Dunkle Detonation

Eine Explosion. Eine Frist. Und ein Täter, der London brennen sehen will.

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Cover: Dunkle Detonation

Band 5

Klappentext: Als eine Explosion das luxuriöse Kaufhaus Westminster Galleries erschüttert, bleibt nichts als Rauch, Trümmer – und ein verstörender Videoclip mit einer eiskalten Botschaft: In 48 Stunden wird London erneut brennen.

Detective Ethan Hawthorne, Spezialist für forensische Waffentechnologie, wird diesmal persönlich in den Fall gezogen – denn seine Familie entgeht dem Inferno nur knapp. Gemeinsam mit der brillanten Sprengstoffexpertin Evelyn Mercer jagt er einen Täter, der nicht nur tödlich präzise plant, sondern auch eine düstere Vergangenheit mit sich trägt.

Während die Uhr gnadenlos tickt, stoßen die Ermittler auf eine Spur, die tief ins Herz politischer Macht führt – und in Ethans eigenes Dunkel.

Band 5 der Thrillerreihe um Ethan Hawthorne – explosiv, emotional und brandaktuell.

  • ASIN: B0FXH2Y8X6
  • Herausgeber: SaarPoesie
  • Erscheinungstermin: 23. Oktober 2025
  • Sprache: Deutsch
  • Seitenzahl der Taschenbuch-Ausgabe: 266 Seiten
  • ISBN-13: 979-8265037107
  • Abmessungen: 12.7 x 1.7 x 20.32 cm

Vorwort:

Eigentlich sollte dies Ethans letzte Geschichte werden. Das war der Plan. Ein würdiger Abschluss, ein Finale, das seine Reise abrundet. Doch während des Schreibens wurde mir etwas klar: Ich kann ihn nicht gehen lassen.

Ethan Hawthorne ist mir ans Herz gewachsen – mit all seinen Ecken und Kanten, seiner unordentlichen Ordentlichkeit, seiner fast schon besessenen Art, die Welt in klare Strukturen zu zerlegen, nur um dann doch im Chaos zu landen. Ich mag seine Pedanterie genauso wie seine Schwächen, seine Zweifel, seine vorsichtigen Versuche, ein besserer Vater für Sam zu sein.

Sollte das wirklich vorbei sein? Nein!

Deshalb kann ich an dieser Stelle schon verraten: Er wird nicht sterben. Er wird weiterhin durch die Straßen Londons streifen, in Fälle verstrickt werden, die seinen scharfen Verstand und seine Geduld auf die Probe stellen. Ich habe noch viele Ideen, viele dunkle Geheimnisse und gefährliche Aufträge für ihn.

Doch jetzt konzentrieren wir uns erst einmal auf diese Geschichte. Eine Geschichte, die ihn – und uns – an Grenzen bringen wird.

Lasst uns anfangen.

Armin Knebel

Prolog:

Staub rieselte leise zwischen den gewaltigen Rundbögen der Saint Paul’s Cathedral herab. In der dämmrigen Stille des Morgens hockte ein Mann auf einem schmalen Gerüst, hoch oben unter dem gewaltigen Gewölbe. Das fahle Licht der ersten Sonnenstrahlen sickerte durch die hohen Fenster und warf lange Schatten auf das Mauerwerk.

Er war nur ein Bauarbeiter – einer von vielen, die hier in den letzten Wochen Reparaturen durchgeführt hatten. Sein Kittel war mit Staub überzogen, die Kelle in seiner Hand bewegte sich ruhig und routiniert. Mit geübten Fingern setzte er einen lockeren Stein neu, ließ den Mörtel in die Fugen gleiten. Seine Bewegungen waren unauffällig.

Einen Moment hielt er inne, sein Blick glitt über das Innere der Kathedrale. Die gewaltige Kuppel wölbte sich hoch über ihm, ein Meisterwerk aus Stein und Licht. Im Kirchenschiff, tief unter ihm, lag der Boden in friedlicher Stille. Die Bänke waren leer, nur das entfernte Echo eines Schrittes hallte durch die Weiten des Raumes.

Er atmete langsam aus, zog aus seiner Tasche ein kleines, unscheinbares Gerät. Es war nicht größer als eine Männerfaust, aus dunklem Metall, mit kaum sichtbaren Rillen. Fast beiläufig schob er es in die Lücke zwischen die Steine, drückte es in den frischen Mörtel. Dann strich er mit der Kelle darüber, versiegelte es mit ruhiger Hand.

