Das Flüstern im Glas
Manche Geräusche verschwinden nie – sie warten nur darauf, von den richtigen Ohren gehört zu werden.
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Band 1
Klappentext: Eine Geschichte über besondere Gaben, vergessene Geräusche und ein Geheimnis aus der Vergangenheit.
Maria kann etwas, das kaum jemand sonst kann: Sie hört Geräusche, die längst verklungen sind – und sie kann sie in Gläsern bewahren. Als sie ihrer Mutter Lisa eines dieser Gläser zeigt, wird etwas in Lisa wach. Denn auch sie hat diese Gabe.
In einem Sommer, der alles veränderte, entdeckte Lisa mit ihren Freunden Alexandra und Ben eine alte Mühle im Wald – voller Gläser, voller Stimmen, voller Geschichten. Und ein Tagebuch, das mehr verriet, als sie zu hoffen wagten…
Nun erzählt Lisa ihrer Tochter, was damals geschah – von Freundschaft, Mut und der Macht des Erinnerns.
Für alle, die zuhören, wenn es ganz still wird…
Infos
- ASIN: B0FMXKB7HP
- Herausgeber: SaarPoesie
- Erscheinungstermin: 18. August 2025
- Sprache: Deutsch
- Seitenzahl der Taschenbuch-Ausgabe: 192 Seiten
- ISBN-13: 979-8298136815
- Lesealter : ab 11 Jahren
- Abmessungen: 12.7 x 1.22 x 20.32 cm
Leseprobe
Vorwort:
Ich glaube an Geschichten.
An solche, die im Kopf bleiben – und im Herzen.
An Geschichten, die nachklingen wie ein Lied, das man nicht mehr vergisst.
Ich glaube an Magie. Nicht an die mit Zauberstäben und fliegenden Teppichen – sondern an die Magie, die in Dingen steckt, die wir oft übersehen:
Ein leises Lachen, das noch im Zimmer schwebt, ein Geräusch, das uns an jemanden erinnert, ein Glas, das mehr bewahren kann als nur Luft.
Ich glaube an Freundschaft.
An diese Art von Freundschaft, die nichts erklären muss – weil man sich einfach versteht.
An Freundschaft, die bleibt. Auch wenn sich alles verändert.
Diese Geschichte ist für alle, die gerne zuhören.
Auch, wenn es gerade ganz still ist.
Denn manchmal flüstert das Wichtigste leise.
Ganz leise.
Und wenn dir beim Lesen ein Wort begegnet, das du nicht kennst: Hinten im Buch findest du ein kleines Erinnerungsglas – mit Erklärungen zu besonderen Wörtern.
Wenn du dort nicht fündig wirst, dann frag ruhig weiter: deine Eltern, deine Geschwister, deine Lehrerin oder deinen Lehrer.
Denn Geschichten machen am meisten Freude, wenn man sie gemeinsam versteht.
Prolog – oder: Wie alles begann
Blieskastel – 04. Juli 2025 – 13:00 Uhr
Die Haustür flog auf, ihre Schultasche landete mit einem dumpfen Poltern im Flur und Maria rief ein triumphierendes „Ferien!“ durch das Haus, als hätte sie gerade ein Turnier gewonnen. Sechs Wochen – sechs ganze Wochen ohne Stundenplan, ohne Mathehausaufgaben, ohne das Klingeln zum Unterricht. Nur sie, der Sommer und… das Glas.
In der Küche klapperte Geschirr. Marias Mutter stellte gerade einen Topf mit dampfenden Nudeln ab und sah kurz von der Spüle auf.
„Na, wie war der letzte Schultag?“
„Gut!“, rief Maria über die Schulter und war schon halb die Treppe hoch. „Ich erzähl dir gleich alles!“
Ihr Zimmer lag unter dem Dach, die Sonne fiel warm auf den Teppichboden und ließ die grünen Stoffvorhänge leuchten. Ein paar Federn, eine kleine Sammlung von Knöpfen und ein winziger Spiegel lagen ordentlich aufgereiht auf der Fensterbank. Daneben lag eine kleine Steinkreis-Anordnung – exakt gelegt.
Maria kniete sich hin, hob die Tagesdecke an und fischte mit einem schnellen Griff ein schlichtes Glas unter dem Bett hervor. Schraubdeckel, milchig von außen, als hätte es lange in der Erde gelegen. Sie setzte sich in den Schneidersitz, das Glas fest umklammert. Ganz langsam drehte sie den Deckel ab, hielt das Glas an ihr Ohr – und lauschte.
