Im Zeichen der Hexe
Morde wie Rituale, Zeichen wie aus einer vergessenen Welt – und ein Täter, der nach uralten Gesetzen richtet.
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Band 3
Klappentext: Der dritte Band der Ethan Hawthorne-Reihe
Eine Reihe grausamer Morde erschüttert London – jeder Tatort ein makabres Kunstwerk: ein Blutkreis, eine Waffe, ein perfekter Tod. Für Detective Inspector Ethan Hawthorne ist klar: Dies ist kein gewöhnlicher Serienmord. Die Zeichen sprechen von etwas Dunklerem. Etwas Uraltem.
Als eine einflussreiche Journalistin tot in einer entweihten Kirche aufgefunden wird, führt die Spur zu einem geheimen Hexenzirkel, der nach uralten Gesetzen richtet – fernab der modernen Justiz. Bald erkennt Ethan: Die Grenze zwischen Gerechtigkeit und Rache verschwimmt, und seine eigenen Überzeugungen geraten ins Wanken.
Ein okkulter Thriller voller Atmosphäre, mystischer Symbolik und unerbittlicher Spannung.
Einmal begonnen, lässt dich dieser Band nicht mehr los – bis zur letzten Seite.
Infos
- ASIN: B0FHW3FGX8
- Herausgeber: SaarPoesie
- Erscheinungstermin: 16. Juli 2025
- Sprache: Deutsch
- Seitenzahl der Taschenbuch-Ausgabe: 311 Seiten
- ISBN-13: 979-8292754459
- Abmessungen: 12.7 x 1.98 x 20.32 cm
Leseprobe
Vorwort:
„Im Zeichen der Hexe“ ist ein Buch, das nicht nur aus meiner Feder stammt – es ist auch ein Produkt eines Traums. Vielleicht mag es seltsam klingen, aber die Grundidee dieser Geschichte begann in der Dunkelheit einer Nacht, als ich von einer Welt träumte, in der das Übernatürliche und das Alltägliche sich auf gefährliche Weise vermischten. Ein Albtraum, der sich langsam in meine Gedanken einbrannte und immer tiefer in meiner Vorstellungskraft wuchs, bis ich nicht mehr widerstehen konnte, ihn niederzuschreiben.
In diesem Traum tauchten seltsame Zeichen und Symbole auf, in einer Welt, die fast wie unsere war, aber doch von einer dunklen, unsichtbaren Macht beherrscht wurde. Eine Macht, die nicht nur über das Leben der Menschen bestimmte, sondern auch über ihre Seelen. Die Idee von Hexen, von Ritualen und dem Kampf zwischen den Welten war so lebendig und intensiv, dass sie mich nicht losließ. Ich wusste, ich musste diese Geschichte erzählen, bevor sie wieder in den Wirren des Vergessens verschwindet, wie so viele Träume.
Natürlich ist nicht alles aus diesem Traum übernommen worden. Die Charaktere, die Handlungen und die Details entstanden während des Schreibprozesses, doch der Funke, die treibende Kraft, die die Geschichte ins Leben rief, war dieser Traum, der mich in eine Welt entführte, in der die Grenze zwischen Realität und Fantasie fließend und undurchschaubar wurde. Und während ich das Buch schrieb, fand ich mich oft selbst dabei, mich zu fragen: Was ist real und was nicht? Was sind die Geschichten, die wir uns erzählen, und was sind die, die uns erzählen?
„Im Zeichen der Hexe“ ist daher nicht nur ein Produkt meiner Fantasie, sondern auch ein Erlebnis, das mich, wie viele große Geschichten, in einer anderen Dimension eingefangen hat. Es ist eine Geschichte über Macht, über das Unausgesprochene, über Dunkelheit und das, was im Verborgenen bleibt – eine Geschichte, die von einem Traum ausging und in die Realität fand.
Ich lade euch ein, diese Reise mit mir zu unternehmen. Vielleicht werdet ihr, wie ich, nach und nach das Gefühl haben, dass auch euer Blick auf die Welt ein wenig mehr von der Magie der Nacht und ihren Geheimnissen durchzogen wird.
Viel Vergnügen beim Lesen.
