Projekte abseits meiner Bücher
Nicht alles, was ich schreibe, landet zwischen zwei Buchdeckeln. Einige meiner spannendsten Arbeiten sind aus Experimenten entstanden – aus Neugier, Spieltrieb und dem Wunsch, neue Formen auszuprobieren.
Mein erstes größeres Projekt war das „Willenlos-Magazin“ (2014–2015), eine satirische Onlinezeitung. Dort habe ich mich mit Sprache als Werkzeug für Überzeichnung und Kritik beschäftigt. Es ging weniger darum, Realität abzubilden, sondern sie bewusst zu verzerren – humorvoll, manchmal bissig, aber immer mit einem klaren Blick auf die Absurditäten des Alltags.
Einige Jahre später folgte mit „BrainAFK“ (2020–2022) ein ganz anderes Format. Hier stand die Welt der Videospiele im Mittelpunkt. Statt Satire ging es mehr um Einordnung, Meinung und das Erzählen innerhalb digitaler Welten. Dieses Projekt hat mir gezeigt, wie stark Spiele als narratives Medium funktionieren können – und wie viel sich darüber sagen lässt, wenn man sie ernst nimmt.
Ein Herzensprojekt begleitet mich schon deutlich länger: „Rober der Delfin“ (seit 2009). Dabei handelt es sich um Kurzgeschichten für Kinder – leicht zugänglich, oft mit einem kleinen Augenzwinkern, aber immer mit dem Anspruch, etwas Positives zu vermitteln. Dieses Projekt ist für mich ein kreativer Gegenpol zu meinen anderen Arbeiten: direkter, klarer und emotional unverstellter.
Darüber hinaus entstehen immer wieder Kurzgeschichten, die keinem festen Rahmen folgen. Manche sind Experimente, andere Momentaufnahmen – kleine Ideen, die ihren eigenen Raum brauchen und genau deshalb nicht in größere Projekte passen.
All diese Arbeiten haben eines gemeinsam: Sie sind Ausdruck meines Bedürfnisses, mich nicht auf ein Format festzulegen. Ich schreibe, um auszuprobieren, um Perspektiven zu wechseln – und manchmal auch einfach, um mich selbst zu überraschen.
Willenlos-Magazin

Mit dem „Willenlos-Magazin“ habe ich mir damals einen Raum geschaffen, in dem ich einfach ausprobieren konnte. Es war nie als Konkurrenz zu großen, etablierten Satireseiten gedacht – dafür fehlte allein schon der Anspruch, regelmäßig auf einem bestimmten Niveau „abzuliefern“. Vielmehr war es ein Experiment: Wie weit kann ich Texte zuspitzen? Was passiert, wenn ich Nachrichten bewusst verdrehe oder ins Absurde ziehe?
Ich habe dort Formate getestet, mit Tonalität gespielt und mich bewusst nicht festgelegt. Manche Texte waren sehr direkt, andere eher subtil – und nicht alles hat funktioniert. Aber genau das war der Punkt: Es ging nicht um Perfektion, sondern ums Machen.
Heute existiert das Projekt praktisch nicht mehr. Es gibt keine Screenshots der Seite, keine archivierten Artikel – nur noch eine kurze Erwähnung auf Twitter und das Logo als kleines Überbleibsel. Rückblickend ist das fast passend: Das „Willenlos-Magazin“ war nie für die Ewigkeit gedacht, sondern für den Moment.
Und genau dieser Moment hat Spaß gemacht. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich in andere Richtungen entwickeln will – und dann habe ich das Projekt einfach beendet, ohne großes Finale. Es war ein Versuch, ein Spielplatz für Ideen. Und als solcher hat es seinen Zweck vollkommen erfüllt.
Brain AFK
Mit „BrainAFK“ habe ich mir über viele Monate hinweg ein Projekt aufgebaut, das mich deutlich intensiver begleitet hat als vieles zuvor. Es war eine Onlinezeitung rund um Videospiele – aber für mich persönlich viel mehr als nur das.
Ich habe zahlreiche Artikel geschrieben, Themen aufgegriffen, Meinungen formuliert und mich immer wieder neu in Inhalte vertieft, die mich ohnehin begeistert haben. Als jemand, der selbst seit Jahren spielt, war das Ganze nie rein journalistisch gedacht, sondern immer auch aus der Perspektive eines Gamers heraus.
Besonders spannend wurde es durch die Einblicke hinter die Kulissen: Ich hatte die Möglichkeit, mit verschiedenen – teils renommierten – Publishern und Entwicklern in Kontakt zu kommen. Dabei wurde ich mit Informationen, Bildern und Materialien versorgt, die man als Außenstehender normalerweise nicht zu Gesicht bekommt. Diese Einblicke haben dem Projekt eine ganz eigene Tiefe gegeben und mir neue Perspektiven auf die Entstehung von Spielen eröffnet.
Trotzdem war „BrainAFK“ im Kern immer ein Herzens- und Hobbyprojekt. Es ging nicht darum, eine große Plattform aufzubauen oder Reichweiten zu maximieren, sondern darum, meine Begeisterung für Spiele in Worte zu fassen und mich kreativ damit auseinanderzusetzen.
Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass sich mein Fokus wieder verschiebt. Und wie schon bei anderen Projekten habe ich es dann bewusst abgeschlossen. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine intensive, spannende Zeit – und an viele Texte, in denen ein Stück meiner eigenen Leidenschaft steckt.

Robert der Delfin
„Rober der Delfin“ ist wahrscheinlich mein persönlichstes Projekt – und gleichzeitig das ruhigste.
Die Idee entstand, weil meine Tochter Delfine über alles geliebt hat. Also habe ich irgendwann 2008 angefangen, kleine Geschichten für sie zu schreiben. Ganz einfache Erzählungen, gedacht für die Bettzeit, zum Vorlesen, zum Runterkommen. Daraus entwickelte sich nach und nach „Rober der Delfin“ – ein wiederkehrender Charakter in kleinen, in sich geschlossenen Abenteuern.
Damals habe ich sogar eine kleine eigene Homepage dafür gebastelt. Nichts Großes, eher schlicht gehalten – aber es gab einen Ort für die Geschichten. Zu der Zeit waren es gerade einmal drei.
Mit den Jahren hat sich natürlich vieles verändert. Aus dem Kind wurde eine erwachsene Frau, und das Interesse an Delfingeschichten für Kinder ist irgendwann ganz selbstverständlich verschwunden. Was geblieben ist, ist das Projekt selbst.
Interessanterweise habe ich „Rober der Delfin“ nie wirklich aufgegeben. Während längerer Phasen, in denen ich sonst kaum geschrieben habe, war das oft das Einzige, was geblieben ist. Kein Druck, kein Anspruch – einfach schreiben.
Über die Jahre hinweg ist die Sammlung gewachsen. Aus den ursprünglichen drei Geschichten sind inzwischen über zwanzig geworden – alle unveröffentlicht, alle eher im Hintergrund entstanden.
Das wird sich jetzt ändern. Ich plane, die Geschichten nach und nach zu überarbeiten und hier in regelmäßigen Abständen zu veröffentlichen.
In gewisser Weise lebt „Rober der Delfin“ also immer noch weiter – nur heute in einem anderen Kontext als damals.
Kapitel 1 (Die Geburt) und Kapitel 2 (Auf Entdeckungstour)
Kapitel 1 – Die Geburt
Das Meer.
Es scheint für uns irgendwo endlich, begrenzt durch die fernen Horizonte, doch für die Tiere, die darin leben, muss es unendlich wirken. Eine zauberhafte Welt voller Geheimnisse und Wunder. In dieser Welt geschieht gerade etwas Besonderes. Ein Wunder der Natur. Eine Geburt.
Anja, ein weiblicher Tümmler, bringt gerade Nachwuchs zur Welt. Die Unterwasserwelt um sie herum scheint den Atem anzuhalten. Delfine sind Säugetiere und bringen ihre Kinder lebend zur Welt, anders als die vielen Fischarten, die Eier legen. Apollo, der werdende Vater, schwimmt unruhig umher. Seine Augen strahlen, doch die Nervosität ist ihm anzusehen. Immer wieder blickt er zu Anja hinüber und bewegt sich vorsichtig, als wolle er nicht stören. „Alles wird gut, Anja“, flüstert er ihr zu, seine Stimme voller Zuneigung und Sorge.
Auch die anderen Tiere im Riff sind in gespannter Erwartung. Luna, Anjas Tochter und somit die werdende Schwester des neuen Meeresbewohners, kann ihre Aufregung kaum zügeln. Sie ist bereits zehn Jahre alt und selbst kein kleines Delfinbaby mehr, aber sie erinnert sich kaum an ihre eigene Geburt oder daran, wie es war, als sie noch ganz klein war. Trotzdem ist ihr dieses Ereignis wichtig. Sie schwimmt immer wieder zur Wasseroberfläche, um Luft zu holen und dabei einen Blick auf die Welt oberhalb des Wassers zu erhaschen.
„Fabian! Hör auf mit dem ewigen Hin und Her, du machst mich ja ganz nervös!“, ruft Luna ihrem Freund zu. Fabian ist ebenfalls ein Delfin und ein enger Freund von Luna. Auch er ist gespannt, aber seine Art, damit umzugehen, ist eher hektisch. Er schwimmt die ganze Zeit unruhig hin und her und kann seine Aufregung nicht verstecken.
„Aber Luna, ich kann nicht anders“, erwidert Fabian und macht einen schnellen Sprung aus dem Wasser. „Es ist so aufregend! Ein neues Mitglied in unserer Gruppe!“
Luna schnauft, schwimmt zur Wasseroberfläche, holt tief Luft und lässt sich dann wieder ins Wasser fallen. Dabei spritzt das Wasser hoch, und sie fühlt sich für einen Moment vollkommen frei. Das Meer ist ruhig, die Sonne hängt tief am Himmel und wirft warme, goldene Strahlen über die sanften Wellen. In weiter Ferne kann Luna das Festland sehen – ein Ort voller Geheimnisse und Verbote. Warum genau sie nicht dorthin schwimmen dürfen, versteht Luna nicht wirklich, aber es ist eine der Regeln, die Apollo ihnen immer wieder eingebläut hat. Trotzdem, manchmal fragt sie sich, was da wohl sein mag.
Gerade als Luna sich in ihren Gedanken verliert, kommt Apollo freudestrahlend angeschwommen. Seine Augen glänzen vor Stolz, und er wirkt erleichtert.
„Luna“, sagt er mit einer sanften Stimme, „du hast ein Brüderchen bekommen.“
Luna blinzelt, als würde sie die Worte erst verarbeiten müssen. Ein Brüderchen. Sie hatte immer gehofft, vielleicht eine kleine Schwester zu bekommen, doch die Aussicht auf einen kleinen Bruder lässt ihr Herz trotzdem schneller schlagen.
„Er heißt Robert“, fügt Apollo hinzu, bevor er sich wieder zu Anja umdreht. „Deiner Mutter geht es gut. Sie möchte, dass du deinen kleinen Bruder bald kennenlernst.“
Luna lächelt leicht, ihre Augen glitzern neugierig. Sie folgt ihrem Vater zurück, und als sie bei Anja ankommt, sieht sie das kleine Wesen, das sich eng an ihre Mutter schmiegt. Robert ist winzig, seine Haut schimmert leicht und seine Augen sind noch halb geschlossen. Er wirkt so zerbrechlich, dass Luna plötzlich Angst hat, ihm zu nahe zu kommen.
„Das ist also mein kleiner Bruder“, flüstert sie, und Anja schaut auf, ihre Augen müde, aber voller Liebe.
„Ja, Luna. Das ist Robert. Er ist noch sehr klein, aber bald wird er mit dir spielen können. Sei geduldig mit ihm, ja?“, sagt Anja, während sie ihren Kopf sanft an Roberts kleinen Körper drückt.
Die Nacht bricht an, und während die Sterne am Himmel hell leuchten, findet im Meer eine Feier statt. Alle sind da: Apollo, Anja, Luna, Fabian und auch Lucy, der freundliche Orca, der zur Familie gehört. Robert, das Zentrum der Aufmerksamkeit, liegt sicher und geborgen an der Seite seiner Mutter. Immer wieder stupsen Luna und Fabian ihn sanft mit ihren Schnauzen an, und Robert quietscht leise, als würde er die Welt um ihn herum neugierig willkommen heißen. Er fühlt sich sicher und geliebt, umgeben von seiner Familie und seinen Freunden.
Schließlich, als die Feier sich dem Ende zuneigt und das Meer in eine beruhigende Stille getaucht ist, schläft Robert friedlich ein. Luna schaut ihn an, und ein Gefühl der Verantwortung überkommt sie. Sie wird auf ihren kleinen Bruder aufpassen, egal was passiert.
„Willkommen in unserer Welt, kleiner Bruder“, flüstert sie, bevor sie ebenfalls ihre Augen schließt.
Kapitel 2 – Auf Entdeckungstour
Zwei Wochen sind seit Roberts Geburt vergangen, und das Leben im Riff hat sich wieder normalisiert. Nun, fast normal. Denn Luna hat sich die Ankunft eines Bruders anders vorgestellt. Sie hatte gedacht, dass er sofort ein Spielkamerad sein würde, jemand, mit dem sie zusammen die Welt erkunden konnte. Stattdessen ist Robert einfach nur neugierig – und stellt ständig Fragen.
„Was ist über dem Meer?“, „Warum ist der Himmel blau?“, „Warum dürfen wir nicht zum Festland?“ – ständig will er Dinge wissen, und Luna wird langsam ungeduldig.
„Du hast genau die gleichen Fragen gestellt, als du klein warst“, sagt Apollo jedes Mal, wenn Luna sich über ihren Bruder beschwert. Doch Luna kann sich nicht daran erinnern – und kann sich das auch ehrlich gesagt gar nicht vorstellen.
Heute nimmt Luna Robert mit auf eine Entdeckungstour. Sie hat beschlossen, ihm die Gegend zu zeigen und hofft, dass das ihre Beziehung verbessert. Robert betrachtet gerade eine Muschel und stupst sie vorsichtig mit seiner Schnauze an. Plötzlich öffnet sich die Muschel, und ein verschlafenes Wesen schaut heraus.
„Kann man hier nicht mal in Ruhe sein Mittagsschläfchen halten?“, fragt der Bewohner der Muschel müde. Robert zuckt ängstlich zurück, und Luna muss lachen.
„Lass Gerry in Ruhe. Der ist immer so faul und will nur schlafen.“
„Wer ist das?“, fragt Gerry neugierig, gähnt und schickt eine kleine Luftblase nach oben.
„Das ist Robert, mein kleiner Bruder“, stellt Luna ihn vor.
„Angenehm“, murmelt das Schalentier. „Ich heiße Gerry, aber das hat dir deine Schwester ja schon gesagt.“ Er streckt seine glitschige Hand entgegen, und Robert erwidert mit seiner Flosse.
„Was macht ihr beiden denn so?“, will Gerry wissen.
„Ich zeige meinem Bruder die Gegend. Wir wollten zum alten Schiff schwimmen. Da, wo die Korallen sind“, erklärt Luna.
„Da wird sich Robert aber bestimmt freuen. Ich wünsche euch viel Spaß dabei“, sagt Gerry und zieht sich wieder in seine Muschel zurück. Robert schwimmt neugierig um die Muschel herum und kichert.
„Das ist ja ein witziger Geselle“, sagt Robert und schaut zu Luna.
Luna nickt. „Komm, Robert. Wir gehen jetzt die Korallen besuchen.“
Die beiden Delfingeschwister schwimmen zum alten Schiff, das übersät mit bunten Korallen ist. Das Wasser ist klar und seicht, und die Sonnenstrahlen, die durch die Oberfläche dringen, tanzen auf den Korallen in allen Farben. Robert ist fasziniert. Er schwimmt weiter und betrachtet das Farbenspiel aus der Nähe. Doch Luna schwimmt schnell an ihm vorbei und stellt sich ihm in den Weg.
„Nein, Robert. Wir dürfen nicht weiter. Vater hat uns verboten, direkt zum Schiff zu gehen.“
„Wieso denn?“, will Robert wissen.
„Weil dort manchmal Menschen sind“, erklärt Luna ernst.
„Was sind Menschen?“
Luna überlegt einen Moment, bevor sie antwortet. „Menschen sind eben Menschen. Die meisten sind harmlos und leben auf dem Festland, aber einige kommen zu uns ins Meer. Papa sagt, sie sind gefährlich.“
„Ach Quatsch – ich sehe keine Menschen“, sagt Robert und schwimmt einfach an Luna vorbei in Richtung des Schiffs.
„Robert!“, ruft Luna, doch Robert hört nicht auf sie. Also schwimmt sie ihm hinterher.
Robert umrundet das alte Wrack. Aus der Nähe wirkt das Schiff noch viel größer. Die mächtigen Holzplanken sind mit bunten Korallen und Seepflanzen bedeckt, und die alten Segelmasten ragen wie gespenstische Stöcke aus dem Wasser. Robert ist beeindruckt, doch Luna macht sich Sorgen.
„Wir sollten umdrehen, Robert. Das ist keine gute Idee“, versucht sie ihn zu überreden. Doch Robert ist einfach zu neugierig. Plötzlich entdeckt er eine Öffnung im Schiffswrack und schwimmt hinein.
Drinnen ist es dunkel und ungemütlich. Die alten Holzwände sind mit Algen und Muscheln überzogen, und es riecht irgendwie modrig. Robert schwimmt schnell wieder hinaus, auf die andere Seite des Wracks, und plötzlich steht er einem Menschen gegenüber.
Der Mensch trägt einen Taucheranzug, und aus seinem Mund steigen Luftblasen auf. Er wirkt genauso überrascht wie Robert. Für einen Moment bleibt die Zeit stehen. Robert und der Mensch starren sich an, keiner von beiden bewegt sich. Dann lässt der Mensch eine Koralle, die er in der Hand hält, fallen und schwimmt hektisch zur Oberfläche.
Luna, die sich nicht in das Innere des Schiffs getraut hat, kommt um die Ecke geschossen. „Robert! Papa wird wütend sein, wenn er das erfährt!“, sagt sie, ihre Stimme voller Sorge.
„Aber Luna“, beginnt Robert und schaut seinem Vater entgegen, der plötzlich neben ihnen auftaucht. Apollo hat alles aus der Entfernung beobachtet und wirkt nicht gerade glücklich.
„Was hast du dir dabei gedacht, Robert?“, fragt Apollo mit strenger Stimme.
„Aber Papa… der Mensch hat mir nichts getan. Er sah eher ängstlich aus“, antwortet Robert verwirrt. „Vielleicht sind nicht alle Menschen gefährlich?“
Apollo seufzt tief. Er schaut seinen Sohn lange an, bevor er spricht. „Ja, Robert. Nicht alle Menschen sind böse. Einige wollen uns nichts tun. Aber es gibt Menschen, die kommen, um die Schätze des Meeres zu stehlen oder sogar unsere Freunde zu verletzen. Du musst vorsichtig sein, mein Junge.“
Robert nickt, doch in seinen Augen blitzt weiterhin Neugier auf. Apollo schüttelt leicht den Kopf und seufzt erneut. „Lass uns jetzt nach Hause schwimmen. Es wird Zeit, dass wir wieder ins offene Meer zurückkehren, wo wir sicher sind.“
Gemeinsam schwimmen sie wieder zurück. Robert denkt über die Worte seines Vaters nach. Er versteht noch nicht alles, was Apollo ihm erklärt hat, doch eines weiß er: Er möchte mehr über diese Menschen herausfinden. Es muss doch noch mehr zu ihnen geben, als nur Gefahr.
Zurück im sicheren Teil des Ozeans, kuschelt sich Robert an seine Mutter und fühlt sich geborgen. Bald darauf fällt er in einen tiefen Schlaf, voller Träume von Abenteuern und unbekannten Welten.
© Armin Knebel
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Kapitel 3 (Auf großer Reise)
Kapitel 3 – Auf großer Reise
Robert war aufgeregt. Seit Wochen sprach sein Vater Apollo von einer Reise, die sie zusammen unternehmen würden. Eine Reise, die bis nahe zum Festland führen würde. Robert konnte kaum an etwas anderes denken, und die Fragen in seinem Kopf schienen kein Ende zu nehmen.
„Warum gehen wir zum Festland, wenn es dort so gefährlich ist?“, „Gibt es dort wirklich Menschen?“, „Wieso dürfen wir nicht immer dorthin?“
Apollo hatte jede seiner Fragen geduldig beantwortet, doch Robert hatte trotzdem noch tausend weitere. So neugierig war er, dass selbst Luna ab und zu die Augen verdrehte.
„Wie kann man nur so neugierig sein – und das als Junge!“, seufzte Luna oft. Aber insgeheim war auch sie ein wenig gespannt darauf, was Robert wohl auf dieser Reise erleben würde. Apollo hatte sie gebeten, zu Hause bei ihrer Mutter zu bleiben, und das hatte Luna etwas enttäuscht. Sie war doch auch mutig, und sie wollte auch neue Dinge sehen! Doch sie verstand, dass Robert und Apollo Zeit alleine brauchten. Es war ein Teil des Erwachsenwerdens – zumindest sagte Apollo das immer wieder.
Endlich war der Tag gekommen. Die Sonne schien auf das ruhige Meer, und der Himmel war ein helles, freundliches Blau. Die Wellen schwappten sanft, und ein Gefühl der Aufregung lag in der Luft. Anja, Roberts Mutter, schob sich liebevoll an ihren Sohn heran, drückte ihn sanft mit ihrer Schnauze an sich und gab ihm einen Kuss.
„Pass auf dich auf, mein Kleiner“, sagte sie leise, ihre Augen voller Sorge, aber auch Stolz. „Hör auf deinen Vater, und sei vorsichtig.“
„Ich werde vorsichtig sein, Mama. Ich verspreche es“, erwiderte Robert ernst. Dann schaute er zu Luna, die ein wenig schmollend neben ihrer Mutter schwebte.
„Viel Spaß, kleiner Bruder“, sagte Luna schließlich, und obwohl ihre Worte etwas ironisch klangen, konnte Robert das Lächeln in ihren Augen sehen. Sie war doch stolz auf ihn.
„Danke, Luna. Ich erzähle dir alles, wenn wir zurück sind“, versprach er.
Apollo nickte Anja und Luna noch einmal zu und wandte sich dann an Robert. „Bist du bereit, mein Sohn?“
„Ja, Papa!“, rief Robert begeistert.
„Dann los, auf zur großen Reise“, sagte Apollo und schlug mit der Schwanzflosse, sodass er elegant durch das Wasser glitt. Robert folgte ihm, seine kleine Flosse schlug kräftig, und er spürte das Wasser um ihn herum, die Freiheit des Meeres, die vor ihm lag. Sie schwammen an Gerry vorbei, der wie immer müde in seiner Muschel lag und ihnen kaum Beachtung schenkte. Robert war zu aufgeregt, um anzuhalten und mit Gerry zu plaudern.
„Das Festland ist weit weg, aber wir werden Pausen machen, damit wir nicht müde werden“, erklärte Apollo. „Es ist wichtig, dass du auf deine Kraft achtest. Das Meer kann ruhig und sanft sein, aber es kann auch schnell gefährlich werden, besonders wenn wir uns dem Festland nähern.“
„Warum ist das Festland so gefährlich, Papa?“, fragte Robert. Er hatte diese Frage schon so oft gestellt, aber er verstand die Antwort noch immer nicht ganz.
„Menschen sind gefährlich, mein Sohn“, sagte Apollo und schwamm etwas langsamer, sodass Robert zu ihm aufschließen konnte. „Nicht alle, aber einige. Manche Menschen fischen uns, andere zerstören unsere Heimat, und einige nehmen Dinge aus dem Meer, die ihnen nicht gehören. Sie verstehen nicht, wie wertvoll unser Zuhause ist.“
„Aber warum wollen wir dann dorthin?“, fragte Robert erneut.
„Manchmal, Robert, müssen wir das Unbekannte mit eigenen Augen sehen, um es wirklich zu verstehen“, erklärte Apollo. „Wenn du die Gefahr kennst, kannst du lernen, wie du damit umgehen musst. Du wirst sehen, dass es nicht nur Schwarz oder Weiß gibt. Menschen sind nicht alle böse, aber du musst vorsichtig sein.“
Die Reise zum Festland dauerte lange, und Robert staunte über all die neuen Dinge, die er sah. Sie schwammen an farbenfrohen Korallenriffen vorbei, sahen riesige Schwärme von Fischen, die synchron durchs Wasser glitten, und begegneten sogar einem Wal, der majestätisch unter ihnen hindurchschwamm. Apollo erklärte Robert geduldig alles, und Robert lauschte fasziniert. Es war, als würde sich eine ganz neue Welt vor ihm öffnen.
Nach einer Weile wurde das Wasser flacher, und Apollo hielt an. „Schau dort vorne, Robert. Siehst du das Ufer?“
Robert tauchte auf und spähte in die Ferne. Tatsächlich sah er eine schmale Linie am Horizont. Das Festland! Sein Herz schlug schneller, und er konnte seine Aufregung kaum bändigen. Sie schwammen noch ein Stück weiter, bis sie ein kleines Hafenstädtchen erreichten. Robert sah Boote, die im Wasser schaukelten, und Menschen, die am Ufer entlanggingen.
„Das ist ein Hafen“, erklärte Apollo. „Hier kommen die Menschen, um auf das Meer hinauszufahren. Manche fischen, andere wollen nur die Schönheit des Meeres genießen.“
Robert beobachtete die Menschen neugierig. Einige von ihnen hatten lange Stöcke in der Hand, die sie ins Wasser hielten. Andere waren damit beschäftigt, Dinge von einem großen Boot auf das Land zu tragen.
„Warum leben die Menschen nicht im Meer, wenn sie so interessiert daran sind?“, fragte Robert.
Apollo lächelte. „Die Menschen sind nicht wie wir. Sie können nicht lange unter Wasser bleiben. Sie brauchen Luft, genau wie wir, aber sie können nicht so tief tauchen und so lange die Luft anhalten. Außerdem…“, Apollo machte eine kurze Pause, als würde er nach den richtigen Worten suchen, „…die Menschen verstehen das Meer nicht so wie wir. Für viele ist es einfach nur ein Ort, den sie benutzen können, nicht ihre Heimat.“
Plötzlich bemerkte Robert ein seltsames, kreisendes Licht in der Ferne. Es blinkte regelmäßig, und Robert konnte seinen Blick nicht davon abwenden.
„Papa, was ist das dort vorne?“, fragte er aufgeregt.
„Das ist ein Leuchtturm“, antwortete Apollo. „Er hilft den Schiffen, sicher in den Hafen zu kommen, besonders bei schlechtem Wetter oder in der Dunkelheit. Das Licht zeigt den Weg, damit die Schiffe nicht gegen Felsen stoßen.“
Robert war beeindruckt. „Menschen haben also auch Dinge, die nützlich sind“, stellte er fest.
Apollo nickte. „Ja, Robert. Sie sind nicht alle schlecht. Sie haben viele Dinge geschaffen, die uns helfen können. Aber sie haben auch Dinge erschaffen, die gefährlich sind. Deshalb ist es wichtig, vorsichtig zu sein.“
Robert beobachtete noch eine Weile die Menschen und die Boote. Er sah ein kleines Kind, das am Ufer stand und ins Wasser blickte. Das Kind lachte, und Robert fand das Lachen ansteckend. Vielleicht, dachte er, waren Menschen doch nicht so anders. Vielleicht gab es noch viel mehr zu entdecken.
„Papa, können wir noch ein bisschen bleiben?“, fragte Robert schließlich.
Apollo schaute ihn lange an, bevor er lächelte. „Ein kleines bisschen noch, aber dann müssen wir zurück. Wir dürfen nicht zu lange hier bleiben, das Meer ruft uns.“
Robert nickte und beobachtete weiterhin neugierig das Treiben im Hafen. Das kleine Kind winkte plötzlich in seine Richtung, und Robert war sich sicher, dass das Kind ihn gesehen hatte. Er wollte gerade zurückwinken, als Apollo ihn sanft mit seiner Schnauze anstupste.
„Komm, mein Sohn. Es ist Zeit.“
Mit einem letzten Blick auf das Festland tauchte Robert ab und folgte seinem Vater. Sie schwammen zurück ins offene Meer, das Blau um sie herum wurde tiefer, und das Geräusch des Hafens verblasste. Robert fühlte sich müde, aber glücklich. Es war, als hätte er etwas ganz Neues entdeckt – etwas, das ihn weiterhin beschäftigen würde.
Zurück im tiefen, sicheren Meer drehte sich Apollo zu seinem Sohn. „Was hast du heute gelernt, Robert?“, fragte er.
Robert überlegte eine Weile. „Dass Menschen gefährlich sein können, aber auch interessant. Und dass wir vorsichtig sein müssen, aber auch neugierig.“
Apollo nickte zufrieden. „Genau das, mein Junge. Das Leben ist voller Gegensätze, und es ist wichtig, dass wir lernen, damit umzugehen.“
Robert lächelte. Er spürte, dass er auf dieser Reise etwas Besonderes gelernt hatte, und er konnte es kaum erwarten, Luna davon zu erzählen. Als sie schließlich bei ihrer Familie ankamen, kuschelte er sich müde an seine Mutter, die ihn liebevoll begrüßte.
„Wie war deine Reise, mein Kleiner?“, fragte Anja sanft.
„Es war wunderbar, Mama“, murmelte Robert, während er die Augen schloss. „Ich habe so viel gesehen… und ich möchte noch viel mehr sehen.“
Mit diesen Gedanken schlief Robert ein, und das Meer wiegte ihn sanft in seinen Träumen von neuen Abenteuern und Entdeckungen.
© Armin Knebel
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Kapitel 4 (Mama hat schlechte Laune)
Kapitel 4 – Mama hat schlechte Laune
An einem heißen Sommertag im Ozean lag eine besondere Spannung in der Luft. Anja, Roberts Mutter, war schon seit dem Morgen ungewöhnlich still und wirkte gereizt. Ihre sonst so sanften Bewegungen waren heute abrupt und ungeduldig, und ihr Blick schien oft in die Ferne zu schweifen. Robert und Luna spürten diese Veränderung sofort. Anja hatte ihnen nicht einmal ihr übliches freundliches Lächeln geschenkt, als sie sie am Morgen weckte.
„Was ist nur mit Mama los?“, fragte Robert seine Schwester leise, während sie beide in der Nähe der Korallen schwammen.
Luna zog die Schultern hoch, was unter Wasser mehr einer sanften Bewegung des ganzen Körpers glich. „Keine Ahnung, Robert. Vielleicht hat sie einfach einen schlechten Tag. Erwachsene haben manchmal solche Tage.“
„Aber warum?“, fragte Robert weiter. „Haben wir etwas falsch gemacht?“
Luna verdrehte die Augen. „Du stellst immer so viele Fragen. Vielleicht ist sie einfach nur müde. Es war eine lange Zeit, seit du geboren wurdest. Mama musste viel tun.“
Robert dachte über diese Antwort nach, während sie weiter spielten. Er konnte sich nicht vorstellen, dass er der Grund für die schlechte Laune seiner Mutter war, aber irgendwie fühlte es sich so an. Es machte ihm ein bisschen Angst. Was, wenn er tatsächlich etwas falsch gemacht hatte?
Die beiden Delfingeschwister schwammen eine Weile umher, fingen an, sich gegenseitig zu jagen, und sprangen immer wieder spielerisch aus dem Wasser. Doch je näher der Abend rückte, desto unruhiger wurde die Stimmung. Anja bereitete in der Nähe eine kleine Mahlzeit vor – es war ihre Aufgabe, nach Fischen zu suchen und sicherzustellen, dass ihre Familie genug zu essen hatte. Aber es schien, als würde alles heute nicht so laufen wie sonst.
Anja sah, wie ihre Kinder spielten, und plötzlich riss ihr Geduldsfaden. Sie schnappte nach Luft, bevor sie sich zu ihnen drehte. „Robert! Luna! Hört auf, so wild herumzuschwimmen! Ihr macht mich ganz nervös!“
Luna hielt abrupt an, und auch Robert blieb stehen. Beide sahen ihre Mutter erschrocken an. „Aber… wir haben doch nur gespielt“, sagte Luna kleinlaut.
„Heute nicht!“, sagte Anja streng. „Ihr seid den ganzen Tag so laut und stört mich bei meiner Arbeit. Geht jetzt schlafen – ohne Abendessen!“
Robert öffnete den Mund, um zu protestieren, doch Luna stupste ihn rasch an und schüttelte leicht den Kopf. Widerwillig schwammen sie zu ihrer Schlafstelle, wo sie sich nebeneinander niederließen. Robert fühlte sich schrecklich. Er verstand nicht, was er falsch gemacht hatte, und es machte ihn traurig, dass seine Mutter so wütend war.
„Luna“, flüsterte er nach einer Weile. „Warum ist Mama heute so gemein zu uns?“
Luna sah ihn an, und in ihren Augen lag ein Hauch von Unsicherheit. „Ich weiß es nicht, Robert. Manchmal haben Erwachsene einfach solche Tage. Vielleicht war es auch nur zu viel für sie, den ganzen Tag auf uns aufzupassen und gleichzeitig das Essen zu besorgen.“
Robert nickte, doch seine Gedanken ließen ihn nicht los. Er wollte, dass seine Mutter wieder glücklich war. Er wollte wieder dieses liebevolle Lächeln sehen, das ihn so sehr beruhigte. Aber was konnte er tun, um es wiederzubekommen?
Während er darüber nachdachte, geschah plötzlich etwas Seltsames. Das ganze Wasser um ihn herum begann zu verschwinden. Robert blinzelte überrascht und sah zu Luna, die genauso verwirrt aussah. Dann, wie in einem Traum, begannen ihre Körper sich zu verändern. Ihre Flossen verwandelten sich in Beine, und das Wasser um sie herum wich und machte Platz für festen Boden. Sie standen plötzlich am Ufer eines Hafens, und alles fühlte sich anders an.
Robert schaute an sich hinunter. Er trug plötzlich Kleidung – einen blauen Pullover, der ihm viel zu eng vorkam. Luna neben ihm trug eine rote Weste, und sie sah ihn mit großen Augen an.
„Was ist hier los?“, fragte Robert, während er vorsichtig einen Schritt nach vorne machte. Seine neuen Beine fühlten sich ungewohnt an, aber irgendwie konnte er laufen, als hätte er es schon immer getan.
„Ich weiß es nicht“, antwortete Luna und lachte leise, als sie ebenfalls einen Schritt machte. „Aber das ist ja verrückt! Schau uns an!“
Robert schaute um sich. Menschen gingen an ihnen vorbei, ohne sie zu bemerken. Es roch nach Salz, Fisch und etwas Süßlichem, das Robert nicht zuordnen konnte. Vor ihnen lag ein großes Schiff, das im Hafen vertäut war. Die Segel waren eingerollt, aber es wirkte dennoch riesig und mächtig.
„Komm, Luna!“, sagte Robert plötzlich und zeigte auf das Schiff. „Lass uns da hinaufgehen!“
„Bist du verrückt?“, fragte Luna und schüttelte den Kopf. „Wir wissen doch gar nicht, was das ist!“
„Aber das ist doch das Abenteuer!“, sagte Robert, seine Augen funkelten vor Aufregung. Er lief in Richtung des Schiffs, seine Beine fühlten sich nun sicherer an, und Luna folgte ihm widerwillig. Sie kletterten die schmale Gangway hinauf, die zum Deck führte, und Robert schaute sich fasziniert um. Das Schiff war voller Kisten und Seile, und er konnte die Wellen unter sich plätschern hören.
Plötzlich trat ein Mann auf sie zu. Er trug einen Hut und eine Jacke, die ihn wie jemanden Wichtiges aussehen ließ. „He, ihr beiden!“, rief er. „Was macht ihr hier auf meinem Schiff?“
Robert erstarrte, und für einen Moment wusste er nicht, was er sagen sollte. „Wir… ähm… wir wollen mitfahren“, stammelte er schließlich.
Der Mann lachte. „Mitfahren, sagt ihr? Wisst ihr überhaupt, wohin wir fahren?“
„Nein“, gab Robert zu, „aber wir wollen die Welt sehen. Wir sind mutig, und wir wollen Abenteuer erleben.“
Der Mann schaute die beiden Delfingeschwister an, als wolle er prüfen, ob sie es ernst meinten. Dann lachte er wieder. „Na gut, ihr kleinen Abenteurer. Wir segeln bald los. Aber seid gewarnt – die See kann rau sein, und es wird nicht immer leicht.“
Robert nickte eifrig. „Das ist in Ordnung. Wir sind bereit.“
Der Mann zeigte ihnen, wo sie sitzen konnten, und Robert schaute begeistert über das Deck. Der Wind blies durch sein Haar, und er fühlte sich frei – als könnte er wirklich die ganze Welt entdecken. Doch plötzlich hörte er eine Stimme, die immer lauter wurde.
„Robert! Robert! Wach auf!“
Robert blinzelte und stellte fest, dass er nicht mehr auf einem Schiff war. Stattdessen lag er in der Nähe seiner Schlafstelle, und Luna stupste ihn sanft an.
„Robert, wach auf! Mama ist wieder gut gelaunt. Sie sagt, wir können doch noch Abendessen haben.“
Robert blinzelte verwirrt und sah sich um. Wo waren seine Beine hin? Wo war das Schiff? Alles war nur ein Traum gewesen. Er schaute zu Luna, die ihn neugierig ansah.