„Zwei Brötchen bitte… und eine Brezel.“
Frau Martins Stimme. Ganz eindeutig. Diese Mischung aus Eile, Freundlichkeit und dem weichen ‚r‘, das klang, als hätte sie es aus Mehl geformt. Maria kicherte leise. Sie hatte es einfach ausprobiert – vor ein paar Tagen erst, heimlich, neben dem Brotkorb in der Bäckerei. Es hatte funktioniert. Ganz ohne Aufnahmegerät. Einfach so.
„Maria! Essen ist fertig!“ Die Stimme ihrer Mutter kam von unten.
Rasch schraubte sie das Glas wieder zu, schnappte es sich und stieg die Treppe hinunter. Der Esstisch war gedeckt, zwei Teller, zwei Gläser Wasser, eine große Schüssel Tomatensalat mit Basilikum – alles bereit, wie immer, wenn Lisa frei hatte.
Maria setzte sich, stellte ihr Glas vorsichtig neben den Teller. Ihre Mutter hob die Augenbrauen, warf dem Glas einen kurzen Blick zu, sagte aber nichts. Sie aßen eine Weile schweigend.
Dann fragte ihre Mutter beiläufig: „Was ist mit diesem Glas?“
„Geräusche“, sagte Maria undeutlich und kauend.
Lisa zog eine Augenbraue hoch.
„Nicht mit vollem Mund, Schatz.“ Doch ihre Stimme war sanft. Sie hatte sie verstanden. Oder geahnt.
Maria legte die Gabel beiseite, griff nach dem Glas und schraubte es langsam auf. Ein Moment lang geschah nichts. Dann erklang die Stimme, ganz klar:
„Zwei Brötchen bitte… und eine Brezel.“
Lisa hielt inne. Ihre Hand erstarrte in der Bewegung, die Augen weit. Etwas in ihrem Gesicht veränderte sich – als hätte jemand einen Faden in ihr gezogen, der sie zurück in eine Zeit führte, die längst verklungen war.
„Hab ich was falsch gemacht?“, fragte Maria leise.
Lisa antwortete nicht sofort. Sie starrte auf das Glas, als sehe sie darin nicht nur Geräusche, sondern auch Erinnerungen, die sie nicht erwartet hatte.
„Mama?“
Sie blinzelte, sah ihr Kind an – plötzlich ganz wach, ganz da.
„Hast du das schon jemand anderem gezeigt?“
Maria schüttelte den Kopf.
„Nein… Ich wusste nicht, ob das erlaubt ist.“
Lisa stand auf, ging um den Tisch herum und legte die Arme um ihre Tochter.
Ein warmer Kuss auf die Wange. Dann flüsterte sie: „Nein… es ist nicht verboten. Nur… selten.“
„Selten?“ Marias Stimme klang fast ehrfürchtig.
Lisa nickte.
„Ja. Nur ganz wenige können Geräusche in Gläser sperren. Oder sie hören.“
Marias Augen wurden groß.
„Wie eine… Gabe?“
Lisa sah sie lange an. Und zum ersten Mal in vielen Jahren antwortete sie nicht mit Worten – sondern mit einem Lächeln, das klang wie ein Echo aus ihrer eigenen Kindheit.
***
Das Wasser glitt noch warm über Lisas Hände, während sie die letzten Teller in die Spülmaschine stellte. Die Küche roch nach frischer Petersilie und Spülmittel. Ein Lappen lag feucht auf der Arbeitsplatte, halb über den Rand gehängt wie eine vergessene Fahne. Lisa starrte auf den Tropfen, der langsam von seiner Ecke fiel und im Edelstahlbecken zersprang.
Etwas in ihr war wach. Nicht laut, nicht drängend – aber da. Wie ein Geräusch, das man nicht gehört, aber gespürt hatte.
Mit einem Ruck warf sie ihr kariertes Handtuch auf die Arbeitsplatte. Sie wischte sich die Hände ab, ohne sie ganz zu trocknen, und ging zur Treppe. Ihre Schritte auf dem Holz klangen fremd – als gehöre der Klang nicht ganz in dieses Haus.
Oben klopfte sie kurz an.
„Ja?“, kam es von innen – zögerlich, als hätte Maria es geahnt.
Lisa öffnete die Tür.
Maria saß im Schneidersitz auf dem Boden. Vor ihr: ein neues Glas. Das von vorhin lag daneben, nun beschriftet mit bunten Buchstaben: „Frau Martin – Bäckerei“.
Mit der Zunge zwischen den Lippen und einem Buntstift in der Hand verzierte sie gerade das Etikett, als wäre es ein Schulprojekt.
