Der letzte Vers
London im Nebel, ein junger Ermittler – und ein Mörder, der seine Spuren wie eine Botschaft hinterlässt. Für Ethan Hawthorne beginnt ein Fall, der ihn nicht nur durch eine düstere Stadt führt, sondern direkt in die Abgründe seiner eigenen Vergangenheit.
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Band 6 - Prequel
Klappentext: London, 1989. Die Straßen sind nass vom Nebel, die Dämmerung schwerer als gewohnt – und Detective Ethan Hawthorne steht am Anfang seiner dunkelsten Ermittlungen.
„Der letzte Vers“ ist der sechste Band der erfolgreichen Ethan-Hawthorne-Reihe – und zugleich ihr Prequel. In einem rauen, atmosphärischen Rückblick entführt der Roman in die späten Achtziger, wo Ethan noch ein junger Ermittler ist, getrieben von Pflichtgefühl, inneren Dämonen – und der leisen Ahnung, dass das Böse mehr als nur ein Gesicht hat.
Ein sadistischer Serienmörder hinterlässt verstörende Spuren in den Parks und Gassen Londons. An jedem Tatort: ein Stofflamm. Die Ermittlungen führen Ethan tief in das Herz einer kaputten Stadt – und noch tiefer in seine eigene Vergangenheit.
Ein fesselnder Kriminalroman voller psychologischer Tiefe, düsterer Atmosphäre und präziser Sprache – für Fans von britischem Noir und subtiler Abgründigkeit.
Infos
- ASIN: B0GHYF53J4
- Herausgeber: SaarPoesie
- Erscheinungstermin: 21. Januar 2026
- Sprache: Deutsch
- Seitenzahl der Taschenbuch-Ausgabe: 290 Seiten
- ISBN-13: 979-8275353525
- Abmessungen: 12.7 x 1.85 x 20.32 cm
Leseprobe
Vorwort:
Es war mir eine Herzensangelegenheit, dieses Prequel zu schreiben. Wer Ethan Alaric Hawthorne kennt, weiß, dass er ein Mann der Präzision und Kontrolle ist – doch niemand wird so geboren. Ich wollte zeigen, wie Ethan zu dem wurde, den wir heute kennen. Welche Ereignisse ihn geprägt haben, welche Entscheidungen ihn an diesen Punkt führten.
Besonders wichtig war mir seine Beziehung zu Sandra und Hank. Sandra, die ihn herausfordert, aber auch versteht. Hank, der nicht nur sein Mentor, sondern auch eine Art Vaterfigur für ihn ist. Ihre Dynamik war schon immer kompliziert, aber hier, in der Vergangenheit, offenbaren sich die Wurzeln dieser Bindungen – die Brüche, die sie geformt haben, die Momente, in denen Vertrauen aufgebaut oder zerstört wurde.
Beim Schreiben hatte ich unglaublich viel Spaß daran, in die wilden 80er Jahre zurückzukehren. Die Technik, die Mode, das Lebensgefühl – eine Ära des Wandels, voller Energie und Gegensätze. London in dieser Zeit war roh und lebendig, ein perfekter Hintergrund für die Geschichte, die sich entfaltet.
Ich hoffe, dieses Buch bringt euch Ethan ein Stück näher. Dass ihr nicht nur versteht, warum er ist, wie er ist, sondern vielleicht auch mit ihm fühlt – mit seinen Zweifeln, seiner Entschlossenheit und seinen inneren Kämpfen.
Viel Spaß beim Lesen!
Armin Knebel
Prolog:
Manchester, 1939:
Der Regen fiel in dichten Strömen, als William Brown die schmale Gasse entlangrannte. Tiefhängende Wolken pressten sich auf die Dächer, als wollten sie die Stadt erdrücken. Der Wind trieb den Geruch von Kohle, feuchtem Stein und rostigem Metall durch die Straßen. Sein Atem ging keuchend, seine Schuhe klatschten auf den nassen Boden, während er sich mit schnellen Schritten zwischen den Lagerhäusern hindurchschob.