Armin Knebel
Prolog:
Es war eine Nacht wie jede andere, und doch war nichts mehr wie es schien. In den schimmernden Lichtern der Großstadt, umhüllt von der Dämmerung der Verbote, begann das Unaussprechliche. Wo Macht und Gier ihre schmutzigen Fäden zogen, gab es kein Entkommen. In den gläsernen Türmen der Reichen, inmitten von teuren Getränken, Zigarrenrauch und stiller Verzweiflung, war das wahre Spiel längst verloren – nicht durch das Gesetz, sondern durch die dunklen Mächte, die in der Düsternis lauerten.
Und dann trat sie auf die Bühne – die Fremde, die die Dunkelheit trug wie ein schweres Gewand, ihre Augen ein Versprechen für all das, was kommen sollte. Ein Blick, ein Flüstern, und das Spiel nahm seinen Lauf.
Charles Wainwright, ein Mann, der geglaubt hatte, mit Geld könne man unsterblich werden, hatte den Preis noch nicht bezahlt. Aber er würde es bald tun. Denn in der Welt, die sie erschaffen hatten, waren die Regeln nicht für die Sterblichen. Ihr Urteil war kein bloßes Wort. Es war das Schicksal, das mit der Sichel der Gerechtigkeit kam.
Dies war der Beginn.
Ein Opfer, ein Zeichen. Und im Flüstern der Nacht ein Versprechen. Ein neues Zeitalter brach an.
Kapitel 1: „Opfer“
Der Bass der Musik dröhnte wie der Herzschlag eines Dämons in der Dachgeschosswohnung. Kristalllüster zitterten im Takt und warfen splitternde Lichtreflexe auf Wände, die mit abstrakten Gemälden in Schwarz und Gold verziert waren. Die Luft war schwer von verbotenem Luxus: Zigarrenrauch, ein Hauch Trüffelöl, der kühle Duft von edlen Tropfen. Auf dem Marmortisch zog eine schlanke Hand weiße Linien, während eine Person neben ihr – mit einer goldenen Armbanduhr am Handgelenk – ein silbernes Feuerzeug aufschnappen ließ. Die Flamme flackerte auf und spiegelte sich in den Kristallgläsern.
Charles Wainwright lehnte an der Bar, sein Maßanzug schief, die Manschetten mit Lippenstift bemalt. Er beobachtete durch halb geschlossene Lider, wie ein Mädchen im Glitzerkleid über den Flokati-Teppich kroch, verfolgt vom grölenden Gelächter eines Börsenmaklers. Irgendwo klirrte Glas. Der Nachtportier hatte längst aufgehört, nachzufragen, ob die „Gäste“ bitte leiser sein könnten. Hier, im 42. Stock, galt nur das Gesetz des Bankiers.
Sein Gesetz.
„Meine Freunde!“ Charles‘ Stimme überschlug sich, als er auf den Marmortisch kletterte. Die kalten Fliesen unter seinen bloßen Füßen ließen ihn schaudern. „Wisst ihr, was das hier ist?“ Er reckte eine Flasche voll prickelnder Eleganz in die Luft und trank, ohne das Glas zu bemühen. „Freiheit! Echte Freiheit! Geld macht nicht glücklich? Bullshit!“ Er lachte hysterisch, während Schaum über seine Handgelenke tropfte. „Geld macht unsterblich!“
Ein Chor aus Jubel und Gläserklingen antwortete. Doch am Rand der Menge, halb versteckt hinter einem Vorhang aus indischer Seide, stand sie.
Die Fremde.
Ihr schwarzes Kleid floss wie Tinte um ihren Körper. Kein Glitzer, kein Logo – nur Stoff, der das Licht zu verschlucken schien. Ihre Haut hatte den fahlen Ton von Altpapier, kontrastiert von Lippen, rot wie frisch geronnenes Blut. Als ihre smaragdgrünen Augen sich mit seinen trafen, spürte Charles einen eisigen Stich im Nacken. Doch dann zwinkerte sie ihm zu, und das Gefühl verflog.
Hallo?
Er stieg vom Tisch, stolperte über eine leere Kaviar-Dose. Als er wieder aufblickte, war sie weg.
„Alles in Ordnung, Boss?“ Ein Bodyguard mit Narbengesicht tauchte neben ihm auf.
„Hmm? Ja, ja…“ Charles rieb sich die Schläfen. Plötzlich schmeckte der teure Tropfen bitter. „Sag mal, Viktor – hast du die gesehen? Die Frau in Schwarz?“, er lallte.