Lisa trat leise näher, ließ sich auf das Bett sinken. Der Lattenrost knarzte kaum hörbar. Sie sagte erst nichts – nur ihr Blick ruhte auf dem Kind, das sie so gut kannte und doch manchmal nicht ganz verstand.
Maria blickte auf.
„Darf ich das? Ich mein… die Geräusche. In Gläsern.“
Lisa nickte kaum sichtbar. Ihre Stimme war weich, aber bestimmt.
„Maria… ich muss dir etwas erzählen. Eine Geschichte.“
Maria legte den Stift zur Seite. Ihre Augen wurden groß – nicht erschrocken, eher offen.
„Eine Geschichte?“
„Eine wahre Geschichte.“
Stille füllte für einen Moment das Zimmer. Kein Auto draußen, kein Flügelschlag am Fenster. Nur der Klang, den es gibt, wenn jemand bereit ist, zuzuhören.
„Erzähl“, sagte Maria. Keine Frage. Eine Einladung.
Lisa sah hinaus, in einen Punkt zwischen den Jahren, dort, wo Erinnerung beginnt. Und sie begann zu sprechen. Von damals.
Von einem Sommer, in dem alles sich veränderte.
Von Leienbruch – nicht weit von hier, zwischen dem Mandelbachtal und Blieskastel. Von einem kleinen Haus am Waldrand. Und dem größten Abenteuer ihres Lebens.
Kapitel 1: „Endlich Ferien!“
Leienbruch – 20. Juni 2001 – 12:00 Uhr
Das Dorf lag still in der Mittagssonne, als hätte jemand einen goldenen Filter über alles gelegt. Leienbruch – ein Ort, den man leicht übersah, wenn man zu schnell fuhr. Zwischen dem Mandelbachtal und Blieskastel duckte es sich hinter niedrige Hügel, eingeklemmt zwischen Waldrändern, Apfelwiesen und den Gedanken derer, die lieber nichts hinterfragten.
Die Häuser hier waren aus hellem Sandstein, manche mit roten Ziegeldächern, andere mit Schiefer gedeckt – wie ein Puzzle aus verschiedenen Jahrzehnten. Hinter manchen Fenstern lagen Spitzengardinen, hinter anderen: nichts als Dunkel. Am Brunnen auf dem Dorfplatz stand eine verlassene Gießkanne. Ein Windhauch bewegte das Wasserrad des Ziehbrunnens, obwohl sonst kein Blatt sich regte.
Leienbruch war nicht groß. Zwei Straßen kreuzten sich wie ein schiefer Stern. Ein Tante-Emma-Laden mit ständig wechselnden Öffnungszeiten, eine kleine Bäckerei mit breiten Fenstersimsen, ein Friseursalon, in dem immer dieselbe Kassette lief. Und eine Schule – eingeschossig, grauer Putz, mit einem Hof aus hellem Kies.
Man sagte, in Leienbruch passiere nie etwas. Aber das stimmte nicht. Es geschah viel – nur eben leise.
Pünktlich um zwölf erklang die Schulklingel. Ein Ton, der zu kurz war für ein Lied, aber zu lang, um ihn zu vergessen.
Die Tür sprang auf. Kinder strömten heraus wie ein aufgestauter Wasserfall – laut, durcheinander, flirrend vor Ferienfreude. Schulranzen wurden geschwenkt, T-Shirts flatterten, jemand verlor einen Ball, jemand anderes seinen Schuh.
Zwischen all dem: Lisa Klein und Alexandra Roth.
Lisa, zierlich, in einem hellen Kleid mit kleinen Sonnenblumen, trug ihren Ranzen wie ein Geheimnis – dicht am Körper, als könnte er etwas enthalten, das niemand sehen sollte. Ihre dicken, dunkelbraunen Haare fielen ihr beim Laufen ins Gesicht, aber sie strich sie nicht weg. Ihre Augen – haselnussbraun, fast gold in der Sonne – beobachteten nicht die Menge, sondern das Licht, das auf den Kies fiel.
Alexandra war neben ihr kaum zu übersehen. Etwas kräftiger, etwas lauter, in einer kurzen Hose mit Glitzerflicken und einem Rucksack, aus dem ein Stück Seil und ein Holzlineal ragten. Ihre honigblonden Haare hatte sie zu einem hohen Zopf gebunden, der bei jedem Schritt wie ein Ausrufezeichen hinter ihr hersprang.
„Ich hab gedacht, die Uhr schafft’s nicht bis zwölf“, schnaufte Alexandra, sprang über einen Riss im Asphalt und grinste. „Echt jetzt – die hat dreimal gehustet beim Schlagen.“
Lisa sagte nichts, aber ihr Mundwinkel zuckte. Sie drehte sich kurz zur Schule um, als würde sie sich merken wollen, wie sie aussah – an diesem ersten Ferientag.