Hinter ihm hörte er die Stimmen der Männer, die ihm folgten. Flüche, schweres Atmen, das dumpfe Stampfen von Stiefeln auf Kopfsteinpflaster.
„Lauf ruhig, du kleiner Bastard!“
William biss die Zähne zusammen und presste die Fäuste so fest, dass seine Fingernägel sich in die Haut gruben. Sie hatten ihm aufgelauert – wieder einmal. Eine Gruppe älterer Jungen aus seiner Straße, die Spaß daran fanden, ihn zu jagen, ihn gegen Wände zu drücken und ihm mit zerschlissenen Handschuhen ins Gesicht zu schlagen.
Es war immer dasselbe.
Seine Mutter hatte ihm gesagt, er solle nicht zurückschlagen. „Gewalt bringt nur noch mehr Gewalt“, hatte sie geflüstert, während sie seine Wangen mit einem feuchten Lappen abgetupft hatte, nachdem sie ihn zum dritten Mal in einer Woche nach Hause hatte humpeln sehen. „Ignorier sie, William. Geh ihnen aus dem Weg.“
Aber William wusste es besser. Die Welt ließ einem keine Wahl.
Er riss an einem rostigen Gartentor, stolperte hindurch und drückte sich keuchend hinter eine alte Ziegelmauer. Er hörte das Rufen der Jungen, das Getrappel von Füßen auf Pflastersteinen – aber sie liefen weiter. Keiner hatte gesehen, wohin er verschwunden war.
Langsam, vorsichtig richtete William sich auf. Der Regen tropfte von seinen Haaren auf seine Hände. Sein Herz pochte wild gegen seine Rippen.
Er sollte nach Hause gehen. Aber zu Hause wartete nur Stille. Eine dunkle, drückende Stille, unterbrochen vom gelegentlichen Klirren eines Glases, vom dumpfen Knall eines Faustschlags gegen eine Wand oder – schlimmer noch – gegen seine Mutter.
Sein Vater war kein Mann, der viel sprach. Er trank, er arbeitete in der Fabrik, er verlor beim Wetten Geld, das sie nicht hatten – und wenn der Frust zu groß wurde, dann gab es nur einen Ort, wo er ihn ausließ.
Die ersten Male hatte William es nicht verstanden. Er hatte sich schlafend gestellt, wenn er das Geräusch hörte, hatte sich tiefer unter seine dünne Decke gekauert und gehofft, dass es schnell vorbei war.
Aber irgendwann hatte er begriffen, dass es nie aufhören würde.
Dass Männer wie sein Vater nicht einfach aufhörten.
Und dass seine Mutter zu schwach war, um zu gehen.
An diesem Abend, als der Regen nachließ und die Dunkelheit in den engen Straßen von Manchester dicker wurde, fasste William einen Entschluss.
Er würde nicht so werden wie sein Vater.
Niemals.
Manchester, 1952:
William Brown legte den Schraubenschlüssel zur Seite, wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn und nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Der Motor des Wagens vor ihm schnurrte nun, als wäre er neu – und das bedeutete, dass er für heute Feierabend machen konnte.
Er spürte die Blicke der Männer in der Werkstatt, hörte ihr Lachen, ihre Sprüche. „Der kleine Schottensohn hat’s mal wieder gerichtet, was?“ – „Vielleicht kann er ja auch was anderes reparieren als Motoren?“
Er lachte mit ihnen, schüttelte den Kopf und schnappte sich sein Jackett.
Die Kneipe um die Ecke war dunkel und stickig, das Bier abgestanden, aber es war warm, und das war alles, was zählte. Er lehnte sich an den Tresen, zündete sich eine neue Zigarette an und ließ den Rauch durch die Nase ausströmen.
Er war kein Junge mehr.
Er war nicht mehr der, der weglief.