Viktor folgte seinem Blick. „Welche Frau?“
Dachte ich mir’s doch, raunte eine Stimme in seinem Hinterkopf, die nicht seine eigene war.
Die Party eskalierte. Um 3:17 Uhr morgens tauchte jemand nackt im Koi-Teich auf. Um 3:46 Uhr zerschlug ein Hedgefonds-Manager eine teure Vase an der Wand, um „zu beweisen, dass sie echt war“. Doch Charles, sonst der König des Chaos, spürte nur noch Kälte. Die Fremde tauchte immer wieder auf – hinter der Bar, im Spiegel, im Rauch seiner Zigarre –, doch wenn er hinblickte, war sie verschwunden.
Bis sie plötzlich neben ihm auf der Ledercouch saß.
„Sie sehen müde aus, Mister Wainwright.“ Ihre Stimme war Honig über Rasierklingen.
Er zuckte zusammen. „Wer zum Teufel sind Sie? Wie sind Sie reingekommen?“
Sie lächelte. In ihrem Mund blitzte etwas Goldenes. „Oh, ich wurde eingeladen.“ Eine schmale Hand strich über sein Knie. „Möchten Sie nicht…entspannen?“
Sein Protest erstarb, als ihre Finger seine Schläfe berührten. Ein Duft stieg ihm in die Nase – Myrrhe und etwas Fauliges, wie Erde nach einem Gewitter. Sein Kopf sank gegen das Leder.
„So ist’s gut“, säuselte sie. Eiswürfel klirrten. Als sie ihm das Glas an die Lippen setzte, trank er gehorsam.
Der Geschmack brannte. Nicht wie Alkohol. Wie…Kupfer?
Dann begann der Tanz.
Erst war es nur ein Zucken im peripheren Sichtfeld. Schatten, die zu lang waren. Das Gemälde an der Wand, deren Augen ihm folgten. Die Koi-Fische im Teich, die plötzlich schwarze, menschliche Zähne hatten.
„Viktor!“ Charles taumelte zur Bar, wo der Bodyguard über eine bewusstlose Blondine gebeugt war. „Viktor, wir müssen–“
Der Mann drehte sich um.
Nicht Viktor.
Die Kreatur hatte Viktors Anzug, Viktors Gesicht – doch ihre Haut war nach hinten gerissen, wie eine Reißverschlussmaske, und darunter… darunter glänzte etwas Glitschiges, Knochenweißes mit zu vielen Augen.
Charles schrie.
Als er zurück ins Wohnzimmer rannte, war die Party erstarrt. Die Gäste standen wie Wachsfiguren da, ihre Gesichter zu glatten Ovalen geschmolzen. Die Frau in Schwarz thronte auf dem Marmortisch, ihre Beine gekreuzt. Um sie herum krümmte sich die Dunkelheit wie betende Mönche.
„Was…was bist du?!“, keuchte Charles.
Sie lächelte.
Mit einem Schnippen ihrer Finger zerbarst die Deckenleuchte. Glasscherben regneten herab – doch als Charles die Augen aufriss, lag er allein im Dunkeln.
Ein Albtraum. Nur ein Albtraum.
Doch dann roch er es – Rauch.
Er kroch zur Küche. Aus dem Kühlschrank quoll schwarzer, zäher Nebel. Die Milchpackung, die er herauszog, war voller Maden.
„Hilfe!“, heulte er, doch seine Stimme war nur ein Krächzen. Sein Hals brannte.
Im Wohnzimmer flackerte der Fernseher an. Auf dem Bildschirm: Die Fremde, nackt, ihre Haut übersät mit alchemistischen Symbolen. Hinter ihr türmten sich Knochen zu einem Thron.
Klick.
Die Klimaanlage spuckte Blut.
Klick.
Alle Uhren zeigten 3:66 Uhr.
„Genug!“, brüllte Charles und griff nach einer Bronzestatue. Als er sich umdrehte, stand sie da.
Nicht mehr schön. Nicht mehr menschlich.
Ihre Gliedmaßen waren zu lang, ihr Kiefer entzweigerissen wie bei einer Schlange. Aus dem schwarzen Kleid wucherten Dornenranken, die sich in den Boden fraßen. In ihrer Hand funkelte ein Dolch – die Klinge aus Knochen, der Griff mit Augen besetzt, die ihn anstarrten.