„Weißt du, was das heißt?“, fragte Alexandra und boxte ihr leicht gegen die Schulter.
„Sechs Wochen kein Mathe.“
„Sechs Wochen wir!“
Lisa lächelte. Nicht breit – aber echt.
Alexandra nickte – doch in ihren Augen lag etwas Wehmütiges, das Lisa nicht bemerkte.
Sie bogen vom Schulhof auf die Hauptstraße ein – wobei „Hauptstraße“ in Leienbruch bedeutete: ein leicht rissiger Asphaltstreifen, gesäumt von schmalen Gehwegen und Lindenbäumen, die im Sommer so taten, als wollten sie mehr Schatten spenden, als sie konnten.
„Der Vorteil an einem kleinen Dorf“, sagte Alexandra und warf ihren Rucksack auf den Rücken, „ist, dass man schnell zu Hause ist.“
„Der Nachteil auch“, ergänzte Lisa leise.
Alexandra lachte.
„Stimmt. Kaum verlässt du das Haus, weiß schon irgendwer, dass du es getan hast.“
Vor ihnen trottete ein Junge mit schlurfendem Gang – Benjamin Reimann. Kurze, unordentliche Haare, ein viel zu großes T-Shirt und ein alter Jutebeutel, der wie ein loses Blatt an seiner Seite baumelte. Er war in ihre Klasse gegangen, sagte aber selten etwas. Stattdessen kritzelte er. Auf Schulhefte, Tische, manchmal sogar auf die Schuhsohlen.
„Ben“, murmelte Alexandra. „Der sagt doch nicht mal was, wenn’s brennt.“
Lisa sagte nichts. Sie beobachtete den Jungen kurz, dann ließ sie den Blick über die Dächer schweifen. Wärme flirrte in der Luft. Die Straße war menschenleer – wie oft zu dieser Zeit. Nur das Zwitschern einiger Spatzen, das leise Rauschen der Bäume. Und dann – ein Brummen.
Zuerst fern, wie ein Grollen hinter dem Hügel. Dann lauter, ratternd, mechanisch. Ein Traktor. Nicht ungewöhnlich – im Juni holten die Bauern Heu und frühes Gemüse ein, luden Kisten, schleiften Geräte.
Lisa blieb stehen.
„Warte kurz.“
Sie griff in ihren Ranzen – mit geübter Bewegung, als hätte sie nicht Bücher und Hefte darin, sondern etwas viel Zerbrechlicheres. Sie holte ein Schraubglas hervor – klein, rund, mit einem fest schließenden Deckel. Ihre Finger umfassten es vorsichtig, fast zärtlich. Alexandra sagte nichts. Sie kannte diesen Moment.
Der Traktor kam näher – knatternd, schwerfällig, der Fahrer grüßte knapp mit zwei Fingern. Staub wirbelte auf. Lisas Augen glänzten. Sie öffnete das Glas.
Das Geräusch des Traktors strömte hinein – zumindest für sie. Es war, als würde der Klang sich an etwas heften, als könne sie ihn auffangen wie ein Kind einen Schmetterling im Glas. Als der Traktor vorbei war, drehte sie den Deckel zu. Fest. Zufrieden.
„Erwischt“, sagte sie – ganz leise.
Alexandra lächelte.
„Wie du immer sagst: Man weiß nie, wann man ein Geräusch nochmal braucht.“
Lisa nickte. Sie schraubte das Glas wieder auf – ein Test. Für sie erklang das Traktorknattern sofort, warm und satt. Für Alexandra: nichts. Nur die Luft, der Wind, das Summen einer Fliege.
Doch Alexandra zuckte nicht mit der Wimper.
Beste Freundinnen stellen keine Fragen. Sie urteilen nicht. Sie akzeptieren. Auch wenn sie nie etwas hörte – sie wusste, dass Lisa es konnte. Und das genügte.
Ben bog wortlos in seinen Hauseingang ab. Das schwere Holz fiel hinter ihm ins Schloss. Kurz darauf passierten sie Alexandras Grundstück – ein Garten mit Apfelbaum, Baumhaus und einem Vogelhäuschen, das nie besetzt war. Direkt daneben: Lisas Zuhause. Ein kleines Haus mit schieferblauen Fensterläden und dahinter, jenseits des Gartens, begann ein verwilderter Streifen Wald.
„Nach dem Essen?“, fragte Alexandra und hob die Augenbraue.
„Nach dem Essen“, bestätigte Lisa.