Er hatte gelernt, wie man sich Respekt verschaffte. Hatte gelernt, dass das Leben einem nichts schenkte – dass man sich nehmen musste, was man wollte. Und wenn jemand es einem wegnahm, dann nahm man es sich eben zurück.
„Noch ein Bier“, brummte er dem Barkeeper zu und zog einen zerknitterten Geldschein aus der Tasche.
Neben ihm bewegte sich jemand, und er sah aus den Augenwinkeln, wie sich eine Frau auf den Hocker setzte. Dunkle Locken, rote Lippen, ein Blick, der genau wusste, was er wollte.
„Kommst du von hier?“ fragte Charlotte.
William blies Rauch aus. „Von überall ein bisschen.“
Sie grinste. „Ein Vagabund, hm?“
Er sah sie an, musterte sie, ließ seinen Blick langsam über ihr Gesicht, ihren Hals, ihre schmalen Finger gleiten.
Vielleicht, dachte er.
Vielleicht war das ja der Weg, um sich selbst zu beweisen, dass er kein Feigling mehr war.
Vielleicht war das der erste Schritt.
Manchester, 1960:
William Brown zog den Gürtel aus seiner Hose.
„Rotzbengel.“
Sein Blick fiel auf den Jungen auf dem Boden – blass, schmal, mit großen, blassgrauen Augen.
Er wusste, was er war.
Er wusste, dass dieser Junge das Letzte war, das ihn noch an seine eigene Vergangenheit erinnerte. An die Furcht, an das Weglaufen, an die Schande, die er nie überwunden hatte.
Er war stärker als das.
Und er würde verdammt sein, wenn er zuließ, dass sein Sohn Mark zu so etwas wurde.
Der erste Schlag traf.
Dann der zweite.
Er achtete nicht darauf, ob der Junge schrie oder nicht.
Das war nicht wichtig.
Wichtig war nur, dass er lernte.
Dass er wusste, wie die Welt funktionierte.
Dass er niemals vergaß.
Und während er zuschlug, dachte William Brown nicht an seinen eigenen Vater.
Er dachte nur daran, dass man in dieser Welt entweder zuschlug – oder getroffen wurde.
Und er hatte seine Wahl längst getroffen.
Kapitel 1: „Mark“
Manchester, 1960:
Die Stadt war ein Moloch aus Backstein und Ruß, eingehüllt in das ewige Grau, das vom Himmel tropfte wie ein nie endender Schleier aus Asche. Der Geruch von Kohlefeuern hing in den engen Gassen, vermischt mit dem metallischen Duft der Fabriken, die Tag und Nacht ihren Qualm in den Himmel spuckten. Männer in dunklen Anzügen eilten durch die Straßen, die Schultern hochgezogen gegen die Kälte, während Frauen in gemusterten Kleidern und Kittelschürzen vor den Reihenhäusern standen, Zigaretten zwischen die Lippen geklemmt, den Blick müde, abgekämpft. Die 1960er begannen mit einer Mischung aus Hoffnung und Ernüchterung – das Wirtschaftswunder war noch nicht hier angekommen. Die Arbeiterklasse kämpfte weiter, kämpfte gegen leere Geldbörsen, gegen endlose Schichten in den Webereien, gegen die bittere Erkenntnis, dass sich wenig ändern würde.
Im kleinen Haus am Ende der Gasse, hinter einem niedrigen Zaun aus verrostetem Metall, war die Luft stickig. Nicht wegen der Kohleöfen, sondern wegen der Spannung, die in den Wänden hing wie der Geruch von abgestandenem Bier.
Mark saß auf dem Boden.
Er war sechs Jahre alt, ein Junge mit schmalen Schultern und großen, blassgrauen Augen. In seinen Händen hielt er ein Holzauto, stumpf vom vielen Spielen, die Räder speckig vom Schmutz seiner Finger. Er schob es langsam über das verwitterte Linoleum, hin und her, hin und her – ein leises Geräusch, fast ein Flüstern. Ein Rhythmus, der ihn beruhigte.
Doch draußen im Flur war der Rhythmus ein anderer.
