes. Vereinfacht gesagt war ein Node ein eigenständiges System innerhalb eines solchen Netzes. Ein Point war ein daran angeschlossener Teilnehmer, der seine Nachrichten automatisiert mit seinem Node austauschte. Das Ganze funktionierte erstaunlich effizient: Nachrichten wurden gesammelt, gebündelt und zwischen den Systemen weitergereicht. Auf diese Weise entstanden lange vor sozialen Netzwerken große, teilweise internationale Gemeinschaften. Besonders wichtig war damals das FidoNet.
Es fehlte ein Spiel
Natürlich gehörten Online-Spiele zu einer guten Mailbox. Das waren keine Spiele im heutigen Sinne mit 3D-Grafik und permanenter Internetverbindung. Ein sogenanntes Door-Spiel wurde aus der Mailbox heraus gestartet und übernahm für eine Weile die Verbindung zum Benutzer. Gespielt wurde überwiegend im Textmodus, häufig mit ANSI-Grafik.
Ein Spiel, an das ich mich aus dieser Zeit erinnere, war beispielsweise Kaiser.
Nur gab es für meinen Geschmack viel zu wenige wirklich gute Spiele. Irgendwann kam deshalb der naheliegende Gedanke:
Dann schreibe ich eben selbst eines.
Also wurde Turbo Pascal angeworfen.
Die Idee war eine Wirtschaftssimulation, die nicht in irgendeinem abstrakten Konzern spielen sollte. Stattdessen sollte man etwas ganz Bodenständiges betreiben: einen kleinen Kiosk.
Man beginnt bescheiden, kauft Waren ein, legt Verkaufspreise fest, versucht Kunden anzulocken, investiert in Werbung und baut seinen Betrieb Stück für Stück aus. Dazu kamen Bank, Lager, Zusatzangebote, Ereignisse, kleine Spiele und natürlich Möglichkeiten, den Mitspielern das Leben etwas schwerer zu machen.
Damit war die Grundidee von KIOSK geboren.
Ein Programmierer ist noch lange kein ANSI-Künstler
Es gab allerdings ein Problem: Meine künstlerischen Fähigkeiten hielten sich in überschaubaren Grenzen.
Eine Mailbox-Anwendung lebte damals aber auch von ihrer Optik. Mit ANSI-Zeichen, den Farben des DOS-Textmodus und ein wenig Geschick ließen sich erstaunlich aufwendige Bilder und Benutzeroberflächen erzeugen.
Also machte ich das, was man Mitte der 90er Jahre eben machte, wenn man jemanden suchte: Ich startete einen Aufruf im FidoNet.
Darauf meldete sich Mario Rux aus Berlin. Er schickte mir einige Proben seiner Arbeiten und es war ziemlich schnell klar, dass ich meinen ANSI-Künstler gefunden hatte.
Ich programmierte, Mario zeichnete.
Und plötzlich sah KIOSK nicht mehr nur nach einem Pascal-Programm aus, sondern bekam sein eigenes Gesicht. Die farbigen ANSI-Bilder wurden ein wesentlicher Bestandteil des Spiels und sind für mich bis heute untrennbar damit verbunden.
KIOSK verbreitet sich
Was zunächst als Spiel für die eigene Mailbox angefangen hatte, verbreitete sich weiter.
Andere Sysops, so nannte man die Betreiber einer Mailbox, bauten KIOSK in ihre Systeme ein. Irgendwann lief mein kleines Turbo-Pascal-Projekt auf Mailboxen, die mit meiner eigenen überhaupt nichts zu tun hatten.
Das war damals eine ganz andere Form der Softwareverbreitung. Eine Datei wurde aus einer Mailbox heruntergeladen, in einer anderen wieder angeboten, auf Disketten weitergegeben oder in Softwaresammlungen aufgenommen. Man hatte als Autor irgendwann kaum noch eine Vorstellung davon, wo das eigene Programm überall gelandet war.
Dann wurde die Sache noch größer.
KIOSK erschien unter anderem beim PC Joker, inklusive Veröffentlichung auf einem Datenträger des Magazins. Auch andere Computerzeitschriften wie PC Online berichteten darüber. Es gab Erwähnungen in Büchern und weitere Veröffentlichungen.
Für ein Projekt, das einmal mit der simplen Idee „Ich hätte gern ein vernünftiges Spiel für meine Mailbox“ begonnen hatte, war das schon ziemlich aufregend.
Irgendwann war Schluss
Etwa 1997/98 verlor sich die Entwicklung allmählich.
Die Computerwelt veränderte sich rasant. Das Internet wurde für immer mehr Menschen erreichbar, klassische Mailboxen verschwanden zunehmend und damit verschwand auch die Welt, für die KIOSK geschrieben worden war.
Eine neue Version 1.55 war noch geplant und ich hatte bereits daran gearbeitet. Sie wurde aber nie veröffentlicht.
Der Quellcode blieb liegen.
Jahr für Jahr.
Aus ein paar Jahren wurden zehn, zwanzig und schließlich fast dreißig.
Und dann taucht KIOSK wieder auf
Das Kuriose ist: KIOSK war offenbar nie wirklich weg.
Es gibt bis heute Retro-Mailboxen, auf denen alte Door-Spiele betrieben werden. Und auf einigen davon läuft tatsächlich noch KIOSK.