„Sechs Wochen. Sechs ganze Wochen, Lisa. Wir können liegen, lesen, lachen, bauen, sammeln…“
„Und hören“, sagte Lisa.
Alexandra nickte feierlich.
„Und hören.“
Sie umarmten sich kurz. Dann verschwand Alexandra durch den Garten, und Lisa blieb noch einen Moment vor ihrem Haus stehen, die Hand am Glas im Ranzen.
Der Sommer war da. Der letzte gemeinsame Sommer. Und er klang nach allem, was möglich war.
Kapitel 2: „Ich höre was, was Du nicht hörst“
Im kleinen Zimmer im Obergeschoss war es still. Nicht die Stille, die drückte – sondern die, die atmete. Ben saß auf dem Boden, die Beine angewinkelt, einen großen Zeichenblock vor sich. Um ihn verstreut: Buntstifte, Kreiden, ein paar abgekaute Bleistifte. Der Teppich hatte bunte Flecken – Farbschatten vergangener Nachmittage.
Seine Hand bewegte sich rasch, fast fahrig. Linien, Kreise, wirbelnde Schlieren. Nichts war geplant – die Farben fanden sich, wie sie wollten. Tiefes Violett neben sonnigem Gelb, ein Hauch Türkis über einem Strudel aus Schwarz und Orange. Es war kein Haus zu erkennen. Kein Baum, kein Tier, kein Mensch. Nur Bewegung.
Er setzte einen letzten Strich – dann legte er den Stift zur Seite und betrachtete sein Werk.
„Passt“, murmelte er. Nicht als Urteil – eher als Feststellung. Es war fertig.
Und dann – wie aus dem Nichts – rauschte es in seinem Kopf. Zuerst nur wie ein leiser Windhauch, der durch ein offenes Fenster zieht. Dann stärker, wie das Anrollen einer Böe, wie das Rascheln von Blättern vor einem Gewitter. Für einen Moment war es laut. Fast ein Sturm.
Und dann – war es weg.
Ben blinzelte. Sein Blick kehrte vom Inneren zurück auf das Blatt. Er nickte einmal, stand auf und ging zum Regal. Ein blauer Ordner stand zwischen ein paar zerlesenen Comics und einem Stapel alter Schulhefte. Er zog ihn hervor, setzte sich aufs Bett und schlug ihn auf.
Seiten voller Formen, voller Farben. Keine Chronologie, keine Erklärung. Nur Eindrücke. Bilder, die für ihn klangen – auch wenn niemand sonst sie hörte.
Er blätterte langsam. Vorbei an einem flimmernden Grün, einem Bild mit wirbelndem Rot, einem, das nur aus winzigen schwarzen Punkten bestand. Als er das vorletzte Blatt erreichte, blieb er kurz stehen. Irgendetwas an diesem Bild rief nach ihm. Ein Geflecht aus hellen Tönen, durchzogen von kleinen, scharfen Linien.
In seinem Kopf: Vogelstimmen. Viele. Hektisch, laut, durcheinander. Kein fröhliches Zwitschern – eher ein Drängen, ein Aufruhr. Und dann: Nichts mehr.
Er blätterte weiter. Die nächste Seite war leer.
Er nahm das neue Bild, schob es in die Hülle, ordnete es an.
Hinter dem Vogelgezwitscher.
Vor dem, was vielleicht noch kommen würde.
Dann schob er den Ordner zurück ins Regal, zwischen all die anderen Dinge, die niemand verstand.
Einige Bilder hingen an der Wand – die, die blieben. Die, die etwas sagten, ohne zu laut zu werden.
Er ging zum Fenster und lehnte sich gegen das Fensterbrett, starrte hinaus auf den schiefen Kirschbaum im Nachbargarten und seufzte. Der Ordner war zurück im Regal, das Bild abgeheftet, der Wind in seinem Kopf verklungen. Doch das Zimmer fühlte sich eng an. Nicht wegen der Möbel. Wegen der Luft.
Seine wenigen Freunde – falls man sie so nennen konnte – hatten entweder keine Zeit oder keine Lust. Manchmal wusste Ben das selbst nicht so genau. Er gehörte nur halb dazu. Gerade nah genug, dass man ihn nicht vergaß. Aber zu fern, um wirklich mitzuspielen.
Er stand auf, schnappte sich seinen Beutel, schob den Zeichenblock hinein und griff ein paar Buntstifte vom Boden. Die Spitzen waren fast zu kurz zum Halten – genau richtig, um in die Tasche zu passen.