Schreie.
Ein dumpfes Poltern.
Das Geräusch von etwas Zerbrechendem – Geschirr, vielleicht eine Tasse. Dann wieder Stimmen. Lauter jetzt. Schärfer.
„Verdammte Frau! Weißt du überhaupt, was das kostet?“
„Ich tue, was ich kann!“ Die Stimme seiner Mutter, flehend, atemlos. „Aber wir haben kein Geld für noch mehr—“
Ein Knall.
Mark zuckte nicht einmal mehr zusammen.
Er wusste, was als Nächstes kam.
Seine Mutter würde jetzt auf dem Boden liegen, die Hand an die Wange gepresst, während sein Vater über ihr stand. Ein schwerer Mann, ein Mann, der nach billigem Bier roch und nach Zigaretten, die bis auf den Filter geraucht wurden.
Ein Schatten tauchte in der Tür auf.
„Rotzbengel!“
Der Junge hielt sein Auto still.
Sein Vater schwankte, breitbeinig stehend, die Augen blutunterlaufen. Seine Knöchel waren weiß von der Faust, mit der er eben noch geschlagen hatte. Doch das war nicht das Schlimmste.
In der anderen Hand hielt er den Gürtel.
Dicke, abgewetzte Riemen aus Leder.
Mark wusste, was das bedeutete.
„Sitzt hier wie ein verdammter Prinz, während deine Mutter schuftet!“ Die Stimme war schwerfällig, lallend, aber nicht weniger bedrohlich. „Vielleicht lernst du mal, was Arbeit ist, du nutzloser kleiner Mistkerl.“
Der Junge blieb sitzen. Regungslos. Er wusste, dass Weglaufen nichts brachte. Das wusste er seit Langem.
Dann kam der erste Schlag.
Der Gürtel peitschte durch die Luft, ein dumpfes Klatschen, als das Leder auf Haut traf. Feuer schoss durch Marks Rücken, ließ ihn zusammenzucken, ließ ihn die Zähne zusammenbeißen.
Nicht schreien.
Nie schreien.
Der zweite Schlag kam härter. Dann ein dritter. Ein vierter.
Das Brennen fraß sich tief in seine Haut, hinterließ rote Striemen, die später blau anlaufen würden.
Er biss die Lippen auf. Blut schmeckte nach Eisen.
Irgendwann hörte es auf.
Sein Vater schnaufte, zog den Gürtel wieder um seine Hüfte, als wäre nichts gewesen. „Lern was Anständiges, sonst endet’s für dich noch schlimmer.“ Dann drehte er sich um und verschwand in die Küche.
Mark saß still da.
Er hörte das Kratzen eines Stuhls über den Boden, das dumpfe Geräusch einer Flasche, die auf den Tisch gestellt wurde. Das leise Schlucken, als sein Vater trank.
Dann die Stimme seiner Mutter.
Zitternd, leise. „Ich … ich mach dir was zu essen.“
Mark hob langsam den Kopf. Sah, wie sie sich bewegte, wie sie ein Stück Brot schnitt, als wäre nichts geschehen. Ihr Auge war geschwollen, eine dunkle Spur zog sich über ihre Wange. Doch ihre Hände – ihre Hände zitterten.
Mark drehte sich um.
Hob sein Holzauto auf.
Schob es wieder über den Boden.
Hin und her.
Hin und her.
***
London, 1989:
Kalter Wind fegte durch die Straßen, Schnee lag in dünnen Schichten auf den Gehwegen – für London eher eine Seltenheit. Die Laternen tauchten Pimlico in ein fahles, gelbliches Licht, während sich der Verkehr auf der Gloucester Street langsam durch die winterliche Nacht bewegte.