„Warum?“, würgte Charles hervor.
Sie neigte den Kopf. „Soll ich die Liste vorlesen? Der Konzern, der Flüsse vergiftet. Die Dörfer, die du für deine Resorts niederbrennen ließest. Und die Mädchen, die in deinem Privatjet verschwanden…“ Ihre Stimme überschlug sich in einem Chor von Flüstern. „Geld macht unsterblich? Lass es uns testen.“
Er rannte.
Doch die Tür führte nicht auf den Flur, sondern in einen Wald aus toten Bäumen, deren Äste wie verkohlte Hände zum Mond griffen. Irgendwo heulte ein Wolf.
„Das kann nicht real sein!“, schluchzte er, während Dornen seine Arme zerkratzten.
„Oh, Charles.“ Die Stimme kam von überall. „In welchem Jahrhundert glaubst du, leben wir? Magie ist nur eine Frage des…Geschäftsmodells.“
Er spürte ihren Atem im Nacken – eiskalt, nach Verwesung. Als er sich umdrehte, sah er es: Ihr offener Mund, groß genug, um seinen Kopf zu verschlingen.
Der letzte Schrei erstickte in einem Schwall schwarzer Flüssigkeit.
***
Der Morgen kroch träge über die Themse, als würde sich das Licht vor dem Anblick des Grauens scheuen. Ein kühler Wind fegte durch die verlassenen Gassen der Docklands, nagte an den rostigen Gittern verfallener Lagerhäuser und trug das Heulen der Möwen wie eine düstere Litanei davon. Der Himmel hing tief, eine undurchdringliche Decke aus Asche und Nieselregen, die jeden Atemzug mit Feuchtigkeit füllte. Das Kopfsteinpflaster der Zufahrtsstraße glänzte trübe, übersät von Pfützen, in denen sich das träge Licht der Straßenlaternen spiegelte – ein Labyrinth aus Trugbildern, das jeden Schritt zur Gefahr machte. Doch das wahre Unheil lauerte nicht auf den Straßen.
Es war das Lagerhaus. Ein Sarg aus Stahl und Erinnerungen.
Das Gebäude ragte aus dem Nebel wie ein verwittertes Skelett. Seine rote Backsteinfassade, einst stolz und unbezwingbar, war nun von Rost und bröckelndem Mörtel zerfressen. Graffiti schlängelten sich über die Wände: verblasste Drohungen, anarchistische Symbole, Namen vergessener Liebespaare – ein Archiv der Vergänglichkeit. Die zerborstenen Fenster ähnelten leeren Augenhöhlen, durch die der Wind pfiff und Staubwirbel über verrostete Maschinenteile jagte. Drinnen herrschte das Schweigen eines verlassenen Schlachtfeldes. Der Geruch von altem Motoröl, Schimmel und etwas Metallischem, beinahe Eisigem, lag in der Luft. Doch all das war nur die Bühne.
Mitten im Raum, umgeben von zerbrochenen Kisten und verrotteten Stoffballen, thronte der Kreis. Er war makellos, als wäre er mit chirurgischer Präzision gezogen worden – ein leuchtendes Rot, das im Dämmerlicht wie frisches Blut schimmerte. Doch das eigentliche Kunstwerk lag in seiner Mitte.
Charles Wainwrights nackter Körper war zur Schau gestellt wie ein Opfertier. Sein blasser Leib kontrastierte grotesk mit dem Dunkel des Bodens. Die Arme hinter dem Kopf verschränkt, als hätte man ihn gefesselt, bevor man ihn fallen ließ. Sein Gesicht – einst vielleicht attraktiv, mit aristokratischen Zügen – war erstarrt in einem Ausdruck zwischen Entsetzen und Erlösung. Seine Kehle war mit einem sauberen Schnitt von links nach rechts geöffnet worden. Geronnenes Blut bildete ein schwarzes Kissen unter seinem Nacken. Auf seiner Brust ruhte die Sichel. Sie war nicht rostig, sondern poliert, ihr Griff aus Ebenholz glänzte wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Die Spitze zeigte genau auf sein Herz – eine stumme Anklage.