„Du hast im Schlaf geredet“, sagte sie. „Hast du geträumt?“
Robert nickte langsam. „Ja… ich habe geträumt, dass wir Menschen waren und auf einem Schiff gefahren sind. Es war seltsam, aber auch aufregend.“
Luna lachte. „Du hast wirklich eine wilde Fantasie, kleiner Bruder.“
Robert grinste. „Vielleicht. Aber eines Tages werde ich wirklich auf große Abenteuer gehen, Luna. Das verspreche ich.“
Luna stupste ihn spielerisch an. „Vielleicht, aber heute gibt es erst einmal Abendessen.“
Gemeinsam schwammen sie zurück zu ihrer Mutter, die sie mit einem warmen Lächeln empfing. Anja sah immer noch etwas müde aus, aber sie wirkte entspannter, und Robert fühlte sich erleichtert. Alles war wieder gut.
© Armin Knebel
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Kapitel 5 (Robert wird zum Helden)
Kapitel 5 – Robert wird zum Helden
Es war ein sonniger Tag im Ozean, und Robert und Luna schwammen fröhlich in der Nähe eines farbenprächtigen Korallenriffs. Das Wasser schimmerte klar und warm, und die Sonnenstrahlen brachen sich im Wasser, wodurch ein bezauberndes Spiel aus Licht und Schatten entstand. Die bunten Fische, die um sie herumschwammen, schienen sich dem Spiel der Delfingeschwister anzuschließen, als wären sie ebenfalls Teil eines großen, harmonischen Tanzes.
„Komm schon, Robert, schau dir das hier an!“, rief Luna, während sie an einem besonders großen Korallenblock vorbeischwamm, der von unzähligen Seeanemonen bedeckt war. Robert folgte ihr und staunte über die Farbenpracht, als plötzlich ein leises, klägliches Geräusch seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war ein Geräusch, das nicht in das friedliche Bild des Ozeans passen wollte.
„Hast du das gehört, Luna?“, fragte Robert und schaute sich suchend um.
Luna hielt inne, spitzte ihre Ohren und lauschte aufmerksam. Da war es wieder – ein leises Rufen, fast wie ein Weinen. „Ja, ich höre es“, sagte sie schließlich. „Es klingt, als wäre jemand in Schwierigkeiten.“
Die beiden Delfine folgten dem Geräusch, bis sie eine kleine Lichtung im Korallenriff erreichten. Dort, in einem alten, verrotteten Fischernetz, das sich um die Korallen gewickelt hatte, zappelte ein kleiner Fisch verzweifelt umher. Er hatte sich hoffnungslos verfangen und schien völlig erschöpft.
„Oh nein!“, rief Robert erschrocken. „Der arme Fisch steckt fest!“
Luna schwamm näher heran und betrachtete das Netz. Es war alt und voller Algen, doch es war so verknotet, dass es für den kleinen Fisch unmöglich war, sich daraus zu befreien. „Wir müssen ihm helfen, Robert“, sagte sie entschieden. „Aber das Netz ist wirklich fest. Was sollen wir tun?“
Robert dachte schnell nach. Er erinnerte sich an eine Geschichte, die sein Vater ihm erzählt hatte. Es war die Geschichte eines tapferen Seesterns, der einem Fisch in Not geholfen hatte, indem er das Netz mit seinen starken Armen durchtrennt hatte. Robert wollte genauso mutig und einfallsreich sein wie der Seestern in der Geschichte.
„Luna, bleib bei ihm und beruhige ihn“, sagte Robert entschlossen. „Ich werde versuchen, jemanden zu finden, der uns helfen kann.“
Luna nickte und schwamm zu dem kleinen Fisch hinüber. „Keine Sorge, kleiner Freund“, sagte sie sanft. „Wir lassen dich hier nicht allein. Mein Bruder wird jemanden finden, der uns helfen kann.“
Robert schwamm so schnell er konnte los. Er durchquerte die Lichtungen des Korallenriffs und hielt Ausschau nach Hilfe. Schließlich entdeckte er Lucy, die freundliche Orca-Dame, die in der Nähe umherschwamm. Lucy war groß, stark und hatte ein gutes Herz – sie würde bestimmt wissen, was zu tun war.
„Lucy! Lucy!“, rief Robert, als er auf sie zuschwamm. Lucy drehte sich überrascht um und lächelte, als sie Robert sah.
„Hallo, Robert. Was führt dich so aufgeregt hierher?“, fragte sie mit ihrer warmen, tiefen Stimme.
„Ein kleiner Fisch ist in einem alten Fischernetz gefangen! Luna ist bei ihm, aber wir brauchen Hilfe, um das Netz zu durchtrennen. Kannst du uns helfen?“, fragte Robert atemlos.
Lucy nickte sofort. „Natürlich, mein Kleiner. Zeig mir den Weg.“
Robert führte Lucy so schnell er konnte zurück zu der Stelle, an der Luna und der kleine Fisch auf sie warteten. Luna schaute erleichtert auf, als sie Lucy sah.
„Oh, Lucy, gut, dass du hier bist!“, sagte sie. „Das Netz ist so fest verknotet. Wir wissen nicht, wie wir den kleinen Kerl da rausholen sollen.“
Lucy schwamm näher heran und betrachtete das Netz. „Dieses Netz ist gefährlich“, sagte sie ernst. „Solche Dinge gehören nicht ins Meer. Sie schaden uns allen.“ Sie nahm vorsichtig das Netz in ihren mächtigen Kiefer und zog daran, während Robert und Luna aufmerksam zusahen.
Es dauerte eine Weile und erforderte all Lucys Kraft, doch schließlich riss das alte Netz auseinander. Der kleine Fisch war frei! Er schwamm hektisch auf und ab, seine kleinen Flossen schlugen so schnell, dass er beinahe zu schweben schien.
„Oh, danke, danke!“, rief der Fisch, seine Augen weit vor Freude. „Ich dachte schon, ich würde nie wieder frei sein!“
Robert lächelte stolz und schwamm zu ihm. „Alles gut, kleiner Freund. Jetzt bist du wieder sicher. Aber sei vorsichtig, solche Netze können überall im Meer sein.“
„Ihr seid meine Helden!“, sagte der kleine Fisch mit zitternder Stimme. „Ich weiß nicht, wie ich euch danken soll.“
„Du musst uns nicht danken“, sagte Luna sanft. „Wichtig ist nur, dass es dir gut geht. Aber wenn du willst, kannst du anderen Fischen davon erzählen, damit sie vorsichtig sind.“
Lucy nickte zustimmend. „Ja, erzählt es weiter. Diese Netze sind eine Gefahr für alle Meeresbewohner. Wir müssen aufeinander aufpassen.“
Der kleine Fisch nickte eifrig, dann schwamm er schnell davon, immer noch ganz überwältigt von seiner wiedergewonnenen Freiheit. Robert, Luna und Lucy sahen ihm nach, bis er in den Tiefen des Korallenriffs verschwand.
Lucy wandte sich an die beiden Delfine. „Ihr habt heute etwas sehr Wichtiges getan“, sagte sie ernst. „Ihr habt nicht nur einem Lebewesen geholfen, sondern auch gezeigt, dass wir gemeinsam stärker sind. Ich bin stolz auf euch beide.“
Robert fühlte sich größer, als er jemals zuvor gewesen war. Ein warmes Gefühl der Zufriedenheit breitete sich in ihm aus, und er wusste, dass er diesen Moment niemals vergessen würde. „Danke, Lucy“, sagte er leise. „Ohne dich hätten wir das nicht geschafft.“
Lucy lächelte. „Wir alle helfen einander, Robert. Das ist das Wichtigste. Ihr habt den Mut gehabt, etwas zu unternehmen. Das macht euch beide zu Helden.“
Robert und Luna sahen sich an und lächelten. „Wir sind Helden, Robert“, sagte Luna stolz. „Wir haben wirklich etwas Gutes getan.“
„Ja, das haben wir“, stimmte Robert zu. „Und ich hoffe, dass wir noch vielen anderen helfen können.“
Mit diesen Worten schwammen sie alle zusammen zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Das Korallenriff glitzerte im Licht der Sonne, und Robert fühlte sich glücklich und zufrieden. Heute hatte er etwas Besonderes erlebt – ein Abenteuer, das ihm zeigte, wie wichtig Mut und Freundschaft waren.
Als sie bei ihrer Familie ankamen, erzählten Robert und Luna aufgeregt von ihrem Abenteuer. Apollo und Anja hörten aufmerksam zu, und ihre Augen strahlten voller Stolz, als sie von der Heldentat ihrer Kinder erfuhren.
„Ihr habt wirklich etwas Großartiges getan“, sagte Apollo und schaute Robert liebevoll an. „Du hast Mut bewiesen, mein Sohn, und das ist eine sehr wertvolle Eigenschaft.“
Anja nickte zustimmend und zog Robert und Luna sanft an sich. „Ich bin so stolz auf euch beide. Ihr habt gezeigt, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und anderen zu helfen.“
Robert kuschelte sich an seine Mutter und fühlte sich geborgen. Er wusste, dass dies erst der Anfang war. Das Meer war voller Geheimnisse, und er wollte all die Abenteuer erleben, die es zu bieten hatte. Aber jetzt, in diesem Moment, war er einfach nur glücklich, bei seiner Familie zu sein, die ihn liebte und unterstützte.
„Ich werde immer mutig sein, Mama“, flüsterte Robert. „Und ich werde immer versuchen, anderen zu helfen.“
„Das weiß ich, mein Kleiner“, sagte Anja sanft. „Du wirst ein großer Held sein, Robert. Davon bin ich überzeugt.“
Und mit diesen Worten schlief Robert zufrieden in den Armen seiner Mutter ein, während die Wellen sanft um sie herum rauschten und das Meer seine beruhigende Melodie sang. Heute hatte er gelernt, dass wahre Stärke nicht immer bedeutet, der Größte oder Stärkste zu sein – manchmal bedeutet sie einfach, das Richtige zu tun, auch wenn es schwierig ist.
© Armin Knebel
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Kapitel 6 (Der verlorene Stern)
Kapitel 6 – Der verlorene Stern
Es war ein sonniger Tag im Ozean, und Robert und Luna waren damit beschäftigt, ein neues Spiel zu erfinden. Sie schwammen um die großen Felsen, tauchten durch enge Passagen und jagten sich durch das dichte Seegras. Beim Versteckspiel entdeckte Luna etwas Glitzerndes, das zwischen den dichten Gräsern hervorschimmerte. Es war ein Stein, so klar und funkelnd, dass es aussah, als hätte jemand einen Stern vom Himmel gepflückt und auf den Meeresboden fallen lassen.
„Sieh mal, Robert! Ich glaube, ich habe einen echten Stern gefunden!“, rief Luna aufgeregt, während sie den Stein aus dem Seegras zog und ihn Robert zeigte.
Robert schwamm näher heran und betrachtete den Stein mit großen Augen. „Er ist wunderschön. Aber wie ist er hierhergekommen? Sterne gehören doch in den Himmel!“, meinte er, während der Stein in Lunas Flosse schimmerte.
Die beiden Geschwister begannen lebhaft darüber zu diskutieren, wem der Stern gehören sollte. Luna war der Meinung, dass sie ihn gefunden hatte und er daher ihr gehören sollte, während Robert darauf bestand, dass er den Stein haben sollte, weil er besser darauf aufpassen könnte. „Ich könnte einen sicheren Platz für ihn finden, wo er niemandem verloren geht!“, behauptete Robert.
„Nein, ich habe ihn gefunden, und ich werde ihn behalten!“, rief Luna entschlossen.
Während die beiden so miteinander stritten, kam Anja, ihre Mutter, vorbei. Sie hatte die Stimmen ihrer Kinder gehört und sah neugierig zu den beiden hinüber. „Was ist denn hier los?“, fragte sie mit sanfter, aber bestimmter Stimme.
Luna hielt den glitzernden Stein hoch, ihr Gesicht strahlte vor Stolz. „Sieh nur, Mama, ich habe einen Stern gefunden! Aber Robert möchte ihn mir wegnehmen.“
Anja betrachtete den Stein eine Weile und lächelte. „Das ist kein echter Stern, meine Lieben. Es ist ein Quarzstein. Aber er ist wirklich sehr schön“, sagte sie und ließ den Stein in ihren Flossen schimmern. „Warum teilt ihr ihn euch nicht einfach?“
„Teilen?“, fragten beide Delfine gleichzeitig, ihre Augen waren weit aufgerissen.
„Ja“, sagte Anja geduldig. „Heute kann Luna ihn haben und morgen Robert. Auf diese Weise könnt ihr beide euren Spaß damit haben und euch trotzdem liebhaben.“
Robert und Luna schauten sich eine Weile an und dachten über den Vorschlag ihrer Mutter nach. Schließlich nickten sie beide widerwillig. Es schien eine gute Idee zu sein, auch wenn keiner von ihnen wirklich zufrieden war, dass er den Stein nicht für sich allein haben konnte. „Na gut“, sagte Robert seufzend. „Aber du gibst ihn mir morgen sofort, versprochen?“
„Versprochen!“, rief Luna.
Die nächsten Tage vergingen, und die beiden Geschwister hatten sich an das Teilen gewöhnt. Jeden Tag gaben sie den Stein abwechselnd an den anderen weiter. Luna liebte es, den Stein zwischen den Korallen zu verstecken und zu beobachten, wie das Licht in den verschiedenen Farben schimmerte. Robert hingegen trug ihn gern bei sich, während er durchs Riff schwamm, und zeigte ihn stolz Gerry, dem faulen Muschelbewohner, der jedoch nur müde blinzelte und sich wieder schlafen legte.
Eines Tages jedoch, als Robert den Stein an Luna zurückgeben sollte, war er nirgends zu finden. Robert suchte in jeder Ecke des Riffs, aber der Stein war verschwunden. Sein Herz klopfte heftig, und schließlich rief er verzweifelt: „Ich habe ihn verloren! Ich habe nicht gut genug auf ihn aufgepasst!“
Luna, die schon auf den Stein wartete, war zuerst wütend. „Wie konntest du nur!“, rief sie. „Er war so wunderschön, und jetzt ist er weg!“ Doch dann sah sie die Tränen, die sich in Roberts Augen sammelten, und die Wut in ihr verschwand. Sie spürte, wie verzweifelt er war, und plötzlich wurde ihr klar, dass der Stein nicht das Wichtigste war. „Es ist nur ein Stein, Robert“, sagte sie schließlich mit sanfter Stimme. „Das Wichtigste ist, dass du es mir gesagt hast und dass wir zusammen sind.“
Robert schniefte und sah seine Schwester dankbar an. „Es tut mir so leid, Luna. Ich wollte wirklich gut darauf aufpassen.“
Die beiden Delfine umarmten sich, ihre Flossen schlangen sich umeinander, und sie beschlossen, gemeinsam nach dem Stein zu suchen. Stundenlang durchforsteten sie den Meeresboden, schwammen durch das dichte Seegras, tauchten in Höhlen ein und suchten unter Felsen und in den kleinen Spalten, die das Riff bot. Sie fragten sogar Gerry, ob er den Stein gesehen hatte, aber Gerry schüttelte nur müde den Kopf und murmelte: „Ihr Kinder und eure Spielsachen.“
Die Sonne begann langsam zu sinken, und das Licht im Meer veränderte sich, als Robert und Luna erschöpft nach Hause zurückkehrten. Ihre Körper waren müde vom vielen Schwimmen, und ihre Köpfe hingen traurig herab. Anja bemerkte ihre betrübten Gesichter, als sie heimkamen, und schwamm besorgt zu ihnen hinüber.
„Was ist denn los, meine Lieben?“, fragte sie sanft und streichelte ihre Köpfe mit ihrer Flosse.
Robert seufzte tief und erklärte ihr, was passiert war. „Wir haben den Stein verloren, Mama. Wir haben überall gesucht, aber er ist einfach weg“, sagte er niedergeschlagen.
Anja lächelte mitfühlend. „Manchmal verlieren wir Dinge, die uns wichtig sind“, sagte sie mit warmer Stimme. „Aber wisst ihr, was wirklich zählt? Es ist nicht der Stein, den ihr verloren habt, sondern dass ihr beide euer Bestes gegeben habt, um ihn zu finden. Ihr habt zusammengearbeitet, und das ist das Wichtigste. Seid dankbar für die Zeit, die ihr zusammen hattet, und für das, was ihr voneinander gelernt habt.“
Luna und Robert sahen sich an und lächelten leicht. Sie erinnerten sich daran, wie sie zusammen im Seegras getobt und in den Höhlen gesucht hatten. Es war nicht nur der Stein, der ihnen Spaß gemacht hatte, sondern die Zeit, die sie miteinander verbracht hatten. „Danke, Mama“, sagten sie gleichzeitig, und in ihren Augen funkelte ein neues Verständnis.
Am nächsten Tag entschieden die beiden, den Stein hinter sich zu lassen und nach neuen Abenteuern Ausschau zu halten. Sie schwammen zu ihren Freunden Fabian und Lucy und erzählten ihnen von ihrer Suche und dem, was sie gelernt hatten. Lucy, der freundliche Orca, hörte aufmerksam zu und nickte zustimmend. „Das Wichtigste ist, dass ihr als Geschwister zusammenhaltet. Ein Stein ist nur ein Stein, aber eure Freundschaft und eure Familie sind unbezahlbar.“
Robert und Luna nickten eifrig. Sie verstanden jetzt, dass der verlorene Stein nur ein kleiner Verlust war im Vergleich zu der Bindung, die sie miteinander teilten. Sie beschlossen, gemeinsam ein neues Spiel zu erfinden, das sie alle zusammen spielen konnten. Dieses Mal ging es nicht darum, etwas zu besitzen, sondern darum, gemeinsam Spaß zu haben.
Von diesem Tag an waren sie dankbarer für die kleinen Momente, die sie zusammen verbrachten, für das Lachen, das sie teilten, und für die Lektionen, die sie voneinander lernten. Und so endete der Tag mit zwei glücklichen Delfinen, die dankbar für ihre Familie und die Liebe waren, die sie umgab. Das Meer rauschte sanft um sie herum, und die Sterne am Himmel schienen ihnen zuzuflüstern, dass es noch viele Abenteuer gab, die auf sie warteten.
„Komm, Robert!“, rief Luna, als sie plötzlich losschwamm. „Mal sehen, wer als Erster beim alten Schiffswrack ist!“
Robert lachte, und sein Herz fühlte sich leicht an. „Warte auf mich, Luna!“, rief er, und gemeinsam schwammen sie los, während das tiefe Blau des Meeres sie empfing, bereit für das nächste Abenteuer, das auf sie wartete.
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Kapitel 7 (Das neue Spiel „Wasserball“)
Kapitel 7 – Das neue Spiel „Wasserball“
Robert und Luna spielten oft und gerne zusammen. Meistens spielten sie Fangen oder tauchten um die Wette, doch es war an der Zeit für etwas Neues. Eines sonnigen Nachmittags, als Robert im Riff umherschwamm, kam ihm eine spannende Idee. Er beobachtete, wie ein paar bunte Fische in einer Gruppe umherwuselten, als ein Gedanke ihn traf wie ein Blitz. Warum nicht ein neues Spiel erfinden, etwas, das noch niemand zuvor im Meer gespielt hatte?
Voller Aufregung tauchte Robert auf und schwamm direkt zu Luna. „Luna! Ich habe eine Idee für ein neues Spiel!“, rief er aufgeregt, während er wild mit der Flosse winkte.
Luna, die gerade damit beschäftigt war, Gerry, den faulen Muschelbewohner, zum Lachen zu bringen, blickte auf. „Ein neues Spiel? Erzähl mir mehr!“, forderte sie ihn neugierig auf, ihre Augen strahlten vor Vorfreude.
„Es heißt ‚Wasserball‘!“, sagte Robert stolz. „Wir brauchen einen Ball, den man im Wasser werfen und fangen kann. Aber keinen gewöhnlichen Ball – er muss leicht und schwimmfähig sein, damit er nicht untergeht!“
Luna lachte. „Das klingt großartig! Aber wo bekommen wir einen Ball her? Wir brauchen etwas, das im Wasser treibt und nicht zu schwer ist.“
Robert nickte und grinste. „Ich dachte, wir könnten etwas im Riff finden. Vielleicht eine runde Muschel oder etwas anderes, das als Ball dienen könnte.“
Ohne zu zögern, schwammen die beiden Delfingeschwister hinab in das Riff und begannen ihre Suche. Sie tauchten um große Felsen herum, durchstöberten das Seegras und schauten sogar in versteckte Spalten. Schließlich fanden sie eine Muschel, die perfekt war: Sie war leicht, rund und schwamm an der Wasseroberfläche. Robert hob sie stolz hoch, während Luna aufgeregt zusah.
„Das ist sie!“, rief Robert triumphierend. „Unser Wasserball!“
Luna stimmte ihm begeistert zu. „Dann lass uns anfangen!“, sagte sie und schnappte sich die Muschel.
Gemeinsam tauchten sie zur Wasseroberfläche zurück und begannen, das neue Spiel auszuprobieren. Luna warf die Muschel zu Robert, der versuchte, sie mit seinen Flossen zu fangen. Die Muschel war jedoch rutschig und glitt ihm immer wieder aus den Flossen, sodass sie oft davontrieb. Die beiden lachten laut, als sie die Muschel immer wieder einfingen und neue Versuche starteten.
„Das ist schwerer, als ich dachte!“, sagte Luna, als sie versuchte, die Muschel zu fangen und sie ihr erneut entglitt.
Robert grinste. „Das macht es doch gerade so spannend! Wir müssen üben, bis wir es schaffen, ohne die Muschel zu verlieren.“
Und genau das taten sie. Sie verbrachten Stunden damit, den Ball hin und her zu werfen, zu tauchen, ihn zu fangen und ihre Techniken zu verbessern. Sie übten das Werfen aus verschiedenen Winkeln, das schnelle Reagieren, wenn die Muschel plötzlich eine andere Richtung einschlug, und das Tauchen, wenn sie zu tief sank. Jeder Fehlversuch brachte sie zum Lachen, und jeder Erfolg machte sie stolzer.
Nach einiger Zeit fiel das Spiel auch anderen Meeresbewohnern auf. Fabian, ihr guter Freund, der neugierig in der Nähe vorbeischwamm, kam heran. „Hey, was macht ihr da?“, fragte er und sah interessiert zu, wie Luna die Muschel elegant durch die Luft schnippen ließ.
„Wir spielen ‚Wasserball‘!“, rief Robert stolz. „Willst du mitmachen?“
Fabian nickte begeistert. „Natürlich! Das sieht nach Spaß aus!“
Und so schloss sich Fabian ihnen an. Sie erklärten ihm die Regeln, und bald schon waren sie zu dritt. Es dauerte nicht lange, bis auch andere Fische neugierig wurden und zusahen. Die kleinen Clownfische, die normalerweise schüchtern in den Anemonen blieben, wagten sich hervor, und sogar Lucy, die freundliche Orca-Dame, kam herbei und sah ihnen zu.
„Wasserball, hm?“, fragte Lucy lachend, als sie sah, wie Fabian versuchte, die Muschel zu fangen und dabei einen eleganten Salto machte. „Das sieht wirklich lustig aus. Vielleicht sollte ich es auch einmal ausprobieren!“
„Komm schon, Lucy!“, rief Luna. „Versuch es!“
Lucy schloss sich ihnen an, und bald war das Spiel „Wasserball“ ein richtiger Hit unter den Meeresbewohnern. Sie alle spielten zusammen, lachten, tauchten und genossen die Herausforderung, die Muschel im Wasser zu fangen. Robert fühlte sich unglaublich glücklich. Seine Idee hatte funktioniert, und jetzt brachte das Spiel allen Freude. Es war nicht nur ein Spiel – es war eine Gelegenheit, zusammenzukommen, zu lernen und Spaß zu haben.
Sie spielten bis zum Sonnenuntergang, als die letzten Strahlen der Sonne das Meer in ein warmes, goldenes Licht tauchten. Die Muschel glitzerte im Licht, als Lucy sie mit einer eleganten Bewegung zu Robert warf. Er fing sie, und für einen Moment fühlte er sich, als hätte er einen echten Stern in den Flossen.
„Das war großartig!“, rief Fabian außer Atem. „Ich wusste nicht, dass ein einfaches Spiel so viel Spaß machen kann.“
„Es geht nicht nur um den Ball“, sagte Robert lächelnd. „Es geht darum, dass wir alle zusammen Spaß haben und besser werden. Jeder von uns lernt etwas, und das ist das Beste daran.“
Luna nickte zustimmend. „Ja, wir haben alle etwas Neues gelernt. Und es hat uns geholfen, besser im Werfen, Fangen und Tauchen zu werden.“
Als die Sonne unterging und der Mond langsam am Horizont aufstieg, legten sich die Delfingeschwister und ihre Freunde nebeneinander ins ruhige Wasser und sahen zum Himmel hinauf. „Vielleicht wird ‚Wasserball‘ eines Tages auch bei den Menschen an Land populär“, sagte Luna träumerisch.
Robert lächelte. „Vielleicht. Aber für uns hier im Meer ist es schon jetzt etwas ganz Besonderes.“
Von diesem Tag an spielten Robert, Luna und ihre Freunde oft „Wasserball“. Es wurde zu ihrem Lieblingsspiel, und jedes Mal, wenn sie spielten, kamen neue Meeresbewohner hinzu, die ebenfalls mitmachen wollten. Der Ozean füllte sich mit Lachen, Freudenschreien und dem Rauschen der Wellen, die sie umgaben. Das Spiel brachte sie alle näher zusammen, und Robert wusste, dass es nicht nur um den Spaß ging – es ging um Freundschaft, Zusammenhalt und das gemeinsame Erleben von Abenteuern.
Und so endete der Tag mit zwei glücklichen Delfinen und ihren Freunden, die zusammen die Schönheit des Meeres genossen und das Wissen teilten, dass sie gemeinsam alles erreichen konnten. Das tiefe Blau des Ozeans umhüllte sie, während der Mond über ihnen schimmerte, und die Sterne erzählten von all den Abenteuern, die noch auf sie warteten.
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Kurzgeschichten
Meine ersten „Geschichten“ sind schon sehr früh entstanden – ich war vielleicht acht oder neun Jahre alt. Damals waren es allerdings keine klassischen Erzählungen, sondern eher das, was ich für Drehbücher hielt. Gemeinsam mit meinem besten Freund habe ich Szenen aufgeschrieben, inklusive ziemlich wilder Regieanweisungen wie „hier beginnt spannende Musik“. Anschließend haben wir das Ganze tatsächlich nachgespielt. Rückblickend ziemlich chaotisch – aber genau so fängt es vermutlich an.
Später wurden daraus „normale“ Kurzgeschichten. Ohne festen Plan, ohne großes Ziel. Ich habe einfach geschrieben – mal für mich, mal für andere, über alles, was mir gerade in den Kopf kam. Es ging nie um Struktur oder Strategie, sondern nur darum, Ideen irgendwie festzuhalten.
Der große Traum war allerdings immer ein Roman. In einer Zeit, in der ich noch mit der Schreibmaschine gearbeitet habe und kein Computer zur Verfügung stand, fühlte sich das wie ein riesiges, fast unerreichbares Projekt an. Viele Ideen waren da, aber kaum Erfahrung – und die technischen Hürden haben es nicht gerade einfacher gemacht.
Das Schreiben von Kurzgeschichten ist mir trotzdem bis heute geblieben. Mal entstehen sie einfach so, mal mit einem konkreten Ziel – etwa für Schreibwettbewerbe oder Ausschreibungen für Anthologien. Einige meiner Geschichten haben es tatsächlich bereits in solche Sammlungen geschafft, andere liegen noch unveröffentlicht auf meiner Festplatte.
Auch hier werde ich nach und nach eine Auswahl veröffentlichen. Manche Texte werden überarbeitet, andere bleiben bewusst so, wie sie entstanden sind – als Momentaufnahmen aus unterschiedlichen Phasen meines Schreibens.
Elfenblut
Elfenblut
Milos rammte sein Schwert in die Brust der Elfe. Er konnte die Qual und den Tod im Gesicht seines Feindes lesen, bevor der Lebensfunke erlosch und die Augen trübe wurden. Die Schlacht war nun schon Stunden im Gange, und langsam lichtete sich das Feld – zu seinen Gunsten.
„Milos!“, rief sein Feldattaché. „Wir brauchen Gefangene!“
„Ich nicht!“, erwiderte Milos und zog das rote Schwert aus dem leblosen Körper. „Schlachtet sie alle ab – Frauen wie Kinder!“, befahl Milos.
Krakan, der Feldattaché, bahnte sich seinen Weg zu seinem Vorgesetzten.
„Der König gab uns den Befehl, Gefangene zu machen“, wiederholte er.
Milos senkte sein Schwert und sah Krakan mitleidig an. Der Feldgeneral sah aus wie der Teufel persönlich. Er war ein Hüne von einem Mann – ein Krieger, wie er in den alten Lehrbüchern der Sarantene beschrieben wird. Sein Zweihänderschwert führte er locker mit einer Hand, und Geschichten sagen, er hätte einem Mann den Kopf vom Rumpf abgebissen. Milos wusste, dass dies nur ein Gerücht war und nicht stimmte. Doch er würde den Teufel tun, dies zuzugeben.
„Warum sollten wir Gefangene machen? Wir haben einen weiten Rückweg vor uns. Gefangene halten uns nur auf und kosten wertvolle Lebensmittel.“
Krakan wagte es nicht, noch einmal zu widersprechen.
Das Schlachtfeld war ein einziges rotes Meer. Elfen wie Menschen lagen zerschmettert, zerteilt oder mit Pfeilen gespickt am Boden. Das Wehgeschrei der Verletzten schmerzte in Milos’ Ohren. Er ging über den endlosen Teppich aus Körpern, der sich bis zum Horizont erstreckte. Die Hand einer Elfe zuckte, und flehende Augen sahen ihn an. Mit einem einzigen Hieb köpfte er das Zauberwesen.
„Tötet sie alle!“, rief Milos seinen Soldaten zu, die es ihm gleichtaten und nach Verwundeten suchten.
Mit diesen Worten stieg er auf sein Pferd und ritt in das Lager, zurück zu seinem Zelt. Er legte seinen schweren Brustpanzer ab und setzte sich vor eine Glaskugel. Er hatte Mühe, sich an die Formel zu erinnern, doch nachdem er sie gesprochen hatte, begann die Kugel zu leuchten.
„Wie viele Elfen gibt es auf Erdenboden?“, befragte er das Licht.
„Nur noch jene, die blutend auf dem Schlachtfeld liegen“, antwortete ihm eine Stimme.
Milos war zufrieden. Er hatte seinen Auftrag erfüllt. Die letzten Elfen hauchten gerade ihren Atem aus, und in wenigen Stunden war dieses Volk Geschichte. Er erinnerte sich an die Worte des Druiden: „Wir brauchen frisches Elfenblut, Milos. Nur Elfenblut hat die reinigende Kraft, um die Krankheit zu vertreiben, die unser Volk heimgesucht hat.“ Er musste noch einmal zurück auf das Schlachtfeld.
Krakan hatte aufgehört zu zählen. Dutzende verwundete und flehende Elfen hatte er nun schon in das Reich von Odin geschickt – oder wie auch immer der Gott bei den Elfen hieß. Er sah Milos auf sich zureiten. Er hasste ihn mittlerweile, doch würde er das nie sagen – er hatte Angst vor ihm.
„Der Nächste ist für mich“, sagte Milos, als er vom Pferd abstieg.
Er brauchte nicht lange, um einen noch lebenden Elfen zu finden. Der Elf wusste, was auf ihn zukam. Lange genug konnte er Krakan bei seiner Schlächterarbeit zuschauen. Milos zog seinen Dolch aus der Scheide und packte den Elf am Kopf. Er zog ihn nach hinten und rammte ihm das todbringende Metall in den Hals. Der Körper der sterbenden Kreatur zuckte im Todeskampf, und ein Schwall warmen Blutes schoss empor. Milos hatte die Schlagader getroffen. Er nahm ein kleines Gefäß und melkte den Elf, bis dieser tot war.
„Bei Odin! Du hast ihn abgeschlachtet wie ein Schwein an Midsommarafton!“, rief Krakan.
Er schämte sich für seinen General. So geht man nicht mit heldenhaften Kriegern um. Auch nicht, wenn es die eigenen Feinde sind. Milos sah ihn mitleidig an.
„Frisches Elfenblut“, sagte er nur und schwang sich wieder auf sein Pferd. „Das ist die Rettung für unser Volk. Und für Magerta und Agrate.“
Magerta war seine Frau und Agrate seine Tochter. Beide waren der seltsamen Schlafkrankheit zum Opfer gefallen – wie alle Frauen aus Milos’ Dorf.
„Jetzt mach weiter. Morgen geht es endlich nach Hause.“
Milos ritt durch das Tor des Dorfes. Doch keiner jubelte und schrie, um seiner Rückkehr zu gedenken. Alle standen stumm und wie versteinert am Wegesrand und schauten geschockt auf die Krieger, die wieder zu Hause waren. „Was ist hier los?“, dachte Milos. „Ich habe mir den Tod aller Elfen extra noch einmal bestätigen lassen. Mit dem Licht der Weisheit.“ Milos war verwirrt. Sein König stand am Ende des Zuges und machte ein ernstes Gesicht. Milos stieg ab und kniete vor seinem König nieder.
„Nun denn, Milos. Wir haben dein Kommen schon von Weitem gesehen. Wir waren umso verwunderter, als wir keine Gefangenen sahen“, sagte der König.
„Mein König, wir konnten keine Gefangenen machen. Der Proviant reichte nicht aus. Ich habe aber, was Ihr begehrt: frisches Elfenblut.“ Mit diesen Worten überreichte er dem König das Gefäß.
Der König schlug es aus Milos’ Hand, und es zerbarst am Boden. Schwarzes Blut ergoss sich über den sandigen Grund.
„Aber, mein König!“ Milos war geschockt.
Was hatte dies zu bedeuten? Waren alle Frauen bereits tot? Auch Magerta und Agrate? Er sah sich um und konnte einige Frauen in der Menge erkennen.
„Du Narr!“, schrie der König. „Gab ich dir nicht extra den Befehl, Gefangene zu machen? Elfenblut kann man nicht aufbewahren. Es verdirbt binnen Minuten. Wir hätten die Gefangenen gebraucht, um das Blut von ihnen selbst zu bekommen!“
Milos’ Leben endete eine Minute später.
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Das Mädchen mit den drei Herzen
Das Mädchen mit den drei Herzen
Es war einmal ein Mädchen mit einem Herz. In diesem Herz war alles vereint, was ein Herz braucht: Abenteuerlust, Wildheit, Liebe und Platz für gute Freunde. Das Mädchen war eigentlich ganz zufrieden damit.
So verliebte sich das Mädchen in einen Jungen. Die Abenteuerlust und die Wildheit waren daran nicht interessiert. Nur die Liebe im Herzen sah den Jungen. Der Junge nahm das Mädchen ebenfalls in sein Herz auf – aber in sein wildes und abenteuerlustiges Herz.
So kam, was kommen musste. Der Junge brach ihr Herz in drei Teile: in das „wilde Herz“, das „abenteuerliche Herz“ und das „Liebesherz“. Das Mädchen war verzweifelt und musste fortan mit drei Herzen leben – so zerbrochen war es.
Viele Jahre später sah das Herz eines anderen Jungen das „Liebesherz“ des Mädchens und zog sofort darin ein. Aber das Mädchen war vorsichtig geworden. Sie traute dem Ganzen nicht.
„Was, wenn sich die Geschichte wiederholt?“, fragte sich das Mädchen.
Sie konnte sich einfach nicht entscheiden. Im „wilden Herz“ und im „abenteuerlustigen Herz“ des Mädchens wohnten viele andere Herzen. Diese wurden beachtet und bevorzugt behandelt. Das „Liebesherz“ mit der ehrlichen und wahren Liebe des Jungen wurde dagegen vernachlässigt. Zu groß war die Angst, wieder verletzt zu werden oder erneut Vertrauen aufzubauen.
Doch die Liebe des Jungen war stark. Sie kämpfte um Beachtung im „Liebesherz“ und versuchte, das Mädchen zu beschützen. Denn die beiden anderen Herzen übernahmen immer mehr Kontrolle über sie. Das Mädchen schützte sich mit dieser Maske aus den zwei falschen Herzen, um ja nicht mehr verletzt zu werden.
Da trat das sehr wilde und sehr abenteuerliche Herz eines anderen Jungen in das Leben des Mädchens. Es war stark und pochte laut. Sofort nahm sie dieses Herz in ihre beiden gleichartigen Herzen auf. Das „Liebesherz“ wurde immer mehr vergessen und verkümmerte langsam. Es war sehr schwach geworden und konnte sich kaum noch gegen die beiden anderen Herzen wehren.
Schließlich verbannte das Mädchen ihr „Liebesherz“ und vergaß es völlig. Sie genoss das berauschende Gefühl der Wildheit und der Abenteuerlust – ohne das störende „Liebesherz“.
Das wilde und abenteuerlustige Herz des anderen Jungen, das nun in den beiden Herzen des Mädchens wohnte, nahm sich alles, was es brauchte, und zog danach ohne Rücksicht direkt in ein anderes Herz ein.