Ethan steuerte seinen Austin Montego in eine Parklücke an der Straße. Das Knirschen der Reifen auf dem gefrorenen Asphalt mischte sich mit dem entfernten Rauschen der Stadt. Die Fassaden der viktorianischen Reihenhäuser reihten sich mit ihren hell gestrichenen Mauern und schmiedeeisernen Balkonen aneinander – distinguiert und zugleich uniform, typisch für diesen Teil Londons. Eine Katze huschte über die Straße, hinterließ für einen kurzen Moment kleine Abdrücke im Schnee, bevor sie in einer schmalen Gasse verschwand.
Mit einem tiefen Atemzug schob Ethan die Autotür auf, stieg aus und schlug sie hinter sich zu. Seine schwarzen Budapester hinterließen klare Spuren auf dem weißen Untergrund. In der Manteltasche ertastete er automatisch seine Schlüssel, während er die paar Stufen zu seinem Hauseingang hinaufging. Sein Gang war ruhig, kontrolliert, doch die Anspannung eines langen Tages lag noch in seinen Schultern.
Sein Gesicht wirkte müde, der strenge Ausdruck seiner tiefgrünen Augen war selbst in der winterlichen Dunkelheit zu erkennen. Ein leichter Schatten aus Stoppeln rahmte seine kantigen Züge. Der Wind fuhr ihm durch die dunkelbraunen Haare, die heute nicht mehr so ordentlich lagen wie am Morgen. Seine Finger waren kalt, als er die Tür zum Gebäude aufschloss und das enge Treppenhaus betrat. Der Aufgang war alt, das Holz knarzte leise unter seinem Gewicht. Der Geruch von alten Dielen, ein Hauch von Rauch aus einer benachbarten Wohnung und etwas, das an Tee erinnerte, lag in der Luft.
Im ersten Obergeschoss blieb er vor seiner Wohnungstür stehen. Er atmete aus, strich sich mit einer fahrigen Bewegung über die Augen. Dann schob er den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um.
Es war dunkel. Nur das schwache Licht der Straßenlaterne fiel durch die Fenster ins Innere. Ethan trat ein, schloss die Tür hinter sich und schob den Mantel von den Schultern.
Dann –
„Überraschuuuuuung!“
Der Chor aus Stimmen traf ihn wie eine Welle. Licht flutete den Raum, und für einen Moment brauchte er einen Herzschlag zu lange, um zu begreifen, was passierte. Menschen standen vor ihm – bekannte Gesichter, lachende Mienen. Sandra, Hank, einige Kollegen aus der Abteilung und ein paar enge Freunde. Jemand hielt eine Flasche Champagner hoch, eine Girlande mit „Happy Birthday“ baumelte leicht schief über der Anrichte.
Ethan blinzelte. „Hank – du warst doch eben noch mit mir im Büro.“
Der ältere Detective grinste und schüttelte den Kopf. „Du hast echt keine Ahnung, was hinter deinem Rücken passiert, oder?“
„Offensichtlich nicht.“
Sandra trat an ihn heran, ihre dunklen Augen leuchteten amüsiert. „Happy Birthday, Ethan.“ Sie legte ihre Arme um ihn, ihre Lippen berührten flüchtig seine Wange. „Ich hoffe, du bist nicht allzu sehr schockiert.“
„Ich …“ Er schüttelte den Kopf, ein leises Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab. „Ein wenig.“
„Hier, für dich.“ Sie hielt ihm ein kleines, sorgfältig verpacktes Päckchen hin. Ihr Blick war sanft, fast ein wenig unsicher.
Ethan nahm es entgegen, sein Daumen strich kurz über das Papier, bevor er es mit ruhigen Bewegungen aufriss. Eine kleine Schachtel kam zum Vorschein. Als er sie öffnete, stockte ihm der Atem.
Eine Armbanduhr.
Doch nicht irgendeine.
Seine Finger berührten vorsichtig das Glas, das jetzt wieder makellos glänzte. Das Metallgehäuse zeigte feine Gebrauchsspuren, doch das Zifferblatt – schlicht, klassisch mit römischen Zahlen – war unverändert.
Sein Blick hob sich langsam zu Sandra. „Du hast …“
„Ich habe.“ Sie lächelte, neigte leicht den Kopf. „Frisch repariert.“
Er schluckte. Worte blieben ihm im Hals stecken.