Unten in der Küche war es still. Seine Mutter arbeitete noch im Kindergarten, irgendwo zwischen Wimmelbildern und Apfelschnitzen. Und sein Vater arbeitete – wie immer – an kaputten Klos. Kein Witz. „Klempner für’s Grobe“, hatte er einmal gesagt und dabei nicht gelächelt. Ben war es gewohnt, allein zu sein. Es machte ihm nichts aus.
Früher, als er noch kleiner war, war er nach der Schule in den Kindergarten gegangen, hatte sich an den Maltisch gesetzt, als wäre er nie gegangen. Aber irgendwann – ohne Streit, ohne Worte – hatte er damit aufgehört. Einfach so. Seine Mutter hatte nicht nachgefragt. Er fühlte sich einfach „zu alt“ für den Kindergarten.
Er verließ das Haus durch die Hintertür, trat in den kleinen Garten, der etwas mehr Wildnis war als gepflegte Fläche. Die Tomaten in der alten Badewanne gediehen trotzdem. Hinten, zwischen zwei schiefen Holzbrettern, war eine schmale Tür im Zaun – kaum größer als er selbst. Sie quietschte beim Öffnen.
Dahinter: der Wald. Alt, weich, grün bis in die Ritzen. Der Boden federte unter seinen Schritten, als hätte ihn jemand gepolstert. Ben kannte den Weg. Er war ihn hundertmal gegangen.
Er schritt vorbei an dem toten Baum, dessen Äste wie abgebrochene Arme in den Himmel ragten. Niemand wusste, warum er dort stand – er war einfach da. Immer schon.
Dann kam die große Wurzel. Verdreht, moosig, halb aus dem Boden gestiegen wie ein Tier, das sich nie entschied, ob es aufwachen wollte.
Und dann – sein blauer Stein.
Er war nicht wirklich blau. Nur ein ganz normaler Findling, von der Zeit abgeschliffen, von Moos umrandet. Aber für Ben war er bläulich. Deshalb: der blaue Stein.
Er setzte sich. Zog den Zeichenblock heraus. Nahm einen der kleinen, stumpfen Stifte. Und begann, ohne zu wissen, was es werden sollte.
Der Wald sagte nichts. Aber für Ben war er nie still.
Er war gerade dabei, die dritte Spirale zu schattieren – ein leises, ruhiges Blau, das sich in ein zitroniges Gelb schob – als er Stimmen hörte.
Keine Waldstimmen. Keine Amsel, kein Blattknacken. Menschen.
Ben hob den Kopf, blinzelte durch das Geäst. Zwei Gestalten näherten sich von der anderen Seite des Pfades, halb verborgen zwischen Farnen und Lichtflecken. Lisa und Alexandra.
Er erkannte sie sofort – sie wohnten kaum hundert Meter von ihm entfernt. Lisa mit ihren wilden Haaren und dem Blick, der mehr hörte als sah. Alexandra mit ihrem Trampelschritt und dem bunten Rucksack, der bei jedem Tritt wippte.
Ben zuckte zusammen. Irgendetwas in ihm verkrampfte sich.
Nicht, weil er Angst hatte. Aber weil er nicht wusste, was er tun sollte.
Er hatte nie wirklich mit ihnen gesprochen. Nicht mehr als ein flüchtiges „Hi“ am Gartenzaun oder ein Nicken auf dem Schulhof. Lisa und Alexandra gehörten zusammen – ein fester Kreis aus zwei. Und er war… außen.
Wollte er dazugehören? Er wusste es nicht.
Instinktiv duckte er sich, sein Körper bewegte sich schneller als sein Gedanke. Hinter dem großen Haselstrauch war es kühl und dunkel, die Zweige dufteten nach Staub und grün. Er ging in die Hocke, zog seinen Beutel zu sich heran. Atmete flach.
Die Stimmen kamen näher. Lachen, Gemurmel. Kein Streit, kein Ziel. Einfach Sommerferienstimmen.
„Nicht entdecken. Nicht jetzt“, dachte Ben. Es war kein richtiger Wunsch – eher ein Reflex. Ein Wunsch, nicht im Moment gefragt zu werden, nicht erklären zu müssen, warum er allein war.
Die beiden Mädchen liefen an ihm vorbei. Knapp. Alexandra schlug einen Zweig zur Seite, Lisa sah sich kurz um – aber nicht in seine Richtung. Dann waren sie vorbei.
„Puh – das war knapp“, dachte Ben.
Er wagte es, durch das Geäst zu spähen. Er wollte gerade aufatmen, da blieben die beiden stehen.
„Nein…“, murmelte er kaum hörbar.