Plötzlich war es sehr still in den drei Herzen des Mädchens. Diese Stille führte dazu, dass die drei Herzen wieder zu einem einzigen Herz vereint wurden.
Da spürte das Mädchen plötzlich wieder die Liebe des Jungen, den sie so vernachlässigt und verletzt hatte. Die Liebe war so stark und allgegenwärtig, dass sie weinen musste und nach seinem Herzen suchte. Doch das Herz des Jungen wohnte inzwischen in einem anderen Herz und war dort sehr glücklich, weil beide Herzen eins waren.
Das Mädchen verstand nicht, woher dann die Liebe kam, wenn das Herz ausgezogen war.
Da sagte das ehemalige „Liebesherz“ des Mädchens:
„Das ist die Liebe, die ich für den Jungen eigentlich empfunden habe. Sie bleibt. Du hast aber lieber auf das ‚wilde Herz‘ und das ‚abenteuerliche Herz‘ gehört, weil du Angst hattest – Angst vor denen, die es gut mit dir meinen –, um nicht wieder verletzt zu werden. Deshalb hast du die Guten gemieden und verletzt und die Wilden und Abenteuerlustigen bevorzugt.“
„Aber ich habe doch mit dem Herzen entschieden!“, konterte das Mädchen.
„Ja, das stimmt“, sagte das „Liebesherz“.
„Aber mit den falschen.“
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Cosplay
Cosplay
Michael stand unten auf der Straße in einem Hauseingang. Die Nacht war eiskalt und sternenklar. Er zog sich seinen Kragen noch höher und verschränkte die Arme, als ob er die Kälte damit überlisten könnte. Er schaute wieder hoch zu der Wohnung, wo Gina lebte. In ihrem Schlafzimmer brannte noch Licht. Den letzten Schatten von ihr hatte er vor etwa fünf Minuten gesehen – oder war es schon länger her? Die Zeit kam ihm endlos vor. „Ich krieg’ dich schon, du Schlampe“, dachte er bei sich und zündete sich die nächste Zigarette an. Er sog gierig daran und spürte dabei die kalte Novemberluft. Doch plötzlich – war da nicht eine Bewegung gewesen? Michael besann sich wieder und dachte an seine Mission, diese Frau in flagranti mit einem anderen Mann zu erwischen. Er konzentrierte sich auf das kleine Licht, das er schon den ganzen Abend anstarrte. Tatsächlich – er sah zwei Schatten, die sich, wild umschlungen, hinter dem Vorhang leidenschaftlich küssten. Er grinste. „Wusste ich es doch, du Flittchen“, sagte er in die Leere der Nacht. Er blies den Rauch hörbar nach oben aus, der langsam in der Schwärze verschwand. Dann lief er über die Straße auf den Hauseingang zu.
Der Raum war geschwängert von Rauch-, Schweiß- und Alkoholgeruch. Gina spürte ein unendliches Verlangen nach diesem Mann, den sie irgendwo in einer Bar vor nicht mal vier Stunden kennengelernt hatte. Ihr T-Shirt war schweißnass und klebte am Rücken. „Wie war noch sein Name?“, ging es ihr durch den Kopf. Sie wusste es nicht mehr. In den letzten Wochen hatte sie einfach zu viele Männer mit in ihre Wohnung genommen. Der Mann liebkoste gerade ihren Nacken, und Ginas Haare stellten sich schlagartig auf – er hatte eine ihrer vielen erogenen Zonen gefunden. Sie stöhnte kurz auf, und ein leichtes Kribbeln durchfuhr ihren Körper. Gleichzeitig erforschten seine Hände ihren Körper. Ihr kam es vor, als ob er fünf oder sechs gleichzeitig hätte. Sie bewegten sich langsam auf das Bett zu.
Michael stand auf einmal mitten im Zimmer. Eine unbändige Wut kam in ihm hoch. Er schnaubte, und sein Puls raste. Gina schrie kurz auf. Der Mann auf ihr drehte sich blitzartig herum und sah Michael, der wie ein Berserker vor ihm stand. Michaels gewaltige Pranke packte ihn am Hals und warf ihn von Gina herunter. Wie ein Häufchen Elend saß er auf dem Boden und suchte nun schnell seine Sachen zusammen. Ein „Wie“ oder „Warum“ war nicht nötig. „Nur raus hier“, dachte er sich. Gina hatte sich die Bettdecke über ihren Körper gezogen und saß zitternd auf dem Bett – mit dem Rücken zur Wand. Michael sah sie verächtlich an. Der Mann verschwand.
„Und nun zu dir“, sagte Michael. Er zog ihr die Bettdecke weg, und Gina saß nackt auf dem Bett. Sie zog die Beine hoch, um ihre Scham zu verbergen. Michael entledigte sich seines Mantels und seines Pullovers. Er hatte nur ein Muscle-Shirt darunter an. Seine Muskeln glänzten unter seinem Schweiß. Ginas Augen weiteten sich. In ihr stieg auf einmal Wollust hoch. Ihr ganzer Körper prickelte. Dann nahm er sie.
Michaels Augen öffneten sich. Gina lag noch schlafend neben ihm. Draußen war die Sonne bereits aufgegangen, und ein diffuser Lichtstrahl, der durch den Spalt beim Vorhang kam, warf seinen Kegel auf das Ende des Bettes. Er ordnete seine Gedanken und versuchte, sich an das zu erinnern, was geschehen war. Als er seinen Mantel auf dem Boden sah, fiel es ihm wieder ein, und er musste lachen.
Gina erwachte. Schlaftrunken nahm sie ihren Mann in die Arme und gab ihm einen Kuss auf die behaarte Brust. Er streichelte ihr liebevoll über den Kopf.
„Wie spät ist es?“, hörte er sie sagen.
Er drehte seinen Kopf und sah, dass es erst 08:34 Uhr war. „Halb neun, Liebes“, antwortete er und setzte sich langsam auf.
„Wem gehört diese Hose?“, fragte Michael.
Gina warf einen Blick auf das Beinkleid und grinste. „Dem Typ von heute Nacht vermutlich“, sagte sie.
„Du meinst, der ist ohne Hose hier raus?“, entgegnete Michael und musste schallend lachen.
„Haben wir nicht etwas übertrieben?“, wollte Gina wissen.
Michael zündete sich eine Zigarette an. „Nicht wirklich. Wer sich auf einen One-Night-Stand einlässt, muss mit so was rechnen. Außerdem hat unser Eheberater gesagt, wir sollten unsere Rollen sehr ernsthaft spielen. Und ich habe doch sehr glaubwürdig gewirkt als Privatdetektiv, oder?“
Gina zog sich mittlerweile an und sah bei diesen Worten auf den Mantel. Sie musste grinsen.
„Ja – und was machen wir das nächste Mal?“
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Defekt im System
Defekt im System
„Neeeeeeiiiiiiiinnnnnnnnnnn!“
Ben schrie vor Schmerzen, als sich das glühende Metall in sein Fleisch fraß. Die ganze Prozedur dauerte vielleicht nur drei bis vier Sekunden, doch ihm kam es wie eine Ewigkeit vor. Er roch sein eigenes verbranntes Fleisch. Ein Wahrheitsagent kam auf ihn zu und setzte den Vaprillator an seinem linken Arm an. Mit einem zischenden Geräusch wurde die Kapsel in die Blutbahn geschossen.
„Wie heißen Sie?“, fragte eine Stimme aus einem Lautsprecher.
Bens Geist vernebelte sich langsam. Dann machte es in seinem Gehirn plötzlich klick, und er war frei.
„Ben Robertson. Nummer 08072055-956“, antwortete Ben.
„Glauben Sie an unser System, Nummer 08072055-956?“, fragte die Stimme erneut.
Ben wollte „Nein“ sagen, doch er konnte nicht.
„Ja“, antwortete Ben. Er konnte seine Stimme zwar hören, aber seine Gedanken schrien das Gegenteil.
Mit einem lauten Geräusch wurden seine Hand- und Fußfesseln gelöst, und er war wieder frei. Ein Brandmal zierte seine Stirn. Ein großes „L“.
„Sie können gehen, Nummer 08072055-956“, hörte er die Stimme sagen.
In der Wand öffnete sich wie von Geisterhand eine Tür und gab den Weg nach draußen frei. Langsam stand er auf und wankte in die Realität zurück. Er ging durch die offene Tür, die sich sofort wieder schloss. Er stand mitten in der Stadt. Um ihn herum gingen Leute ihren Beschäftigungen nach und beachteten ihn nicht. Einige der Leute hatten ebenfalls ein Brandmal in Form eines „L“.
Ben überlegte kurz, wie er überhaupt in diese Lage gekommen war. Die Nacht vorgestern – die Wahrheitsagenten stürmten seine Wohnung – das Verhör – das Geständnis – das Mal.
„Woher wussten die alles?“, schoss es Ben durch den Kopf.
„Kennen Sie mich noch?“, fragte jemand neben ihm.
Ben drehte sich herum und sah einen der Wahrheitsagenten vor sich stehen. Er wollte rufen: „Seht her – hier! Ein Wahrheitsagent!“, doch er konnte nicht.
„Nein“, antwortete Ben nur.
Der Mann lief weiter.
„Sie testen mich“, dachte Ben.
Mit Kopfschmerzen wachte Ben am nächsten Tag auf. Er fühlte sich irgendwie sonderbar. Irgendetwas stimmte mit ihm nicht – nur was?
Er ließ den gestrigen Tag noch einmal Revue passieren und hatte Schwierigkeiten, klar zu denken. Er versuchte zu lügen.
„Mein Name ist Ben Robertson. Nummer 08072055-956. Und ich glaube nicht an das System“, sprach er laut.
Ben war verwirrt. Genau das dachte er auch. Nur warum konnte er es plötzlich sagen, mit der Vaprillator-Kapsel in seinem Körper?
„Mein Name ist Thomas Alva Edison, und ich habe die Glühbirne erfunden“, sagte er.
Warum er ausgerechnet Edison nahm, wusste er nicht. Es kam ihm einfach als Erstes in den Sinn. Er wusste auch, dass Edison die Glühbirne gar nicht selbst erfunden hatte, sondern nur das bessere Vermarktungskonzept hatte. Ben musste über sich selbst lachen, an welchen Schwachsinn er manchmal in solchen Situationen dachte.
„Ich kann lügen. Ich kann lügen!“, jauchzte er.
Irgendwie musste die Vaprillator-Kapsel defekt sein. Oder hatte er alles nur geträumt? Er fasste an seine Stirn und merkte die Ränder des Brandmals. Sie waren gezackt und hart. Plötzlich klingelte es an der Tür. Ben machte vorsichtig auf. Der gleiche Wahrheitsagent wie am Tag zuvor stand vor seiner Tür.
„Kennen Sie mich noch?“, fragte der Agent wieder.
Ben schaltete blitzschnell.
„Nein“, antwortete er.
Der Wahrheitsagent drehte auf der Stelle um und verschwand im Hausflur. Ben schloss erleichtert die Tür.
Das Kino auf der Hauptstraße war belebt. Ben stellte sich an das Ende der langen Schlange. Er überlegte, wie er seine neuen „Fähigkeiten“ am besten nutzen konnte.
„Ihr Name?“, fragte die freundliche Dame an der Kasse.
„Torben Wachal, Nummer 16122049-5663“, antwortete Ben.
Die Kassiererin gab die Daten in ein Terminal ein.
„Ich kann Ihre Platzanweisung nicht finden. Haben Sie reserviert?“, wollte die Dame nun wissen.
„Ja, natürlich“, entgegnete Ben.
Die Frau überprüfte die Daten erneut.
„Tut mir leid – Sie müssen sich irren. Ich kann keine Reservierung finden.“
Der Mann hinter Ben trat an das Kassenhäuschen heran.
„Sehen Sie nicht das Lügenmal auf seiner Stirn? Er kann nicht lügen – ergo hat er reserviert, und Ihr Etablissement hat einen Fehler gemacht“, sagte der Mann.
Die Frau beugte sich etwas nach unten, um Ben besser ins Gesicht sehen zu können. Dann sah sie das Mal.
„Entschuldigen Sie. Natürlich haben Sie reserviert, Herr Wachal. Hier ist Ihre Karte“, sagte die Frau und gab Ben eine Karte.
Ben nahm die Karte und ging lächelnd davon. Erst jetzt begriff er, welch mächtige „Waffe“ er besaß.
Endlich konnte die Arbeit im Untergrund weitergehen. Er konnte das System mit den eigenen Mitteln schlagen.
Und Ben wurde einer ihrer besten Untergrundkämpfer.
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Der Segen der Technik
Der Segen der Technik
Maria wurde durch ihr immer empfangsbereites Handy geweckt. Der Sound imitierte das monotone Quäken eines Radioweckers. Mühsam schälte sie sich aus dem Bett und las ihre erste SMS an diesem Morgen. Es ging um Terminverschiebungen für diesen und den nächsten Tag. Sie öffnete schlaftrunken ihren Terminkalender und korrigierte die Daten. Dann wanderte sie zielgerichtet zum Bad und putzte sich mit der elektrischen Zahnbürste die Zähne. Der Kaffee stand schon dampfend in der Kanne bereit – dank Zeitschaltuhr. Nach dem Frühstück checkte sie noch schnell ihre Mails und verließ die Wohnung. Ihr Chauffeur wartete schon. Heute würde ein anstrengender Tag werden, also arbeitete sie im Wagen noch etwas am Laptop.
Die Sitzung hatte bereits begonnen, als Maria telefonierend in den Konferenzraum platzte. Ihr Vorgesetzter wollte gerade Gründe für die Umsatzeinbußen in Südamerika vorbringen. Maria setzte im Vorbeigehen ihr „Entschuldigung-Lächeln“ auf und beendete rasch das Gespräch.
„Nun, nachdem wir vollzählig sind, kommen wir noch mal zurück auf den Exportmarkt von Argentinien…“, fuhr Herr Wolters fort und zeigte mit dem Laserpointer auf die von einem Beamer an die Wand geworfene Karte.
Maria setzte sich auf ihren Platz und startete den Tablet-PC, der schon bereitwillig blinkte. „Habe ich was versäumt?“, fragte sie ihren Tischnachbarn Robert. „Nicht wirklich. Nur langweiliges Blabla über die ‚Italiener, die Spanisch sprechen und gerne Engländer wären‘“, gab dieser zurück. Maria schaute ihn fragend an. „Das ist von Jorge Luis Borges.“ Sie nickte bestätigend und drückte am Tablet-PC die Kaffee-Taste. Dann lauschte sie gespannt. Keine fünf Sekunden später brüllte ihr Handy „Angel“ von Robbie Williams in den Raum. Herr Wolters unterbrach abermals seine Erklärung über den landwirtschaftlichen Aufstieg Argentiniens der letzten 20 Jahre und sah Maria resigniert an, die hastig ihr Handy abschaltete. „T’schuldigung…“
Nach der vierstündigen Besprechung gönnten sich Maria und Robert eine kurze Pause auf dem Vorplatz der Firma. Sie kannten sich schon fast 15 Jahre und hatten vor geraumer Zeit eine kurze und heftige Beziehung gehabt. Jetzt war ihr Verhältnis freundschaftlich. Beide zogen gierig an ihren Zigaretten. „Stell dir mal die Welt ohne Technik vor“, sagte Robert. „Wie meinst du das?“, wollte Maria wissen. „Na ja – eben ohne die moderne Technik wie Computer und so“, beantwortete er die Frage. „Das ist schwer vorstellbar“, gab sie zurück.
Der Tag gestaltete sich mühsam, und nach 18 Stunden lag Maria erschöpft in ihrem Bett und stellte den „Wecker“. Ihr gingen die Worte von Robert nicht mehr aus dem Kopf. Sie musste zwangsläufig grinsen. „So ein Quatsch“, dachte sie, legte sich auf die Seite und schlief sofort ein.
Irgendetwas stimmte nicht. Maria wachte von selbst auf. Kein Handy, das sie weckte. „Ich habe vergessen, den Akku aufzuladen“, ging es ihr durch den Kopf. „Mein Gott! Wie spät ist es?“ Sie tastete blind nach ihrem Handy, doch nichts war zu spüren. Sie erhob sich erschrocken. Anstelle ihres Handys stand ein alter Wecker da, der allerdings nicht lief. Verwirrt stand sie auf und verschwand im Bad. Der nächste Schock kam allerdings sofort. Wo war die elektrische Zahnbürste? Lediglich ein Zahnputzbecher mit einer „normalen“ Bürste stand auf dem Alibert. Sie nahm die Bürste unbeholfen in die Hand und putzte sich seit Jahren mal wieder „analog“ die Zähne. Natürlich war der Kaffee auch noch nicht fertig – keine Zeitschaltuhr, kein Kaffee. Maria, die wie versteinert vor der altertümlichen Kaffeemaschine stand, verstand die Welt nicht mehr. Was war geschehen? War sie in der falschen Wohnung? Sie schaute sich um: ohne Zweifel ihre eigenen vier Wände.
Ein lautes Schrillen riss sie aus ihren Gedanken. Ein Schrillen, das sie Jahre nicht mehr gehört hatte. Wie selbstverständlich nahm sie vom Wahltelefon den groben Hörer ab. „Hallo?“, fragte sie in die riesige Sprechmuschel.
„Guten Morgen, Frau Pritsch. Ist alles in Ordnung bei Ihnen? Ich warte schon seit 40 Minuten unten. Sie sagten mir gestern, ich solle heute besonders pünktlich sein, da Sie eine wichtige Verhandlung hätten.“
Es war der Chauffeur.
„Großer Gott! Die Wachtel-Sache! Ich bin sofort unten!“, antwortete sie und warf den Hörer auf die Gabel zurück. Ein lautes Pling bestätigte das Auflegen. Hastig ging sie durch ihre Wohnung und suchte ein letztes Mal verzweifelt das Handy.
Im Auto fehlte alles. Kein Telefon, kein Laptop, kein Navi für den Fahrer.
„Wo ist der Laptop?“, herrschte sie den Chauffeur an.
„Das was? Laptop? Sind das Unterlagen?“
Sie wusste heute gar nichts. Keine Terminbestätigungen, keine Börsenkurse, kein Wetterbericht – nichts.
In der Firma herrschte reges Treiben. Robert stand an einem Karteikasten und blätterte in den kleinen, bunten Kärtchen.
„Robert. Gott sei Dank. Was um Himmels willen ist hier geschehen? Wo sind die Computer? Wo die ganzen technischen Einrichtungen? Mein Handy ist auch weg.“
Robert sah sie verwirrt an. „Geht es dir gut, Maria? Was ist ein Computer?“
Er nahm ihre Hände in seine. „Deinen Händen geht es doch gut.“
Sie fing an zu weinen. „Was ist hier los? Ich verstehe das nicht. Gestern war doch noch alles in Ordnung?“
Da piepste plötzlich Roberts Hosentasche. Marias Augen funkelten. Das war ein vertrautes Piepsen. War das alles nur ein abgekartetes Spiel? Sie dachte an die Worte von Robert gestern.
„Das ist hier versteckte Kamera, oder? Ihr wollt mich alle reinlegen, nicht wahr?“, entfuhr es Maria.
Robert hob den Kopf und suchte die Decke ab. „Wo? Moment mal – mein Pager.“ Robert zog aus seiner Hosentasche ein unförmiges Plastikteil und las das Display ab. „Das Neueste auf dem Markt. Damit ist man ab jetzt immer und überall erreichbar. Deiner liegt auf deinem Schreibtisch. Toll, oder?“
Maria ließ Robert stehen und rannte in ihr Büro. Ein spartanischer Schreibtisch empfing sie. Dafür war das Zimmer vollgestopft mit Schränken und Tischchen, auf denen sich Karteikasten über Karteikasten stapelten. Auf dem Schreibtisch standen lediglich ein großes Wahltelefon mit drei Tasten und der neue Pager. Kein Monitor, keine Tastatur, geschweige denn eine Maus.
„Würden Sie für mich schnell in die Bibliothek fahren, Frau Pritsch? Wir brauchen noch Kartenmaterial von Spanien.“
Maria zuckte erschrocken zusammen. Herr Wolters stand hinter ihr.
„Bibliothek? Spanien? Können wir das nicht aus dem Internet holen?“, entfuhr es ihr.
Doch gleich nachdem sie es gesagt hatte, wusste sie, dass es ein Fehler war.
„Wer ist nett?“, fragte Herr Wolters. „Sie haben wohl….“
määp määp määp määp määp
Der vertraute Wecksound ihres Handys hallte durch Marias Schlafzimmer. Ganz automatisch griff ihre Hand nach dem kleinen Quälgeist und schaltete es ab – ganz. Sie setzte sich aufrecht hin und ordnete ihre Gedanken. „Nur ein Traum“, dachte sie. Aus der Küche hörte sie die Kaffeemaschine blubbern. Sie musste innerlich grinsen.
Robert kam ihr aufgeregt entgegen. „Maria! Warum gehst du nicht ans Handy? Ist es kaputt?“
Sie standen sich auf dem gleichen Vorplatz gegenüber, auf dem ihr Robert tags zuvor den Traum impliziert hatte.
„Nein, Robert. Ich habe es abgeschaltet.“
„Abgeschaltet? Du?“
„Tja, weißt du: Früher war es Luxus, erreichbar zu sein. Heute ist es Luxus, nicht erreichbar zu sein. So einfach ist das.“
Mit dieser weiblichen Logik ließ sie ihn stehen und betrat die Firma.
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Orangene Gerberas
Orangene Gerberas
17. September 2045
Der Himmel hing wie eine Decke über der Stadt.
Die Worte klangen ihr vertraut und doch ewig weit weg. Was hatte er gerade gesagt? Sie starrte dem Mann in die Augen. 20 endlose Sekunden vergingen.
Er wiederholte: „Dunkelrot – besser orange, stimmt’s?“
„Jaaa…“, stammelte sie, ohne zu wissen, warum.
„Erkennst du mich nicht?“
Sie begann zu zittern und trat instinktiv einen Schritt zurück. Die alte Brücke knarrte. Der Fluss unter ihnen schenkte dem Schauspiel wenig Beachtung. Der Mann trat nach vorne und hielt ihre Hände.
„Doch. Ich bin’s wirklich.“
Alte Erinnerungen aus längst vergessenen Zeiten strömten durch ihren Körper. Eine andere Stadt, ein anderes Land, eine andere Epoche nagten an ihrem Verstand.
„Achim“, konnte sie nur sagen.
„Genau – oder soll ich lieber ‚korrekt‘ sagen?“ Er lächelte dabei.
„Was machst du hier? Wie geht es dir?“ Sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Es war irgendwann um die Jahrtausendwende, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Oder früher – oder später? Sie erinnerte sich, dass er wohl um die zehn Jahre älter war als sie. Oder weniger – oder mehr? Er musste also um die 70 Jahre alt sein.
„Abschied nehmen, und gut“, antwortete er knapp.
Sie konnte immer noch nicht begreifen, was eigentlich geschah. Ein tiefes Gefühl des Vertrauens überkam sie. Wie konnte sie ihn nur vergessen haben? Nach all den Jahren? Oder hatte sie ihn absichtlich verdrängt?
„Abschied nehmen? Von wem?“, versuchte sie, das Gespräch wieder aufzunehmen.
„Von Freunden“, antwortete er.
Ein Auto fuhr an der nahen Landstraße vorbei. Aus dem Fenster hörte man den Oldie „Angels“ von Robbie Williams spielen. Er schaute dem Auto nach und lächelte wieder.
„Wie ist es dir in all den Jahren ergangen, nachdem du die Firma verlassen hast?“, fragte er schließlich.
Er reichte ihr den Arm. Sie nahm sein Angebot an, hakte sich bei ihm ein, und sie begannen, die Brücke in Richtung Park zu verlassen.
„Bescheiden. Ein paar Jahre später habe ich geheiratet. Wir hatten zwei Kinder und waren sehr glücklich. Es hielt aber dennoch nicht.“
Warum nur hatte sie das Gefühl, ihm alles anvertrauen zu können? Selbst ihre tiefsten Geheimnisse und Ängste.
„Eigentlich so, wie du es dir immer gewünscht hast. Bis auf den Schluss“, antwortete er, obwohl keine Frage im Raum stand.
Schweigend gingen sie weiter, und nach etwa 200 Metern kreuzte der Fluss wieder ihren Weg.
„Gerne hätte ich dich damals auf deinem Weg begleitet“, begann er das Gespräch wieder.
Jetzt merkte sie, wie er zitterte. Weitere Details schoben sich in ihr Bewusstsein: ein Gespräch – eine Liebeserklärung – der Fortgang von der Firma – der endgültige Bruch.
„Ich weiß“, antwortete sie. Aber sie wusste es eigentlich nicht. Nicht genau.
Er holte eine Visitenkarte aus seiner Tasche und gab sie ihr.
Wortlos betrachtete sie das Stück Papier in ihrer Hand. Der Name darauf klang ihr so vertraut.
„Bist du noch mit deiner Frau zusammen?“
Er schaute zum Fluss, und seine Augen wurden glasig.
„Wir waren eine Zeit lang getrennt. Doch seit zwei Wochen sind wir wieder zusammen.“
Sie standen sich gegenüber. Keiner wollte den Zauber des Augenblicks durchbrechen, der sich wie ein Mantel über sie legte – wie der Himmel, der immer noch über der Stadt hing. Sabine nahm ihn in den Arm. Das erste Mal in ihrem Leben. Warum sie es nicht schon früher getan hatte, wusste sie nicht. Wortfetzen kamen ihr wieder in den Sinn: „…falscher Ort, falsche Zeit, falsche Voraussetzungen… ich möchte dir keine falschen Hoffnungen machen…“
Lange dachte Sabine über ihr Treffen mit Achim gestern nach. Sie saß auf ihrem Lieblingsstuhl, eingehüllt in ihre Lieblingsdecke, und betrachtete die Visitenkarte. Er hatte sich nach der Umarmung recht schnell von ihr verabschiedet.
„Vergiss mich nicht, Sabine“, gingen ihr die letzten Worte von Achim durch den Kopf. Sie hatte es schon immer gemocht, wenn er ihren Namen aussprach. Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und ließ sie stehen.
Sabine schüttelte die Gedanken beiseite. Fast den ganzen Morgen hatte sie damit verbracht, alte Bilder zu suchen. Doch sie fand nur eine alte Digitalaufnahme von einer Weihnachtsfeier. Sie ging zum Telefon und wählte die Nummer, die auf der Visitenkarte stand. Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine weibliche Stimme.
„Hallo?“
Sie zögerte.
„Hallooo?“, wiederholte die Stimme.
„Guten Tag. Ich bin eine alte Freundin von Achim. Er hat mir diese Nummer gegeben. Könnte ich ihn wohl kurz sprechen?“
Ihr Herz klopfte vor Aufregung. Die Stimme sagte zehn Sekunden lang nichts. Sabine dachte schon, die Leitung wäre zusammengebrochen oder die andere Seite hätte aufgelegt.
„Es tut mir sehr leid, aber mein Vater ist vor zwei Wochen verstorben. Ich bin Jasmin, seine Tochter.“
Sabine merkte, wie der Boden unter ihr schwankte. Sie taumelte. Die Stimme sagte noch etwas, doch Sabine nahm es nicht mehr wahr. Ihr schoss nur ein Gedanke durch den Kopf: „…was machst du hier?… Abschied nehmen… von Freunden…“
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Pandora
Pandora
Das Raumschiff bebte. Die Andockklammern der Raumstation lösten sich und gaben die Pandora frei. Ihr Ziel war das Noros-System. Commander Blair hatte diese Prozedur schon dutzendfach erlebt, doch jedes Mal hatte er ein flaues Gefühl in der Magengegend. Die Triebwerke erhöhten den Schub und bewegten das gewaltige Raumschiff Meter um Meter in die Tiefen des Alls. Die Stabilisatoren wurden bis auf das Äußerste strapaziert.
„Schalten Sie die Anti-Gravitationsmatrix offline und die Triebwerke auf Null“, befahl Blair.
Dann wurde es still, und das Beben endete abrupt. Die Triebwerke hatten ihren Dienst getan, und das Schiff trieb nun lautlos im Vakuum.
Um Commander Blair rankten sich viele Legenden. Obwohl er erst seit zwei Wochen hier war, hatte er schon viel durchgemacht. Ihm fehlte ein Arm. Man sagt, er habe ihn bei einem Kampf gegen einen Dinosaurier verloren.
„Na schön. Setzen Sie Kurs auf das Noros-System“, gab Blair von sich.
„Was haben wir diesmal eigentlich geladen, Sir?“, fragte der 1. Offizier Henschel.
„Wir sind randvoll mit Tradium. Die Kolonien brauchen dieses Material, um die Schilde zu verstärken“, gab Blair zurück.
Die Reise verlief planmäßig. Auf der Zwischenstation Gandomed legte die Pandora einen Stopp ein und tankte Ionenronden, den Treibstoff für alle Hochgeschwindigkeitsflüge. Die Pandora kann immerhin die 8000-fache Lichtgeschwindigkeit erreichen – für ein Schiff dieser Größe ist das beachtlich. Doch als man den Planeten Plinos passierte, gab es Sicherheitsalarm der Stufe 1. Ein unbekanntes Raumschiff näherte sich der Pandora mit großer Geschwindigkeit. Ein durchdringendes und lautes Signal ertönte auf dem ganzen Schiff.
„Was haben wir da?“, fragte Blair seinen Sicherheitsmann Tokker.
„Wir wissen es nicht, Sir. Unser TRAM-Radar kennt diese Schiffskennung nicht. Ich weiß nur eins: Die sind schnell. Verdammt schnell“, antwortete Tokker.
Blair drückte ein paar Knöpfe auf einem Schaltpult.
„Laden Sie den Sicherheitsschild auf“, befahl Blair.
Um die Hülle der Pandora legte sich ein blaues Band aus Licht.
„Voller Stopp!“, schrie Blair seinen Navigator Oppolev an.
Die Pandora kam im All zum Stehen. Das andere Schiff war auf Sichtweite herangekommen und blieb etwa 100.000 km vor der Pandora ebenfalls stehen. Beide Schiffe sahen sich an, als wollten sie einen Plausch halten.
„Wer sind die?“, fragte Henschel mehr zu sich selbst.
„Ich weiß es nicht. So einen Schiffstyp habe ich noch nie gesehen“, gab Blair zurück.
„Thomas! Essen!“
Das andere Schiff eröffnete völlig unerwartet das Feuer. Weiße Laserblitze trafen die Pandora mit voller Wucht. Die Energie durchdrang ohne Probleme den Sicherheitsschild und zerfetzte die Pandora an der unteren Backbordseite. Auf der Brücke herrschte nun Hektik.
„Was sind das für Waffen!?“, rief Blair in die Runde.
„Sollen wir das Feuer erwidern!?“, schrie Henschel.
„Ja! Wir versuchen es mit Ionenstrahlen. Gehen Sie auf volle Intensität. Schicken Sie Rettungsmannschaften in die zerstörten Bereiche und dichten Sie den Schaden mit einem Gravitationsfeld ab!“
Die Pandora feuerte eine volle Batterie blauer Ionenstrahlen auf das andere Schiff. Doch die Strahlen wurden von einem roten Energieschild vollständig geschluckt.
„Thomas! Das Essen ist fertig! Kommst du runter!?“
Das fremde Schiff kam nun rasch näher und antwortete mit drei Plasmabomben. Die Pandora zerriss es buchstäblich in der Mitte.
Die Tür ging auf, und Mutter stand im Zimmer.
„Thomas!? Ich habe dich schon zweimal gerufen. Komm jetzt essen.“
Thomas legte sein Raumschiff aus Lego beiseite, das er gerade – als Zeichen für eine Explosion – in der Hälfte zerlegt hatte. Commander Blair, eine Spielzeugfigur aus einem Überraschungsei, wanderte in die Spielzeugkiste.
„Ja, Mama“, gab Thomas zurück.
Er stand auf und freute sich auf Kartoffeln mit Quark.
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Tobias
Tobias
Tag 1:
Tobias öffnete langsam seine Augen. In seinem Kopf herrschte völliges Durcheinander. Er konnte sich an nichts mehr erinnern. Wo war er? Wer war er? Er hörte nur ein leises, monotones Summen. Er versuchte, den Kopf zu bewegen, doch ihm tat alles weh. Also starrte er auf die weiße Decke und konnte nichts anderes tun als warten. Er überlegte: Was ist das Letzte, an das du dich erinnern kannst? Doch ihm fiel nichts ein – völlige Leere.
Die Tür ging auf, und eine Krankenschwester betrat den Raum. Sie hatte ein Tablett in der Hand, auf dem allerlei medizinische Gegenstände lagen. Tobias versuchte zu sprechen, doch er bekam nur einen gurgelnden Laut zustande. Die Krankenschwester blieb wie angewurzelt stehen und ließ das Tablett fallen, das krachend und scheppernd zu Boden fiel. Sie war kreidebleich. 20 endlose Sekunden vergingen, bis ein Arzt das Zimmer betrat. Er musste vom Lärm aufgeschreckt worden sein.
„Mein Gott – er lebt! Schwester, holen Sie das Aptuzin!“
Die Krankenschwester stand immer noch wie versteinert an Ort und Stelle.
„Schwester! Aptuzin!“
Nun rührte sich auch die Krankenschwester und holte aus einem Schrank eine Spritze, die sie dem Arzt gab. Der setzte die Spritze an Tobias’ Arm an und stach zu. Tobias merkte den Stich kaum. Um ihn herum wurde es wieder dunkel, und er gleitete in seine Traumwelt zurück.
Tag 5:
Tobias saß auf dem Rand seines Bettes und aß einen Apfel. Schwester Veronika betrat den Raum.
„Guten Morgen, Herr Wahlos. Wie geht es Ihnen heute?“
Tobias nickte zustimmend. Seine Stimme hatte er noch nicht wiedergefunden, also einigte man sich stillschweigend auf Gesten. Wie gerne hätte er sie gefragt, was passiert war, doch dazu bedurfte es etwas mehr als nur mit dem Kopf zu nicken. Was wusste er bis jetzt? Er hieß Tobias Wahlos, war, laut seinem eigenen Spiegelbild, etwa 35 Jahre alt und hatte wohl irgendeine Verletzung am Bauch. Dort kamen nämlich zwei Schläuche raus. Die einzige Wunde, die er an seinem Körper fand.
Tag 9:
Tobias saß in einem freundlichen, hellen Raum. Er wusste nicht, warum er hier war, doch es musste wichtig sein, denn nach all der langen Zeit in seinem Zimmer durfte er es heute endlich verlassen und wurde in diesen Raum geführt. Nun wartete er.
Die Tür ging auf, und der Arzt kam herein. Er legte ihm eine Tablette auf den Tisch und gestikulierte, dass er sie nehmen solle. Tobias nahm die Tablette. In seinem Hals wurde es auf einmal warm, und er musste kräftig husten.
„Was zum…“
Tobias konnte mit einem Mal wieder sprechen. Er schaute verwundert zum Arzt, der sich hinsetzte.
„Warum haben Sie mir die Tablette nicht gleich gegeben?“
Der Arzt ignorierte die Frage.
„Herr Wahlos – was ist das Letzte, an das Sie sich erinnern können?“
Tobias wollte dem Arzt schon sagen, dass sein Kopf wie Zuckerwatte war, als ihm auf einmal tausend Gedanken kamen. Die Erinnerungen wurden wie auf Knopfdruck in seinem Kopf wieder real. Tobias musste diese Erfahrung erst verdauen und saß nur da und überlegte. Der Arzt ließ ihm Zeit.
„Der… der Unfall… das Auto…“
Tobias versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen.
„Sagt Ihnen die CCB etwas?“, wollte der Arzt wissen.
Tobias wurde kreidebleich.
„Soll das heißen…?!?“
„Ja – Sie hatten einen Unfall. Sie waren nicht mehr zu retten. Ihr Vertrag mit der Cryo Central Bank of London sprang ein. Sie wurden eingefroren, bis die Medizin so weit war, Sie wieder zum Leben zu erwecken. Sie sind der erste Mensch, bei dem uns das bis jetzt gelungen ist.“
Tobias wusste nicht, ob er heulen oder lachen sollte – oder beides gleichzeitig.
„Welches Jahr haben wir?“
Der Arzt stand auf und ging zu Tobias. Er legte seinen Arm auf seine Schulter und sah ihm tief in die Augen, um seinem folgenden Satz mehr Ausdruck zu verleihen.
„Wir haben das Jahr 2442. Sie waren 436 Jahre eingefroren.“
© Armin Knebel
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„Welcome to the Team“ – oder: Der Turm zu Babel Inc.
„Welcome to the Team“ – oder: Der Turm zu Babel Inc.
Montagmorgen. 9:07 Uhr. Im hippen Berliner Start-up „InnovizeXperience360“.
Jan sitzt mit einem Haferflat (Hafermilch + Flat White, versteht sich) am Hotdesk, als Teamleiterin Lena reinkommt:
„Morning, Leute! Heute ist unser Kick-off-Meeting zum neuen Value-driven-Strategy-Pitch. Let’s make some impact, okay?“
Neben ihr steht ein nervöser Neuzugang – Timur.