Diese Uhr – sein Vater hatte sie getragen. Ein schlichtes, silbernes Modell, ein Geschenk seiner Mutter zu einem längst vergangenen Hochzeitstag. Ethan hatte sie jahrelang aufbewahrt, aber als sie kaputtging, hatte er sie beiseitegelegt. Irgendwann war sie in einer Schublade verschwunden, zusammen mit Erinnerungen, die er nicht oft anrührte.
Und jetzt hielt er sie wieder in den Händen.
Sein Daumen fuhr über das Armband, das immer noch die leichte Abnutzung von früher zeigte. Ein vertrautes Gewicht am Handgelenk.
Er atmete aus, langsam, tief. „Danke.“ Seine Stimme war leiser als beabsichtigt.
Sandra beobachtete ihn einen Moment, dann hauchte sie: „Zieh sie an.“
Ethan tat es. Der Verschluss schnappte leise ein. Und für einen Moment fühlte sich das Gewicht am Handgelenk nicht nur vertraut, sondern auch … richtig an.
Wenig später ließ Ethan den Blick durch das Wohnzimmer schweifen. Die Feier hatte ihre Spuren hinterlassen: leere Gläser auf dem Couchtisch, ein paar zerknüllte Servietten, eine halbvolle Flasche Babycham, die jemand achtlos auf dem Tisch abgestellt hatte. Der warme Schein der Stehlampe tauchte den Raum in ein gedämpftes Licht, während draußen der Schnee noch immer sanft auf die Straßen Londons fiel.
Hank trat an ihn heran, hielt ihm mit einem breiten Grinsen ein längliches, in dunkles Papier gewickeltes Päckchen hin. „Hier, Junge. Aber nicht alles auf einmal“, zwinkerte er.
Ethan nahm das Geschenk entgegen, wog es in der Hand und hörte das leise Glucksen der Flüssigkeit im Inneren. „Hm. Was könnte das wohl sein?“ Er schüttelte es sachte, warf Hank einen schelmischen Blick zu.
„Ach, pack’s einfach aus“, brummte der ältere Detective und verschränkte die Arme.
Mit ruhigen, aber neugierigen Bewegungen löste Ethan das Papier, und als er schließlich die Flasche freigelegt hatte, hob er anerkennend die Brauen. Das dunkle Etikett trug den Namen „MacAlistair 25 Years Old“, geschwungene goldene Lettern auf mattschwarzem Hintergrund.
„MacAlistair? Noch nie gehört“, sagte Ethan, drehte die Flasche in den Händen.
Hank grinste zufrieden. „Kein Wunder. Den kriegst du nicht einfach im Supermarkt. Das hier“, er klopfte leicht mit dem Finger gegen das Glas, „ist einer der besten schottischen Whiskeys, die du finden kannst. Stammt aus einer kleinen Destillerie in den Highlands, gegründet von einem alten Clan, der seine Rezeptur seit Jahrhunderten bewahrt. Die brennen nur eine begrenzte Menge pro Jahr, und bevor du fragst – ja, das hat mich eine Stange Geld gekostet.“
Ethan zog skeptisch eine Braue hoch. „Und was macht ihn so besonders?“
„Die Reifung“, erklärte Hank, während er sich mit Kennerblick ein Glas von der Bar nahm. „25 Jahre in alten Sherry- und Eichenfässern. Gibt ihm eine wahnsinnige Tiefe – dunkle Früchte, ein Hauch von Rauch, und eine Süße, die dich an Karamell und Honig erinnert. Aber sobald du schluckst, kommt die Eiche durch. Trocken, würzig, mit einem Anklang von Nüssen. Das ist kein Whiskey, den du einfach so runterkippst, Ethan. Den genießt du.“
Ethan betrachtete die Flüssigkeit in der Flasche – ein tiefes, warmes Bernstein. „Klingt, als hätte ich jetzt hohe Erwartungen.“
„Sollst du auch. Und wenn du ihn mit Cola mischst, bringe ich dich eigenhändig um“, knurrte Hank, aber das Funkeln in seinen Augen verriet, dass er es nicht ganz ernst meinte.