Ein letzter Blick nach unten. Alles war, wie es sein sollte.

Er zog die Handschuhe aus, klopfte sich den Staub von der Hose und begann, langsam den Abstieg über das Gerüst.

Hinter ihm trocknete der Mörtel. Und mit ihm etwas, das niemand bemerken sollte.

Kapitel 1: „Fortuna“

Es war ein warmer Junimorgen 2003, als in einem der traditionsreichsten Häuser Londons neues Leben erwachte. Das prächtige Kaufhaus, gelegen an einer der nobelsten Straßen, war eine wahre Institution des Luxus. Mit seiner imposanten Fassade aus cremefarbenem Stein und den hohen Bogenfenstern, durch die das warme Sonnenlicht auf polierten Marmor fiel, strahlte es eine zeitlose Eleganz aus. Goldene Lettern über dem Haupteingang verkündeten stolz den Namen: Westminster Galleries.

Ein uniformierter Portier mit makellosem Handschuhwerk hielt die schwere Glastür auf, während die ersten Kunden eintraten – elegante Damen mit Seidenschals und Designertaschen, erfolgreiche Geschäftsleute, Touristen mit großen Augen und Kreditkarten, bereit, sich dem Vergnügen des Einkaufens hinzugeben.

Drinnen war die Luft erfüllt von einem sanften Mix aus französischen Parfüms, frisch gemahlenem Kaffee aus dem Gourmet-Bereich im Erdgeschoss und dem dezenten Duft von poliertem Holz. Eine riesige Kuppel aus Buntglas ließ das Licht in einem warmen Schimmer über die Haupthalle tanzen, wo eine Marmorstatue der Göttin Fortuna, ein Symbol für Wohlstand und Glück, über den emsigen Betrieb wachte.

Die Erdgeschoss-Etage war ein Paradies für Liebhaber von Luxusgütern. In gläsernen Vitrinen funkelten edle Schmuckstücke renommierter Juweliere, während die neuesten Parfums großer Modehäuser von elegant gekleideten Verkaufsassistenten präsentiert wurden. Ein Flügelspieler sorgte für sanfte Klavierklänge, die sich perfekt mit dem leisen Murmeln der Kunden mischten.

Weiter oben, im Mode-Department, erstreckten sich großzügige Salons mit den neuesten Kollektionen internationaler Designer. Diskrete Personal Shopper führten wohlhabende Kunden durch private Anprobezimmer, in denen edler Schaumwein gereicht wurde. Junge Modebegeisterte strichen ehrfürchtig über fließende Seidenstoffe, während sie sich vorstellten, Teil dieser Welt zu sein.

Das Gourmet-Paradies im Untergeschoss war ein weiteres Highlight. Hier gab es erlesene Delikatessen aus aller Welt: kunstvoll verzierte Pralinen, frisch gebackene Teestückchen, edle Fischrogen, handverlesene Aromatees und eine Käseauswahl, die jeden Feinschmecker in Versuchung führte. Der Duft von frisch gebackenem Brot lockte Gäste ins hauseigene Café, wo eine charmante Kellnerin mit wohlklingender Stimme eine dampfende Tasse Tee servierte.

Und dann gab es noch die legendäre Spielzeugabteilung im dritten Obergeschoss – ein magisches Reich voller handgefertigter Puppenhäuser, maßgeschneiderter Stofftiere und einer Modelleisenbahnlandschaft. Kinder drückten sich die Nasen an den glitzernden Schaufenstern platt, während ihre Eltern nach exklusiven Geburtstagsgeschenken suchten.

Gegen Abend, wenn sich die Lichter der Westminster Galleries in den gläsernen Schaufenstern spiegelten, wurde das Kaufhaus nicht weniger lebendig. Paare flanierten durch die kunstvoll dekorierten Hallen, wohlhabende Kunden nahmen an exklusiven Weinproben teil, und in der Sekt-Bar auf der obersten Etage ließ man den Tag mit Blick über die Lichter der Stadt ausklingen.

Westminster Galleries war nicht einfach nur ein Kaufhaus. Es war ein Erlebnis, ein Symbol für Stil, Eleganz und den zeitlosen Luxus der Stadt. Ein Ort, an dem Geschichte auf Moderne traf und jeder Besuch zu einer unvergesslichen Erinnerung wurde.