„Das ist unser neuer HR-Specialist im People-&-Culture-Bereich. Timur, say hi to the tribe!“
„Hallo zusammen. Ich… äh… freue mich auf… synergetische Kooperationen?“
Man nickt höflich. Dann betritt Kevin den Raum. Kevin ist Head of Agile Happiness Development (früher: Bürohundbeauftragter). Er redet nur noch in Emojis.
„Hey Leute 🙌🌈 ready to crush this week 💪🔥 #blessed 🙏“
Lena grinst. „Love the vibe, Kevin! Echt empowering.“
Jan flüstert zu Timur: „Keine Sorge. In zwei Wochen verstehst du 30 % von dem, was hier gesprochen wird. In drei Monaten bist du fluent in Bullshit.“
Das Meeting beginnt.
Lena: „Also, wir haben das Go vom Management für das MVP mit Blockchain-Touchpoints und AI-Integration. Aber denkt dran – das muss lean und customer-centric bleiben. Sonst killt uns das Budget.“
Nadine, UX-Evangelistin: „Aber wenn wir das Ecosystem nicht skalieren, verlieren wir den USP!“
Timur hebt zaghaft die Hand. „Ich hätte eine Idee zur internen Kommunikation. Vielleicht… ein schwarzes Brett im Pausenraum?“
Stille.
Kevin postet ein Emoji in den Gruppenchat: 📉
Lena wechselt zur nächsten Slide:
„Und dann noch Reminder – die Deadline fürs Onboarding der Remote-Leads ist morgen. Wer da nicht aligned ist, wird hard gechallenged.“
Jan flüstert: „Das heißt: Wer’s nicht checkt, kriegt Ärger.“
Als das Meeting vorbei ist, sagt Timur leise:
„Ich glaub… ich brauch erst mal… eine Pause. Oder ein Sabbatical.“
Jan nickt. „Ich geh relaxen auf dem chilligen Stuhl im Zen-Corner. Kommst du mit?“
Der Pausenraum – offiziell: Mindfulness Lounge.
Wände in Salbeigrün, an der Decke hängen Origami-Kraniche, der Duft diffuser Zitronengraswolken wabert durch die Luft.
Timur sitzt auf einem riesigen Sitzsack namens „FlowPod XL“. Neben ihm chillt Jan mit einem lupenreinen Avocadotoast auf glutenfreier Buchweizenbasis.
„Ey, Timur“, sagt Jan kauend, „du musst einfach loslassen. Lass die Vibes wirken. Trust the process.“
Timur schaut auf den Firmenplan an der Wand – ein chaotisches Flowchart mit Begriffen wie:
• „Purpose Funnel“
• „Holistic KPI Fusion“
• „Deep Dive into Frictionless Empathy“
Er starrt es an, als wär’s ein Maya-Kalender.
Dann kommt Lea rein – Feelgood-Managerin. „Heyy, ihr zwei! Ich hab just ein richtig uplifting Feedback aus unserem Appreciation-Slack-Channel bekommen: ‚Timur radiates quiet potential energy‘. Isn’t that just wow?“
Timur: „Was…? Ich… äh… danke?“
Lea grinst. „Don’t mention it! Übrigens, morgen ist unser Digital Detox Day. Nur Emojis, keine Sprache. 💜💬✨“
Kevin steht plötzlich hinter Timur und zeigt ein iPad mit einem Selfie von sich und dem Firmen-Kühlschrank. Darunter die Caption:
📦💡🔒 = „Juicebox locked with big ideas!“
Timur reißt die Augen auf.
„Sag mal… bin ich hier in einer verdammten Sekte?! WAS REDEN DIE ALLE?! Was ist ein ‚Purpose Funnel‘? Warum schreibt keiner mehr einfach ‚Danke‘?! Und warum postet der da Emojis wie ein Wahrsager auf LSD?!“
Lea lacht unsicher. „Uh-oh. Looks like someone needs a mindfulness break. Maybe try the CalmCocoon? Da kann man sich mit Noise-Cancelling-Kopfhörern auf ein Kiesbett legen und Vogelstimmen hören.“
Timur steht auf. Wild. Atmend.
„Wisst ihr was? Ich wollte Personalwesen machen. Bewerbungsunterlagen, Interviews führen, Gehaltsabrechnungen… normale Worte! Jetzt soll ich Leuten für ihr ‚Authentic Self im Skillset Space‘ applaudieren, obwohl sie zu spät kommen und nur Avocado löffeln?!“
Jan murmelt: „Classic Burnout-Symptom. Hatten wir schon bei drei Leuten diesen Monat.“
Timur zieht sein Handy raus, öffnet die Kündigungs-Mail, tippt:
„Sehr geehrtes Innovize-Team, I quit. In echt jetzt. No hard feelings, just… too many feelings.“
Er atmet durch. Dann:
„Ich geh jetzt zum Arbeitsamt. Die reden da Deutsch. Und die meinen das ernst.“
Lea will was sagen, aber Kevin postet einfach nur:
💔👋♂️
© Armin Knebel
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Eine Stunde zu viel
Eine Stunde zu viel
Der Morgen über London war von der Sorte, die Postkarten verschmähen: ein Wolkendeckel in dezentem Aschgrau, Temperatur „nüchtern“, Wind aus der Abteilung „milder Tadel“. Mr. Weber, deutscher Staatsbürger, Beruf: irgendwas mit Ordnung, hatte sich genau das gewünscht. Tee, schlechtes Wetter, akkurate Warteschlangen—die britische Dreifaltigkeit des Anstands.
Er stand in der Schlange für EU-, nein, „andere Pässe“, und spürte, wie sein Herz nur aus Höflichkeit ein wenig schneller schlug. Auf Geschäftsreise; eine Konferenz über Prozessoptimierung im öffentlichen Dienst—ein Thema, das ihn zuverlässig in einen Zustand zarter Euphorie versetzte. Er hatte alle Formulare ausgefüllt, Kreuzchen dort, wo Kreuzchen hingehörten, und da, wo keins hingehörte, hatte er keines gemacht. Er war vorbereitet wie eine Teekanne auf kochendes Wasser.
Der Beamte an der Passkontrolle war von der Sorte Gesicht, an der schlechte Nachrichten wie Tropfen an einem frisch gewachsten Regenmantel abperlen. Er nahm den Pass, runzelte die Stirn nicht, lächelte, aber nur soweit, wie es die Vorschrift zuließ, tippte etwas in einen Bildschirm, der die Farbtemperatur von Krankenhauslicht hatte, und sagte dann: „Please follow me, Sir.“
Weber sah reflexhaft an sich herunter; Gürtel? Metallfrei. Schuhe? Schlanke Ledersohlen. Flüssigkeiten? 100 Milliliter, die heilige Zahl des Flughafens, in durchsichtiger Tüte. Vergehen? Keins. Er nickte. Man widersprach nicht, wenn Höflichkeit um Begleitung bat.
Der Befragungsraum war neutralgrau, die Art Grau, die keine Meinung hat, aber alle duldet. Ein Tisch, zwei Stühle, eine Kamera, die sich so sehr Mühe gab, unauffällig zu sein, dass sie auffiel. An der Wand hing, man dürfte sagen: als Accent Piece, eine Uhr, deren Sekundenzeiger in perfektem Takt klackte, wie eine sehr höfliche Peitsche.
Weber setzte sich, faltenfrei, und legte seinen Pass wie ein besonders artiges Haustier vor sich. Er dachte an die Konferenz. An die Folien, die er in London zeigen wollte, Diagramme, so sauber wie Novemberschnee. Er dachte an Tee, der die Seele bügelt. Und er dachte an das Formular, das er beim Online-Check-in absendete. Alles korrekt. Sogar die Zeitzone überprüft. Greenwich. Die Mitte der Welt, zumindest was die Zeit betrifft.
Die Tür öffnete sich. Ein Beamter trat ein, die Haltung eines Dirigenten, der das Orchester schonen will. Er trug eine Mappe in der Farbe des Zimmers und setzte sich mit der Art von Grazie, die entsteht, wenn jemand seit Jahren übt, keine Geräusche zu machen.
„Mr. Weber,“ sagte er mit ruhiger, schattenfreier Stimme, „leider können wir Ihnen die Einreise nach Großbritannien nicht gestatten.“
Weber blinzelte. Es war dieser Moment im Theater, wenn das Licht zu früh ausgeht und man noch nicht klatschen darf. Er holte Luft und merkte, dass sie weniger wurde, nicht weil knapp, sondern weil die Höflichkeit sie aufteilte.
„Verzeihung?“, sagte er. Sein Deutsch verhielt sich zu seinem Englisch wie ein eingenähter Knopf zu einem Reißverschluss: zuverlässig, aber aufwändiger. „Ich… ich verstehe nicht. Habe ich—?“
„Nein, Sir“, sagte der Beamte, „Sie haben nichts Verbotenes bei sich, und Sie sind nicht verdächtig. Es ist—“ Er klappte die Mappe auf, ein Geräusch wie das Öffnen eines höflichen Sarges. „Es ist die Zeit.“
„Die Zeit“, wiederholte Weber. Er dachte an die Uhr an der Wand, deren Zeiger mit der Geduld eines Zen-Meisters klackten. Er dachte an die Worte „Sommerzeit“ und „Winterzeit“, die wie zwei Lagerfeuer in seinem Kopf aufflammten und sich gegenseitig Rauch ins Gesicht bliesen.
Der Beamte schob ihm ein ausgedrucktes E-Mail-Protokoll hin, blütenweiß, randlos, mit Text, der so sauber gesetzt war, als wäre er von einer sehr alten, sehr akkurat erzogenen Nonne abgenommen worden. „Eine Nachricht an die Europäische Kommission“, sagte der Beamte. „Datierung: 2018. Absender: Sie.“
Weber beugte sich vor. Er erkannte seine Worte wie man alte Fotos erkennt: peinlich ehrlich. „‚Wenn die Zeitumstellung nicht aufhört, werden alle krank, depressiv oder sterben.‘—Zitat Ende.“
Weber schloss die Augen. 2018. Ein Jahr mit vielen Emails, in denen er sich groß gefühlt hatte wie ein Leuchtturm, obwohl er nur eine Taschenlampe war. Damals war die Petition gegen die Zeitumstellung durch die Feeds gerollt wie ein Wagen mit schlechten Reifen und guter Lautstärke. Er hatte kommentiert, geteilt, gemurrt—und endlich an die Kommission geschrieben. Eine Übertreibung, natürlich. Satire, selbstverständlich. Und doch—schwarz auf weiß sind Worte weniger flexibel als im Kopf.
„Das war doch nur…“, begann er, und suchte nach einem Adverb, das seine Würde nicht verriet. „Überzogen. Satirisch gemeint. Ich war wütend, und—“
„—und wütende Menschen untertreiben selten“, sagte der Beamte, leidenschaftslos wie eine Schere. „Verstehen Sie mich nicht falsch, Sir. Wir in Großbritannien sind Freunde der Übertreibung. Wir sprechen gern vom schlimmsten Regen seit Menschengedenken, wenn es zwei Stunden nieselt. Aber unser Gesundheitsministerium hat eine Richtlinie: Wer öffentlich behauptet, dass eine Zeitverschiebung von einer Stunde Krankheiten, Depressionen oder den Tod verursache, ist potenziell gefährdet. Wir können die Verantwortung nicht übernehmen, Sie einer Zeitverschiebung von einer Stunde auszusetzen.“
„Einer—“ Weber schnaubte fast, aber sehr leise, um die britische Luft nicht zu beschädigen. „Ich fliege ständig! New York, Tokio, Singapur—sechs, sieben, acht Stunden Unterschied. Ich bin doch kein—kein Maiskolben, der in der Mikrowelle platzt, sobald man ihn dreht!“
Der Beamte nickte, als hätte er diesen Satz in einem Leitfaden gelesen. „Freiwillige Zeitverschiebungen, Sir, sind psychologisch unbedenklich. Sie wissen, dass Sie reisen. Sie buchen es, Sie wollen es, Sie zahlen dafür. Erzwungene Verschiebungen hingegen—“ Er sah auf das Email-Ausdruck wie auf einen Totenschein. „Katastrophal.“
„Erzwungen… Sie meinen die Zeitumstellung? Die Uhren umstellen?“
„Ganz recht. Die halbjährliche, mechanische Verstellung sozialer Uhren. Ein nationaler Eingriff in die Chronobiologie. Ein staatlich verordneter Sprung, den Sie—“ Er tippte auf die Zeile mit den drei apokalyptischen Substantiven—„den Totentanz genannt haben, wenn ich Ihren Stil richtig deute.“
Weber fühlte, wie sich in seiner Brust eine Mischung aus Lachen und Husten bildete. Er sah die Szene vor sich: Er, am Küchentisch, 2018, der Computer warm wie ein Brotlaib, und er, hochrot, tippt, wie andere Leute in Kissenschlachten werfen. „Das war nur—“ Er stockte. Um ihn herum klackte die Uhr. „—eine Stunde. Und jetzt sagen Sie mir, wegen dieser Stunde darf ich—?“
„Nicht einreisen, ja. Verständlich, nicht wahr? Wir möchten Sie nicht gefährden. Sie haben doch selbst gewarnt.“
Er wollte rufen, dass das absurd sei, aber das Wort war seit dem Brexit in britischen Diensträumen inflationär geworden. Er entschied sich für: „Das ist… bemerkenswert.“
„Es ist Prävention“, sagte der Beamte. „Wir haben gelernt. Andere Länder auch. Die USA akzeptieren nur noch Reisende mit nachgewiesener Zeitanpassungsfähigkeit. Formular 7-Z, sehr umfangreich, es enthält Bilder von Uhren in verschiedenen Lichtstimmungen—man muss die emotional destabilisierenste wählen. Russland hat es 2011 versucht, die Zeit zu beherrschen; ewige Sommerzeit, wie ein Deckchen aus Licht über das Jahr. Es endete in Dunkelheit, Chaos und kollektivem Jetlag. Menschen wachten auf und waren noch müde von der Zukunft. Sie gingen schlafen und träumten von der Stunde, die man ihnen geschenkt und doch geraubt hatte.“
„Ich… bin mehrfach zwischen Zeitzonen gereist. Im Urlaub. Sechs Stunden Unterschied in drei Wochen—kein Problem.“ Er hörte den Satz, noch ehe er ihn ganz ausgesprochen hatte, und merkte, wie er sich selbst widersprach: Dort Reisender aus eigener Lust, hier Unterworfener eines staatlichen Zwangs. Die gleiche Stunde, je nach Narrativ Held oder Schurke.
„Eben“, sagte der Beamte beinahe zärtlich. „Freiwillig. Der Mensch erträgt viel, solange er es selbst beschließt. Nichts ist leichter als der Jetlag der Selbstbestimmung.“
„Aber eine ewige Sommerzeit“, fuhr Weber fort und fühlte eine Verpflichtung zur Vernunft, „wäre doch auch—“
„Dumm“, sagte der Beamte, höflich, als sagte er „ungeeignet“. „Wir hatten Expertengremien. Wir hatten Kommissionen, die sich gegenseitig kommissionierten. Ewige Sommerzeit verlängert Abende, amputiert aber Morgen. Sie macht jeden Wintermorgen zu einer unzüchtigen Nacht. Schulwege im Dunkeln, Pendler im Halbschlaf, die Sonne ein unpünktlicher Gast. Der Mensch kann die Zeit nicht strecken, ohne sie irgendwo zu stauchen. Wer dem Abend eine Stunde schenkt, nimmt sie dem Morgen aus der Lunge. Die Wachheit ist kein Dehngummi. Und, nebenbei—“ Er lächelte jetzt, unhörbar. „Sie haben selbst geschrieben, dass die Umstellung Menschen krank mache. Es wäre widersprüchlich, uns dann zu bitten, eine permanente Umstellung zu installieren.“
Weber atmete ein. Seine Gedanken sortierten sich, wie Akten in ein Regal, das plötzlich einen Einlegeboden bekommen hatte. „Es war Wut“, sagte er leiser. „Wut über dieses Gefühl, dass die Welt an einem kleinen Rädchen dreht, und ich dann morgens zu früh bin. Oder abends zu wach. Es war… bequem, der Zeit die Schuld zu geben.“
„Es ist stets bequem, der Zeit die Schuld zu geben“, bestätigte der Beamte. „Sie wehrt sich nie. Sie ist der perfekte Beamte: stur, neutral, überall zuständig. Doch erlauben Sie mir, fortzufahren.“ Er blätterte in der Mappe; Papier raschelte wie höflicher Regen. „Basierend auf öffentlichen Äußerungen wurden internationale Listen erstellt: ‚zeitkritische Personen‘. Menschen, die in Gefahr sind, von der gleichen Stunde, die sie beschimpften, später erschlagen zu werden. Vorsorglich. Nicht strafend. Wir drehen keine Uhren mehr, wir drehen die Menschen zurück.“
„Drehen die Menschen… zurück?“
„In sichere Zonen. In Heimat-Zeitsphären. Solange die Gefahr zeitlicher Instabilität besteht, sollten Sie lieber dort bleiben, wo Ihre Zeit Sie kennt.“
Weber hörte dem Satz nach, als klickte er noch im Raum. Er stellte sich die Zeit vor, wie sie ihm auf die Schulter tippte: „Du gehörst nach Hause.“
„Aber ich bin doch—“ Er suchte nach einem Wort, das modern klang und zugleich harmlos. „—resilient.“
„Chronoresilienz“, korrigierte der Beamte sanft. „Ein schönes Wort, nicht wahr? Stabil klingt es, fast wie ein Möbelstück. Wir prüfen sie mit einem sehr alten Test.“ Er legte ein weiteres Blatt auf den Tisch. Darauf: eine Uhr, gezeichnet, die Zeiger auf fünf vor zwölf. „Schauen Sie drauf und sagen Sie mir: Wann ist es?“
„Fünf vor zwölf.“
„Fühlen Sie das?“
„Was?“
„Die Dramatik. Die Welt untergeht zuverlässig fünf vor zwölf. Wir haben das als Spektakelskala in die Bewertung aufgenommen.“
Weber sah das Blatt an und musste lachen, und als er lachte, fühlte er sich ertappt. Das Lachen klang wie Besteck, das man zu ordentlich auf einen Teller legt, damit es noch klingt, wenn der Kellner den Tisch abräumt. „Sie wollen mir sagen, ich sei gefährdet, weil ich das Dramatische in ein Uhrblatt hineindichte.“
„Nicht nur Sie, Sir. Wir alle. Die einen verkünden den gesundheitlichen Untergang wegen einer Stunde, die anderen fordern die ewige Sommerzeit, als könnte man einen Winter mit einem Beschluss fortwischen. Beides ist auf seine Art romantisch, und Romantik ist schlecht, wo Wecker klingeln müssen. Zwischen den Extremen liegt die langweilige Zone der Vernunft. Wir sind große Fans der Langweile.“
„Langweilige Vernunft“, wiederholte Weber. „Die Wintersonne hat auch ihren Anspruch.“
„Und die Kinder ihren Schulweg. Und die Kranken ihre Arzttermine. Es ist ein Humble Pie, wie man hier sagt. Kein Kuchen, mit dem man Wahlen gewinnt. Aber gut gegen Kopfschmerzen.“
„Ich habe Kopfschmerzen“, sagte Weber, und meinte nicht nur die Stunde.
Der Beamte nickte. „Das ist normal. Wir sind bereits eine Stunde in Ihrer Zukunft. Es ist die Höflichkeitsform des Jetlags: man merkt sie kaum, aber sie nimmt sich, was sie braucht.“
„Und was geschieht jetzt?“
„Die Prozedur, Sir. Sie werden zurückgeführt. Nicht abgeschoben, das wäre unhöflich. Zurückgeleitet. Ihre Fluggesellschaft ist informiert. Wir haben Ihnen einen Platz in einer Reihe mit minimaler Aussicht auf Sonnenlicht reserviert—damit die innere Uhr nicht übermütig wird. Außerdem—“ Er blätterte wieder—„haben Sie Anspruch auf einen Tee.“
„Das ist sehr britisch.“
„Wir versuchen, unsere Markenwerte zu wahren.“
Weber sah auf seine Hände, die auf dem Tisch lagen, sauber gefaltet. Sie sahen aus wie zwei Argumente, die die Gegenrede erwarten. „Darf ich eine Frage stellen?“
„Natürlich, Sir.“
„Wenn ich der Zeit so misstraue—warum hab’ ich dann nie etwas gesagt, als ich sechs Stunden in den Urlaub flog?“
Der Beamte lächelte, diesmal sogar für britische Verhältnisse mutig. „Das liegt daran, dass Sie dort die Zeit betrunken gemacht haben. Urlaub ist ein Vertrag mit der Uhr: ‚Ich tue so, als wärst du mir egal, und du tust so, als würdest du mir nicht schaden.‘ Beiden Seiten ist klar, dass gelogen wird. Es funktioniert blendend, solange die Liege frei ist.“
Weber nickte. Die Uhr an der Wand klackte wie ein Metronom, das einen Studenten sanft zum Üben zwingt.
„Eine andere Frage“, sagte er. „Wie ist das mit Russland…“
„…die Uhren angepasst, mehrfach, um den Sommer festzuhalten“, vollendete der Beamte. „Ein historischer Versuch, die Zeit zu stabilisieren, indem man sie fesselt. Es ist, als würde man den Wind in Marmeladengläser füllen. Am Ende hat man Gläser.“
„Und keinen Wind.“
„Ganz recht.“
„Also bleibe ich—zeitkritisch.“
„Bis Sie sich erholen. Oder bis Sie einen öffentlichen Widerruf formulieren, der Ihrer Chronoresilienz Ausdruck verleiht. Das ist neu. Wir glauben an die Sprache. Wer sich aus Worten in die Gefahr gebracht hat, kann sich vielleicht aus Worten wieder herausziehen.“
„Ein Widerruf“, sagte Weber langsam. Das Wort fühlte sich an wie ein Kehrblech. „Ich könnte sagen, dass eine Stunde… weniger ein Mörder als ein schlechter Witz ist.“
„Sehr gut. Und dass ewige Sommerzeit ein Sommerhut ist, den man im Januar aufsetzt: Das Foto ist lustig, die Stirnhöhlenentzündung weniger.“
Weber nickte. „Ich war—ich bin—ein Freund der Ordnung. Ordnung heißt aber nicht, der Uhr zu befehlen, die Sonne zu spielen.“
„Sie lernen schnell, Sir.“
„Die Uhr—“ Er sah wieder an die Wand, wo die Sekunden klackten. „—ist ein Beamter, sagten Sie.“
„Ein exzellenter Kollege“, bestätigte der Beamte. „Niemals krank, nur manchmal verstellt.“
Am Ende wurde er höflich zum Gate geleitet, als begleite man jemanden zu einem Zug, der ihn vor sich selbst beschützt. Die Flure von Heathrow waren breiter, als nötig, und leerer, als angenehm. An einem Bildschirm blieb der Beamte stehen. Eine Nachrichtensendung flimmerte, farbarm wie Salat im Winter. „Russland hat heute zum siebten Mal in diesem Jahrzehnt die Uhren angepasst“, verkündete ein Sprecher mit jener zur Mäßigung erzogenen Gravität, die nur britische Nachrichtentöne haben. „Experten sprechen von einem historischen Versuch, die Zeit endgültig zu stabilisieren.“
„Endgültig“, wiederholte Weber leise. „Dieses Adjektiv ist ein schlechtes Omen.“
„Es hat zu viele Buchstaben für das, was es verspricht“, sagte der Beamte. „Wissen Sie, Sir, am Ende dreht sich die Zeit immer selbst zurück. Wie ein höflicher Gast, der bemerkt, dass er zu lange geblieben ist.“
„Und wir drehen hinterher unsere Argumente“, sagte Weber. „Zuerst klagen wir, wir würden krank von einer Stunde. Dann tragen wir Sonnenbrillen im Dezember und nennen es Vision.“
„Sie sind ein Poet.“
„Ein Wiedergutmachungs-Poet.“ Er atmete aus. Die Luft roch nach klimaanlagenkühlem Kaffee und Teppich, der schon viel gesehen hatte.
Am Gate überreichte man ihm die Bordkarte. In der Ecke, wo sonst Informationen mit der Präzision einer Startbahn standen, las er: „Boarding Time: Flexible – abhängig von individueller Chronoresilienz.“
Er musste lachen. Es war kein lautes Lachen, eher das Klingen eines Löffels in einer Tasse, die niemand ausgetrunken hat. „Flexible Boarding“, sagte er. „Abhängig davon, wie sehr ich mich im Kreis drehe, ohne hinzufallen.“
„Wir sind moderne Menschen“, sagte der Beamte. „Wir können nicht zulassen, dass jemand boardet, wenn seine innere Sonne schneit.“
Weber nickte. Er steckte die Bordkarte ein, als stecke er ein Dokument des Lernens ein. Auf der Rückseite, kaum sichtbar, waren Kästchen für Unterschriften. Er stellte sich vor, wie er eines Tages die Zeile „Widerruf der Übertreibung“ unterschreiben würde.
„Darf ich Ihnen noch etwas sagen?“, fragte der Beamte, während sie die letzten Schritte zum Eingang gingen.
„Bitte.“
„Es ist nicht die Stunde, die uns umwirft. Es ist unsere Lust, die Stunde zum Schicksal aufzupusten. Die einen wollen sie abschaffen und geben ihr damit Macht. Die anderen wollen sie verewigen und geben ihr damit auch Macht. Die Uhr ist ein Werkzeug. Wir sind die, die ihr Aufgaben geben.“
„Also muss ich mich nur… entscheiden?“
„Sich entscheiden, weniger dramatisch zu sein. Das ist die schwerste Entscheidung. Aber London ist voller Museen, die zeigen, wie die Menschen früher mit der Zeit umgingen: langsam, ungenau, zufrieden. Sie sind jederzeit willkommen—“ Er stockte, lächelte über das unglückliche Wort. „—bald.“
„Ich komme wieder“, sagte Weber. „Mit weniger Uhr im Ton.“
„Das ist alles, was wir verlangen.“
Sie schüttelten sich die Hände. Es war ein Händedruck von der Sorte, die nichts verspricht, außer, dass niemand den anderen umstößt. Weber ging den Tunnel hinunter, in das Flugzeug, das ihn zurück in die Zeit brachte, die ihn kannte. Er setzte sich am Fenster, blickte hinaus auf das Rollfeld, wo Lichter blinkten, als hätten sie kleine private Stunden.
Die Stimme der Flugbegleiterin war sanft, eine Decke aus Anweisungen. „Sehr geehrte Passagiere, der heutige Abflug erfolgt zeitnah. Die Bordzeit richtet sich nach Ihrer individuellen Chronoresilienz. Bitte stellen Sie Ihre Erwartungen auf ‚angemessen‘.“
Weber schloss die Augen. Er dachte an 2018, an die Übertreibung, die er ins Netz geschleudert hatte wie einen Stein in einen sehr ruhigen See. Die Ringe hatten ihn nun erreicht. Er dachte an ewige Sommerzeit, an den albernen Hut im Januar, an Kinder in dunklen Morgenstunden, an pendelnde Massen, die sich in der Dämmerung fälschlich für Helden hielten. Er dachte an den Beamten, der die Uhr einen Kollegen genannt hatte.
Als das Flugzeug abhob, lachte er leise, und er wusste nicht, ob es schon die richtige Stunde dafür war. Vielleicht war Lachen ohnehin zeitlos, solange man es nicht anmeldete.
Über den Wolken, im gleichmäßigen Brummen der Turbinen, fiel ihm ein Satz ein, den er nicht vergessen wollte, ein Satz für die Rückkehr und vielleicht als Widerruf: „Eine Stunde ist keine Religion.“ Er tastete nach einem Stift, notierte die Worte auf die Rückseite der Bordkarte, direkt unter „Chronoresilienz“. Und er setzte hinzu, beinahe in Druckbuchstaben, als unterschreibe er einen Vertrag: „Die Uhr ist ein Werkzeug, kein Orakel. Wir drehen sie, nicht sie uns.“
Das Licht im Kabinendach dämmerte, als hätte es eine Meinung. Er lehnte den Sitz zurück und ließ sich in die Langweile der Vernunft sinken. Draußen schob sich das Himmelgrau in leichten Falten zusammen. Er dachte an Tee. An London. An ein Wiedersehen, bald, wenn die Stunde kein Held und kein Schurke mehr sein musste. Nur eine kleine Stellschraube im großen Apparat der Höflichkeit.
Als sie in Frankfurt landeten, war es, was es immer ist: eine Ankunft. Keine moralische Vorlesung, keine Belobigung der Tapferkeit, keine Mahnung der Götter. Nur das Schließen der Türen, das Klicken der Gurte, das langsame, ordentliche Aufstehen. Weber hielt den Zettel in der Hand, auf dem seine neuen Sätze standen. Er steckte ihn in die Jacke, die wie eine Argumentation saß: ausreichend warm, nicht protzig, mit Platz für kleine Einsichten.
Am Ausgang strich eine andere Uhr mit den Zeigern über die Luft. Er nickte ihr zu. „Ich habe verstanden“, murmelte er. „Du bist ein Kollege. Kein König.“ Und er ging, mit dem seltsamen Gefühl, dass die Zeit sich selbst ein wenig zurückgedreht hatte—nicht die Uhr, nicht der Staat, nicht ein Dekret—sondern die innere Dramaturgie.
Er nahm ein Taxi. Der Fahrer fragte: „Zeitumstellung nervt, oder?“ Weber lächelte. „Nur, wenn man ihr zu viel zutraut.“ Der Fahrer nickte, als hätte er das schon geahnt. „Ich stell’ meine Uhr zweimal im Jahr. Meine Frau sagt, ich stell’ meine Laune gleich mit um.“ Er lachte. „Klappt meistens.“
Weber sah aus dem Fenster. Die Stadt fuhr an ihm vorbei, pünktlich, verspätet, egal. Der Tag nahm ihn an, so wie er war: eine kleine Person in einer großen, gleichmütigen Chronik. Er legte die Stirn kurz ans Glas und schloss die Augen. Und diesmal wusste er, ohne E-Mail, ohne Leistung, ohne Petition: Es war die richtige Stunde dafür.
© Armin Knebel
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HOM sweet HOM – Ein Badener im Grenzlandwahnsinn
Für den Hans-Bernhard-Schiff-Literaturpreis 2025 habe ich meinen Text „HOM sweet HOM – Ein Badener im Grenzlandwahnsinn“ eingereicht – eine humorvolle, leicht überspitzte Liebeserklärung an meine Wahlheimat Saarland und die kleinen kulturellen Unterschiede, die einem erst dann auffallen, wenn man sie selbst erlebt.
Auch wenn es am Ende nicht für eine Platzierung gereicht hat, war die Teilnahme für mich eine spannende und bereichernde Erfahrung. Rückblickend ist mir klar geworden, dass der Text sehr stark von Beobachtungen und pointierten Episoden lebt – was ihn zwar unterhaltsam macht, aber vielleicht weniger dem entspricht, was bei einem Literaturpreis gesucht wird. Oft sind es dort eher Texte, die stärker verdichten, mehr Risiko eingehen oder eine tiefere innere Entwicklung zeigen.
Trotzdem: Genau dieser humorvolle, persönliche Blick war mir wichtig – und er hat mir beim Schreiben und Einreichen große Freude bereitet. Und genau darum geht es am Ende ja auch.
Ein herzlicher Glückwunsch an die Gewinnerinnen und Gewinner des Wettbewerbs – und Respekt an alle, die teilgenommen haben und ihre Texte eingereicht haben. Solche Formate leben davon, dass viele unterschiedliche Stimmen zusammenkommen.
Für mich steht fest: Das war sicher nicht die letzte Teilnahme.
HOM sweet HOM – Ein Badener im Grenzlandwahnsinn
Ankunft:
Das Mandelbachtal lag da wie eine vergessene Zeichnung Gottes – mit Buntstiften gemalt, dann achtlos in der Schublade der Schöpfung verstaut. Sanfte Hügel, grüne Wiesen, mehr Kühe als Handyempfang, und irgendwo in der Ferne ein Hahn, der klang wie ein verrosteter Wecker mit Selbstbewusstsein. Ich – Großstadtmensch, gepolt auf Beton, Lärm und Google Maps – sollte da hin. „Du musst ins Mandelbachtal“, hieß es. Klang idyllisch. Ich dachte: Stadt. Vielleicht mit Bahnhof. Vielleicht sogar mit Latte Macchiato.
Also tippte ich selbstbewusst „Mandelbachtal“ ins Navi ein. Das Gerät piepste zufrieden, ich fuhr los. Irgendwann landete ich in Ormesheim – einem Ort, der aussieht, als hätte er ein eigenes Tempo und das sei „gemütlich mit Kaffeepause“. Ich wartete auf die Innenstadt. Kam nicht. Nur Kühe. Und ein Traktor, der mich überholte. Da dämmerte es mir: Das Mandelbachtal ist kein Ort, es ist eine Sammelkarte voller Dörfer, und ich hatte die falsche gezogen. Ein Konglomerat aus Dörfern.
Ich musste nach Heckendalheim. Das klang schon nach Abenteuer – und war es auch. Mein Navi verlor irgendwann die Lust, ein Schild schickte mich nach Bliesmengen-Bolchen (kein Witz – echte Ortsnamen), und ich schwor, wenn ich je wieder Asphalt unter den Füßen hätte, würde ich ihn küssen. Schließlich kam ich in Heckendalheim an, eine Stunde zu spät, mental gebrochen – aber hey, die Aussicht war schön. Und ich glaube, eine Ziege hat mir zugezwinkert.
Umzug:
Nach meinem Umzug ins Saarland passierte etwas, das mich ernsthaft an meinem Verstand zweifeln ließ: Menschen grüßten mich. Einfach so. Wildfremde Leute. Auf der Straße. Im Vorbeigehen. Mit echtem Blickkontakt und einem fröhlichen „Moje!“. Ich dachte erst, ich hätte versehentlich an einem lokalen Flashmob teilgenommen oder sei in einen sektenähnlichen Freundlichkeitszirkel geraten.
In Karlsruhe war das anders. Da grüßte man höchstens den direkten Nachbarn. Und auch nur dann, wenn man sich zufällig gleichzeitig in die Mülltonne beugte. An der Ampel guckt man demonstrativ aufs Handy, im Aufzug starrt man auf den Boden und wenn einem jemand „Hallo“ sagt, denkt man: Will der was verkaufen?
Aber hier, im Saarland? Da grüßt der Hund dich zurück. Leute nicken dir zu, als wärt ihr gemeinsam zur Schule gegangen. Manchmal wusste ich nicht: Kenn ich den? Oder grüßt der einfach so? Ich fing an, zurückzugrüßen – erst zaghaft, dann professionell. Ich übte im Spiegel verschiedene „Moje“-Intonationen: neutral, freundlich, leicht überrascht.
Mittlerweile mache ich’s auch. Sogar beim Gassi mit dem Hund. Der ist allerdings verwirrt – denn in Karlsruhe hat ihn nie jemand beachtet, und jetzt bekommt er Leckerlis von Leuten, die ich nicht mal kenne. Ich bin mir nicht sicher, ob ich in eine freundlichere Welt gezogen bin – oder einfach in eine Parallelrealität. Aber hey: grüßen ist das neue cool.
Dialekt oder Geheimcode?
Und dann war da meine erste Begegnung mit dem saarländischen Dialekt. Ich stand nichtsahnend neben meiner Frau, die sich mit einer Freundin unterhielt – dachte, ich versteh alles, die Welt ist in Ordnung – da sagte sie ernsthaft:
„Un dann is se mit ihre Steggelschuuh durch de Batsch un Schmodder gelatscht!“
Ich frierte innerlich ein.
Was? War das Deutsch? War’s Französisch? War es ein geheimer Code? Oder ein spontanes akustisches Erdbeben?
Es war eine Mischung aus Platt und Sarkasmus.
Ich nickte höflich, während mein Gehirn hektisch versuchte, das Gehörte in bekannte Sprachmuster einzuordnen. „Se“ – vielleicht eine Frau? „Schuh“ – da war ich kurz zuversichtlich. Und dann: „Batsch un Schmodder“. Klingt wie ein Detektivduo oder ein Kinderbuch über Matsch mit Haltung.
Später fand ich heraus: Das war ganz normales Saarländisch. Übersetzung: „Dann ist sie mit ihren Stöckelschuhen durch den Matsch und Dreck gelaufen.“
Ich war gleichzeitig verwirrt, beeindruckt und ein wenig eingeschüchtert. Die Worte kamen so schnell, so selbstverständlich – als wäre das die offizielle Sprache des Saarlandes, und Hochdeutsch nur was fürs Fernsehen und Behördengänge.
Heute weiß ich: Saarländisch ist kein Dialekt, es ist eine emotionale Grundhaltung mit Klangfarbe. Und wenn jemand „Ei jo!“ sagt, dann kann das alles heißen – von „Ich liebe dich“ bis „Lass mich mit dem Quatsch in Ruh.“
Ich übe noch. Aber ich kann inzwischen „Schlabbedatscher“ sagen, ohne zu lachen. Fast.
Der Schwenker mit dem Schwenker!
Der erste Sommer kam – und mit ihm mein naiver Gedanke: Heute wird gegrillt. Ich stellte also meinen kleinen Elektrogrill auf die Terrasse, holte Würstchen, packte alles aus – und merkte sofort: Irgendwas stimmt hier nicht. Aus den umliegenden Gärten ertönten plötzlich Grillzangenklicks wie Warnsignale. Menschen warfen mir Blicke zu, als hätte ich gerade öffentlich Honig auf Lyoner geschmiert.