Ethan lachte leise. „Danke, Hank. Wirklich.“
„Ach, hör auf. Ich will nur, dass du endlich mal was Vernünftiges trinkst.“
Während des Abends sammelten sich weitere Geschenke auf dem Wohnzimmertisch: ein Paar elegante Manschettenknöpfe von Pete, seinem Nachbarn. Eine schlichte, aber edle Krawattennadel von Tony, einem guten Freund. Eine Auswahl teurer dunkler Schokoladen von einem Kollegen, und – zu Hanks Belustigung – eine weitere Flasche Whiskey.
„Sieht aus, als hätte jemand denselben Gedanken gehabt“, bemerkte Robert, ein Kollege aus einer anderen Abteilung, trocken, als er sein Glas hob. „Aber vielleicht hat das ja auch einen Grund, hm?“
Ethan schüttelte nur grinsend den Kopf.
Die Feier zog sich hin, und die Gespräche wurden ausgelassener. Sandra hatte großzügig aufgetischt: Igel-Käse-Spieße – kleine Cocktailspieße, auf denen sich Käsewürfel, Ananas und Silberzwiebeln stapelten, kunstvoll in eine halbe Orange gesteckt, die an einen Igel erinnerte. Dazu gab es Sausage Rolls, kleine Blätterteigröllchen, gefüllt mit würziger Wurstmasse, noch warm und buttrig-zart. Coleslaw und Potato Salad standen bereit – der amerikanisch inspirierte Krautsalat, fein abgeschmeckt mit Mayonnaise und Senf, daneben der klassische Kartoffelsalat mit Frühlingszwiebeln und einem Hauch Essig.
Neben dem Whiskey standen Babycham, ein perlender Birnenschaumwein, der vor allem bei Frauen beliebt war, John Smith’s Bitter, ein malziges, bernsteinfarbenes Bier mit cremigem Schaum, und Shandy, eine Mischung aus Bier und Zitronenlimonade bereit. Für die, die es lieber alkoholfrei mochten, gab es Cordial & Soda – ein mit Wasser verdünnter Fruchtsirup, oft mit schwarzer Johannisbeere oder Zitrone.
Irgendwann, als sich der letzte Gast verabschiedete und Ethan die Tür hinter ihm schloss, fiel eine angenehme Stille über die Wohnung. Nur noch der leise Summton der Heizung war zu hören, das gelegentliche Knacken der Holzpaneele.
Sandra saß auf dem Sofa, die Beine untergeschlagen, ein fast leeres Glas Shandy in der Hand. Ihr Blick war warm, ein wenig müde, aber zufrieden.
Ethan trat zu ihr, ließ sich neben sie fallen und atmete tief durch. „Danke für die Feier“, sagte er leise.
Sie sah ihn an, ein weiches Lächeln umspielte ihre Lippen. „Für meinen Besten nur das Beste.“
Ethan hielt ihren Blick einen Moment, dann sagte er – ohne Zögern, ohne Nachdenken: „Ich liebe dich.“
Ihr Ausdruck änderte sich, wurde sanfter, etwas Tieferes lag in ihren Augen. „Ich dich auch“, hauchte sie, stellte ihr Glas ab und richtete sich langsam auf.
Dann, mit einem Blick, der keine Missverständnisse zuließ, stand sie auf und ging in Richtung Schlafzimmer. Kurz vor der Tür drehte sie sich um, warf ihm einen verführerischen Blick zu und winkte ihn mit einem einzigen Finger herbei.
Ethan spürte, wie seine Mundwinkel sich zu einem Grinsen hoben. Er stand auf – langsam, mit einem Ausdruck in den Augen, den Sandra nur zu gut kannte – und folgte ihr.
***
© Armin Knebel, 2025
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