Noch erstaunlicher fand ich eine Geschichte, von der ich erst viel später erfahren habe: Offenbar gab es Leute, die das deutsche Spiel für Benutzer in den USA oder Großbritannien ins Englische übersetzten.
Nicht mit meinem Quellcode.
Mit einem Hex-Editor.
Man suchte also die deutschen Texte direkt in den Binärdateien und ersetzte sie dort durch englische Texte. Wer jemals versucht hat, auf diese Weise ein Programm zu verändern, kann sich vorstellen, was für eine Arbeit das gewesen sein muss. Vor allem darf der neue Text nicht einfach beliebig länger werden, ohne dass man dabei die Struktur der Datei beschädigt.
Dass jemand diesen Aufwand mit meinem alten Mailbox-Spiel betrieben hat, finde ich heute fast genauso bemerkenswert wie die damaligen Veröffentlichungen.
Ein Video bringt alles wieder zurück
Und dann stieß ich Jahrzehnte später auf YouTube auf ein Video über KIOSK vom Kanal PeskyVex.
Da saß jemand und sprach über dieses alte DOS-Spiel, erinnerte sich an die verschiedenen Waren, die Kiosk-Arten, Werbung, Bank, Lager, Sabotage und all die kleinen Details, die ich irgendwann in den 90ern programmiert hatte.
Derjenige hatte KIOSK als Kind/Jugendlicher gespielt und die Dateien über all die Jahre behalten.
Das war ein merkwürdiges Gefühl.
Dinge, die für mich längst in irgendeiner Schublade meiner eigenen Computergeschichte verschwunden waren, waren für jemand anderen eine Kindheitserinnerung.
Und damit war meine Neugier wieder geweckt.
Fast 30 Jahre später: Läuft das überhaupt noch?
Also suchte ich meine alten Dateien zusammen.
Da war tatsächlich noch der Quellcode. Zehntausende Zeilen Turbo Pascal, Units, ANSI-Dateien und all die Dinge, deren Bedeutung man nach fast drei Jahrzehnten nicht mehr unbedingt auf Anhieb weiß.
Die erste Frage war ganz einfach:
Kann man KIOSK heute überhaupt noch kompilieren?
Die kurze Antwort lautete zunächst: Nein.
Die etwas längere Antwort bestand aus Out of memory, Code segment too large, unterschiedlichen Turbo-Pascal-Versionen, Compiler-Schaltern, Overlay-Dateien und der Erkenntnis, dass man nach fast 30 Jahren erstaunlich viele Einzelheiten über die eigene Entwicklungsumgebung vergessen kann.
Zusammen mit ChatGPT begann ich, das alte Projekt Stück für Stück zu untersuchen. Wir rekonstruierten die Compiler-Einstellungen, probierten das originale Turbo Pascal 7.0 aus, kämpften mit dem knappen konventionellen DOS-Speicher und stellten irgendwann fest, dass der Quellcode überhaupt nicht das eigentliche Problem war.
Dann fiel der entscheidende Groschen:
TPX.
Turbo Pascals Protected-Mode-IDE.
Und plötzlich war wieder genügend Speicher vorhanden.
Dann erschien nach fast drei Jahrzehnten tatsächlich wieder:
47286 lines
Compile successful
KIOSK 1.55 wurde neu übersetzt. Es entstanden eine neue KIOSK.EXE und KIOSK.OVR.
Und das Spiel startete.
Die alten ANSI-Bilder erschienen wieder auf dem Bildschirm, die Menüs funktionierten und mein virtueller Kiosk verkaufte wieder Pommes, Würstchen, Cola, Zeitungen und all den anderen Kram, den ich irgendwann Mitte der 90er dort hineingepackt hatte.
Fortsetzung nach 30 Jahren?
Das Lustigste daran: Die unveröffentlichte Version verrät mir sogar, woran ich damals als Nächstes weiterarbeiten wollte.
Die Werbeformen waren bereits vorhanden, sollten aber zusätzliche ANSI-Bilder bekommen. Die Grafiken für die Visitenkarten und die TV-Werbung war schon eingebaut.
Bei den anderen Werbungen begrüßt mich dagegen bis heute mein eigener Hinweis:
!ANSI KOMMT NOCH!
(WERBA.ANS/AVT)
Eine fast 30 Jahre alte TODO-Notiz an mich selbst.
Ob ich sie 2026 tatsächlich noch erledigen werde?
Nein – sicher nicht. KIOSK ist und bleibt Geschichte.
Im Moment freue ich mich erst einmal darüber, dass KIOSK überhaupt wieder läuft.
Aus einer Idee eines 25-Jährigen, der von Modems, Mailboxen, FidoNet und Turbo Pascal begeistert war, wurde ein Spiel, das seinen Weg auf fremde Mailboxen, auf Zeitschriften-Datenträger und offenbar sogar ins Ausland gefunden hat.
Und fast drei Jahrzehnte später entdecke ich, dass Menschen es immer noch kennen, darüber Videos machen und es auf Retro-Mailboxen weiterhin spielen.
Damit hätte ich 1995 ganz sicher nicht gerechnet.
Aber KIOSK ist zumindest hier wieder da. ^^