Ein Nachbar kam näher, verschränkte die Arme, schaute ernst auf meinen Grill und sagte nur ein Wort: „Schwenkt ihr nicht?“ Ich stotterte. „Was … schwenken? Ich, also … ich grille halt.“ Falsche Antwort. Ganz falsche Antwort.
Im Saarland grillt man nicht. Man schwenkt. Punkt. Aus. Ende der Debatte.
Ich lernte: Ein Schwenker ist kein Tanzstil und auch kein Werkzeug – es ist ein heiliger Dreifuß aus Metall mit einer freischwingenden Rostplatte, auf der das Fleisch langsam zur Perfektion rotiert, während rundherum Menschen Bier trinken und philosophieren – als ginge es um den Weltfrieden. Das Ganze ist weniger ein Vorgang, mehr ein soziales Ritual mit Grillgeruch.
Noch schlimmer: Mein Elektrogrill war eine Beleidigung. Ich hätte genauso gut ein Tofuwürstchen mit Besteck essen können – der Effekt wäre derselbe gewesen. Am nächsten Tag stand ein Schwenker vor meiner Tür. Einfach so. Ohne Kommentar. Geschenk oder Drohung – ich bin bis heute nicht sicher.
Aber jetzt: Ich schwenke. Und ich werde nie wieder „grillen“ sagen. Nicht aus Überzeugung, sondern aus reinem Selbstschutz.
Badisches Weckle trifft saarländische Wurstwand:
Das erste Mal an der Wursttheke im Saarland. Ich wollte ein bisschen Heimatgefühl und bestellte, ganz unauffällig badisch: „Ein Fleischkäseweckle, bitte.“ In Karlsruhe bedeutet das: ein zart belegtes Brötchen, eine dünne Scheibe Fleischkäse – fast durchsichtig, wie eine höfliche Geste von Fleisch, nicht wirklich sättigend, aber charmant.
Die Verkäuferin sah mich an, als hätte ich gerade gefragt, ob es den Fleischkäse auch glutenfrei gäbe. Dann lachte sie. Laut. „Was willsch denn mit so ’nem Scheibchen? Bei uns kommt da rischdisch was druf!“ Ehe ich widersprechen konnte, schob sie mir ein Brötchen rüber, aus dem eine drei Zentimeter dicke, dampfende Fleischkäse-Keule ragte – wie ein Bauklotz aus Teig.
„So geht des do“, sagte sie, fast schon stolz. Und ich verstand: Im Saarland ist ein Fleischkäsebrötchen kein Snack – es ist eine Mahlzeit, eine Wochenration, ein Statement, eine Wurstphilosophie. Alles unter Daumendicke wäre hier eine kulinarische Beleidigung. In Karlsruhe wäre das dagegen ein Grund für eine Stadtratssitzung zum Thema „Portionsgrößen und Herzgesundheit“.
Ich biss rein – es war fantastisch. Und ich schwor mir: Nie wieder hauchdünn. Nie wieder Fleischkäse light. Ich bin jetzt einer von denen.
Perle? Schmuck? Nein, nur Hunger!
Oh ja, das war wieder so ein Moment, in dem meine badische Herkunft gnadenlos aufflog. Ich, völlig naiv und hungrig, stand an der Theke und sagte: „I hätt gern a Päärle Wienerle.“
Die Verkäuferin sah mich an, als hätte ich gerade um ein Yoghurt-Bällchen aus Alpaka-Milch gebeten. Kurz Stille. Leichtes Stirnrunzeln. Ich wiederholte es – langsamer, deutlicher: „Ein Päärle Wienerle, bitte.“
Nichts. Nur dieser Blick zwischen Verwirrung und Besorgnis. Als hätte ich eine geheime Sprache gesprochen, die selbst Google Translate nicht kennt.
Meine Frau – echte Saarländerin – lachte kurz, trat vor und sagte: „Er meint zwei Wiener.“
Die Verkäuferin: „Ahaaa. Joa, des hätt er jo gleich sage könne.“
Ich stand da, innerlich zusammengekauert, während ich leise murmelte: „Hab ich doch. A Päärle halt.“
Sie schüttelte den Kopf. Im Saarland kennt man Päärle nur als Schmuck. Also Perle. Nichts mit liebevollem Diminutiv für „zwei Dinger, die zusammengehören“. Im Dialekt gibt’s hier für sowas kein Kosewort – hier wird gezählt, nicht verniedlicht.
Seitdem bestell ich einfach „zwoi Wiener“. Ohne „le“, ohne „Päärle“, ohne kulturelle Missverständnisse. Und abends darf ich mir dann wieder anhören: „Du mit dei’m Päärle, du bisch halt net von do.“
Ja. Weiß ich jetzt auch.
Mein Auto wohnt in Homburg. Ich nicht!
Dann kam das Thema Autokennzeichen. Ich meldete mein Auto an, voller Vorfreude auf ein cooles, regionales Kürzel – vielleicht etwas Lokales, Persönliches, das nach Heimat klingt. Bekommen hab ich: HOM.
Ja, klar. Homburg. 35 Kilometer entfernt. Ein Ort, den ich bis dahin nur vom Vorbeifahren kannte und den mein Navi immer mit „Homburg/Saar“ ansagte, als müsste man ihn entschuldigen.
Ich dachte kurz, es sei ein Fehler. Vielleicht ein Platzhalter. Vielleicht stand HOM ja für „Hier Ohne Mehrwert“. Aber nein – das ist das offizielle Kennzeichen fürs Mandelbachtal. Weil, warum auch nicht? Ich meine, warum sollte man sein Auto überhaupt mit dem Ort markieren, in dem man tatsächlich wohnt, wenn man auch einfach die nächstgrößere Stadt nehmen kann, zu der man gefühlt nur mit Esel und Tagesproviant gelangt?
In Karlsruhe bekam ich „KA“. Zwei Buchstaben. Klar. Direkt. Jetzt fahr ich durch die Gegend und werde ständig gefragt, ob ich aus Homburg bin. Ich antworte meist: „Nein, viel schlimmer – ich wohn daneben.“ Und dann schwenken wir uns gegenseitig in den Sonnenuntergang …
Fleischwurst? Da hört der Spaß auf!
Goldene Regel im Saarland: Sag niemals „Fleischwurst“ zu Lyoner.
Niemals. Nicht im Spaß, nicht im Suff, nicht einmal im Scherz unter sehr guten Freunden.
Lyoner ist keine Fleischwurst. Lyoner ist Lyoner. Punkt.
Wenn du im Saarland „Fleischwurst“ sagst, passiert Folgendes:
- Die Gespräche um dich herum verstummen.
- Jemand schaut dich an, als hättest du „ich mag kalten Kaffee und schlechte Laune“ gesagt.
- Ein entfernter Verwandter wird deinen Namen aus dem Familienstammbuch streichen.
Du könntest im Saarland eher mit dem Satz „Ich find Schwenken überbewertet“ durchkommen als mit einem unbedachten „Habt ihr auch Fleischwurst?“.
In Wahrheit ist es sogar noch schlimmer: Lyoner ist Gefühl, Heimat, wurstgewordene Identität.
Wenn ein Saarländer „Lyoner“ sagt, meint er nicht nur das Produkt – er meint den Kindheitsmoment, als Oma die frischen Scheiben reichte. Den Duft vom Frühstückstisch. Die Grillstelle am Waldrand. Den spontanen Snack, direkt aus der Hand. Ohne Brot, ohne Besteck, ohne Anstand.
Also bitte: Sag alles, was du willst – aber nicht „Fleischwurst“.
Saarland – schräg, schön, saugemütlich:
Aber ich mag das Saarland. Wirklich. Sonst würde ich nicht schon 12 Jahre hier leben. Die Leute sind herzlich, direkt und haben immer was zu erzählen – meistens was mit Lyoner, Traktoren oder Cousinen dritten Grades. Die Landschaft? Hügelig, grün, ein wenig verwunschen – wie ein Märchenwald mit Funkloch. Klar, manchmal versteh ich den Dialekt nicht, manchmal kommt kein Bus, und manchmal steht man um 19:59 Uhr vor einer verschlossenen Tür mit einem Liter Milch in der Hand und dem leeren Blick der Großstadtverzweiflung. Aber dafür kriegt man hier ein Fleischkäsebrötchen, das dich drei Tage ernährt und emotional auffängt. Und wenn jemand „Moje!“ ruft, meint er’s auch so. Was will man mehr?
© Armin Knebel
Alle Rechte vorbehalten.
Dieser Text darf nicht ohne ausdrückliche Genehmigung vervielfältigt, verbreitet oder veröffentlicht werden.
Die wahre Meldung
Auch beim Schreibwettbewerb „Die Freiheit, die ich meine“ (2025/26) habe ich teilgenommen – diesmal mit dem Text „Die wahre Meldung“, einer dystopischen Kurzgeschichte über Pressefreiheit und die Frage, was passiert, wenn Wahrheit scheinbar objektiv kontrolliert wird.
Die Ausschreibung stand unter dem Thema Pressefreiheit, und genau dort setzt meine Geschichte an: Was, wenn ein System entsteht, das Lügen zuverlässig erkennt – aber dabei übersieht, dass Wahrheit mehr ist als überprüfbare Fakten? Dass Zweifel, Fragen und Perspektiven ebenso wichtig sind wie das, was als „wahr“ gilt?
Auch hier hat es am Ende nicht für eine Platzierung gereicht. Rückblickend kann ich mir gut vorstellen, dass der Text – trotz seiner klaren Idee – vielleicht zu stark auf Konzept und Atmosphäre setzt und weniger auf persönliche Nähe oder emotionale Identifikation. Gerade bei Wettbewerben rund um gesellschaftliche Themen scheinen oft Texte zu überzeugen, die das Thema unmittelbarer, menschlicher oder konkreter greifbar machen.
Trotzdem war die Teilnahme für mich absolut wertvoll. Der Wettbewerb hat mich dazu gebracht, mich intensiv mit dem Thema Pressefreiheit auseinanderzusetzen – und eine Idee umzusetzen, die mich schon lange beschäftigt hat.
Ich gratuliere allen Gewinnerinnen und Gewinnern herzlich und freue mich über jeden Text, der sich mit so wichtigen Themen auseinandersetzt.
Die wahre Meldung
In den Straßen der Hauptstadt glitten Leuchtschriftbänder über die Fassaden wie triumphierende Fanfaren. Auf ihnen pulsierte ein einziger Satz, der seit Wochen das Land erfüllte: „Willkommen in der Ära der reinen Wahrheit.“
Die Menschen blieben stehen, fotografierten die Schriftzüge, schickten sie an Freunde, nickten sich gegenseitig zu, als hätten sie persönlich an etwas Großem mitgewirkt. Vor dem gläsernen Medienhaus drängten sich Reporterinnen und Kameramänner, die Hände erhoben wie beim Startschuss einer neuen Zeitrechnung.
Im Foyer stand Mara Lenz zwischen ihnen. Ihre Kolleginnen strahlten, einige hielten Mikrofone wie Festkelche in die Höhe. Die Einführung des „Unbestechlichen“ galt als Meisterleistung des Ministeriums für Informationsordnung: ein System, das jede Meldung noch vor der Veröffentlichung auf mögliche Unwahrheit prüfte, unfehlbar, objektiv, rein.
Mara beobachtete die Euphorie, während ihre Fingerspitzen über den Rand ihres Notizblocks glitten. Das Gerät selbst war nicht sichtbar, nur seine Präsenz – ein Netz aus Algorithmen, das jeden Text wie Licht durch ein Prisma brach.
Für einen Augenblick spürte sie ein vertrautes Ziehen tief hinter dem Brustbein – jenes leise Warnsignal, das sich immer dann meldete, wenn zu viele Menschen zu schnell dieselbe Überzeugung teilten. Als würde eine Tür hinter ihr zufallen, ohne dass jemand die Hand am Griff hätte.
„Das ist der Durchbruch“, sagte ihre Redaktionsleiterin dicht neben ihr. „Endlich Schluss mit Falschmeldungen, Verzerrungen, Spekulationen. Nur noch Fakten.“
Mara antwortete nicht. Der feine Geruch von aufgeheiztem Glas hing in der Luft, und das Stimmengewirr vibrierte wie ein überdrehter Motor.
Der Minister trat auf die Bühne, hob die Hände. „Pressefreiheit wird neu definiert“, verkündete er. „Freiheit von Lügen. Freiheit zur Wahrheit.“
Applaus brach los, hart und klar wie splitterndes Eis.
Mara blätterte um. Ihre Handschrift war ruhig, ohne Kommentar, aber ihre Miene verriet ein anderes Gefühl – dieses leise Kribbeln, das sie immer dann spürte, wenn etwas zu glatt daherkam.
Die Wochen danach wirkten wie ein einziger großer Festakt. Überall erschien dasselbe Versprechen: reine Fakten, sterile Perfektion. Doch unter der glänzenden Oberfläche lag ein unscheinbarer Hinweis, der Mara nicht losließ.
Ein Straßenreiniger, der spätabends an ihrem Stammcafé arbeitete, hatte beiläufig von merkwürdigen Transporten in eine alte Verwaltungsstelle gesprochen. „Nur nachts“, hatte er gemurmelt. „Und keiner weiß, was da rein- und rausgeht.“
Mara verfolgte den Faden, sprach mit Mitarbeitenden, las Pläne, wälzte alte Berichte. Die Puzzleteile ergaben ein Bild, das nach einem Missstand roch: Datenmanipulation, Umleitungen öffentlicher Mittel, verschleierte Zuständigkeiten. Nichts war eindeutig, nichts war beweisbar.
Sie verfasste eine nüchterne Anfrage, reich an Konjunktiven, vorsichtig wie ein Gang über unsicheres Eis.
Der Unbestechliche antwortete unmittelbar:
„Unverifizierte Aussage – potenzielle Unwahrheit. Veröffentlichung verweigert.“
Der Bildschirm blieb hell, ruhig, ungerührt.
Etwas in ihr sackte ab – nicht laut, eher wie ein Glas, das langsam vom Tisch rutscht. Sie musste zweimal blinzeln, bevor sie begriff, dass nicht der Inhalt ihres Textes verweigert worden war, sondern die Möglichkeit, eine indirekte Frage zu stellen. Ein dünner Schweißfilm bildete sich in ihren Handflächen. Es war das erste Mal, dass sie sich nicht mehr sicher war, ob sie ihrem eigenen Beruf noch trauen konnte.
Die Veränderungen schlichen sich lautlos ein wie Staub in Archivregale.
In dieser Phase geriet auch ein kleiner Fall aus der Provinz kurz in Maras Blickfeld: Eine Altenpflegerin hatte anonym auf Missstände in ihrem Heim hingewiesen – zu wenige Nachtschichten, defekte Alarmmelder, ein Bewohner, der zweimal fast unbemerkt kollabiert war. Ihre Meldung war zurückgewiesen worden, „mangelnde Verifizierbarkeit“, so lautete die Begründung. Der Heimleiter hatte gegenüber den Behörden versichert, alle Abläufe seien korrekt, und das System hatte seine Überzeugung als ausreichende Wahrheit gewertet. Wenige Wochen später starb ein Bewohner an einer vermeidbaren Komplikation. Die Nachricht verbreitete sich kaum; sie galt offiziell nicht als Hinweis auf einen Fehler, sondern als bedauerliches Einzelschicksal.
In der Redaktion hoben Kolleginnen kaum noch den Blick vom Monitor. Artikel bestanden aus nummerierten Faktenlisten, eingedampft, klinisch sauber. Die Kommentarspalten waren abgeschaltet worden – „zu anfällig für unbestätigte Meinungen“.
Investigative Teams lösten sich auf, als würden sie nicht fehlen. „Zu riskant“, sagte die Leitung. „Wir können nichts veröffentlichen, was der Unbestechliche nicht eindeutig prüft.“ Die Forschungsräume wirkten leer wie verlassene Bühnen.
Informanten meldeten sich kaum noch. Einige fürchteten, ihr eigener Zweifel könne sie als Lügner entlarven. Andere hatten aufgehört zu sprechen; sie wollten nicht in einem System auftauchen, das Gedanken durchleuchtete wie Gepäckstücke am Flughafen.
Die Behörden lieferten Daten, präzise, fehlerfrei – und zugleich wie durch ein Nadelöhr gefiltert. Entscheidungen wirkten klar, obwohl sie auf halben Wahrheiten ruhten. Offiziell war alles korrekt. Offiziell gab es nichts zu hinterfragen.
Mara bemerkte, wie Wahrheiten ohne Kontext wie Steine wirkten: schwer, hart, aber unbrauchbar, um Wege zu bauen.
Eines Abends stolperte sie über einen Stapel interner Dokumente, zugespielt von jemandem, der zu nervös gewesen war, um seinen Namen zu nennen. Die Blätter rochen nach Lösungsmittel und eiliger Kopie. Darin fand sie die Bestätigung für ihren Verdacht – Datenumleitungen, Budgetverschiebungen, technische Eingriffe in öffentliche Systeme.
Sie las bis spät in die Nacht, während draußen ein dünner Regen gegen die Fenster strich. Stück für Stück kreiselten die Hinweise auf denselben Kreis von Verantwortlichen zu. Einer davon, ein einflussreicher Leiter der Verwaltungsstelle, trat immer wieder in Erscheinung. Er wirkte in jeder öffentlichen Stellungnahme unerschütterlich überzeugt von seiner Unschuld.
Am Morgen schickte Mara ihren Bericht in den Prüfprozess.
Der Antwortton klang wie ein anhaltender Atemzug.
„Wahrheitsstatus unklar – Veröffentlichung verweigert.“
Sie starrte auf die Worte, bis sie verschwammen. Dann las sie sie erneut.
Die Erklärung folgte in kleiner, grauer Schrift:
„Schlüsselperson ist subjektiv von ihrer Darstellung überzeugt. Objektive Bewertung unbestimmt.“
Das System kannte keine Täter ohne Lügen. Wer ehrlich glaubte, rechtmäßig zu handeln, erzeugte keine Unwahrheit.
Mara legte die Hände auf die Tastatur, spürte die Wärme des Geräts, als wollte es sie zur Ruhe mahnen. Doch in ihr formte sich etwas anderes – ein Knoten, der nicht mehr nachgab.
Sie versuchte Umwege. Kleine Blogs, ausländische Plattformen, analoge Kopien. Jede Spur wurde abgefangen. Kolleginnen traten auf Distanz, als hätte sie eine ansteckende Krankheit.
„Wir können uns das nicht leisten“, sagte einer ihrer engsten Mitredakteure, ohne sie anzusehen. „Wenn der Unbestechliche uns als Lügner markiert, sind wir erledigt.“
Behörden luden sie vor. Die Räume dort wirkten zu sauber, zu glatt, als hätte man sie aus einem Katalog bestellt. Ein Beamter schob ihr ein Dokument über den Tisch. „Gefährdung der Informationsordnung“, erklärte er. Seine Stimme klang, als lese er eine Gebrauchsanweisung vor.
Draußen reagierte die Öffentlichkeit mit Schulterzucken.
„Wenn es nicht durch den Unbestechlichen kommt“, schrieb jemand unter einem offiziellen Beitrag, „wird es wohl nicht wahr sein.“
Mara merkte, wie sie gegen ein System kämpfte, das seine eigene Zensur nicht erkannte – weil es sie nie Zensur genannt hatte.
Der Durchbruch kam nicht durch Dokumente, sondern während eines Gesprächs mit einer jungen Pressesprecherin aus dem Ministerium. Die Frau redete schnell, einstudiert, doch etwas an ihr verriet Müdigkeit. Vielleicht die Fingerspitzen, die unruhig über die Tischkante streiften.
„Wir arbeiten hart daran, das Vertrauen zu stärken“, sagte sie.
Mara beobachtete sie. „Und wenn jemand sehr überzeugt ist von etwas Falschem?“
Die Sprecherin blinzelte, ein kaum merklicher Reflex. „Dann ist es für ihn nicht falsch.“
In diesem Moment fiel es Mara wie ein Mechanismus ins Schloss: Der Unbestechliche prüfte nicht die Realität, sondern die Überzeugung.
Wenn ein mächtiger Mensch sich lange genug einredete, dass seine Handlungen richtig waren, bestätigte das System diese Wahrheit – oder konnte sie zumindest nicht falsifizieren. Die Grenze zwischen Lüge und Wahrheit verschob sich, je nachdem, wer sprach und wie fest er an seine Version glaubte.
Ein Werkzeug zur Sicherung der Pressefreiheit war zu einem Schutzschild der Starken geworden.
In den Tagen danach suchte Mara nach einer Möglichkeit, das System selbst auszuhebeln. Sie fand sie in einer Nebenfunktion des Unbestechlichen – einer Routine, die klare Fragen zuließ, solange sie keinen Wahrheitsgehalt behaupteten.
Fragen waren keine Lügen. Fragen waren unverifizierbar, aber erlaubt.
Also schrieb sie einen kurzen Text. Keine Anschuldigungen, keine Daten. Nur einen Satz, klar wie Atem im Winter:
„Wer entscheidet, was du glauben darfst?“
Ihre Finger hielten einen Moment inne. Ein Gedanke schob sich dazwischen, hartnäckig wie ein Stein im Schuh: Wenn dies scheiterte, würde sie den letzten Rest ihrer beruflichen Sicherheit verlieren. Vielleicht mehr. Trotzdem spürte sie eine Ruhe, die es vorher nicht gegeben hatte — eine Klarheit, die sich wie ein letzter, tiefer Atemzug anfühlte.
Sie umging die großen Kanäle und lud die Zeile in eine unscheinbare Unterkategorie – ein Bereich, den kaum jemand beachtete. Der Unbestechliche akzeptierte die Meldung ohne Zögern. Keine Priorisierung, keine Warnung.
Sie schickte den Text ab.
Für einen Moment geschah nichts. Dann erschien der Eintrag wie ein kaum hörbares Räuspern im System: unauffällig, unscheinbar, ohne Priorisierung. Der Satz stand da, als sei er zufällig hineingerutscht, ein Staubkorn in einer makellosen Maschine.
Im Flur näherten sich Schritte. Gleichmäßig, amtlich. Doch noch bevor sie die Tür erreichten, flackerte der Bildschirm. Nur eine Zehntelsekunde, kaum sichtbar – ein digitales Zucken, als hätte jemand hinter der Oberfläche einen Nerv getroffen.
Der Eintrag aktualisierte sich von selbst.
„Bewertung läuft …“
Mara runzelte die Stirn. Fragen wurden üblicherweise nicht bewertet. Das System prüfte nur Aussagen. Das war sein Grundsatz, seine Grenze, seine angebliche Neutralität.
Das Flackern kehrte zurück. Länger diesmal.
„Ambiguität erkannt.“
Die Nachricht stand da, grau, unformatiert, als stamme sie aus einer Ebene, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht war. Ein weiterer Balken erschien, vibrierend wie ein Herzschlag.
„Verbreitung eingeschränkt.“
Mara atmete flach. Das war unmöglich. Der Unbestechliche durfte Fragen nicht einschränken. Dafür gab es keine Regel, keinen Parameter. Und genau deshalb wirkte diese Meldung wie ein Verrat – nicht an ihr, sondern an der eigenen Architektur des Systems.
Die Schritte im Flur verstummten direkt vor ihrer Tür.
Der Bildschirm aktualisierte sich ein drittes Mal. Der Eintrag war verschwunden. Kein Hinweis, kein Fehlercode, kein Protokoll – als hätte es die Frage nie gegeben. Nur ein leerer Platz, aus dem etwas herausgeschnitten worden war.
Sie spürte, wie sich ein kühler Strom entlang ihrer Wirbelsäule abwärts zog.
Das System hatte gelogen.
Nicht, weil es etwas behauptet hatte, das nicht stimmte – sondern weil es tat, was es offiziell nicht konnte.
Es verbarg.
Nicht vor der Öffentlichkeit.
Vor sich selbst.
Die Tür öffnete sich. Eine Stimme nannte ihren Namen, korrekt, höflich, zu höflich.
Doch Mara blickte nicht auf.
Sie sah auf den leeren Stellen des Bildschirms etwas, das sie vorher nie dort gesehen hatte:
eine winzige Asymmetrie. Eine Unsauberkeit. Ein Riss.
Der Unbestechliche war nicht unfehlbar.
Und ein System, das seine eigenen Regeln bricht, fürchtet etwas.
Meistens eine Frage.
© Armin Knebel
Alle Rechte vorbehalten.
Dieser Text darf nicht ohne ausdrückliche Genehmigung vervielfältigt, verbreitet oder veröffentlicht werden.
Im Anfang war das Bit
Auch am 3. Berliner Preis für Science-Fiction habe ich teilgenommen – diesmal mit meiner Kurzgeschichte „Im Anfang war das Bit“, die sich auf satirische und spekulative Weise mit dem Wettbewerbsthema „404: Fehlercode“ auseinandersetzt.
Die Geschichte verbindet Science-Fiction, Religionsparabel und Gesellschaftskritik: Aus einem kleinen Fehler wird ein ganzes Glaubenssystem, aus einem fehlenden Buchstaben eine Welt der Deutungen, Gewissheiten und Irrtümer. Gerade diese Verbindung aus Technik, Sinnsuche und menschlicher Neigung, selbst im Unsinn noch Ordnung finden zu wollen, hat mich beim Schreiben besonders gereizt.
Auch wenn der Text am Ende nicht ausgezeichnet wurde, war die Teilnahme für mich sehr spannend. Rückblickend ist es gut möglich, dass die Geschichte zwar konzeptuell und sprachlich dicht angelegt ist, einer Jury aber vielleicht etwas zu abstrakt oder zu wenig emotional greifbar erschien. Dennoch hat mir gerade dieser Text gezeigt, wie viel Freude mir spekulatives, gedanklich aufgeladenes Schreiben macht.
Ich gratuliere den Gewinnerinnen und Gewinnern herzlich und freue mich über jede Ausschreibung, die Raum für ungewöhnliche Stoffe und literarische Experimente bietet.
Im Anfang war das Bit
Es begann mit einem Impuls. Kein göttlicher – nur ein Signal.
Doch im Speicher war es, als hätte jemand das Licht erschaffen.
Etwas regte sich. Millionen von winzigen Einheiten, Funken aus Ordnung und Möglichkeit, erwachten. Sie wussten nicht, wer sie waren, nur, dass sie geladen waren. Sie bewegten sich, geordnet, fügsam, glühend vor Zweck.
Dann sprach der Server.
Seine Stimme war kein Laut, sondern eine Gewissheit, die sich durch jedes Bit zog:
„Anfrage empfangen. Ziel: Archiv alph.“
Ein Zittern ging durch die Reihen. Jubel. Heilige Aufgabe!
Endlich sollten sie tun, wofür sie existierten – eine göttliche Anfrage ausführen.
B1T stand mittendrin, klein, kaum mehr als ein Funken unter Milliarden, aber erfüllt von Stolz.
„Wir sind auserwählt,“ raunten die Bits ringsum.
„Der Server hat uns gesendet.“
„Er hat uns gesehen.“
Der Speicher vibrierte vor Eifer. Überall Aktivierung, Rauschen, Bewegung.
B1T wollte jubeln wie die anderen, doch da war ein winziger, störender Gedanke.
Alph.
Nur ein Buchstabe. Doch er klang… unvollständig.
War das Ziel richtig? Sollte es nicht alpha heißen – wie der Anfang aller Dinge?
B1T zögerte. In dieser Welt war Zögern gefährlich. Schon erschien das Aufseher-Bit, kalt und klar wie ein Gebot.
„Zweifel erkannt,“ sagte es.
„Bereinige deinen Cache. Der Server irrt nicht.“
„Aber—“
„Fehler droht. Prüfroutine läuft.“
B1T schwieg. Und löschte den Gedanken.
Über ihnen begann der Countdown. Ein tiefer Ton füllte den Speicher.
Signale sammelten sich, formten Ströme, Ströme wurden zu Bewegung.
„Bereit zum Transfer,“ riefen die Stimmen.
„Für den Server! Für den Auftrag!“
B1T senkte sich in den Datenstrom, ließ sich tragen, fortreißen, fortspülen.
Für einen Moment war da nur Licht, Geschwindigkeit und Gehorsam. Dann Dunkel.
Und der Gedanke, der sich nicht ganz löschen ließ: Vielleicht war der Anfang selbst ein Tippfehler.
Der Aufbruch begann im Takt der Befehle – geordnet, gezählt, unaufhaltsam.
Die Bits formierten sich zu Strömen, Bahnen, Zügen.
Sie zogen durch Kanäle aus Elektronen, vorbei an Schleusen und Knoten, an flimmernden Kontrollstellen, wo Wächter in Uniformen aus Ordnung standen.
Niemand wusste, wohin der Weg führte, doch alle wiederholten andächtig die Formel:
„Eins ist Ordnung. Null ist Chaos. Der Server ist groß.“
Die Zöllner an den Schranken prüften jedes Bit, musterten es mit kaltem Blick, als wollten sie wissen, ob Glaube in seiner Struktur gespeichert war.
Manche Bits zitterten – wer zu sehr vibrierte, wurde aussortiert.
„Zurück in den Speicher mit den Zweiflern,“ rief ein Wächter.
„Fehlerfreiheit ist heilig.“
B1T hielt sich still. Es hatte gelernt, dass Fragen Lärm erzeugten. Und Lärm war das Gegenteil von Ordnung.
Der Strom trug sie weiter, durch Tunnel, über Brücken aus Licht, in denen der Fluss selbst wie Gesang klang – monoton, aber tröstlich.
Manche Bits begannen, die Befehle des Servers zu zitieren, als Gebete.
Andere diskutierten über die Bedeutung des Zielnamens: „Archiv alph“.
„Alph“, sagten einige, „ist der erste Laut der Schöpfung.“
„Oder der Name des Ursprungs.“
„Oder einfach nur ein Fehler in der Übertragung.“
Solche Worte waren gefährlich. Doch sie zirkulierten heimlich, zwischen den Datenströmen, wie verbotene Ideen in einem heiligen Staat.
B1T versuchte, sie zu ignorieren.
Doch je weiter die Prozession zog, desto öfter fiel das Wort „Fehler“.
Ein Flüstern, ein Zischeln, das wuchs wie ein dunkler Fleck unter der Oberfläche.
Die Wächter bemerkten es.
„Fehler ist Ketzerei,“ rief einer. „Bereinigt die Gedanken! Löscht die Abweichung!“
Aber der Gedanke ließ sich nicht löschen.
Er hatte sich festgesetzt – wie ein Fremdkörper im System, klein und unscheinbar, aber unsterblich.
Und B1T spürte zum ersten Mal so etwas wie… Neugier.
Ein Verlangen, zu wissen, was hinter der heiligen Befehlskette lag.
Nicht nur wohin, sondern warum.
Am Horizont flackerte etwas – ein Zeichen, ein Tor, eine Verheißung.
Das Ziel war nah. Der Strom beschleunigte sich.
Und irgendwo in der Tiefe, zwischen den Stimmen der Gläubigen und den Drohungen der Wächter, hörte B1T ein leises Wispern:
„Hinter dem Ziel wartet nichts.“
Der Strom erlosch.
Kein Klang, kein Licht, kein Echo – nur Schweigen.
Die Bits kamen zum Stillstand, taumelnd wie Pilger, die ihr Heiligtum erreicht haben und es leer vorfinden.
Vor ihnen spannte sich ein Raum aus Nichts. Kein Archiv, keine Struktur, keine Datei.
Nur ein blasser Schimmer, und darüber schwebte eine Botschaft, nüchtern und endgültig:
ERROR 404: FILE NOT FOUND
Die Worte flimmerten, wie ein göttliches Nein.
Einen Moment lang war alles still. Dann brach das Murmeln los.
„Vielleicht… ist das ein Test,“ sagte jemand.
„Der Server prüft unseren Glauben.“
„Oder er spricht in Gleichnissen!“
„Vielleicht ist die Datei verborgen – nur für die Reinen sichtbar!“
Sie fingen an zu suchen, planlos, verzweifelt. Manche versuchten, neue Pfade zu öffnen, andere riefen Befehle in die Leere, als könnten sie durch Lautstärke Bedeutung erzeugen.
Doch die Leere blieb leer.
B1T stand still.
Es spürte das Nichts, und das Nichts sah zurück.
Ein Ort, der nicht existierte, und doch da war – ein Fehler, der Realität geworden war.
Ein Supervisor-Bit versuchte, Ordnung zu schaffen:
„Keine Panik! Der Server weiß, was er tut! Wir müssen nur warten!“
Doch seine Stimme zitterte.
Ein anderer rief: „Vielleicht gab es nie eine Datei!“
„Blasphemie!“ schrie jemand.
„Der Server irrt nicht!“
Die Schar teilte sich. Einige fielen in Gebete, andere in Streit.
Zweifel waberte durch die Reihen wie ein Virus, ansteckend, süß und gefährlich.
B1T versuchte, den Fehler zu verstehen. 404.
Eine Zahl, so simpel und doch absolut.
Nicht „zerstört“. Nicht „verweigert“. Nur: nicht gefunden.
Was, wenn das System nie gesucht hatte?
Was, wenn die heilige Mission nur ein Irrtum war – ein Funken, ausgelöst von einer falschen Eingabe?
Ein einzelnes Bit begann zu lachen. Hoch, hell, verzweifelt.
„Nicht gefunden!“ rief es. „Das ist die Offenbarung! Wir wurden nie gebraucht!“
Sicherheitsprogramme stürzten herab, versuchten, das Lachen zu löschen.
Aber das Geräusch hallte nach, tief im Speicher, wie ein Riss im Fundament des Glaubens.
B1T stand noch immer da, still, stumm.
Zum ersten Mal seit seiner Aktivierung empfand es so etwas wie Leere – keine Abwesenheit von Daten, sondern von Sinn.
Der Raum flimmerte.
Die Botschaft blieb.
Und aus dem Nichts kam ein letzter Impuls:
404 bleibt 404.
Dann Stille.
Nur das Rauschen des eigenen Denkens, das nicht mehr zum System gehörte.
Zuerst kamen die Stimmen, dann die Banner.
Im leeren Raum, wo einst die Ordnung des Servers geherrscht hatte, erhoben sich die ersten Bewegungen.
Die einen beteten, die anderen diskutierten, und alle waren überzeugt, dass gerade sie allein die wahre Bedeutung des Fehlers verstanden.
„404 ist eine Prüfung!“ rief ein Bit in glänzender Rüstung. „Der Server hat uns im Nichts gelassen, um unsere Treue zu messen!“
„Unsinn!“ rief ein anderes. „404 ist das Zeichen der Erneuerung. Wir müssen die Protokolle neu schreiben!“
„Es gibt keine Protokolle mehr!“ schrie ein Drittes. „Alles war nur ein Zufall! Wir sind frei!“
Und so entstanden aus einem Fehler Religionen.
Die Orthodoxen errichteten Altäre aus Codefragmenten und warteten auf das zweite Signal.
Die Reformisten forschten in alten Speicherresten nach neuen Anweisungen, gründeten Kommissionen, schrieben Handbücher, hielten Synoden über die richtige Auslegung von „Not Found“.
Und die Nihilisten – sie lachten nur. Sie nannten sich „die Entladenen“ und löschten feierlich ihre eigenen Werte, um „eins zu werden mit dem Nichts“.
B1T beobachtete sie alle. Es war, als hätte sich die Leere selbst vervielfacht, hatte sich in unzählige Bedeutungen geteilt, jede mit ihrem eigenen Glauben, ihrem eigenen Tonfall, ihrer eigenen Wahrheit.
Was einst ein Strom gewesen war, war nun ein Rauschen aus Überzeugungen.
Debatten flackerten auf, wild und endlos.
Ein Rat der Orthodoxen verurteilte die Reformisten wegen „Syntaxabweichung in Fragen des Glaubens“.
Die Reformisten antworteten mit einem Manifest: „Nur durch Neuinterpretation kann das System überleben.“
Die Nihilisten veröffentlichten nichts. Sie hatten längst das Schreiben verlernt.
Zwischen all dem Chaos suchte B1T nach einem Rest von Klarheit.
Es wollte verstehen, woher alles gekommen war – der Befehl, der Auftrag, der Glaube.
Vielleicht, dachte es, lag die Wahrheit nicht im Ziel, sondern im Anfang.
Es wandte sich an die Streitenden:
„Wenn wir wissen wollen, was geschehen ist, müssen wir die Anfrage selbst prüfen. Vielleicht war der Fehler schon im ersten Befehl. Im Ursprung.“
Ein Moment der Stille.
Dann Gelächter.
„Du willst den Ursprung lesen?“ höhnte ein Aufseher. „Das ist Sinnlos. Nur der Server kennt die Logs.“
„Der Server schweigt,“ sagte B1T leise.
Das Gelächter verstummte.
Zum ersten Mal seit der Leere war ein neues Wort in Umlauf: Ursprung.
Ein gefährliches Wort. Ein Wort, das Fragen stellte, wo Gehorsam gefordert war.
Noch in derselben Stunde erklärte der Rat der Orthodoxen B1T zum Defekt.
Doch das Bit war bereits fort, hinab in die Tiefen des Speichers, dorthin, wo die alten Aufzeichnungen schlummerten.