Lisa deutete auf etwas. Alexandra nickte. Beide traten aus dem Weg, durch einen kleinen Bogen aus Ginster und Gras – und setzten sich auf die alte Bank.
Die Bank. Die hatte Ben vergessen.
Er biss sich auf die Lippe. Wenn sie sich umdrehten, konnten sie ihn sehen. Nicht direkt. Aber wenn der Wind das Geäst bewegte…
Er verharrte. Lauschte.
Die Mädchen redeten. Keine lauten Sätze, keine Brüllerei. Aber auch kein Flüstern. Sie dachten ja, sie wären alleine. Lisa sprach leise, gleichmäßig. Alexandra antwortete lebhafter. Ein Hin und Her, vertraut und echt.
Ben verstand nicht jedes Wort. Nur Fetzen.
„… wie der Wind im Glas…“
„…und dann hat’s fast gescheppert!“
„Echt? Hast du’s gehört?“
„Nein, aber… ich glaub, Mama hat’s gespürt.“
Seine Stirn runzelte sich. Glas? Wind?
Ben rückte ein wenig zur Seite, das Gesicht halb hinter dem Haselstrauch verborgen. Er lauschte. Nicht, weil er wollte – sondern weil etwas in ihm sagte: Hör hin.
***
Die Bank war alt, schief, vom Moos überzogen – und doch ein Lieblingsplatz. Niemand wusste, wer sie hierhin gestellt hatte, an diesen unscheinbaren Waldweg, der sich wie ein vergessenes Fragezeichen durch die Natur schlängelte. Vielleicht hatte sie sich selbst hier niedergelassen – so wirkte sie zumindest.
Lisa und Alexandra ließen sich nieder, atmeten durch, ließen die Wärme auf ihre Schultern sinken.
Alexandra wühlte in ihrem Rucksack, kramte zwischen Kordeln, Pflastern und einem Dosenöffner. Dann zog sie eine kleine Metalldose hervor, klickte den Verschluss auf – und sofort verbreitete sich ein weicher, süßer Duft.
„Birnenspalten“, murmelte sie stolz.
Lisa schloss kurz die Augen.
Der Geruch war wie ein stilles Lied – rund, reif, nach Sommer. Alexandra hielt ihr die Dose hin, selbstverständlich, ohne Worte. Lisa nahm eine, biss vorsichtig hinein. Auch Alexandra griff zu.
„Mama hat sie extra für mich geschnitten“, sagte sie, den Mund noch halb voll. „Mit Zimt.“
Dann stellte sie eine grüne Feldflasche zwischen sich auf die Bank – keine Erklärung, keine Aufforderung. Einfach da.
Eine Weile hörte man nur das entfernte Summen eines Insekts, das Klacken eines Spechts irgendwo im Dickicht – und zwei Mädchen, die Birne kauten, als wäre das die wichtigste Aufgabe des Tages.
„Wieviele Gläser hast du eigentlich mittlerweile?“, fragte Alexandra nach einer Weile, beiläufig.
Lisa überlegte kurz.
„Also im Schrank sind so… fünfundzwanzig. Unter dem Bett nochmal fünfzehn. Aber da ist noch genug Platz.“
Sie wischte sich die Hände an ihrem Kleid ab. „Fünf stehen meist auf meinem Schreibtisch. Zum Beschriften.“
Alexandra schüttelte den Kopf. Nicht ungläubig. Eher: bewundernd. Oder ein bisschen traurig.
„Schade, dass ich die Geräusche nicht höre.“
Sie sagte es ruhig – nicht klagend, nicht fordernd. Sie wusste nie, ob Lisa die Geräusche wirklich hörte oder ob es nur ein Spiel war. Aber das spielte keine Rolle. Wenn es Lisa wichtig war, dann war es das auch für sie. Punkt.
„Ja, wirklich schade“, sagte Lisa leise. Ihre Stimme hatte diesen Ton, der nichts beweisen wollte. „Gestern hab ich zum Beispiel Frau Wagners Stimme aufgenommen. In ein besonderes Glas.“
„Frau Wagner? Die Mathefrau?“
Lisa nickte.
„Sie verlässt ja die Schule. Ich sehe sie vermutlich nie mehr… und du… na ja. Aber… ich kann sie mir immer wieder anhören.“
Alexandra lehnte sich zurück, die Beine ausgestreckt, das Gesicht zur Sonne.
„Cooooooool. Schade… Frau Wagner war nett.“
Lisa lächelte nur. Keine Antwort. Manchmal war Zustimmung einfach: Schweigen, das bleibt.