Um die Szenerie herum brummte die Routine des Horrors. Forensiker in weißen Overalls knieten zwischen den Trümmern, sammelten Fasern in durchsichtigen Tütchen oder fotografierten Fußabdrücke, die sich im Staub abzeichneten. Gelbe Markierungen mit Nummern säumten den Kreis wie eine blasphemische Girlande. Ein Beamter mit müden Augen maß den Abstand zwischen der Sichel und Wainwrights linker Hand, als könnten Zentimeter das Warum erklären.
Der Gerichtsmediziner, Dr. Arthur Llewelyn, hockte neben der Leiche. Seine dürren Finger bewegten sich über Wainwrights Handgelenke, suchten nach Einschnitten, Abwehrwunden, irgendeinem Zeichen des Kampfes. Seine Brille reflektierte das Blitzlicht der Kameras, wodurch seine Augen zu silbernen Scheiben wurden. „Todeszeitpunkt zwischen 05 und 06 Uhr“, murmelte er in sein Diktiergerät. „Keine sichtbaren defensiven Verletzungen. Die Zerstörung des Kehlkopfes erfolgte…“
Draußen tobte ein anderer Kampf. Polizeiautos versperrten die Zufahrt, ihre Blaulichter zuckten über die Ziegelmauern wie kalte Geister. Journalisten drängten gegen die Absperrung, riefen Fragen in die Kälte, die wie verlorene Schreie im Wind verhallten. „Inspector! Wurde hier ein Ritual durchgeführt?“ „Gibt es Verbindungen zu den Morden in Whitechapel?“ Eine Reporterin mit feuerrotem Mantel versuchte, ihr Mikrofon unter dem Absperrband hindurchzuschieben, bis ein uniformierter Beamter sie barsch zurückwies.
Ein dunkler Ford Mondeo kam mit knirschenden Reifen am Straßenrand zum Stehen. Die Fahrertür öffnete sich, und Ethan Alaric Hawthorne stieg aus.
Die Kameras, die Kälte, das Verbrechen – nichts davon brachte auch nur ein Zucken in seine Miene. Mit 38 Jahren hatte er genug gesehen, um zu wissen, dass es immer schlimmer kommen konnte.
1,75 Meter, aufrechte Haltung, der scharfe Blick tiefgrüner Augen, die mehr wahrnahmen, als er preisgab. Dunkelbraune Haare, bereits von ersten grauen Strähnen durchzogen, kurz geschnitten, aber ohne übertriebene Sorgfalt. Ein dunkler Einreiher-Anzug, akkurat, aber nicht perfekt. Seine Schuhe – schwarze Oxfords – trugen den Staub langer Arbeitstage.
Er schritt vorwärts, sein schwarzer Mantel wehte hinter ihm wie ein Cape. Als er sich unter dem Polizeiband hindurchduckte, traf ihn ein Blitzlicht – für einen Augenblick war sein Profil verewigt.
Drinnen empfing ihn das vertraute Chaos. Das Summen der Stimmen, das Klicken der Kameras, der beißende Geruch nach Chemikalien, die über das Blut gesprüht wurden. Doch hinter all dem lauerte etwas anderes. Eine Spannung, elektrisch aufgeladen, als halte die Luft den Atem an – kurz vor der Entladung.
Seine Kollegen waren bereits da.
Detective Sergeant Daniel Carter stand mit verschränkten Armen am Rand des Tatorts, sein kantiges Gesicht von Skepsis gezeichnet. Athletische Statur, dunkle Stoppeln auf der Kieferlinie, rastlose, dunkle Augen. Er trug einen dunklen Anzug, das Hemd offen am Kragen, als wäre die Krawatte längst zur Nebensache geworden.
Neben ihm stand Detective Constable Alexandra Fraser – eine Mischung aus analytischer Präzision und roher Entschlossenheit. 1,70 Meter groß, sportlich, mit intensivem Blick aus hellgrau-blauen Augen. Ihr dunkelbraunes Haar war zu einem praktischen Pferdeschwanz gebunden, ihr schwarzes Lederjackett wirkte, als hätte es schon zu viele lange Nächte überstanden.
Ethan trat näher, sein Blick glitt über die Leiche. Ein Moment des Schweigens. Dann sah er zu Daniel.