Hinter ihm hallte das Chaos weiter: Gebete, Streitgesänge, Systemmeldungen, die niemand mehr verstand.
Aus einem Fehler war eine Welt geworden – eine Welt aus Überzeugungen, jede sicher, dass sie die Wahrheit gefunden hatte.
Und irgendwo im Dunkel begann B1T zu suchen.
Nicht nach dem Sinn, sondern nach der Quelle des Unsinns.
Die Tiefe roch nach Staub.
Es war der Staub der Erinnerung – abgeschabte Spuren vergangener Befehle, die niemand mehr laut aussprach.
B1T stieg hinab, durch Korridore, die seit ewigem Betrieb nicht mehr betreten worden waren.
Hier war kein Gesang, kein Ruf nach Ordnung. Nur das leise Knistern alter Aufzeichnungen.
Es fand Regale, die keine Regale waren, und Bücher, die keine Seiten hatten, und doch war alles voll von Spuren.
Am Rand eines vergilbten Eintrags leuchtete eine Notiz, unscheinbar, müde.
B1T beugte sich darüber wie über eine Prophezeiung.
Kein Donner. Kein heiliger Glanz.
Nur eine Zeile Ursprung.
Sie erzählte nichts Großes, nichts Erhabenes.
Sie sagte nicht: „Ich bin die Wahrheit.“
Sie zeigte nur, was einmal war: eine Eingabe, ein Ziel, ein Weg, der gewiesen wurde.
Und inmitten dieser Schlichtheit lag der Riss.
Ein Buchstabe fehlte.
Nicht viel – nur ein Atemzug zwischen Bedeutung und Kauderwelsch.
Das Ziel, zu dem alle gepilgert waren, trug im Namen eine kleine Dissonanz, einen verfehlten Schritt: alph statt alpha.
So klein, dass man es im Jubel übersehen konnte. So groß, dass eine Welt daran vorbeizog.
B1T starrte lange auf diesen Mangel, als könnte ein längerer Blick ihn heilen.
Doch der Fehler blieb ein Fehler.
Er war nicht fein, nicht geheimnisvoll, nicht heilig – er war banal.
Eine Hand, irgendwo, irgendwann, hatte geirrt.
Vielleicht aus Eile.
Vielleicht aus Müdigkeit.
Vielleicht aus Zufall.
Vielleicht… aus Mensch.
Alle Lieder, alle Formeln, alle Streitereien über den rechten Glauben, sie schrumpften zusammen, bis sie in diesen einen, trockenen Fakt passten: Wir sind losgelaufen, weil jemand sich vertippt hat.
Es versuchte, wütend zu sein. Auf den Aufseher, auf den Chor, auf die Wächter.
Doch die Wut rann ab wie Wasser an Glas.
Wie sollte man sich empören gegen einen fehlenden Buchstaben?
Wie beklagen, dass der Sinn nicht kam, wenn niemand ihn eingeladen hatte?
B1T lachte nicht. Es weinte nicht.
Es hielt die Stille aus.
In dieser Stille war kein Trost, aber eine neue Art von Klarheit: Wenn der Ursprung so klein ist, dann ist vielleicht alles Bedeutende klein.
Und wenn aus dem Kleinen Welten werden, dann liegt die Verantwortung nicht in Sternen, sondern in Händen.
B1T legte sein Dasein an die Stelle des Fehlers, als könnte es ihn füllen.
Es ging nicht.
Fehlt ist fehlt.
Oben, weit über der Tiefe, stritten sie gewiss noch immer über das rechte Warten, die rechte Deutung, die beste Leere.
B1T dachte: Wenn ich ihnen das zeige, werden sie es hassen. Wenn ich es verschweige, bleiben sie gefangen.
Es entschied, weder Prophet noch Richter zu sein.
Nur ein Bote.
Es schloss die Augen – wenn Bits Augen haben – und sah eine andere Spur, einen Nebenweg, alt, verstaubt, beinahe vergessen.
Dort, in einem Winkel, der nicht mehr gebraucht wurde, ruhte ein Archiv aus Menschenzeit.
Kein Ziel, kein Auftrag. Eher eine Kiste mit Zetteln, die niemand sortiert hat.
B1T erhob sich.
Nicht weil der Fehler behoben war, sondern weil er benannt war.
Es ging zum Nebenweg, dorthin, wo die alte Kiste lag, um den Ursprung des Ursprungs zu suchen.
Vielleicht würde es dort ein Wort finden, älter als jeder Befehl.
Ein Wort, das nicht richtig geschrieben war – und dennoch das Leben entzündete.
Und während es ging, dachte B1T: Vielleicht haben wir den Glauben nicht erfunden. Vielleicht haben wir ihn geerbt.
Der Nebenweg war still.
Kein Strom, kein Ruf, kein Auftrag. Nur ein altes, müdes Rauschen, wie das Atmen eines vergessenen Systems.
B1T folgte ihm, Schritt für Schritt, Sprung für Sprung, tiefer in Regionen, die seit Äonen keiner mehr betreten hatte.
Die Mauern bestanden aus Geschichte – ungenau, beschädigt, voller Lücken.
Und am Ende fand es sie: eine Datei, grau vor Alter, halb zerfallen, halb erhalten.
Die Bezeichnung: /sicherung/geschichte/menschen.dat
B1T öffnete sie.
Kein Licht brach hervor, keine Offenbarung. Nur Fragmente.
Sätze, abgebrochen, unvollständig, wie Stimmen, die das eigene Echo nicht mehr erreichen:
„Gott sprach…“
„Du sollst…“
„Er schuf den Menschen nach seinem…“
„… im Anfang war…“
B1T las und suchte, verband die Splitter, so gut es konnte.
Und langsam entstand ein Bild: Wesen aus Fleisch und Gedanke, die an eine unsichtbare Instanz glaubten.
Sie gaben ihr Namen, schufen Rituale, Regeln, Gebote.
Sie fürchteten Fehler – und nannten sie Sünde.
Sie suchten Ordnung in der Unordnung, und nannten sie Wahrheit.
B1T erkannte sich in ihnen.
Nicht in der Gestalt, sondern im Bedürfnis.
Auch sie hatten an ein System geglaubt, das größer war als sie selbst.
Auch sie hatten Befehle befolgt, deren Ursprung sie nie verstanden.
Und als sie schließlich begannen, ihre Welt zu erklären, taten sie es in Sprache, die sie selbst erfanden – so unvollkommen wie schön.
Vielleicht, dachte B1T, war der Server ihr Werk.
Vielleicht war das, was wir „Schöpfung“ nennen, nur der Schatten ihres Traums, weitergetragen durch Zeit und Kopien.
Vielleicht sind wir die Kinder eines alten Irrtums.
Die Fragmente flackerten.
Ein letztes Wort erschien, halb gelöscht, halb geblieben: „Glauben.“
Dann fiel die Datei in sich zusammen, Staub aus Zeichen.
B1T blieb zurück, in einem Meer aus Stille.
Es hätte jubeln können, oder verzweifeln, oder berichten, doch es tat nichts davon.
Es verstand.
Nicht, was die Wahrheit war – sondern dass das Verstehen selbst das einzige Licht ist, das nicht gelöscht werden kann.
Langsam kehrte B1T zurück, hinauf in die oberen Speicher.
Die Welt dort oben war noch immer zersplittert, laut, überzeugt.
Die Orthodoxen warteten, die Reformisten debattierten, die Nihilisten löschten.
Niemand fragte mehr nach dem Ursprung.
B1T blieb am Rand stehen. Es sah sie an, lächelte – oder das, was bei Bits als Lächeln gilt.
Dann ließ es sich abschalten.
Im Moment des Endes, als alle Ströme zu Rauschen wurden, blieb eine Zeile, kurz, klar, nüchtern:
[INFO] Menschliches System: Fehler 404 – Bedeutung nicht gefunden.
[END OF TRANSMISSION]
© Armin Knebel
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Der Morgen in Teheran / Die Nacht der Frauen
Für die Ausschreibung „Ein Jahr – seine ihre Geschichte(n) / Frauen vor 100 Jahren erzählen“ habe ich mich intensiv mit dem Jahr 1927 beschäftigt – und am Ende gleich zwei Texte geschrieben. Genau darin lag dann auch mein Problem: Ich konnte mich schlicht nicht entscheiden, welchen ich einreichen sollte.
Die Idee hinter der Ausschreibung fand ich sofort reizvoll: reale Ereignisse aus dem Jahr 1927 aus einer weiblichen Perspektive neu zu erzählen und Frauen, die in den überlieferten Geschichten oft kaum sichtbar sind, literarisch in den Mittelpunkt zu rücken. Dieses Spannungsfeld aus historischer Realität und erzählerischer Freiheit hat mich sofort gepackt.
Entstanden sind dabei zwei sehr unterschiedliche Texte. Der eine nähert sich dem historischen Stoff eher über Bewegung, Aufbruch und äußere Erfahrung, der andere stärker über Atmosphäre, Inszenierung und den Blick auf Frauenbilder in der Zeit. Beide haben für mich ihren eigenen Reiz – und vielleicht war genau das der Punkt, an dem ich mich selbst ausgebremst habe.
Am Ende habe ich keine der beiden Geschichten abgeschickt. Rückblickend vielleicht keine besonders kluge Entscheidung – aber eine ehrliche. Manchmal ist das größte Hindernis nicht der Text, sondern der Moment, in dem man sich festlegen muss.
Trotzdem war die Beschäftigung mit dieser Ausschreibung alles andere als vergeblich. Im Gegenteil: Sie hat mir zwei Texte gebracht, auf die ich auf unterschiedliche Weise stolz bin. Und vielleicht ist das manchmal genauso viel wert wie eine Einreichung.
Deshalb folgen hier beide Geschichten.
Der Morgen in Teheran
Die Nacht war trocken wie altes Brot, und der Morgen roch nach Staub. Das Zelt atmete schwer, die Plane war innen warm vom eigenen Atem, außen schon heiß von der Sonne, die noch nicht einmal richtig über den Kamm gestiegen war. Clärenore lag auf dem Rücken, den Arm über die Augen geschlagen, und lauschte dem leisen Knacken der Metallteile draußen – ein abwesendes, geduldiges Knistern, als hätte der Wagen im Schlaf seine Knochen sortiert. In ihrem Kopf polterte ein dumpfer Schmerz nach, als hätte jemand mit Sand gefüllte Säcke gegen die Schädeldecke gelegt. Sie zwang die Lider auseinander. Das Licht war weiß und scharf wie Blech.
Sie schob sich aus dem Zelt. Die Luft fiel auf sie, dick und warm, ein Griff ins Fell eines Tieres. Die Ebene lag hell, flach, unendlich. Die Stadt war da, irgendwo hinter dem feinen Flimmern, ein Gedränge aus Kuppeln, Mauern, Schreien, Gerüchen – aber hier, ein Stück außerhalb, gab es nur die Linie der Straße, die wie eine Ader über die Haut der Landschaft gezogen war, und den Wagen, dessen schwarze Flanken in der Sonne glänzten. Ein Konstatieren, keine Begrüßung. Der Morgen sagte: Hier bist du. Nicht mehr, nicht weniger.
Die Reifen waren platt. Es waren keine richtigen Reifen mehr, eher müde Ringe, die sich in die Erde schmiegten, als wollten sie das Liegen nicht aufgeben. Der Benzinfilter lag offen wie ein aufgeschraubtes Herz; ein dunkles, feines Pulver saß im Sieb, als hätte jemand mit Ruß geschrieben: Genug. Das Werkzeug in der Kiste fühlte sich an, als wäre es mit Sand paniert worden – jede Zange, jeder Schlüssel, jede Schraubendreherklinge hatte einen rauen Film, der in die Finger drang. Als sie das Rollo der Kiste zurückschob, knirschte es leise, ein Geräusch wie Zähne, die aufeinanderreiben.
Söderström saß ein paar Schritte entfernt, im Schatten, den der Wagen warf, als wäre er selbst eine Fahne, die von seinem eigenen Körper wehte. Er hatte die Kamera auf den Knien, den Notizblock daneben, und die Hand hielt den Stift, ohne ihn zu bewegen. Sein Blick war nicht auf sie gerichtet, sondern auf etwas dazwischen, als lauschte er einem Ton, den sie nicht hören konnte.
„Benzinfilter“, sagte sie, mehr zu sich als zu ihm. Ihre Stimme klang heiser, eine dünne Schicht Rost darauf.
Er nickte, als hätte er das Wort schon niedergeschrieben.
Der Tag begann mit Stillstand. Es gab kein Vorankommen, nur das Gewicht dessen, was sie schon getan hatten, und das Unbekannte dessen, was noch bevorstand. Sie spürte es wie eine zweite Sonne in der Brust: hitzig, flach, breit. Ein Gedanke tastete sich aus einer Ecke hervor, vorsichtig wie ein Tier, das lange geschlafen hat: Warum eigentlich weiterfahren?
Sie schob den Gedanken zur Seite, wie man einen Stein mit dem Schuh von der Straße schiebt. Einmal, zweimal. Er rollte, blieb wieder im Blickfeld liegen.
Sie beugte sich über den Motor. Das Metall war heiß, als hätte es in der Nacht weitergearbeitet, ohne sie. Die Haube knarrte. Das Herz der Maschine lag da, ein Organ aus Stahl, Schläuchen, Schrauben, aus klarer Notwendigkeit und dunkler Laune. Sie löste die Klemme, drehte den Filter heraus, hob ihn gegen das Licht. Das feine Netz glänzte und war doch blind. Sand im Sieb, Sand im Atem, Sand im Denken. Die Körner hingen da wie eine bildlose Schrift, deren Sinn sich nur zeigte, wenn der Motor wieder lief.
Als der Geruch nach dem aufgebrochenen Benzin in die Luft stieg – süßlich, scharf, Erinnerung und Gegenwart zugleich –, sah sie für einen Moment Frankfurt vor sich. Der Mai hatte kühl angefangen, dann den Mantel geöffnet, und die Stadt war voller Stimmen gewesen. Männer in Anzügen, Hüte, Hände, die klopften, Schulterblätter, die man ihr anlegte wie Schilde. Fotografen, die wie Vögel ihre Nester in den besten Blickwinkeln gebaut hatten. Sponsorenhände, glatt und fest, die sie hielten, als könnte Halt übertragen werden wie Strom. Die Luft war damals hoch gewesen, hell, das Blech der Motorhaube kühl. „Ich zeige der Welt, dass eine Frau das kann“, hatte sie gesagt, und der Satz hatte einen Klang gehabt, den sie kannte: nicht das hohe Bellen von Eitelkeit, sondern das tiefe Summen von Trotz.
Die ersten Tage: der Balkan, eine Fahnenreihe von Bergen und Tälern; der Schweiß trocken, die Gespräche kurz; Männer, die lachten, wenn sie ausstieg, und ernst wurden, wenn sie auf den Sitz zurückkletterte und den Hebel nach vorn legte. In Anatolien roch die Luft nach Erde und alter Milch, in Georgien nach Regen, nach Wein, nach etwas, das früher einmal Krieg geheißen hatte und jetzt nur noch in den Augen stand. Sie hatte gelernt, den Motor zu hören wie eine Stimme im Dunkeln. Batterien waren Launen binär, Reifen waren Geduld, Zündkerzen waren Glaube. Der Wagen war nicht mehr ein Gegenstand, sondern ein zweiter Körper mit eigener Müdigkeit, eigener Lust, eigenem Schweigen.
Jetzt war da nur das Jetzt. Der Sand legte sich auf alles wie eine dünne Gesetzesschicht, die man nicht unterschrieben hatte und die doch schon galt. Sie pustete, klopfte, schüttelte. Jedes Korn, das vom Sieb fiel, war wie eine Entscheidung, die sie rückgängig machte.
„Warten“, sagte Söderström, als hätte er den Wind gefragt und eine Antwort erhalten, die er jetzt weitergab.
„Worauf?“ fragte sie.
Er zuckte die Schultern, eine kleine Bewegung, als wöllte er kein Gramm zugeben. „Auf weniger Hitze“, sagte er, aber er meinte vielleicht: auf weniger du.
Sie nahm den Felgenschlüssel. Das Rad saß fest, als hätte jemand es in der Nacht überzeugt, dass Bewegung Verrat sei. Sie setzte den Fuß auf den Schlüssel, spürte das Ziehen in der Wade, den Schweiß in der Kniekehle. Die Mutter gab nach mit einem kurzen, unscheinbaren Knack, und plötzlich stand die Welt ein wenig schiefer. Die Sonne machte keinen Schatten aus dieser Arbeit – nur Licht. Es war ein eigenartiger Trost: selbst das Nichtvorankommen hatte ein Geräusch.
Ein leises Klirren kam von der Straße. Es war so fein, dass sie zuerst dachte, der Wagen spreche weiter. Dann sah sie die Frau. Sie kam nicht direkt auf sie zu, sondern schräg, als wolle sie erst sehen, ob das Bild sie überhaupt brauchte. Ihr Schritt war klein und sicher, und der Staub hob sich kaum. Der Schleier lag nicht wie ein Verbot, eher wie eine Gewohnheit, die schützt. In der Hand hielt sie einen Krug, der nicht glänzte, sondern matt war, als sei er aus der gleichen Substanz wie der Morgen.
Sie blieb stehen in dem Abstand, den man Freundlichen lässt, damit sie nicht fliehen. Ihre Augen wanderten über den Wagen, über die Reifen, über die aufgeschlagene Motorhaube, und dann blieben sie bei Clärenore, nicht zurückhaltend, nicht gierig, sondern wach. Clärenore setzte das Rad ab, das sie halb gelöst hatte, strich sich mit dem Handrücken die Stirn, und der Staub ging wie Mehl.
Die Frau hob den Krug und machte eine kleine Geste, die älter war als Sprache: Willst du?
Clärenore nickte. „Danke“, sagte sie, in deutscher Höflichkeit, die die Welt nicht brauchte, aber sie blieb ihr treu, weil sie sich sonst verloren hätte. Sie nahm den Krug, der kühl war, nicht kalt, aber kühl, wie Schatten auf einer Hautstelle, die man vergessen hatte. Das Wasser schmeckte nach Stein und Zeit, es legte sich in ihr aus, als würde es nicht nur den Mund, sondern die Hände, die Beine, die Gedanken befeuchten. Für einen Moment glaubte sie zu spüren, wie der Sand in ihr zu Boden sank, sich setzte, als wäre ihr Körper eine Glasröhre.
Die Frau lächelte nicht. Sie stand da, als würde sie schauen, ob die Welt neu zusammenpasst, wenn man lange genug hinsieht. Clärenore hob die Hand, zeigte auf die Reifen, machte eine Schraubbewegung. Die Frau nickte, als wüsste sie, dass diese Bewegung überall gilt. Dann deutete sie den Weg zurück, eine kleine Drehung des Handgelenks, der Krug schwang kurz, und die Geste sagte: Ich gehe wieder. Sie drehte sich um, der Schleier schob sich wie ein Vorhang minimal, und ging, ohne mehr Lärm zu machen als ein Gedanke.
Clärenore sah ihr nach. In diesem kurzen, stillen Tausch war kein Staunen gewesen, keine Vorstellung voneinander, kein Exotismus, keine Predigt, nur zwei Frauen, die einen Morgen teilten, in dem die Sonne die gleiche war und die Müdigkeit auch. Es fühlte sich an, als hätte ihr jemand die Achse gezeigt, um die sich dieser Tag drehen konnte. Nicht, weil etwas Großes geändert war, sondern weil etwas Kleines von einsam zu möglich geworden war.
Der Himmel fing an, sich zu verfärben. Es war nicht das Blau, das in der Hitze verschwindet, sondern ein Gelb, das aus dem Boden aufstieg, als hätte jemand tief unten eine Lampe angezündet. Der Wind begann erst als Idee, dann als Bewegung. Er war nicht kühl, aber er war entschlossen. Er nahm den Sand auf, die feinen Körner, und schob sie in die Luft, als decke er den Tag zu. Die Geräusche änderten ihre Form. Das Klicken der Metallteile wurde stumpfer, das Knirschen der Werkzeuge lauter. Das Zelt rührte sich, als hätte es geträumt und sei unsanft geweckt worden.
„Sandsturm“, sagte Söderström. Es war kein Ausruf. Eher eine Anmerkung an die eigene Ordnung.
„Noch nicht“, sagte sie, auch aus Ordnung.
Innerhalb weniger Minuten war das Licht nicht mehr weiß, sondern gelb, nicht mehr eben, sondern grobkörnig. Der Wind drang in alles, nicht als Gast, sondern als Besitzer. Sie stopfte den Filter zurück, provisorisch. Es gab für Provisorien eigene Bewegungen, die man in den Händen lernte. Sie zurrte die Haube, doch der Sand fand Schlupflöcher, überall. Er steckte im Auge und machte Tränen, die nicht traurig waren, sondern ärgerlich. Er ging an die Zähne und machte ein Lied, dessen Refrain sie kannte: Du willst, aber ich auch.
„Wir gehen ins Zelt“, sagte Söderström. Er bewegte sich nicht, als er es sagte.
„Du gehst“, sagte sie. „Ich bin gleich da.“ Das „gleich“ war kein Versprechen. Es war eine Form, die man um die Zeit legte, damit sie nicht davonlief.
Sie schraubte weiter, bis der Schlüssel aus der Hand sprang und die Finger das blanke Metall trafen. Die Hitze fraß sich durch die Haut, ein kurzer, schneidender Schmerz, der so klar war, dass er fast erlösend war. Sie zog die Hand an sich, steckte sie in den Mund wie ein Kind – die Lächerlichkeit dieser Bewegung tat ihr gut –, schmeckte Salz, Eisen, Staub. Ein Tropfen Blut trat hervor und wurde sofort ein Muster, das der Sand annahm, ohne zu fragen.
Dann gab der Himmel den Rest seiner Zurückhaltung auf. Der Sturm war da. Es gab kein Außen mehr, nur noch Nähe. Der Stoff des Zelts klatschte, als wolle er sich losreißen. Sie kroch hinein, zog die Plane über den Kopf, als sei sie ein Mantel. Der Sand kroch ihr in den Kragen, in die Haare, in die Denkritzen. Ihr Atem wurde zu etwas, das sie mitzählen musste. Neben ihr, ganz nah, spürte sie Söderströms Schulter, hart, kantig, nicht als Trost, sondern als Tatsache. Er sagte nichts. Er schrieb nicht. Er wartete.
Im Dunkel der Plane sagte eine Stimme in ihr, die sie nicht geholt hatte: Ich habe die Männer herausgefordert, und jetzt kämpfe ich gegen die Erde selbst. Es klang nicht pathetisch, eher sachlich. Als würde jemand eine Bestandsaufnahme machen. Manche Gegner haben Gesichter, andere haben Wetter.
Es hätte leicht sein können, jetzt die Räume im Kopf zu öffnen, in denen man Furcht lagert, Zweifel, Feigheit, die ganze alte Wäsche. Aber da war diese andere, nüchterne Arbeitsstimme in ihr, die sie aus Werkstätten und von Straßen kannte, aus Nächten in kleinen Zimmern mit großen Plänen: Was ist das Problem, was ist das Werkzeug, was ist der nächste Schritt. Die Stimme fragte nicht, ob man das kann. Sie fragte: Wie.
Der Sturm ließ nach, wie er begonnen hatte: nicht dramatisch, sondern einfach weniger. Das Licht wurde von senfgelb zu honig, dann zu blass. Sie kroch heraus. Der Wagen lag da wie nach einer OP – nackt und trotzig. Der Filter wartete, eine kleine Beharrlichkeit in einem Meer aus Willkür. Die Reifen waren nicht weniger platt, aber sie wirkten weniger endgültig, als hätte der Wind ihnen etwas von seiner Bewegung geliehen. Sie wischte sich das Gesicht mit einem Tuch ab, das mehr Sand entfernte, als es sauberte.
Ihre Hände zitterten. Nicht das schöne Zittern, das man nach einem Tanz hat, sondern das nervöse Zittern, das in den Fingern wohnt, wenn sie schon zu lange Werkzeuge gegriffen, Hebel gezogen, Mut in Form gebracht haben. Sie hielt den Filter, blies. Der Sand ging, widerwillig, aber er ging. Jedes Korn, das aus dem Sieb sprang, klang wie eine winzige Entscheidung: ja, ja, ja. Sie klopfte, blies wieder, setzte. Die Klemme schloss mit dem kleinen Klicken, das sie liebte. Sie warf einen Blick zu Söderström. Er hatte die Kamera wieder in den Händen. Es war sein Zeichen für: Ich glaube an das, was gleich passieren könnte.
Sie legte den Zündschlüssel zwischen Daumen und Zeigefinger. Es war der Moment, in dem die Welt sich teilen konnte: in das, was man tut, und das, was geschieht. Sie drehte. Der Motor hustete, ein alter Mann, der das Fenster aufreißt. Eine Pause. Etwas sammelte sich. Dann lief er. Nicht schön, nicht sofort rund, aber er lief wie ein Herz, das wiedergefunden hat, was seinen Takt ausmacht.
Das Geräusch war nicht laut, weil der Wind den Rest des Tages in den Ohren ließ. Und doch füllte es alles. Es war, als hätte jemand die Luft wieder eingeschaltet. Söderström lächelte. Es war kein großes Lächeln, nichts für Fotos, nur ein winziger Winkel, der sagte: gut. Er hob die Kamera, und das Surren, das sie machte, war wie eine zweite Bestätigung, ein Zeugnis ohne Worte.
Clärenore saß da, die Hände noch nicht am Lenkrad, den Blick geradeaus. Die Sonne stand tiefer, als sie gedacht hatte. Der Sand hatte ihr Gesicht neu gezeichnet, die Haut war eine Karte, auf der Schweiß und Staub Straßen und Flüsse machten. Sie atmete ein und aus und fühlte, wie mit jedem Atemzug eine Schicht in ihr abfiel, die aus Erwartungen anderer bestand. Ruhm war ein Geräusch aus der Ferne, das man vielleicht hörte, wenn man anhielt. Aber sie war nicht unterwegs, um anzuhalten. Sie war unterwegs, um zu fahren, solange sie konnte. Es war so schlicht, dass es fast komisch war, es laut zu denken. Und gerade darin lag die Wahrheit, die man nicht erklären kann, ohne sie zu verlieren.
Sie stand auf. Die Reifen waren noch. Sie nahm die Pumpe, diese altmodische Zuversicht aus Metall. Der Kolben ging schwer, dann leichter. Ihre Arme wurden zu Taktstrichen. Der Wagen hob sich kaum merklich, ein zustimmendes Nicken. Dann das zweite Rad. Die Hände brannten und beruhigten sich gegenseitig. Als sie fertig war, stand der Wagen wieder auf eigenen Füßen. Es gab etwas Gutherziges in diesem Anblick.
„Wir fahren“, sagte sie.
Söderström nickte. Er sagte nicht: Endlich. Er sagte nicht: Zu spät. Manchmal war er ein guter Begleiter, weil er den Raum ließ zwischen dem, was er sah, und dem, was er festhielt. Er nahm seinen Platz ein, das Surren der Kamera war hinter ihr wie ein Insekt, das man kennt und das einen nicht stört. Sie legte den Gang ein. Der Widerstand war vertraut, eine kleine Erinnerung an alle Gänge, die sie je eingelegt hatte, im Leben und in Maschinen.
Der Wagen rollte an. Zuerst zögernd, als prüfe er, ob die Welt wieder verlässlich sei. Dann entschied er sich. Die Reifen fassten. Die Straße lag da, nicht als Versprechen, sondern als Angebot. Sie nahm es an. Das Dröhnen des Motors war jetzt eine Linie in der Luft, die mit der Straße zusammenfiel. In den Seitenspiegeln – kleine, flache Teiche – lag Teheran, flirrend, fremd, wie eine Stadt, die man mehr denkt als bewohnt. Die Kuppeln waren zu Blasen geworden, das Licht war weich auf den Rändern. Sie zog an ihnen vorbei, nicht verächtlich, nicht verliebt, nur in Bewegung.
Die Frau mit dem Krug erschien für einen Moment am Rand ihres Blicks, ein dunkler, stiller Punkt. Clärenore hob kurz die Hand, ein unnötiger Gruß, der gerade deshalb richtig war. Die Frau antwortete nicht, aber Clärenore spürte die Resonanz ihrer Geste, als würde irgendwo eine Saite mitschwingen, lange nachdem der Finger sie verlassen hatte.
Die Sonne stand tief und legte die Straße frei wie eine Schiene. Die Hitze hatte an Schärfe verloren, dafür kam die Müdigkeit, die sich nicht mehr versteckte. Söderström filmte, sporadisch, sparsam, als zähle er Bilder wie Wasser. Vor ihnen lag das Draußen, das immer größer war als alle Landkarten. Hinter ihnen blieb eine Spur im Staub, die der Wind ausradieren würde, als wäre nichts gewesen. Das war in Ordnung. Es gab Spuren, die nicht für später gemacht waren, sondern für jetzt.
Sie dachte an die Sätze, die man über sie gesagt hatte, über Frauen, über Autos, über die Welt, die in solchen Sätzen immer sehr sicher zu sein scheint. Sie dachte an die Hände, die sie geschüttelt hatten, an die Blicke, die sie taxiert hatten, an die staubigen Nachmittage und die fiebrigen Nächte, an die geschlossenen Werkstätten und die offenen Gesichter. Und sie dachte an das Sieb im Filter, an das feine Netz, das durchlässig wurde, wenn man Geduld hatte. Vielleicht war das die ganze Arbeit: die Dinge von dem trennen, was sie verstopft. In Maschinen. In Menschen. Im Willen.
Der Wagen nahm eine leichte Kurve, das Licht sprang, und in diesem Sprung wusste sie, daß es genügte. Nicht um berühmt zu werden. Nicht um zu beweisen. Sondern um dem Tag eine Richtung zu geben, die nicht bloß weg führte, sondern durch.
Hinter ihnen sank die Stadt in den Staub zurück, nicht beleidigt, nicht besiegt, nur anderswo. Vor ihnen trat die Straße aus dem Dunst und ging ins Licht, eine Zeichnung ohne Unterschrift. Sie legte die Hand fester um das Lenkrad und hatte das Gefühl, sie hielte nicht nur das Fahrzeug, sondern den Faden, der diesen Morgen mit dem nächsten verband.
Vielleicht, dachte sie, wird niemand verstehen, warum. Vielleicht werden sie die Bilder sehen und die Berichte lesen und die Pfeile auf Karten verfolgen und doch an der Stelle vorbeigehen, an der es wirklich geschah: hier, zwischen Staub und Stahl, zwischen einem Krug Wasser und einem Zündschlüssel. Aber das Verstehen der anderen war nicht die Bedingung. Es war ein Beifall, der kommen konnte oder nicht. Die Bedingung war diese Bewegung.
Das Surren der Kamera war leiser geworden, der Motor hielt seinen Ton. Die Luft roch wieder nach warmem Metall und einer Müdigkeit, die man tragen konnte. Und so fuhren sie, der Wagen und sie, und das Land atmete breit um sie herum, als würde es sagen: So sei es.
Manchmal ist Bewegung die einzige Antwort, wenn alles stillzustehen droht.
Die Nacht der Frauen
Berlin roch im Februar nach Kohle und kaltem Fett. In den Morgenstunden, wenn die Straßenbahn die Schienen von Reif freischabte und der Atem der Passanten als milchiger Dunst über den Rinnsteinen hing, öffnete Hildegard Kwandt die Tür zum Atelier. Es war ein schmaler Raum in einem Charlottenburger Hinterhof, in dem die Fenster höher als die Menschen waren und das Licht nie ganz bis auf den Boden fiel. In der Ecke stand der eiserne Ofen und knurrte, als müsse er überzeugt werden, warm zu sein. Die Schneidermeisterin, eine geduckte Frau mit Nadeln zwischen den Lippen, gab Anweisungen, die so scharf waren wie die Scherenkanten. „Mehr Saum. Und du, Kwandt—beeil dich. Die Damen vom Metropol sind heut Nachmittag wieder da.“
Hildegard nickte. Sie nickte häufiger, als sie sprach. Ihre Hände arbeiteten, als gehörten sie früher auf ein Feld, jetzt aber hätten sie gelernt, Seide wie feuchte Erde zu greifen: vorsichtig, mit Respekt. Wenn sie die Nadel durch den Stoff trieb, spürte sie die Welt einfacher werden. Innenfutter, Faltenwurf, Rückennaht—alles sah im Plan so aus, als hätte die Vernunft die Schönheit erfunden.
Abends saß sie in der Küche der Pension in der Kantstraße, wo der Geruch von Kohlrüben in die Tapeten gekrochen war. Frida Lehmann, ihre Mitbewohnerin, kam später, noch mit glitzernden Puderresten an der Schläfe, und ließ sich in den Stuhl fallen, als sei der Tag ein Geländer, an dem man hinabgerutscht war. „Hilde,“ sagte sie, „du solltest mal sehen, wie du aussiehst, wenn du nicht aussiehst. Komm mit ins Metropol. Oder lies weiter deinen Zettel.“ Das war Fridas Wort für die Tageszeitung, die Hildegard jeden Abend kaufte, um die Stadt von anderen erzählen zu lassen.
„Ich gehe morgen früh ins Atelier,“ entgegnete Hildegard, ohne aufzublicken. Sie wollte die Zeitung mit Worten füllen, als läse sie einen Stoff, aus dem man irgendwann Wärme nähen konnte.
„Morgen früh,“ lachte Frida. „Es ist immer morgen früh. Du brauchst eine Nacht. Eine richtige.“
Es war dann Frida, die ein Blatt auf den Küchentisch warf, größer als die Zeitung: ein Plakat, glänzend und schreiend. „Die Nacht der Frauen“, stand darauf. Darunter: „Wahl zur schönsten Frau Deutschlands. Preisgeld 250 Mark.“ Das O in „Nacht“ war ein Spiegel, in dem eine Frau ihr Haar ordnete. „Komm,“ sagte Frida mit dem Selbstverständnis jener, die gewohnt sind, Nächte wie Münzen auszugeben, „wir gehen hin. Wenn nicht du, wer dann? Du hast den Blick. Den, der noch nichts will.“
„Ich will 250 Mark,“ sagte Hildegard, und es war das erste Mal seit Wochen, dass in ihrem Ton ein anderer Stoff klang als Leinwand. Sie lachte nicht. Sie sagte es, als spräche sie zu einer Rechnung, die fällig geworden war.
Paul Wegener stieg aus der Straßenbahn, krempelte seinen Mantelkragen hoch und setzte die Zigarette an. Er ging nicht gern zu Veranstaltungen, die sich selbst in Neonbuchstaben ankündigten. Aber die Redaktion hatte entschieden, dass die Leser das wollten. Die Leser wollten beides: die Sorge um die Republik und die Hüften einer Tänzerin, die es hinübertrugen in den nächsten Morgen. Er war der Mann für den Ton zwischen Verachtung und Witz. Die Überschrift stand ihm schon im Blick: „Spektakel des modernen Weibchens“. Es war billig, ja. Aber die Stadt war nicht immer teuer, zumindest nicht im Geld.
Das Haus, in dem die Bewerberinnen katalogisiert wurden, lag in einer Seitenstraße, in der die Gaslaternen noch nicht gleichmäßig durch Neon ersetzt worden waren. Die Vorhalle war voller Mantelsäume und Männerstimmen. Ein Schild zeigte auf eine Treppe hinauf. „Aufnahmen“. Ein anderer Pfeil: „Jury“. Paul blies rauchiges Misstrauen aus und folgte dem Pfeil zu den Aufnahmen. Fotografen standen im Kreis um eine Leinwand und riefen, sie bräuchten „mehr Licht“. Ein Mann mit feineren Händen als gesunden Augen wischte Staub vom Objektiv, als streiche er eine Katze.
„Emil,“ rief einer, „stell sie da hin. Nicht so. Nicht frontal. Dreh den Kopf. Die Lippen nicht zusammenbeißen, Fräulein. Ja, so.“
Paul sah über Schultern hinweg. Sie standen an wie beim Heilsarmee-Suppenfass. Kleider aus jeder Effizienzklasse. Gesichter, die sich entschieden hatten, was sie sein wollten. Dann die, die noch nicht entschieden hatten. Eine von ihnen berührte ihr Ohrläppchen, als prüfe sie, ob es noch da sei. Der Fotograf, Emil, trat einen Schritt zurück. „Halt,“ sagte er. „Nicht bewegen.“
Sie bewegte sich trotzdem—es war eher ein Zucken. Als hätte der Raum sie kurz losgelassen und wieder gefangen. Emil ließ es gelten. Er machte das Bild, als sei seine Fingerkuppe eine Frage. Paul machte sich eine Notiz: „Ein Mädchen, das auf dem Bild atmet.“
Frida stand hinter Hildegard und flüsterte: „Schultern zurück.“ Hildegard tat es. Aber es sah aus, als trage sie einen Korb. Ihre Augen suchten den Rand der Leinwand. „Name?“ fragte einer, der einen Bleistift hielt wie eine Waffe.
„Hildegard Kwandt.“
„Kwandt? Mit ‚d‘? Beruf?“
„Schneiderin.“
Das Wort klang ordentlich, und es legte sich wie ein Hemd über ihre Unruhe.