Hinter dem Haselstrauch, keine drei Meter entfernt, verharrte Ben in der Hocke. Er hatte die Birnendose riechen können, noch bevor er die Worte gehört hatte. Und nun… lauschte er. Nicht aus Bosheit. Nicht einmal aus Neugier. Eher, weil er das Gefühl hatte, dass da etwas gesagt wurde, das ihn trotzdem anging.
Worte über Gläser. Über Stimmen. Über etwas, das blieb, auch wenn jemand ging.
„Spinnen die?“, dachte er. „Geräusche in Gläser?“
Doch dann dachte er an seine eigenen Bilder – sein „Klangarchiv“.
Und obwohl er nie ein Geräusch wirklich gehört hatte, fühlte es sich für ihn an wie ein Echo.
„…vor allem, da sie nicht mehr—“
„Pssst!“ Alexandra hob die Hand.
Lisa hielt inne, sah sie fragend an. Alexandra neigte den Kopf, ein Stück Birne noch in der Hand, ihre Stirn leicht gerunzelt.
„Hörst du das?“
Lisa lauschte.
Zuerst: nichts. Nur das übliche Rauschen der Blätter, ein paar entfernte Krähenrufe. Doch dann…
Ein Knarren. Langgezogen.
Ein Quietschen, wie von altem Metall auf Holz.
Ein dumpfes Stampfen, langsam, fast rhythmisch.
Alexandra sah Lisa an. Lisa nickte – sie hörte es jetzt auch.
Hinter dem Haselbusch spannte Ben unwillkürlich die Muskeln an. Auch er hatte das Geräusch wahrgenommen. Es klang… falsch. Oder besser: fehl am Platz. Als würde etwas in Bewegung geraten, das längst vergessen war.
Die Mädchen sprangen auf. Ohne ein Wort zu verlieren, liefen sie los – nicht hektisch, aber entschlossen. Dem Klang nach.
Ben zögerte. Dann stand auch er auf, klopfte sich das Moos von der Hose und folgte ihnen – mit Abstand. Nicht aus Misstrauen. Aus Vorsicht. Er wusste nicht, warum, aber etwas in ihm wollte wissen, was dort klang.
Der Weg wurde schmaler. Zweige streiften ihre Arme, der Waldboden war weicher hier, fast sumpfig. Und das Geräusch – es wurde lauter.
Knarren. Quietschen. Stampfen.
Dann, ganz plötzlich, öffnete sich der Weg – ein kleiner Lichtfleck im Wald, kaum größer als ein Garten. Und dort, etwas nach hinten versetzt, stand sie.
Eine Windmühle.
Groß. Alt. Aus hellem Holz, das grau geworden war. Moos wuchs an der Nordseite, die Fensterläden hingen schief. Die Flügel drehten sich langsam, zögernd. Als hätten sie vergessen, wie es geht.
Lisa und Alexandra blieben stehen. Der Klang war nun direkt vor ihnen.
Knarrend. Schabend. Stöhnend wie ein alter Rücken.
Alexandra trat einen Schritt näher.
„Seit wann gibt es hier eine Windmühle? Die ist mir nie aufgefallen.“
Lisa trat ebenfalls vor, den Blick nach oben gerichtet.
„Hmmmm… na ja… sie muss schon länger hier stehen. Sie kann ja schlecht aus dem Nichts aufgetaucht sein, oder?“
Doch sie sagte es nicht überzeugend.
„Na super“, murmelte Alexandra. „Jetzt haben wir eine Spukmühle im Wald.“
Lisa lachte kurz auf – dann griff sie nach ihrer kleinen Tasche, öffnete vorsichtig den Reißverschluss und holte ein Glas hervor. Das, das sie immer bei sich trug, wenn sie etwas festhalten wollte. Mit ruhiger Hand drehte sie den Deckel ab, hielt das Glas in Richtung der Mühle.
Und im selben Moment – als hätte jemand einen Schalter umgelegt – verstummte das Geräusch.
Die Flügel standen still. Kein Knarren. Kein Quietschen.
Nur der Wald. Und der war plötzlich sehr, sehr leise.
Lisa und Alexandra sahen sich an. Fragend. Suchend. Etwas war anders geworden. Die Luft schien dichter. Erwartungsvoll.
Und hinter dem Ginster, halb verborgen im Schatten, stand Ben.
Er hatte alles gesehen. Die Mühle. Die Mädchen. Das Glas. Und er wusste – mit jener merkwürdigen Gewissheit, die einem manchmal aus dem Bauch in den Kopf stieg:
Diese Mühle war gestern nicht hier gewesen.
Er kannte diesen Ort. Er kannte ihn gut.
Und hier – hatte es nie eine Mühle gegeben.
© Armin Knebel, 2025
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