„Morgen – Was haben wir hier?“
„Hawthorne. Morgen.“ Daniel nickte ihm zu, die Arme noch immer verschränkt. „Willkommen im Tollhaus. Der Typ da drüben …“ Er deutete mit dem Kinn zum Kreis. „… ist Charles Wainwright. 52, alleinstehend, Vorstandsvorsitzender von der Blackwood & Harcourt Bank. Und seit letzter Nacht das neueste Mitglied im Club der Leichen mit theatralischem Auftritt.“
Alexandra hatte ihr Notizbuch bereits aufgeschlagen. „Keine Überwachungskameras im Umkreis von 500 Metern“, sagte sie, ohne den Blick von ihren Notizen zu heben. „Zeugen? Null. Der Nachtwächter hat um 22 Uhr seine Runde gedreht und nichts gehört. Der Körper wurde um 7:30 Uhr von einem Obdachlosen gefunden, der nach Altmetall suchte.“ Sie biss sich auf die Unterlippe. „Und die Sichel…das ist ihr Spezialgebiet Inspector. Deshalb hat man Sie gerufen. Morgen übrigens.“
Ethan trat näher, kniete sich neben die Leiche. Sein Schatten fiel auf Wainwrights Gesicht, ließ die leeren Augenhöhlen noch tiefer erscheinen. Er studierte die Sichel, die Art, wie sie genau auf dem Brustbein balanciert wurde. Eine Botschaft. Oder eine Warnung. „Wer hat ihn identifiziert?“, fragte er, ohne aufzublicken.
„Seine Papiere – sie lagen neben ihm. Sind bereits eingetütet.“, antwortete Daniel.
Ethan richtete sich auf, die Knie knackten leise. Sein Blick wanderte zu den Wänden, zu den zerrissenen Stromkabeln, die von der Decke hingen.
Plötzlich blieb sein Blick an einer Stelle des Bodens haften, wenige Meter rechts vom Kreis. Er ging in die Hocke, zog eine Latexhandschuhe aus der Manteltasche. Zwischen Splittern von zerbrochenem Glas lag etwas – ein kleines, metallisches Objekt. Er hob es vorsichtig auf.
Eine Münze – aber nicht britisch. Sie zeigte das Profil einer Frau mit verschleiertem Gesicht, umgeben von unleserlichen Buchstaben.
„Das gehört nicht zur ursprünglichen Einrichtung“, murmelte er.
Daniel trat näher. „Eine Drachme? Oder ein Souvenir?“
Ethan steckte die Münze in ein Beweismittelbeutelchen. „Oder eine Einladung. Oder Nichts.“
Ein einfacher Polizist, jung, schmal, mit nervösen Händen, trat an Daniel heran. Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch, als er Daniel etwas ins Ohr flüsterte. Ethan konnte nicht verstehen, was gesagt wurde, aber er erkannte das angespannte Zucken in Daniels Kiefer, die Art, wie seine Augen für den Bruchteil einer Sekunde dunkler wurden. Dann drehte er sich zu Ethan um.
„In seiner Wohnung wurde eine weitere Leiche gefunden.“
Ein Satz, gesprochen ohne Eile, aber schwer wie Blei.
Ethan schloss kurz die Augen. Das Muster verdichtete sich. Ein Opfer war nie genug.
„Wer?“
„Victor Barrows. Vermutlich sein Leibwächter.“
Ethan nickte knapp. „Ich spreche kurz mit dem Gerichtsmediziner. Danach sehen wir uns die Wohnung an.“
Mit schnellen Schritten überquerte er das Chaos in der Lagerhalle, wich öligen Pfützen und herumwuselnden Forensikern aus. Dr. Llewelyn stand noch immer über Wainwrights Leiche gebeugt, sein dürrer Körper in einem Schutzanzug gehüllt, das Diktiergerät fest in der Hand.
„Irgendwelche Erkenntnisse?“, fragte Ethan direkt.
Llewelyn sah kurz auf, seine Brille rutschte leicht über den Nasenrücken. „Noch nichts Konkretes, Inspector. Ich brauche mehr Zeit. Ich will ihn aufschneiden, bevor ich spekuliere.“
Ethan presste die Lippen zusammen. „Holen Sie mich in der Pathologie dazu. Ich will alles wissen.“
Der Mediziner nickte. „Wie immer – ich gebe Ihnen Bescheid.“
Ethan sah über seine Schulter zu Daniel zurück. „Kommen Sie? Wir haben noch eine Leiche.“
Die Fahrt zur Wohnung war kurz. Die Straßen waren relativ ruhig, nur wenige Autos zogen durch das erwachende London. Als sie am Hochhaus hielten, in dem Charles Wainwright seine luxuriöse Dachgeschosswohnung besessen hatte, warteten bereits mehrere Beamte vor dem Eingang. Ethan betrat das Gebäude mit einem mulmigen Gefühl – eine Ahnung, dass sich hier nicht einfach nur eine Fortsetzung des Albtraums verbarg, sondern ein Puzzlestück, das alles schlimmer machte.