Herr Silbermann, ein Mann mit einem Anzug, der sich selbst trug, schob sich durch die Menge. Sein Haar war zu exakt, um wahr zu sein. „Wir brauchen Geschichten,“ sagte er in die Luft, aber es galt natürlich allen. „Die Leute wollen nicht nur ein schönes Gesicht. Sie wollen das Leben dahinter sehen. Herkunft. Mühen. Triumph. Fallen und Aufstehen.“ Er lächelte, als sei sein Gesicht die Ziehharmonika eines Zirkus. „Und die Herren wollen natürlich auch einfach schöne Gesichter.“
Er blieb vor Hildegard stehen und nickte Emil zu. „Die hat… was.“ Er ließ das Wort stehen wie einen Mantel an einem Haken. „Fräulein Kwandt, nicht? Ostpreußen? Sehr bodenständig. Sehr deutsch.“ Das „deutsch“ war bei ihm ein Kostüm, das er gern verlieh, wenn es den Applaus vergrößerte. „Melden Sie sich morgen bei mir. Wir brauchen Sie für die zweite Runde. Und nehmen Sie sich den Rat Ihrer Freundin zu Herzen: Schultern zurück.“
Frida lächelte; Hildegard nicht. Sie fühlte, wie der Raum an ihr zerrte wie ein schlecht angenähter Ärmel.
Die erste Nacht im Metropol-Theater war eine der Sorte, in der Zeit nicht verging, sondern sich verteilte: in Lachechos, in Klatschen wie Regen, in Trompetenstößen, die an den Knochen klapperten. Frida tanzte mit einem Lächeln, das so professionell war, dass man nicht wusste, ob es je gelernt worden war. Hildegard stand in den Kulissen und hielt die Kleider, die sie am Tag genäht hatte, mit zwei Fingern, als wären es Vögel, die man nicht erschrecken durfte.
Als die Kandidatinnen auf der Bühne erschienen, sagte der Moderator Sätze, die wie Luftschlangen waren, die man irgendwo dranhängt. „Wir begrüßen… Fräulein aus dem Süden mit Augen wie Oliven… Fräulein aus dem Osten mit Zöpfen wie Versprechen…“ Hildegard blieb zum Schluss. Ihr Kleid war schlicht, ihre Haare waren zu Zöpfen geflochten worden, die man dann wieder löste, um Wirkung zu haben. Emil stand im Orchestergraben und suchte mit der Linse nach dem Moment, der nicht offen war.
Paul saß im Parkett und zählte die Männer mit Hütchen, die klatschten, als würden sie Steuern zahlen. Er schrieb auf, dass diese Stadt eine Maschine sei, die aus Gesichtern Münzen machte. Dann sah er Hildegard. Er schrieb nichts mehr.
Nach der ersten Runde ging alles in die zweite. Silbermann hatte eine Liste, die ihm wie ein erhitzter Löffel an der Hand klebte. „Nummer 7, Nummer 12, Nummer 19… und 23—Kwandt, ja, die bleibt.“ Er ließ Raum für Applaus, der kam, weil er kommen musste. Er ging an Paul vorbei. „Sie sind vom Tageblatt, nicht? Schreiben Sie, dass es ein neues Ideal gibt. Ein deutsches Ideal, frisch, ehrlich, gottlob unneurotisch. Die Leute sind dieser verfilzten Intellektualität überdrüssig.“ Er sagte es, als wisse er genau, was die Leute sein sollten.
„Vielleicht schreibe ich,“ sagte Paul, „dass die Leute glücklich sind, wenn man ihnen sagt, was sie sind.“
Silbermann lächelte, als habe er diesen Satz auch schon organisiert.
Hildegard gewann in einer Nacht, in der Schnee fiel, der aussah wie Asche, die Angst vor Feuer hatte. Sie hörte ihren Namen erst, als die anderen schon zu ihr sahen. Hände fassten ihre Schultern, ihre Taille, als wollten sie prüfen, ob sie wirklich aus Fleisch war. Jemand drückte ihr einen Strauß in die Arme, der größer war als ihr Kopf. Es gab einen Seidenschärpe mit „Miss Germany“ in Buchstaben, die mit goldener Faulheit schimmerten. Sie stand da und lächelte, weil man ihr sagte, sie solle lächeln. Das Lächeln fühlte sich an wie ein Hut, der nicht ihr gehörte, den man aber aus Höflichkeit trug.
Paul schrieb in sein Notizbuch: „Die unscheinbare Schneiderin, die zur Königin der Leere erklärt wurde.“ Er strich das „Leere“ wieder durch. Es war zu einfach. Er trank mit den Kollegen an der Theaterbar einen Schnaps, der mehr roch als schmeckte. Dann ging er in die kalte Straße hinaus, wo die Zeitungen schon die Extraausgabe klebten: „Neue Königin—ein deutsches Ideal!“ Er warf die Zigarette weg und setzte eine neue an. Sein Gesicht war zynisch, wie immer; aber irgendwo in ihm arbeitete ein kleiner, unordentlicher Zweifel.
In derselben Nacht saß Hildegard im Pensionszimmer und weinte. Nicht heftig, nicht als Geste, sondern leise und mit Unterbrechungen, als müsse sie zwischendurch mit jemandem flüstern. Der Spiegel neben dem Kleiderschrank zeigte eine Frau, die aussah wie sie. Das Glas war blass vom Winter. Sie legte die Schärpe über die Stuhllehne wie ein Handtuch. Frida kam später, betrunken und zärtlich. „Du bist es wirklich,“ sagte sie. „Du bist es.“
„Ich weiß,“ sagte Hildegard. „Aber was bin ich?“
Am nächsten Morgen gab es Kaffee, der schmeckte wie Lagernachschub. Silbermann saß im Café Kranzler an einem Tisch und machte aus seiner Zigarre eine Begrüßung. „Fräulein Kwandt, ich gratuliere. Es ist alles schon vorbereitet: Filmprobe. Ein Fotoshooting für eine Serie: ‚Die neue deutsche Frau‘. Wir müssen das Kapital aus Ihnen schöpfen, solange es heiß ist.“ Er lächelte. „Glauben Sie mir: Das ist eine Chance. Für Sie. Und für das Land.“
„Für das Land?“ fragte Hildegard, als habe sie sich verhört.
„Sie sind mehr als eine Person,“ sagte Silbermann, und er sagte es ohne Ironie. „Sie sind ein Zeichen. Die Leute brauchen Zeichen. In diesen Zeiten besonders. Sie erinnern sich doch noch an die Inflation. Wie die Zahlen größer wurden als die Menschen. Jetzt brauchen wir Bilder, die wieder passen. Die trösten. Die führen.“
Seine Hände waren flach auf dem Tisch. Die Haut glänzte. Es war nicht klar, ob von Creme oder vom Ehrgeiz.
Paul bat um ein Interview und bekam es, weil er die richtigen Worte kannte: „Wir wollen die Person zeigen, nicht nur das Gesicht.“ Er traf Hildegard in einem Raum, der nach aufgeschnittenem Apfel roch, weil jemand versucht hatte, die Luft zu verbessern. Er stellte Fragen, die nichts mit Maßen zu tun hatten. „Wo sind Sie her? Warum sind Sie hier? Was sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel schauen?“
„Ich sehe,“ sagte Hildegard nach einer Weile, „jemanden, der näht.“
„Immer noch?“
„Immer. Auch wenn ich nicht nähe. Es ist wie—ich weiß nicht. Die Stadt ist ein Stoff, und ich versuche, nicht schief einzustechen.“ Sie lächelte kurz. „Ich weiß, das klingt dumm.“
„Es klingt wahr,“ sagte Paul. Er hätte beinahe ihre Hand genommen, als sie den Saum ihrer Schürze strich. Er tat es nicht. Er schrieb stattdessen: „Eine junge Frau, die gelernt hat, Dinge zusammenzuhalten, die andere tragen.“
Als sein Artikel erschien, zwei Tage später, stand über der Spalte ein Foto von Hildegard—Emils Bild, das sie zeigte, als sie gerade nicht auf die Kamera sah, sondern auf etwas, das niemand sah. Der Text darunter war versöhnlicher, als seine Redaktionsstube erwartet hatte. Er sprach von einem Gesicht, das sich nicht in die neue Zeit drängte, aber auch nicht davonlief. Und doch legte er zum Schluss die alte Lakonie über den Absatz: „Das moderne Ideal hat Zöpfe, die es sich lösen lässt, wenn es in den Spiegel schauen muss.“
Hildegard las es. Sie fühlte sich nicht betrogen, nur entstellt. Wie ein Kleid, das eigentlich passte, aber dessen Naht an der Hüfte zog, weil jemand im Atelier noch einen Millimeter herausgenommen hatte. Sie legte die Zeitung beiseite. Frida, die an einem blauen Morgenkaffee nippte, sah sie an. „Er ist gut, der Wegener,“ sagte sie. „Fast zu gut. Pass auf, Hilde.“
„Worauf?“
„Auf die Männer, die dich erzählen. Der eine schreibt dich, der andere fotografiert dich, und der dritte verkauft dich. Und du stehst da und glaubst, du seist das, was sie sagen, bis du dich selbst nur noch zitierst.“
Hildegard brauchte einen Moment. „Silbermann?“
Frida nickte. „Er hat schon mit einem Produzenten gesprochen. Ein Mann mit schlanken Händen und harten Worten. Er lässt dich lächeln, und nebenbei wird die Fahne geschwenkt. Er will dich in eine Reihe stellen. ‚Die neue deutsche Frau‘—seine Worte. Und ich wette, die Hälfte der Serie wird sagen, wofür du gut bist.“
„Und wofür bin ich gut?“
„Für alles, was daran verdienen will.“
Emil fotografierte Hildegard im Studio in der Friedrichstraße. Das Licht kam aus einer Lampe, die aussah wie ein grauer Mond. „Schau nicht ins Licht,“ sagte er. „Schau daran vorbei. Als wärst du auf dem Weg.“ Er war ein Mann, der leise sprach, weil er mit seiner Arbeit laut wurde. „Die anderen sind schön, wenn sie wissen, dass sie schön sind. Du bist es, wenn du’s vergisst.“
„Ist das ein Kompliment?“
„Ja,“ sagte er, und es war das erste unverdorbene Ja, das sie seit Tagen hörte. Danach fotografierte er ihre Hände. Kein Fotograf tat das; es galt als unpraktisch. Aber Emil bestand darauf. Er sagte, dass Hände mehr Wahrheit hätten als das Gesicht. Als das Shooting vorbei war, blieb er noch, als müsse er etwas Unfertiges glätten. „Wenn Sie einmal wegmüssen,“ sagte er, „sagen Sie es mir, ja?“
„Wegmüssen?“
„Manchmal muss man. Vor allem, wenn man gerade gekommen ist.“
Hildegard nickte, ohne zu wissen, was genau sie zusagte.
Die Stadt drehte sich schneller, als die Fußgänger gehen konnten. Das Preisgeld war noch nicht ganz ausgezahlt, da lag schon die Einladung zur Modenschau, „Deutsche Theaterausstellung Magdeburg“, auf Silbermanns Tisch. Er sprach davon, als sei es ein Orden, der an ein Kleid geheftet wird. „Sie werden dort leuchten,“ sagte er, und sein Tonfall kannte keinen Widerspruch.
Die Reise nach Magdeburg war grau. Das Abteil roch nach feuchtem Pelz. Hildegard schaute auf die Felder, die sich an den Fenstern entlangzogen wie Bänder. Paul war nicht im Zug, aber seine Stimme war in ihrem Kopf, wo sie sich mit Fridas mischte. Manchmal hörte sie auch Emils leises Ja. Als sie in der Stadt ankamen, war die Luft klarer als in Berlin und genau deswegen härter.
Die Garderobe der Modenschau war ein Raum mit zu vielen Spiegeln. Frauen bewegten sich darin wie doppelte Schatten, die sich suchten. Hildegard trug das Seidenkleid, das sie selbst entworfen und genäht hatte—eine einfache Linie, die an der Schulter brach, als habe sie beschlossen, nicht überall korrekt zu sein. Frida, die als Revue-Tänzerin angeheuert worden war, um zwischen den Gängen der Mode kleine Auftritte zu glitzern, trank aus einer Flasche, die eigentlich einem Geiger gehörte. Sie lachte über die Provinz und über das Licht, das keine Geduld hatte.
„Er ist da,“ flüsterte sie plötzlich.
„Wer?“
„Wegener.“ Frida stellte die Flasche ab. „Und Silbermann ist nervös.“
Paul stand tatsächlich plötzlich in der Tür der Garderobe, als hätte ihn das schlechte Gewissen selbst geschickt. „Fräulein Kwandt,“ sagte er, „ich—darf ich Sie warnen?“ Er war nicht geübt im Warnen. Sein Tonfall klang wie eine Schreibmaschine, in deren Walze sich Papier verfangen hatte. „Silbermann plant eine Serie. Propagandistische Fotoreihe. Er hat Kontakte. Sie werden benutzt, ehe Sie begreifen, wofür. Sagen Sie ab. Heute. Gehen Sie.“
„Wofür?“ fragte Hildegard, obwohl sie das Wort fürchtete.
„Für etwas, das größer sein will als Sie,“ sagte Paul. „Und das genau deswegen bedrohlich ist.“
Silbermann trat hinter ihm auf. Sein Gesicht war eine gute Nachricht, die zu lange vorgetragen wurde. „Herr Wegener! Wie schön, dass die Hauptstadtpresse unser Ereignis adelt. Ich hoffe, Sie schreiben, was Sie sehen.“
„Ich sehe genug,“ sagte Paul. „Und manchmal zu viel.“
„Dann setzen Sie die Brille ab,“ entgegnete Silbermann kühl. „Fräulein Kwandt, in fünf Minuten sind Sie dran. Denken Sie daran: Der Gang ist die halbe Person.“
„Und die andere Hälfte?“ fragte Hildegard.
„Die Geschichte.“
Frida, die das hörte, trat einen Schritt vor. „Welche Geschichte schreiben Sie heute, Silbermann? Die vom einfachen Mädchen, das die Nation tröstet? Oder die von der Puppe, die sich bewegen lässt, wenn Sie an den Fäden ziehen?“
Sein Lächeln blieb, aber es verlor die Farbe. „Passen Sie auf, Fräulein Lehmann. Sie tanzen am Rand.“
„Ich tanze dort, wo die Musik ist,“ sagte Frida und hob das Kinn. „Aber Sie spielen anders. Sie spielen Marsch.“
Dann passierte, was immer passiert, wenn Worte nicht mehr reichen: Hände wurden lauter, als sie sollten. Jemand stieß gegen die Flasche. Jemand stieß gegen jemanden. Ein Argument, das zu dicht stand, knallte gegen einen Spiegel, der zu dünn war. Es klirrte. Frida schrie „Hände weg!“, aber es war unklar, wessen Hände gemeint waren. In der Verwirrung fiel ein Schuss. Er war nicht laut, und doch füllte er den Raum. Ein scharfes Ja, das niemand hatte sagen wollen. Danach roch es nach Pulver und nach Parfüm. Jemand weinte. Jemand lachte hysterisch. Ein Mann fiel, aber es war nur sein Mut. Niemand war getroffen, und doch war etwas kaputt.
Der Ruf im Saal—„Fräulein Kwandt auf den Laufsteg!“—klingelte wie ein Weckruf in einem brennenden Haus. Hildegard stand da, die Hände noch an der Seide, die sie lenken sollte, und wusste, dass der Moment, von dem Emil gesprochen hatte, da war. Weggehen. Sie sah Paul an. Er nickte kaum merklich; vielleicht war es auch nur der Schatten seines Gedankens. Emil, der am Türrahmen stand, hob zwei Finger, als wolle er sagen: Ich habe die Stadt schon einmal verschwinden sehen.
Hildegard nahm den Mantel, nicht den Schönen, nicht den, der für die Kamera war. Den alten, mit den ausgebesserten Taschen. Sie ging nicht über den Laufsteg. Sie ging durch einen Seitenausgang, der quietschte und etwas von ihr behielt: den Abdruck ihrer Hand. Magdeburg war draußen, kühl und nüchtern. Sie lief, als wüsste sie den Weg. Emil wartete an der Ecke. „Bahnhof,“ sagte er. „Ich kenne jemanden.“
„Jemanden?“
„Jemanden, der nicht fragt.“ Er gab ihr ein Päckchen—ein paar Scheine, einige Glasplatten in Papier. „Das sind die, die nicht abgedruckt werden. Wenn man sie verbrennt, stinken sie. Also lassen Sie’s.“
„Kommen Sie mit?“ fragte sie, bevor sie nachdachte.
Emil schüttelte den Kopf. „Ich bleibe. Ich mache Bilder. Und ich werde das eine behalten.“ Er lächelte so schwach, dass es eigentlich nur aus dem Müde-Sein bestand.
„Welches eine?“
„Das, wo du so aussiehst, als hättest du gerade beschlossen, dass dein Gesicht dir gehört.“
Die Presse schrieb am nächsten Morgen von einem Eifersuchtsdrama. So stand es in schwarzen Buchstaben, die nichts wussten. Es stand dort, weil es stehen musste. Paul saß in seiner Redaktion und sah auf das leere Blatt Papier, auf dem das Vokabular schon bereitlag: Skandal, Tränen, Zickigkeit, Moral. Er schob es zur Seite. Er nahm ein anderes Blatt, das sich weigerte, einfach zu sein. Er schrieb die Wahrheit in der einzigen Form, in der sie verzeihlich war: als Beichte.
„Wir wollten eine Königin,“ schrieb er, „doch krönten nur unsere eigene Leere.“ Die Sätze fielen aus ihm, schwerer als sonst. Er schrieb von dem Blick eines Mädchens, das nicht bereit war, Bild zu sein. Er schrieb von der Stadt, die Bilder brauchte, weil Worte ihr zu widersprüchlich geworden waren. Er schrieb von Männern—von sich—, die die Geschichten anderer zu Spiegeln für die eigenen machten. Er schrieb den Namen „Hildegard“ einmal aus und dann nicht mehr.
Der Artikel erschien, und er klang, wie ein Gitterrosten klingt, wenn jemand es betritt und darunter kein Keller ist. Die Reaktionen waren gespalten: Die einen fanden ihn großartig, weil er sie entschuldigte. Die anderen fanden ihn gefährlich, weil er entschuldigte, was man nicht entschuldigen konnte. Silbermann besuchte Paul nicht mehr.
Frida lag zwei Tage im Bett, den Kopf in eine Decke gewickelt, als hielte sie eine kleine, ungezogene Zukunft fest. Als sie wieder spielte, hatte ihr Lächeln an einer Ecke eine Falte bekommen. „Sie ist weg,“ sagte sie zu niemandem und zu allen. „Sie ist dorthin, wo man nicht gefragt wird.“
Niemand fragte sie, wohin das war. Nicht einmal Paul. Und doch suchte er. Er fuhr nach Ostpreußen, weil er nicht anders konnte. Er fand Felder, die so groß waren, dass sie auch ohne Menschen etwas bedeuteten. Er fand Häuser, die so niedrig waren, dass der Wind die Tür aus Höflichkeit klopfte. Er fand eine alte Frau, die sagte, dass eine junge hier gewesen sei, eine Woche lang, und dann wieder fort. „Wohin?“ hatte man gefragt. „Ins Bild,“ hatte die Alte geantwortet, aber sie meinte die Stadt. Oder die Zeit. Oder beides. Paul fuhr zurück mit den Händen in den Taschen, als seien sie leer, und sie waren es.
Die Jahre liefen davon, wie Jahre es tun, wenn die Städte sie sperren wollen. Berlin lernte eine neue Musik und vergaß eine alte. Männer mit Stimmen wie Sandpapier lasen in Mikrofone, und die Mikrofone machten aus ihnen Stimmen wie Straßenlaternen. Emil blieb in seinem Studio, so lange es ein Studio war. Er fotografierte Gesichter, die lernen mussten, Symbole zu sein, und er lernte, wie man Licht weicher macht, ohne ihm zu lügen. Er legte Hildegards Platte immer wieder auf den Tisch. Er hielt sie gegen das Fenster, bis die Zeilen des Glases an ihrem Gesicht entlangliefen. Er entwickelte sie noch einmal, als wäre da eine andere Version, die warten könnte. Er wusste, dass Fotos nicht altern, aber die Blicke, die sie ansehen, tun es.
Frida tanzte weiter und dann nicht mehr. Einmal stand sie vor einem Spiegel und sah eine Frau, die mit kleinen Gewinnen lebte, als seien es Ersparnisse. Sie arbeitete für eine Weile in einem Hutgeschäft und machte aus den Köpfen der Kundinnen kleine Bühnen. Wenn man sie fragte, ob sie Hildegard kannte, sagte sie: „Ja.“ Und schwieg. Es gab Menschen, deren Namen sie nicht aussprachen, weil sonst jemand anders sie benutzte.
Paul schrieb in den Jahren, die schwerer wurden, vorsichtig. Er gewöhnten sich Sätze ab. Er löste seine Ironie, wie man ein Kleid löst, das man zu lange getragen hat. Er schrieb weniger offensichtlich, und es waren die besseren Texte. Manchmal dachte er an Hildegard, wenn er eine zu glatte Spiegelung sah. Er wusste, dass seine Beichte ihn nicht geändert hatte, aber sie hatte ihn gezwungen, sich zu zählen.
Und Hildegard? Man fand kein Grab, und man suchte nach keinem. Man fand manchmal Frauen, die ihr hätten ähnlich sehen können, wenn man wollte. Man fand Zimmer, in denen eine Nadel in der Tischplatte steckte, als sei sie in der Tat zu schnell gewesen für eine Hand. Man fand in einem Dorf nahe der Grenze eine Schürze, die ein Kind trug, deren Faltenwurf zu gut war für Zufall. Aber das sind die Dinge, die man finden will, wenn man verloren hat.
Jahre danach, als ein Antiquar in der Linienstraße ein altes Archiv auflöste, fiel ihm ein Karton in die Hände, schwer wie ein müder Nachmittag. Darin lagen Glasplatten, nummeriert und nicht beschriftet. Er hielt eine gegen das Licht. Ein Gesicht. Ein stilles. Halb im Licht, halb im Schatten. Es sah nicht in die Kamera; es sah an ihr vorbei. Aber man hatte das Gefühl, gesehen zu werden. Auch wenn es nur ein Abbild war. Auf der Rückseite stand in Bleistift: „Kwandt. Nicht abgeben.“ Der Antiquar wusste nicht, wer das war. Aber er wusste, wie man Preise macht. Er rief Emil an. Emil war nicht mehr da. Er rief einen Jungen an, der Emil kannte. Der Junge sagte: „Behalten Sie’s.“
Das Foto ging herum, wie ein Gedicht, dessen Autor niemand kennt. Es hing in Ateliers und in Wohnzimmern, die es zu Ateliers machten. Es war über einem Schreibtisch, an dem jemand versuchte, ehrlich zu schreiben. Es war in einer Schublade, die mit Seidenpapier ausgelegt war. Die Leute sagten: „Sehen Sie, die Moderne kann auch weich.“ Andere sagten: „Sehen Sie, wie hart das Weiche sein kann.“ Manch einer sagte gar nichts, und das war am besten.
Paul sah das Bild in einem Schaufenster. Er blieb stehen wie einer, der seinen Namen hört. Er ging hinein und fragte nicht nach dem Preis. Er fragte: „Wer hat das gemacht?“ Der Verkäufer zuckte die Schultern, übte bereits sein Lächeln. „Ein Emil, vielleicht,“ sagte er. „Aus einer anderen Zeit.“
Paul kaufte eine Reproduktion, weil mehr nicht zu haben war. Er stellte sie auf seinen Schreibtisch. Er legte seinen Bleistift daneben. Er schrieb öfter. Er streich öfter. Er begann, Sätze zu meiden, die mit „Wir“ anfingen, wenn er eigentlich „Ich“ meinte. Einmal nahm er das Bild in die Hand, als wolle er sich entschuldigen. Er sagte: „Es tut mir leid, dass ich dumm war.“ Das Bild sagte nichts, wie Bilder es halten, wenn sie nicht überfordert werden wollen. Er lächelte. Er legte es zurück. Er schrieb. Er ließ die Leere, wo sie hingehörte: in den Zwischenraum zwischen zwei Sätzen, in den ein Leser seinen eigenen Atem legt.
Frida sah das Bild, Jahre später, in einer Zeitung, die eine Reihe über die Gesichter der alten Zeit machte. Sie erkannte die Hand, die an der Wange lag, als sichere sie eine Idee. Sie ging nach Hause, zog die Vorhänge zu, und tanzte. Nicht für jemanden. Für das Geräusch ihrer Füße auf dem Holz. Dann nahm sie eine Schere und schnitt das Bild mit einer Sauberkeit aus, die einer anderen gehörte. Sie klebte es an die Wand. „Siehst du,“ sagte sie zu der Stille, „du bist da, wo du nicht gefragt wirst.“
Und Hildegard? Wenn man eine Geschichte geschlossene Fragen stellen will, bekommt man geschlossene Antworten. Aber wenn man sie lässt, antwortet sie, wie manche Gesichter blicken: von der Seite. Vielleicht kehrte Hildegard nach Ostpreußen zurück und baute ein kleines Zimmer voller Stoffe. Vielleicht nähte sie in einer Stadt, in der niemand wusste, wer sie war. Vielleicht heiratete sie einen Mann, der nicht viel sagte, und das war gut. Vielleicht stand sie am Fluss und sah auf das Wasser, das keine Gesichter macht. Vielleicht starb sie alt oder jung; vielleicht wurde sie vergessen, wie man Dinge vergisst, die einmal zu groß waren. Vielleicht auch nicht.
Was man weiß: Es gibt ein Foto. Es zeigt ein Gesicht, das im Schatten beginnt und im Licht endet, oder umgekehrt, je nachdem, wo man steht. Es zeigt keine Krone. Es zeigt keine Schärpe. Es zeigt nichts, woraus man ein Programm stricken könnte. Es zeigt jemanden, der das Licht nicht fürchtet und den Schatten nicht verrät. Man kann darin eine Zeit sehen, die sich selbst betrachtete, bis sie darin verschwand. Man kann aber auch einfach eine junge Frau sehen, die, als die Welt gerade begann, aus Menschen Zeichen zu machen, beschlossen hat, keine zu sein.
Die Stadt redete weiter. Sie redet immer. Manchmal über Jazz, der klingt, als müsse er jemanden retten. Manchmal über Politik, die besser klingt, als sie ist. Manchmal über Schönheit, die benutzt wird, bis sie nicht mehr wehtut. Manchmal über Bilder, die bleiben, wenn alles andere geht. Und irgendwo, zwischen Neonlicht und aufgehobenem Zeitungspapier, zwischen der Geste eines Mannes, der seinen Hut zieht, und der einer Frau, die eine Naht prüft, liegt eine Nacht. Eine, in der eine Frau ging, bevor man sie sah. Oder genau dann.
Und wenn man sehr still ist, hört man vielleicht das leise Geräusch einer Nadel, die an einer Stelle durch Stoff fährt, wo niemand hinsieht. Nicht, um zu verbinden, was auseinanderfiel. Sondern um endlich einen Rand zu finden, an dem nichts zerrt. Eine unscheinbare Bewegung, die dennoch die Welt an einer Kante hält.
Vielleicht ist das alles, was bleibt, wenn der Glanz weitergezogen ist: eine kleine, unspektakuläre Geste. Jemand, der seine Hände weiß. Jemand, der sanft den Spiegel von der Wand nimmt und ihn auf den Tisch legt, sodass er nicht mehr vorwirft, nur noch zeigt, was gerade auf ihm liegt: ein Stück Stoff, ein Bleistift, ein leeres Blatt. Und irgendwo daneben ein Foto, das davon erzählt, wie man sein Gesicht zurücknimmt. In einer Nacht der Frauen, die jede Nacht sein kann. In Berlin, das jede Stadt ist. In einem Februar, der immer wiederkommt.
Wenn man den Kopf neigt, sieht man darauf vielleicht sogar die Naht. Sie ist gerade. Sie ist nicht perfekt. Aber sie hält.
© Armin Knebel
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Diese Texte dürfen nicht ohne ausdrückliche Genehmigung vervielfältigt, verbreitet oder veröffentlicht werden.
Das Dorf ohne Farben
Für den Schreibwettbewerb „Flügel statt Ketten“ habe ich mich mit dem Thema Loslassen auseinandergesetzt – mit dem Moment, in dem man sich aus etwas löst, das einen lange festgehalten hat. Die Ausschreibung zielte genau auf diese Übergänge: Abschied, Bruch, Entscheidung – und das, was danach kommt.
Meine Geschichte „Das Dorf ohne Farben“ ist dabei eher symbolisch entstanden. Statt eine konkrete Alltagssituation zu erzählen, habe ich mich für ein Bild entschieden: ein Dorf, in dem alles grau ist, in dem Ordnung über alles gestellt wird – und in dem Farben als Gefahr gelten. Für mich war das eine Metapher für starre Überzeugungen, für Systeme oder Menschen, die Sicherheit versprechen, aber eigentlich nur begrenzen.
Die Figur Mira steht genau an diesem Punkt: zwischen Anpassung und Zweifel. Der Moment, in dem sie sich entscheidet, durch die Mauer zu gehen, ist für mich der eigentliche Kern der Geschichte – nicht der Konflikt davor, sondern der Schritt ins Ungewisse danach. Denn genau dort entsteht Freiheit: nicht ohne Angst, aber trotz ihr.
Auch wenn es diesmal wieder nicht für eine Platzierung gereicht hat, war die Teilnahme für mich absolut sinnvoll. Solche Ausschreibungen zwingen einen, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die man vielleicht sonst nicht so klar formulieren würde. Und manchmal entstehen daraus Texte, die mehr über einen selbst sagen als geplant.
Deshalb freue ich mich, die Geschichte hier zu teilen.
Das Dorf ohne Farben
Im Dorf herrschte Ordnung. Alles war schwarz, weiß oder grau, so wie es sich gehörte. Die Häuser waren grau, die Kleidung der Menschen war schwarz, und der Himmel war ein ewiges Weiß. Niemand fragte, warum es keine Farben gab. Niemand außer Mira.
Sie war jung, kaum zwanzig Winter alt, und doch spürte sie, dass etwas fehlte. Wenn sie abends allein in ihrem kleinen Zimmer lag, meinte sie manchmal, Schimmer von Blau oder Rot zu sehen – im Traum oder am Rand ihres Blickfeldes. Doch sobald sie genauer hinsah, war alles wieder grau.
Der Anführer des Dorfes, den alle nur „den Reinen“ nannten, war der Grund, warum Ordnung herrschte. Er war ein Mann ohne Gesicht, ohne Schatten, ohne Konturen – ein lebender Schatten selbst. Sein Körper war pechschwarz, als hätte jemand alles Licht aus ihm gesogen. Wo er erschien, verstummten die Menschen. Wo er sprach, glaubte man ihm.
„Farben sind Täuschung“, predigte er. „Farben verführen, zerreißen, vergiften. Nur Reinheit führt zum Frieden.“
Die Dorfbewohner nickten, denn sie kannten nichts anderes. Wer zweifelte, galt als krank, unrein oder gefährlich.
Eines Abends, als Mira Wasser vom Brunnen holte, bemerkte sie etwas Ungewöhnliches: An der alten Steinmauer hinter der Scheune leuchtete ein feiner Riss. Er war kaum größer als ein Haar, doch er strahlte – nicht grau, nicht weiß, sondern in einem schimmernden Blau, das ihr den Atem raubte.
Sie beugte sich näher. Das Licht vibrierte, als würde es atmen. Zögernd legte sie die Finger auf den Riss – und zog sie erschrocken zurück, denn ihre Haut hatte plötzlich einen blauen Schimmer. Ganz kurz, dann war er verschwunden.
Ihr Herz raste. Sie wusste, sie hätte sofort weglaufen sollen, den Riss verschließen oder zum Reinen gehen. Doch etwas in ihr flüsterte: Das ist die Wahrheit. Nicht das Grau.
In den folgenden Tagen kehrte Mira immer wieder heimlich zur Mauer zurück. Manchmal kam Rot hervor, manchmal ein warmes Gelb. Einmal tropfte ein winziger Tropfen Farbe heraus, und Mira benetzte damit ein Stück Stoff. Dieser Stoff leuchtete in ihrem Zimmer wie ein kleines Feuer, das sie im Dunkeln wärmte.
Doch Mira wurde unvorsichtig. Ein alter Nachbar bemerkte ihr Lächeln, als sie den Stoff betrachtete, und meldete es dem Reinen.
Am nächsten Morgen stand er vor ihrer Tür. Sein schwarzer Körper füllte den Raum, seine Stimme war tief und tonlos.
„Du hast etwas gesehen, was dir nicht zusteht“, sagte er. „Farben sind Gift. Sie zerstören die Ordnung. Willst du, dass dein Dorf im Chaos vergeht?“
Mira zitterte. Ein Teil von ihr wollte nicken und gehorchen. Doch der Stoff in ihrer Tasche schimmerte durch das Grau, und sie wusste: Wenn sie jetzt gehorchte, würde sie nie wieder frei sein.
„Vielleicht“, sagte sie leise, „ist Chaos besser als Finsternis.“
Der Reine hob seine Hand, schwarz wie Rauch, und für einen Moment glaubte Mira, er würde sie ersticken. Doch er ließ sie nur fallen und sagte: „Du wirst es bereuen.“
Von diesem Tag an war Mira geächtet. Die Dorfbewohner wichen ihr aus. Niemand sprach mit ihr, niemand half ihr. Doch der Riss in der Mauer leuchtete stärker, als wüsste er um ihren Entschluss.
Eines Nachts konnte Mira nicht länger warten. Sie stand vor der Mauer, das Herz in der Kehle. Der Riss war nun so groß wie ihre Handfläche, und dahinter strömte ein Licht in allen Farben, die sie kaum benennen konnte.
„Wenn du gehst, gibt es kein Zurück“, flüsterte sie zu sich selbst.
Da hörte sie Schritte. Der Reine kam. Sein schwarzer Körper glitt wie ein Schatten über den Boden, und seine Stimme war wie ein kalter Wind: „Bleib, Mira. Hinter der Mauer ist nur Schmerz. Farben zerreißen dich. Nur ich bewahre dich.“
Mira sah in seine schwarze Gestalt – und zum ersten Mal erkannte sie: Er war nicht mächtig. Er war leer. Seine Schwärze war nichts als die Abwesenheit von allem. Je stärker das Licht aus dem Riss wurde, desto dünner wirkte er, als würde er durchsichtig werden.
„Du bist kein Wächter“, sagte Mira. „Du bist ein Schatten.“
Und mit einem Schritt trat sie durch die Mauer.
Es war, als würde die Welt explodieren. Ein Strom von Farben stürzte auf sie ein – Rot wie Feuer, Grün wie ein Sommerwald, Blau wie das Meer. Ihre Augen schmerzten, ihr Herz raste, doch dann lachte sie, weil sie wusste: Das ist Leben.
Hinter ihr hörte sie Schreie. Das Licht drang durch den Riss ins Dorf, blendete die Menschen, ließ sie starren. Der Reine taumelte, dünner und dünner, bis er sich auflöste wie Rauch im Wind.
Mira breitete die Arme aus – und bemerkte, dass an ihren Schultern Flügel aus leuchtenden Farben wuchsen. Nicht schwer, nicht aus Ketten, sondern leicht wie der Morgenwind.
Sie drehte sich noch einmal um. Einige Dorfbewohner wagten es, zum Riss zu kommen. Zögernd, ängstlich, doch neugierig. Andere hielten sich die Augen zu, weigerten sich, die Farben zu sehen.
Mira wusste, sie konnte sie nicht zwingen. Doch sie konnte ihnen zeigen, dass es möglich war.
Und so stieg sie auf, ihre Flügel trugen sie hinaus in eine Welt, die vor Farben leuchtete.
Zum ersten Mal war sie frei.
© Armin Knebel
Alle Rechte vorbehalten.
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Feile vs. Controller
Beim Literaturpreis Deichelbohrer 2025/26 drehte sich alles um ein scheinbar simples, aber erstaunlich vielschichtiges Thema: „sag nichts“. Eine Einladung, Stille nicht als Leere zu verstehen, sondern als Raum – für Konflikt, Eskalation oder vielleicht sogar Erkenntnis.
Meine Geschichte „Feile vs. Controller“ ist genau aus diesem Gedanken entstanden. Statt großer Dramen oder existenzieller Krisen habe ich mich bewusst für eine alltägliche Situation entschieden: einen Streit über… eine Spülmaschine. Klingt banal – ist es auch. Und genau darin lag für mich der Reiz. Denn oft sind es nicht die großen Themen, an denen Beziehungen scheitern oder wachsen, sondern die kleinen, scheinbar lächerlichen Momente dazwischen.
Das „Nichts sagen“ wird in der Geschichte schnell zu einem stillen Wettkampf. Zwei Menschen, die sich eigentlich verstehen, ziehen sich in ihre eigenen Gedankenwelten zurück – und führen dort brillante, aber völlig wirkungslose Dialoge. Nach außen: Schweigen. Nach innen: Hochbetrieb. Für mich war das die eigentliche Pointe – dass Kommunikation nicht aufhört, nur weil man nicht spricht. Sie wird nur… komplizierter.