Sam Beaumont lief mit wachen Augen durch die Gänge. Er war dreizehn, aber er war sich nicht zu alt, um sich für Technikspielzeug zu begeistern – oder für die mechanische Lokomotive, die gerade mit präziser Eleganz ihre Runden auf der riesigen Modellanlage drehte. Sein dunkelbraunes Haar war, wie immer, ein wenig zerzaust, und in seinen hellgrauen Augen funkelte die Neugier eines Jungen, der es liebte, Dinge zu zerlegen, um herauszufinden, wie sie funktionierten.

Sandra, seine Mutter, folgte ihm mit einem milden Lächeln. In ihrer kastanienbraunen Ledertasche, die an ihrer Schulter baumelte, steckte ein Notizbuch – ein Relikt ihres Berufs als Journalistin, denn sie notierte sich gerne alles, was ihr wichtig erschien. Doch heute galt ihre Aufmerksamkeit einzig und allein ihrem Sohn.

„Mum, schau dir das an!“ Sam blieb vor einer Glasvitrine stehen. Darin stand ein kompliziert konstruiertes Uhrwerk, eingebaut in einen Spielzeugroboter, der mit einer Serie präziser Bewegungen seine Arme hob und eine kleine metallische Melodie spielte. Seine feinen Finger tippten vorsichtig gegen das Glas. „Wie machen die das? Ist das ein Federmechanismus oder läuft da ein Magnet im Inneren?“

Sandra lachte leise. „Vielleicht solltest du einfach mal fragen?“

Ein älterer Verkäufer, ein Herr mit gewellten grauen Haaren und einem Nadelstreifenanzug, trat näher. „Ah, der Silver Clockwork Automaton! Ein Meisterwerk britischer Handwerkskunst. Läuft tatsächlich über ein raffiniertes Federmechanismus-System, mein Junge. Hergestellt in limitierter Auflage.“

Sam schürzte nachdenklich die Lippen. „Zu teuer, oder?“

Sandra seufzte spielerisch und zog ihn sanft weiter. „Sagen wir mal so – wenn du dein ganzes Taschengeld für die nächsten fünf Jahre sparst, könnte es klappen.“

Sie bummelten weiter durch die Gänge, vorbei an handgefertigten Teddybären und Puppen, die in Miniatur-Teesalons saßen. Sam zeigte auf eine riesige Modelleisenbahnlandschaft, die eine exakte Miniatur-Nachbildung Londons darstellte – sogar das berühmte Riesenrad der Stadt drehte sich.

„Dad hätte das geliebt“, murmelte er unvermittelt.

Sandra schwieg einen Moment. Sie wusste, dass Ethan Hawthorne, Sams Vater, nicht oft Zeit für solche Momente hatte. Er war ein brillanter Kopf, ein Mann der Logik – doch Gefühle auszudrücken war nie seine Stärke gewesen. Trotzdem wusste sie, dass Sam sich nach mehr Kontakt sehnte.

„Vielleicht könnt ihr ja mal zusammen hierherkommen“, sagte sie schließlich, während sie eine kleine Uhr aus Holz in die Hand nahm. „Er könnte dir erklären, wie diese Mechanismen funktionieren.“

Sam zuckte mit den Schultern, aber sein Blick blieb an der Miniaturstadt hängen. „Vielleicht. Ich weiß nicht … er ist immer so beschäftigt.“

Sandra strich ihm sanft durchs Haar. „Er gibt sich Mühe…“

BOOOOM.

Ein Donnerschlag, so gewaltig, dass er die Luft selbst zu zerreißen schien. Eine Druckwelle raste durch die prunkvollen Gänge der Westminster Galleries, zerschmetterte Glasvitrinen, riss Schaufenster aus den Fassaden, zerbarst die riesige Kuppel und ließ das Glas in einem Schauer aus bunten Trümmern herabregnen.

Ein greller Feuerball schoss durch die Gänge, ein hungriges Ungetüm aus Flammen und Rauch. Die Druckwelle warf Menschen durch die Luft wie zerbrechliche Puppen, schleuderte sie gegen Marmorsäulen, über Verkaufstresen, durch Fenster. Arme, Beine, Körper – zerrissen, zerfetzt, verstümmelt.

Die massive Fortuna-Statue in der Haupthalle, einst Symbol für Wohlstand und Glück, kippte. Ihr Marmorfuß löste sich vom Sockel, dann stürzte sie donnernd auf einen Kinderwagen, zerschellte in tausend Stücke.