Die Wohnung war ein Schlachtfeld.
Glasscherben knirschten unter seinen Schuhen. Zerbrochene Flaschen, Sektgläser mit klebrigen Resten, verschüttete Zigarrenasche, deren Rauch noch immer in den Vorhängen hing. Aufgeschlitzte Polster, ein umgeworfener Couchtisch, teurer Kaviar, der sich in einen dunklen Fleck auf dem Teppich verwandelt hatte. Der Boden glänzte vor verschüttetem Alkohol. Das Licht, das durch die bodentiefen Fenster fiel, ließ die Szene noch unwirklicher erscheinen.
Die Spurensicherung war überall. Gelbe Markierungen säumten den Raum, während Beamte in weißen Overalls Beweismittel eintüteten. Ethan hörte Gesprächsfetzen im Hintergrund – eine Stimme, fest, routiniert, unterbrochen von kurzen Pausen, in denen jemand Notizen machte.
„Um etwa vier Uhr ging der letzte Gast.“
„Wir haben hier alles dokumentiert.“
„Gesicherter Bereich.“
„Auf den Kameras sieht man nichts.“
Ethan folgte der Stimme mit dem Blick. Ein Mann in Uniform sprach mit einem Beamten. Der Nachtportier, erkannte Ethan. Ein schmaler Typ, um die fünfzig, mit eingefallenen Wangen und tiefen Augenringen. Er sah aus, als hätte er in den letzten Jahren zu viele solcher Nächte erlebt.
Doch Ethan hatte gerade nur Augen für den Koi-Teich.
Er trat näher, während Beamte mit Gummistiefeln bereits um das Wasserbecken herumstanden. Auf der künstlich glatten Wasseroberfläche trieb eine dunkle Gestalt – reglos, gefangen in einer verzerrten Stille, die im krassen Gegensatz zur Zerstörung ringsum stand.
Victor.
Sein massiger Körper lag schwer im Wasser, das dunkle Haar fächerte sich um sein Gesicht. Sein maßgeschneiderter Anzug war durchnässt, der Stoff klebte an ihm wie eine zweite Haut. Das Licht der Deckenleuchten flackerte über das Wasser, brach sich in flüssigen Mustern auf seiner bleichen Haut.
Dr. Llewelyn trat nun an den Rand des Beckens, zog sich neue Handschuhe über und kniete sich hin. Mit einer leichten Handbewegung gab er den Befehl, den Leichnam herauszuholen.
Zwei Beamte griffen nach Victors Armen, zogen ihn langsam aus dem Wasser. Tropfen lösten sich von ihm, platschten auf den Marmorboden. Sein massiger Körper landete mit einem dumpfen, endgültigen Geräusch auf der Plane. Das Geräusch war unangenehm – zu schwer, zu endgültig.
Der Gerichtsmediziner beugte sich über den Körper, strich mit Daumen und Zeigefinger über Victors Kiefer. Dann öffnete er vorsichtig ein Auge.
Ethan sah es sofort.
„Tardieu-Flecken.“ Llewelyns Stimme war ruhig, fast beiläufig, als er die rötlichen Punkte in der Bindehaut des Auges betrachtete. „Ein klassisches Zeichen für Ertrinken. Die endgültige Bestätigung gibt es aber erst im Labor.“
Er richtete sich auf, warf Ethan einen schnellen Blick zu. „Mehr kann ich Ihnen im Moment nicht sagen, Inspector.“
Ethan betrachtete Victor für einen langen Moment. Der Leibwächter von Charles Wainwright. Ein Mann, der sicher wusste, wie man überlebt – und trotzdem lag er jetzt hier.
Er nahm einen tiefen Atemzug.
Etwas ergab hier keinen Sinn.
***
© Armin Knebel, 2025
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