Eine Sekunde der Stille.

Ein kollektiver Schrei. Ein Chor aus Schmerz, Angst und Verzweiflung, der das einst so harmonische Murmeln des Kaufhauses ersetzte.

Die Sprinkleranlage sprang an. Erst ein leises Zischen, dann ergossen sich kalte Wasserströme aus den Decken. Tropfen mischten sich mit Blut, verdünnten es zu rötlichen Pfützen auf den zerschmetterten Marmorböden. Das Licht flackerte. Überall Funken, ausgerissene Kabel, die tückisch zischend zuckten. Die großen Kronleuchter, eben noch strahlende Insignien des Luxus, hingen nun zerstört und schief von der Decke, manche nur noch gehalten von wenigen, bedrohlich knarzenden Stahlseilen.

Inmitten der Trümmer – Bewegung. Verstörte Überlebende tasteten sich durch den Staub, stolperten über zerfetzte Kleider und zerbrochene Glasvitrinen. Ein Mann, blutüberströmt, rief nach seiner Frau. Ein Kind, Splitter in der Wange, saß zitternd zwischen den Trümmern eines einst makellosen Regals. Jemand wimmerte, jemand schrie.

Eine einzelne Stimme, so durchdringend, dass sie durch das Chaos schnitt wie ein Schwert.

Eine Frau stand vor der umgestürzten Fortuna-Statue. Ihr Körper zitterte, die nassen Haare klebten an ihrem Gesicht. Ihre Knie gaben nach, aber sie fiel nicht. Sie konnte nicht. Ihre Hände, blutbefleckt, ausgestreckt, als könnte sie die Zeit zurückdrehen.

Der Kinderwagen.

Zerquetscht unter dem tonnenschweren Marmor.

Ihr Schrei war roh, ungebändigt, ein Laut, der durch Mark und Bein fuhr. Ein Schmerz, der sich aus tiefster Seele löste, der sich über die Zerstörung legte, als wäre er mächtiger als die Explosion selbst. Ihr ganzer Körper bäumte sich auf, dann sackte sie in sich zusammen, ließ sich auf die Knie fallen, während ihr Blick starr auf die Trümmer gerichtet blieb.

Blut, Asche, Tränen – alles vermischte sich. Doch nichts davon konnte das entsetzliche Bild vor ihr verwischen.

Die Statue der Fortuna lag in Stücken.

Und mit ihr ihr Glück.

Die Westminster Galleries, eben noch ein Tempel des Wohlstands, war binnen Sekunden zu einer Hölle aus Feuer, Rauch und Tod geworden.

***

Die Teetasse in Ethans Hand war noch warm, der feine Dampf kräuselte sich über der Oberfläche der bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Mit dem Löffel rührte er langsam darin herum, ein automatischer, gedankenverlorener Reflex. Seine Augen glitten über die vergilbten Seiten des Buches in seiner anderen Hand – Das Parfum von Patrick Süskind. Ein Klassiker, eine Geschichte über Obsession, Duft und Dunkelheit.

Das kleine Café in der Seitenstraße war eines dieser unscheinbaren Londoner Lokale, versteckt zwischen viktorianischen Backsteinfassaden. Abseits des Trubels, ein Ort, an dem er für einen Moment die Welt draußen vergessen konnte. Die Luft roch nach frisch gemahlenem Kaffee, nach warmem Gebäck, nach Regen, der sich in den Fugen des Kopfsteinpflasters gesammelt hatte.

Ein Zittern. Kaum mehr als eine Erschütterung tief im Boden, ein dumpfer Stoß, als hätte jemand einen gewaltigen Vorschlaghammer in der Ferne auf den Asphalt geschlagen. Eine Sekunde später folgte ein leiser, aber schneidender Knall, gerade laut genug, dass es den Löffel in Ethans Hand stoppen ließ.

Die Fensterscheiben bebten.

Er hielt inne. Blickte auf. Stille – oder vielleicht nur die Stille vor dem Chaos.

Langsam legte er das Buch zur Seite, sein Blick wanderte zum Fenster. Draußen, auf der Straße, schien die Welt für einen Moment unentschlossen. Einige Menschen gingen weiter, als wäre nichts geschehen. Andere hielten inne, drehten die Köpfe, suchten mit den Augen nach einer Erklärung. Ein paar Passanten setzten den Schritt schneller, als hätten sie instinktiv das Bedürfnis, Distanz zu schaffen – weg von dem, was auch immer das gewesen war.

Ethan spürte es. Ein Ziehen in der Magengrube, eine Anspannung, die aus dem Nichts kam, aber nicht ignoriert werden konnte.

Er stand abrupt auf, schob den Stuhl zurück, sodass das Holz leise über die Steinfliesen schabte. Im nächsten Moment war er bereits draußen.

Die Hauptstraße war nur wenige Schritte entfernt. Als er sie erreichte, blieb er einen Moment stehen. Und dann sah er es.

In der Ferne, kaum größer als eine verwaschene Silhouette am Himmel, stieg eine dünne Rauchsäule in den Himmel. Nicht groß, nicht bedrohlich – noch nicht. Doch sie war da. Schwarz gegen das graue Wolkendach Londons.

Verdammt.

Er drehte auf dem Absatz um, hetzte zurück ins Café. Die Kellnerin – ein junges Mädchen mit dunklen Locken und müden Augen – sah ihn verwirrt an, als er hastig einen Schein auf den Tisch warf.

„Stimmt so.“ Seine Stimme klang angespannter, als er erwartet hatte.

Draußen hörte er es bereits. Nicht laut, aber unüberhörbar. Sirenen. Erst eine, dann zwei, dann mehr.

Ethan stieß die Tür auf. Sein Ford Mondeo – Baujahr ’96, kein Schönheitspreis, aber zuverlässig – stand ein paar Meter weiter am Straßenrand. Die Motorhaube glänzte matt unter der trüben Sonne.

Er öffnete die Tür, schwang sich hinein, drehte den Schlüssel. Der Motor erwachte mit einem brummenden Grollen, als hätte auch er geahnt, dass der Tag eine unerwartete Wendung nehmen würde.

Mit einem Blick auf die dunkler werdende Rauchsäule trat Ethan das Gaspedal durch. Er wusste nicht, was dort passiert war. Aber er wusste, dass es nichts Gutes war.

Er spürte das Vibrieren in seiner Jackentasche noch bevor der Klingelton durch das Dröhnen des Motors schnitt. Fluchend griff er mit einer Hand ins Leder, während die andere das Lenkrad fest umklammert hielt. Er hasste es, während der Fahrt zu telefonieren. Hektische Bewegungen, eine Sekunde Unaufmerksamkeit – ein Fehler, und der Tag könnte noch schlimmer enden, als er es ohnehin schon befürchtete.

Dennoch riss er das Handy hervor, warf einen kurzen Blick aufs Display. Sandra.

Ein eiskalter Knoten zog sich in seinem Magen zusammen.

„Ja?“ Seine Stimme war schärfer als beabsichtigt.

Am anderen Ende brach ein Sturm los. Sandras Atem ging hastig, ihre Worte kamen in abgehackten Fetzen – unzusammenhängend, chaotisch.

„Ethan – oh Gott – eine Explosion – Feuer – Sam – so viele Tote – die Westminster Galleries –“

Sein Griff um das Lenkrad verstärkte sich, Knöchel traten weiß hervor. Die Welt um ihn herum zog in einem verzerrten Film aus Farben und Bewegung vorbei, doch sein Kopf war mit einem Mal erschreckend klar.

Die Westminster Galleries.

Er hatte es gewusst. Das, was er gehört hatte, das, was er gespürt hatte – es war keine Einbildung gewesen.

„Sandra!“, unterbrach er sie, zwang sich, ruhig zu bleiben. „Wo bist du? Ist Sam bei dir?“

Eine Sekunde Stille, dann ein Schluchzen. „Ja, ja, es geht ihm gut. Wir waren im oberen Stock – in der Spielzeugabteilung. Die Explosion war unten. Aber Ethan … es ist schrecklich. Überall…“

Er brauchte nicht, dass sie es aussprach. Sein Verstand lieferte ihm bereits die Bilder – Feuer, Trümmer, Schreie.

Er trat das Gaspedal durch.

Der Motor heulte auf, als der Wagen schneller wurde, der Tacho die Grenze zum gefährlichen Bereich durchbrach.

„Ich bin in fünf Minuten da.“

***


© Armin Knebel, 2025
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Armin Knebel

"Ich glaube nicht an perfekte Enden – nur an ehrliche."

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