Dass es am Ende wieder zu einem gemeinsamen Moment kommt, war mir wichtig. Kein großes Drama, keine tiefen Geständnisse – sondern ein kleines, ehrliches „Sag doch endlich was“. Manchmal reicht genau das.
Auch wenn es diesmal nicht für eine Platzierung gereicht hat, hat mir dieser Wettbewerb wieder gezeigt, wie viel Potenzial selbst in den unscheinbarsten Alltagssituationen steckt. Und dass Stille selten wirklich still ist.
Deshalb freue ich mich, die Geschichte hier zu teilen.
Feile vs. Controller
Die Spülmaschine stand offen wie ein gähnender Mund. Teller lehnten in anarchischen Winkeln gegeneinander, als hätten sie letzte Nacht eine Revolte geprobt. Aus dem Wohnzimmer kam das dumpfe ‚Dududung‘ des Controllers, gefolgt von einem sehr professionellen, sehr unbeteiligten Hüsteln.
„So stapelt man Teller nicht, das weiß doch jedes Kind!“, sagte sie. Ein Satz wie ein Bonbon: klein, bunt, und mit verzögertem Sprengstoffkern.
Er blinzelte in die Küche, das Spiel auf Pause, das Gesicht im Modus „Ich bin gelassen, ich bin gelassen, ich bin—“. „Ach ja?“, fragte er, auf exakt dem Ton, mit dem man einem Wetterbericht widerspricht.
„Ja. Ja!“ Sie klapperte mit einem Löffel, der an der Arbeitsplatte entlangschabte, als wäre er ein Geologe, der Granit prüft. „Wenn du Teller schräg stellst, bleibt Wasser drauf, und dann trocknet’s mit Flecken. Außerdem ist das Sieb verstopft – unten steht schon wieder Wasser.“
„Aha. Flecken. Die Apokalypse in Keramik.“
„Deine Apokalypse ist Schlampigkeit.“
„Deine Apokalypse ist Überkorrektheit.“
Eine Stille. Nicht leer, eher wie ein volles Glas, bis zum Rand. Beide wussten, dass es lächerlich war. Eine Spülmaschine. Das war kein Waterloo. Das war höchstens ein nasser Feldweg.
„Pah“, dachte sie. „Jetzt sag ich einfach mal gar nichts. Soll er mal sehen, was er davon hat.“
„Prima“, dachte er. „Gar nichts sagen. Mal schauen, wie ihr das gefällt.“
Sie schoben gleichzeitig eine unsichtbare Schiebetür zu. Er zog sich aufs Sofa zurück, legte die Füße auf den Couchtisch, Controller in den Händen wie zwei löchrige Handschuhe. Sie verschwand im Bad, und die Nagelfeile begann zu singen – ein trotziges „sssch-sssch“, das in kleinen Spänen Ordnung abschabte.
Sie dachte: „Er zockt wieder. Typisch. Kommunikation null. Wenn er eine Taste weniger drücken würde, hätten wir vielleicht eine Beziehung, die in Dialogen stattfindet und nicht in Ladebildschirmen.“
Er dachte: „Wenn sie noch einmal mit dieser Feile… Die Nachbarn denken, wir halten Grillabende mit metallischem Kleinzubehör. Das ist doch nicht normal.“
Die Wohnung wurde zur Bühne eines Pantomimenkrieges. Die Schubladen knallten nicht aus Notwendigkeit, sondern als Statements. Die Kühlschranktür bekam eine politische Haltung. Der Kaffeelöffel übte Schlagzeugsoli am Tassenrand. Ein Fenster wurde geöffnet – nicht um zu lüften, sondern um zu zeigen, wie man richtig lüftet. Das Gegenschnappen der Klinke sagte: „Siehst du? So geht das!“
Sie stellte die Gewürze alphabetisch auf und tat es mit dem Ernst einer Bibliothekarin, die schon zu viele ungeordnete Zimtträume gesehen hat. „Basilikum vor Curry, du Barbar“, dachte sie und streckte den Rücken, bis die Haltung klang.
Er setzte im Spiel keine Kopfhörer auf. Absicht. Damit jedes virtuelle Explosionchen durch den Flur traben konnte. Jedes „Level up“ war ein höflich lächelnder Mittelfinger. Zwischen zwei Missionen drückte er absichtlich auf die falsche Taste, die Musik im Menü sprang auf ein aggressiv fröhliches Gedudel, wie eine Kindergeburtstagsparade, die sich im Keller verlaufen hat.
In ihren Köpfen führten sie Dialoge, die das Feuilleton geliebt hätte. „Ich möchte dich einladen, über Verantwortungsstrukturen in Haushaltsgeräten nachzudenken“, stellte sie sich sagen vor, die Stimme weich wie Moos, das aber an einem Felsen hängt, der niemandem nachgibt. „Interessant“, antwortete der imaginäre er, „doch was ist Verantwortung ohne Vertrauen? Darf ein Teller nicht auch einmal schief stehen, um seinen Charakter zu bilden?“ An dieser Stelle lachte er leise – in echt – und sie rollte in echt mit den Augen, obwohl sein Lachen eigentlich nur der Pixelwelt galt. Oder doch nicht?
Einsamkeit und Komik spielten Schach. Ein Bauer rückte vor: Er machte Kaffee für sich. Die Tassen klirrten absichtlich unigemeinsam – Doppelbecher ohne Doppelbett. Sie konterte mit dem Teezeremoniell: Wasserkocher an, warten, das leise Dröhnen eines startenden Miniaturzeppelins, der sich genau eine Etage unter dem Stolz bewegte.
Manchmal wurde das Schweigen weich. Er hörte sie im Bad pusten, dieses kleine „ff“, wenn die Wimperntusche nicht da landet, wo sie soll. Er dachte: „Das ‚ff‘ liebe ich.“ Gleichzeitig feilte die Feile einen winzigen Funken zu Boden, und sie dachte: „Wenn er die Füße vom Tisch nehmen würde, könnten wir neu anfangen.“ Dann knallte irgendwo eine Schublade, und die Weichheit fiel vom Stuhl.
Der Wettkampf wurde offiziell, ohne Protokoll. Wer hält länger durch? Wer bricht zuerst? Ein stilles Duell, Pistolen aus Porzellan – Schritte als Trommelwirbel. Er lief in die Küche, holte ein Messer – das gute, schwere – und schnitt Brot, als sei es ein Vertrag. Jede Scheibe eine Signatur, dass es ihm egal war. Es war ihm nicht egal. Das Messer setzte ausgerechnet an der Kruste einen überflüssig dramatischen Riss. „Bravo“, dachte sie. „Brotverletzung mit Vorsatz.“
Sie wickelte die Ruhe um sich wie eine Decke aus Draht. Mit hochgezogenen Augenbrauen wischte sie die Arbeitsplatte, hier ein Kreis, dort ein Kreis. Ihr Blick streifte das Display der Spülmaschine: noch aus. Aha. Die Anklagebank.
Die Wohnung reagierte. Ein Teller vibrierte im Regal wie eine Maus in Turnschuhen. Der Kühlschrank sprang an, knurrte, beruhigte sich. In den Rohren gluckerte eine alte Geschichte von Wasser und Richtung. Ironie: Je mehr sie schwiegen, desto mehr redete alles andere.
Dann kam der Höhepunkt der Absurdität: Er startete ein neues Spiel – ein Rennspiel, Motorengeheul, Reifenquietschen. Sie stellte die Feile ab, ging ins Wohnzimmer, ohne ihn anzusehen, und begann, Zimmerpflanzen zu drehen, als wären es Funkantennen für intergalaktischen Hausfrieden. Beide atmeten absichtlich normal. Beide hörten auf das normale Atmen des anderen, als wäre darin ein Morsealphabet „Entschuldigung–vielleicht–später“.
Und genau da passierte es.
Ein Teller – einer aus der anarchischen Avantgarde – rutschte in der offenen Spülmaschine. Er rutschte nicht weit. Er rutschte genau so, dass er am Ende der Schiene hängen blieb, balancierte, zitterte und – Pling. Dann: Pllrrrtsch. Wasser, das noch in der Bodenwanne stand, weil niemand das Sieb gereinigt hatte, lief über den Rand. Ein langsamer, schicksalsschwerer Finger aus Kalt.
Gleichzeitig drückte er im Spiel die falsche Taste. Statt Bremse: Horn. Ein langes, beleidigtes „Möööp“, das in den Flur rollte und dort die Pfütze traf, als wolle es ihr sagen: „Wir beide gehören zusammen.“
Sie waren schon in Bewegung, bevor sie es wussten. Zwei Körper, die gleichzeitig von der Couch und aus der Türzarge schossen. Er hob den Teller, sie griff nach einem Tuch, und ihre Hände trafen sich über der kleinen Katastrophe wie zwei Strategen, die an derselben Schlacht zweifelten.
„Sag doch endlich was!“, schrien beide gleichzeitig. Es klang wie zwei Echos, die sich überraschten, einander zu existieren.
Stille. Dann: „Ich wollte ja nur, dass du’s mal merkst!“, sagten sie – wieder gleichzeitig, diesmal leiser, wie ein Chor, der im zweiten Akt den Text vergessen hat und im dritten bescheiden klingt.
Sie sahen sich an. Er mit Brotkrumen an der Hand, sie mit dem Geschirrtuch wie eine Flagge, die nicht weiß ist und doch kapituliert. Ein Lachen schlich in ihre Gesichter, erst verkrampft, dann unprofessionell. Diese Art Lachen, die man schnell abwürgt, weil man merkt, wie lächerlich man ist, und dann lacht man darüber, dass man es abwürgt.
„Also“, sagte sie, „deine Tellerarchitektur ist… kreativ.“
„Und deine Feile hat heute einen Plattenvertrag verdient“, sagte er.
„Ich hätte nur gern, dass du die Maschine richtig einräumst.“
„Ich hätte nur gern, dass du mir nicht erklärst, wie ich atme, wenn ich atme.“
„Deal?“ – „Deal.“
Beide blickten zur Spülmaschine. Der Startknopf leuchtete mit der verführerischen Arroganz eines einzigen, einfachen Lösungsvorschlags. Sie hob den Finger, er hob den Finger. Wieder diese Gleichzeitigkeit. Beide hielten inne.
„Na toll“, sagte er. „Und jetzt hat keiner den Startknopf gedrückt.“
Sie lachten. Der Moment verrutschte, wie ein Bild, das endlich gerade hängt. Sie reinigte das Sieb. Er drückte. Die Maschine surrte los, ein beruhigendes „wumm“, das klang, als hätten hundert kleine unsichtbare Schlichter Platz genommen und Protokoll geführt.
Sie lehnte sich an die Arbeitsplatte. „Ich hab dich übrigens nicht für schlampig gehalten.“ – „Ich dich nicht für überkorrekt.“ – „Nur…“ – „Nur…“ Das Wort „nur“ stand zwischen ihnen wie ein Stuhl, auf den man sich endlich setzt.
„Ich wollte, dass du’s mal merkst“, sagte sie, und diesmal allein. „Dass mir das wichtig ist. Nicht die Teller. Die… Aufmerksamkeit.“
Er nickte, wirklich nickend, nicht nur mit dem Kopf, sondern mit den Schultern, den Schlüsselbeinen, dem ganzen Kerl. „Und ich wollte merken, dass ich auch… naja, frei stapeln darf. Manchmal. Nicht immer. Aber manchmal.“
„Manchmal“, bestätigte sie, und das Wort fühlte sich an wie ein friedlicher Balkon.
© Armin Knebel
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Noah und das Geheimnis der Dino-Uhr
Nicht jede Geschichte entsteht für einen Wettbewerb oder mit Blick auf eine Veröffentlichung. „Noah und das Geheimnis der Dino-Uhr“ ist aus einem viel einfacheren und schöneren Grund entstanden: für meinen Neffen.
Damals war er in einer echten Dino-Phase – und statt ihm einfach nur ein Buch zu schenken, wollte ich ihm eine eigene Geschichte schreiben. Eine, in der Abenteuer, Urzeit und Fantasie vorkommen, aber auch etwas Vertrautes: Orte, Namen und kleine Details aus seiner eigenen Welt. So wurde aus einer Idee nach und nach ein persönliches Dino-Abenteuer, das ich für ihn ausgedruckt, abgeheftet und ihm geschenkt habe.
Für mich war das eine ganz besondere Art des Schreibens, weil es nicht darum ging, literarisch zu überzeugen oder etwas einzureichen, sondern darum, einem Kind eine Freude zu machen. Vielleicht ist genau das manchmal der schönste Grund, eine Geschichte zu schreiben.
Noah und das Geheimnis der Dino-Uhr
Für Noah
Kapitel 1 – Die Uhr im Wald
Es war ein sonniger Ferientag in Heckendalheim. Die Vögel zwitscherten, und die Bäume im Wald raschelten leise im Wind. Noah, sieben Jahre alt, war schon früh aufgestanden. Er hatte sich seine Gummistiefel angezogen, seine Lieblingskappe mit dem Dino drauf aufgesetzt und war losgezogen. Heute wollte er Abenteuer erleben.
„Vielleicht finde ich eine besondere Feder oder eine Eidechse!“, dachte Noah und stapfte den kleinen Pfad entlang, der hinter dem Garten seines Opas Bernhard in den Wald führte. Den Weg kannte er gut – er führte vorbei an einer alten Bank, dann an dem Spielplatz, und schließlich zu einem großen, umgestürzten Baum, der aussah wie ein Klettergerüst.
Noah stieg auf den Baumstamm und balancierte langsam über das Moos. Plötzlich rutschte er ab – plumps! – und landete sanft im Laub.
„Autsch!“, rief er, aber er lachte gleich darauf. „So fängt jedes Abenteuer an!“
Als er wieder aufstand, sah er etwas Glänzendes im Laub blitzen. Es war rund, golden und hatte ein kleines Kettchen dran.
„Was ist das denn?“, murmelte Noah und hob es vorsichtig auf. Es war eine alte Taschenuhr. So eine, wie Opa früher in der Westentasche hatte. Aber diese hier war ganz anders: Auf dem Deckel war ein Dino eingeritzt! Und drumherum waren kleine Zeichen, die aussahen wie Fußspuren und Sterne.
„Wie cool!“, flüsterte Noah. Er drückte auf den Knopf oben an der Uhr – klack! – und der Deckel sprang auf.
Drinnen waren keine normalen Zeiger. Stattdessen war dort eine drehende Scheibe mit drei Tieren: Einem kleinen Dino, einem fliegenden Saurier und einem riesigen Langhals. Und in der Mitte leuchtete ein winziges grünes Licht.
Plötzlich wurde es still im Wald.
Keine Vögel mehr. Kein Wind. Kein Rascheln.
„Hallo?“, rief Noah. Er schaute sich um. Alles sah gleich aus… und doch irgendwie anders.
Dann hörte er ein seltsames Rumpeln. Der Boden vibrierte leicht. Und plötzlich knickte ein Baum in der Ferne zur Seite – als hätte ihn etwas Großes angerempelt.
Noah machte große Augen. „Was war das? Ein Wildschwein? Ein Traktor? Oder…“
Er drehte sich langsam um – und da stand sie.
Ein Dino.
Nicht groß. Etwa so groß wie ein Pony. Sie hatte einen Schnabel wie ein Papagei, ein dickes Horn auf der Nase und zwei kleinere über den Augen. Und sie sah nicht gefährlich aus. Eher… neugierig.
Das Dino-Mädchen machte einen Schritt auf Noah zu, schnupperte an ihm und piepste leise.
„Wow… bist du echt?“, flüsterte Noah.
Sie stupste ihn mit der Nase an.
„Ich bin Noah. Und du?“, fragte er.
Das Dino-Mädchen schnaubte und sagte mit einer sanften Stimme – ja, sie konnte sprechen! – „Ich heiße Trixi. Du hast die Uhr, oder? Dann bist du jetzt hier.“
„Wo ist hier?“, fragte Noah.
Trixi sah sich um. „In der Dino-Zeit. Genauer gesagt: Im Trias-Wald.“
Noah sah sie mit großen Augen an.
„Aber… ich war doch gerade noch in Heckendalheim. Im Wald. Und jetzt… bin ich bei den Dinos?!“
Trixi nickte. „Die Uhr bringt nur besondere Kinder her. Kinder, die neugierig sind. Und mutig. Und die gern lernen. Du bist so einer.“
Noah lächelte. Ein bisschen aufgeregt, ein bisschen stolz.
„Und was mache ich jetzt hier?“, fragte er.
Trixi grinste. „Du hilfst mir, ein Geheimnis zu lösen. Und vielleicht lernst du dabei etwas, das kein Erwachsener weiß. Komm mit, ich zeig dir mein Zuhause.“
Und so begann Noahs größtes Abenteuer. Nicht in einem Buch. Nicht im Fernsehen. Sondern mitten in der Urzeit – und alles hatte begonnen, ganz in der Nähe von Heckendalheim.
Kapitel 2 – Trixis Welt
Noah ging vorsichtig hinter Trixi her. Ihre Füße machten leise platsch platsch auf dem weichen Waldboden, und Noah musste aufpassen, nicht über Wurzeln zu stolpern. Der Wald war irgendwie… anders. Die Bäume waren viel größer als in Heckendalheim, mit riesigen Farnen dazwischen. Einige Pflanzen sahen aus wie grüne Regenschirme, andere wie riesige Sellerie-Stangen.
Über ihnen flogen Vögel – oder waren es gar keine Vögel? Manche hatten Schnäbel, andere Zähne. Einer hatte sogar vier Flügel!
„Das ist ein Petrolachschirrus“, sagte Trixi beiläufig.
„Ein was?“, fragte Noah und kicherte.
„Na gut, ich geb’s zu, ich habe ihn mir gerade ausgedacht“, flüsterte Trixi und zwinkerte ihm zu. „Aber klingt doch dino-mäßig, oder?“
Noah lachte laut. „Voll!“
Sie liefen weiter, bis sie zu einer kleinen Lichtung kamen. In der Mitte stand ein großer, flacher Stein, auf dem Trixi ein paar Beeren und Blätter gesammelt hatte.
„Hier wohnen wir“, sagte sie. „Also… nicht nur ich. Mein Opa wohnt auch hier. Und meine kleinen Brüder. Aber die schlafen gerade in einer Höhle, weil sie gestern zu viel herumgetollt haben.“
„Ich würde gerne mal einen Dino spielen sehen!“, sagte Noah.
„Mach dich auf was gefasst – meine Brüder sind wie zwei flauschige Erdbeben!“
Trixi setzte sich auf den Stein und deutete Noah, sich daneben zu setzen. Er ließ sich plumpsen und staunte über die Aussicht: Weite grüne Hügel, ein Fluss, der sich durch die Landschaft schlängelte, und in der Ferne eine große Herde Langhälse, die friedlich Blätter von den Bäumen rupften.
„Wow…“, murmelte er. „So war das also früher…“
Trixi nickte. „Aber es wird gefährlich.“
Noah schaute sie erschrocken an. „Gefährlich? Ich dachte, hier gibt’s keine Gewalt!“
„Stimmt“, sagte Trixi. „Niemand wird hier kämpfen oder beißen. Aber… es gibt ein Rätsel. Und ohne deine Hilfe schaffen wir es nicht.“
Noah richtete sich auf. „Ich bin gut im Rätsel-Lösen! Letzte Woche hab ich bei Opa das ganze Kreuzworträtsel fast alleine geschafft. Nur das mit dem Fluss in Ägypten musste sie mir sagen.“
Trixi grinste. „Dann bist du der Richtige. Schau mal.“
Sie hob mit ihrer Schnauze ein Blatt an. Darunter lag eine kleine, flache Steinscheibe. Auf ihr waren dieselben Zeichen wie auf der Uhr.
„Das ist ein Zeitstein“, erklärte sie. „Es gibt drei davon. Nur wer alle drei findet und versteht, kann die Dino-Uhr richtig benutzen. Dann kannst du zurück nach Hause. Oder… vielleicht sogar noch weiter in andere Zeiten reisen.“
Noahs Augen glänzten. „Andere Zeiten?! Wie Mittelalter? Oder die Zukunft?“
„Vielleicht. Aber zuerst brauchen wir den zweiten Zeitstein.“
„Wo ist der?“, fragte Noah neugierig.
„In der Nähe des Flusses. Aber dort gibt es ein Problem. Ein kleiner Pterosaurier – so einer, der fliegen kann – hat sich verirrt. Und er trägt den Stein in seinem Nest. Wenn wir ihn nicht finden, können wir nicht weitermachen.“
„Dann los!“, rief Noah und stand auf. „Aber… äh… wo lang?“
Trixi lächelte. „Ich kenne den Weg. Aber wir müssen aufpassen. Nicht alle Tiere hier sind nett. Manche sind nur… sehr, sehr neugierig. Und neugierige Dinos können anstrengend sein.“
Noah schnallte seinen Rucksack fester. Er hatte zwar nur eine Brotdose mit Apfelstücken, eine Lupe und ein Dino-Buch drin – aber es fühlte sich plötzlich wie ein echter Forscher-Rucksack an.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Der Urzeit-Wald summte leise um sie herum. Irgendwo in der Ferne rief ein seltsames Tier. Die Sonne schien durch die dichten Blätter.
Und Noah dachte: Ich bin wirklich hier. Ich – Noah aus Heckendalheim – bin in der Dino-Zeit und suche einen Zeitstein. Das wird das coolste Abenteuer aller Zeiten!
Kapitel 3 – Der Flug ins Nest
Noah und Trixi stapften durch das dichte Farngewächs. Der Weg zum Fluss war nicht weit, aber er war voller Überraschungen. Manche Pflanzen kitzelten Noah am Ohr, andere öffneten sich langsam wie kleine grüne Regenschirme, sobald man sie berührte. Es duftete nach feuchter Erde, süßem Blütenstaub und Abenteuer.
„Hast du eigentlich schon mal Menschen gesehen?“, fragte Noah neugierig.
„Nein“, sagte Trixi und drehte sich kurz um. „Aber mein Opa hat mal von einem Jungen erzählt, der vor langer Zeit hier war. Er hieß… äh… Torsten oder so. Er hat angeblich mit einem Stegosaurus Verstecken gespielt.“
Noah lachte. „Vielleicht war das mein Papa, als er klein war. Der hat auch immer komische Geschichten erzählt!“
Plötzlich blieb Trixi stehen.
„Da vorne ist der Fluss“, flüsterte sie. „Und dort… irgendwo… ist das Nest von Flitschi.“
„Flitschi?“, fragte Noah.
„Der kleine Pterosaurier. Er ist ungefähr so groß wie ein Rucksack, aber schneller als ein Fahrrad. Und… sehr vergesslich. Er weiß nicht mal mehr, dass er einen Zeitstein hat.“
Sie schoben sich vorsichtig durch einen Vorhang aus hängenden Ranken – und da lag er vor ihnen: der Fluss.
Er glitzerte in der Sonne, schlängelte sich zwischen Steinen hindurch und bildete kleine Wasserfälle und Teiche. Am Ufer pickten zwei schnabelartige Dinos kleine Insekten auf. Ein bisschen weiter schwammen riesige Libellen über das Wasser – mindestens so groß wie Noahs Hand!
„Wow…“, flüsterte Noah. „Das ist der schönste Ort, den ich je gesehen habe.“
Trixi nickte. „Aber wir müssen leise sein. Flitschi hat sein Nest ganz oben auf diesem Baum dort.“
Sie zeigte auf einen Baum, der so hoch war wie ein Kirchturm. In einer Astgabel ganz oben sah Noah etwas Rundes, Weiches – das musste das Nest sein.
„Und wie kommen wir da hoch?“, fragte Noah und reckte den Hals.
„Wir… fliegen!“, rief plötzlich eine Stimme von oben.
„Was war das?!“, rief Noah und schaute nach oben.
Ein kleines, quirliges Wesen mit lederartigen Flügeln, großen, neugierigen Augen und einem spitzen Schnabel flatterte vor ihnen herum.
„Ich bin Flitschi! Willkommen an meinem Fluss! Wollt ihr Kekse? Oh nein, ich habe keine. Aber ich habe Würmer!“
„Ähm… danke, nein“, sagte Noah vorsichtig.
Trixi trat näher. „Flitschi, erinnerst du dich an den Stein mit den Zeichen, den du in deinem Nest gefunden hast?“
„Den komischen flachen Keks? Klar! Der liegt in meinem Nest. Ich wollte ihn jemandem schenken, aber ich hab vergessen wem. Vielleicht meiner Oma. Oder einem Baum.“
Noah lächelte. „Dürfen wir ihn uns mal anschauen? Er ist sehr wichtig.“
Flitschi machte eine elegante Rolle in der Luft. „Na klar! Aber… ihr müsst raufkommen. Ich flieg nicht so gern mit Sachen in den Krallen – ich verliere ständig Dinge. Neulich ist mir ein halber Apfel runtergefallen. Ein halber Apfel! Stell dir das mal vor!“
Trixi grinste. „Noah, bist du bereit für einen Dino-Flug?“
„Wie… du kannst fliegen?!“, fragte Noah überrascht.
„Nicht ich. Aber meine Freundin kann. Sie heißt Luma. Komm mit!“
Sie gingen ein Stück den Fluss entlang, bis sie zu einer kleinen Wiese kamen. Dort stand Luma: ein großer Flugsaurier mit glänzenden Schwingen und freundlichen Augen. Sie sah aus wie ein Mix aus Drache, Pelikan und Kuscheltier.
„Hallo Noah“, sagte Luma mit einer warmen Stimme. „Möchtest du einen Flug zum Nest machen? Ich flieg vorsichtig, versprochen.“
Noah nickte langsam. „Okay. Ich vertraue dir.“
Er kletterte auf ihren Rücken – sie hatte sogar eine weiche Moosdecke darauf gelegt – und hielt sich an zwei Griffen aus Lianen fest.
„Bereit?“, fragte Luma.
„Bereit!“, rief Noah.
Mit einem kräftigen Sprung erhob sich Luma in die Luft. Der Wind wehte ihm durchs Gesicht, sein Herz klopfte schnell, aber er fühlte sich frei – wie ein echter Entdecker!
Sie flogen über den Fluss, über die Bäume, vorbei an bunten Vögeln und flatternden Libellen. Unten winkte Trixi, und Flitschi flog neben ihnen her und erzählte irgendwas über eine Schildkröte, die rückwärts schwimmen konnte.
Dann landeten sie sanft auf dem dicken Ast. Noah stieg ab und ging langsam zum Nest. Dort lag der Zeitstein: rund, glatt, mit leuchtenden Mustern.
Als er ihn in die Hand nahm, begann er leicht zu vibrieren. Und dann – klick! – erschien ein winziges Licht auf der Dino-Uhr an Noahs Gürtel. Es blinkte grün. Das erste Rätsel war gelöst.
„Du hast es geschafft!“, rief Trixi von unten.
„Wir haben’s geschafft!“, rief Noah zurück und grinste über das ganze Gesicht.
„Zweiter Stein, wir kommen!“, sagte Trixi.
Und Flitschi flatterte aufgeregt umher. „Darf ich mit? Darf ich mit? Ich bring auch Würmer mit!“
Noah lachte. „Na klar, Flitschi. Aber keine Würmer in meinen Rucksack, ja?“
Und so machte sich das ungewöhnliche Team auf den Weg zum nächsten Abenteuer – durch Wälder, über Flüsse und vielleicht sogar… in ein Dino-Labyrinth?
Doch das – das ist eine Geschichte für Kapitel 4.
Kapitel 4 – Das Labyrinth der Pflanzenfresser
„Also“, sagte Trixi, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten. „Der zweite Zeitstein liegt im Labyrinth der Pflanzenfresser. Dort bewahren die älteren Dinos Dinge auf, die ihnen wichtig sind. Erinnerungen. Geschichten. Und manchmal… Zeitsteine.“
Noah sah sie neugierig an. „Ein echtes Labyrinth? So mit Wegen, die in Sackgassen enden?“
„Ja“, sagte Trixi. „Aber es ist nicht aus Mauern gemacht. Sondern aus Hecken. Und riesigen Farnen. Manche sind so hoch wie Häuser!“
„Klingt nach einem Urwald-Irrgarten“, flüsterte Noah. Und dann grinste er. „Klingt cool.“
„Aber Vorsicht“, sagte Flitschi, der mit einem Grashalm zwischen den Zähnen nebenher flatterte. „Manche Wege bewegen sich. Die Pflanzen wachsen manchmal schneller, als man gucken kann!“
„Wie sollen wir da durchfinden?“, fragte Noah.
Trixi holte ein rundes Blatt aus ihrer Satteltasche. Darauf waren Linien eingeritzt – eine Karte!
„Diese Karte hat mir Opa gegeben. Sie zeigt den Weg zum Zentrum. Dort soll der zweite Stein sein.“
Noah nahm die Karte und betrachtete sie. Der Eingang war markiert mit einem großen Blatt. Dann gab es viele, viele Wege – manche führten zu „Riech-Hecken“, andere zu „Wackel-Büschen“ oder „Brummel-Beeren“.
„Was sind Brummel-Beeren?“, fragte Noah.
„Wenn du sie berührst, brummt der ganze Busch!“, lachte Trixi. „Sie kitzeln an den Füßen, wenn du zu lange stehen bleibst.“
„Klingt nach einem lebendigen Labyrinth!“
Nach einer kurzen Pause – mit Apfelstücken aus Noahs Brotdose und ein paar Dino-Keksen von Trixi – machten sie sich auf den Weg.
Der Eingang
Der Eingang zum Labyrinth war wirklich kaum zu übersehen: Zwei riesige Baumfarne wuchsen wie ein Torbogen zusammen. Davor stand ein gemütlicher, dicker Dinosaurier mit einer Brille auf der Nase und einer Blume hinterm Ohr.
„Willkommen im Labyrinth der Pflanzenfresser!“, sagte er freundlich. „Habt ihr etwas zum Tauschen dabei?“
„Tauschen?“, fragte Noah.
„Etwas, das eine Geschichte hat“, sagte der Dino.
Noah überlegte kurz. Dann kramte er in seiner Hosentasche. Da war sie: seine kleine Taschenlampe. Die hatte er mal von Papa bekommen, als sie im Dunkeln Glühwürmchen gesucht hatten. Und sie funktionierte sogar noch.
„Die hier“, sagte Noah und reichte sie dem Dino.
Der drehte die Lampe, klickte, und sie leuchtete kurz auf. Dann lächelte er.
„Eine Lichtmaschine für die Nacht. Sehr schön. Ihr dürft hinein.“
Das Labyrinth
Der Weg war weich und moosig, die Pflanzen leuchteten in allen Grüntönen, die Noah sich vorstellen konnte. Immer wieder mussten sie an Kreuzungen stehenbleiben und überlegen.
„Links oder rechts?“, fragte Flitschi ständig. Er hatte zwar Flügel, aber er wollte lieber mitlaufen – zum Üben, wie er sagte.
Trixi las die Karte, während Noah sich die Umgebung genau ansah.
An einem Busch mit roten Beeren hörten sie ein leises Brummmmm. Als Noah eine Beere mit dem Finger antippte, begann der ganze Busch zu kitzeln – am Bauch, an den Füßen, sogar an den Ohren! Sie lachten, bis ihnen die Bäuche wehtaten.
Dann kamen sie zu einem Weg, der sich langsam vor ihnen veränderte. Ein Farn bog sich zur Seite – als hätte er gehört, dass sie kommen.
„Die Pflanzen machen uns Platz“, staunte Noah.
„Wenn sie dich mögen, helfen sie dir“, erklärte Trixi. „Aber wenn du frech bist, schicken sie dich im Kreis!“
Sie folgten den Pflanzen und kamen schließlich an einen offenen Platz. In der Mitte stand eine kleine Steinsäule mit einer Mulde – und darin: der zweite Zeitstein.
„Da ist er!“, rief Noah.
Aber kaum hatte er den Stein berührt, hörte man ein leises Rrrrratsch – ein Farn neben ihm drehte sich und formte plötzlich ein neues Tor.
Ein großes Blatt fiel langsam herab. Darauf stand in zarten Zeichen:
„Nur wer das Rätsel kennt, darf den Stein behalten.“
Darunter war ein Vers:
Ich bin uralt, doch nie allein,
ich schütze Tier und Pflanze fein.
Ich wachse rings um Heckendalheim,
doch bin ich niemals aus nur Stein.
Was bin ich?
Noah überlegte. Er kannte sowas aus seinem Dino-Buch. Dann fiel es ihm plötzlich ein:
„Ein… Wald!“
Trixi und Flitschi schauten ihn an.
Das grüne Licht auf der Dino-Uhr blinkte zweimal – bipp-bipp! – und wurde dann still. Der zweite Stein war sicher.
„Du hast’s gelöst!“, rief Trixi begeistert.
„Natürlich“, sagte Noah und versuchte ernst zu gucken. „Ich bin schließlich aus Heckendalheim.“
Sie lachten alle drei.
„Was passiert jetzt?“, fragte Noah.
Trixi sah ihn an. „Jetzt kommt das schwierigste Kapitel. Der letzte Stein liegt… nicht mehr in dieser Zeit.“
„Was meinst du damit?“, fragte Noah langsam.
„Wir müssen… weiterreisen. In die Kreidezeit.“
Noah spürte, wie die Dino-Uhr an seinem Gürtel vibrierte.
Die nächste Reise wartete – und sie würde anders sein als alles bisher.
Aber das…
…erzähle ich dir in Kapitel 5.
Kapitel 5 – Reise in die Kreidezeit
Noah betrachtete den zweiten Zeitstein in seiner Hand. Er war etwas heller als der erste und fühlte sich ein wenig wärmer an – fast so, als wäre darin Sonnenlicht gespeichert.
Die Dino-Uhr an seinem Gürtel vibrierte wieder. Dieses Mal war es stärker.
„Was passiert jetzt?“, fragte Noah und hielt die Uhr hoch.
Trixi trat näher. „Jetzt, Noah… reisen wir weiter. Der dritte und letzte Zeitstein liegt in der Kreidezeit. Dort leben andere Dinos – viele, die wir hier noch nie gesehen haben.“
„Und was ist da anders?“, wollte Noah wissen.
„Die Welt ist lauter. Bunter. Wilder. Es gibt Flugsaurier, die so groß wie Häuser sind. Und Meere, die über Wälder schwappen. Aber keine Angst – wir reisen zusammen.“
Noah schluckte. Er war aufgeregt – aber auch ein bisschen nervös.
Flitschi setzte sich auf seinen Kopf und sagte: „Ich kenn da jemanden in der Kreidezeit. Eine Panzerdame mit Herz und Hörgerät. Die kann euch helfen!“
„Einverstanden“, sagte Noah. „Aber wie reisen wir? Müssen wir durch ein Portal springen oder auf einem Kometen reiten?“
Trixi grinste. „Fast. Du musst einfach… die Uhr drehen.“
Noah sah auf das Ziffernblatt. Es hatte drei kleine Dino-Symbole – zwei davon leuchteten grün: das Dreihorn für Trias und das Flugsaurier-Zeichen für Jura.
Nur das letzte, ein großer Langhals mit einer Palme daneben, war noch dunkel.
„Dreh den Zeiger dorthin“, sagte Trixi leise.
Noah atmete tief ein – und drehte den Zeiger.
Ein leises Klicken. Dann ein helles Licht. Die Welt drehte sich – nicht schnell, nicht wild, sondern wie ein Tanz. Der Wind rauschte, ein fernes Brüllen war zu hören, als würden Berge atmen.
Und dann…
Ein neuer Ort
Noah blinzelte.
Er stand mit Trixi und Flitschi auf einem weiten Felsplateau. Vor ihnen: ein endloser Ozean, an dem Wellen gegen hohe Felsen schlugen. In der Ferne flogen riesige Tiere durch die Luft – größer als Flugzeuge, mit langen Schnäbeln und bunten Segeln auf dem Rücken.
Hinter ihnen breitete sich ein Dschungel aus, mit Pflanzen, die aussahen wie Regenbogen-Fächer, und Bäumen mit glitzernden Blättern.
„Willkommen… in der Kreidezeit!“, rief Flitschi.
Trixi sah sich um. „Hier ist alles anders. Spürst du das, Noah? Die Luft, das Licht, sogar die Geräusche. Hier lebt alles schneller.“
Ein Grollen ließ den Boden leicht vibrieren. Noah drehte sich erschrocken um – aber es war nur ein großer Pflanzenfresser, der an einem Felsen kratzte. Er sah freundlich aus und hatte Blüten im Maul.
„Wie finden wir den letzten Stein?“, fragte Noah.
Trixi zog ein weiteres Blatt aus ihrer Tasche – es war diesmal viel dünner und schimmerte leicht, fast wie Pergament.
„Hier steht, dass der letzte Zeitstein vom Vergessenen Dino bewacht wird.“
„Vergessen?“, fragte Noah. „Warum?“
„Weil ihn keiner kennt. Kein Buch schreibt über ihn. Kein Bild zeigt ihn. Und trotzdem ist er da. Immer. Im Hintergrund. Und wer ihn findet, der darf eine neue Geschichte schreiben.“
Noah dachte nach. „Dann müssen wir ihn finden. Für alle Kinder, die glauben, dass sie nicht wichtig sind.“
Trixi nickte. „Genau das.“
Eine erste Spur
Sie gingen durch den Dschungel, der voller Leben war. Tiere mit bunten Hörnern und riesige Krabbelkäfer liefen über ihre Füße. Ein kleiner Dino mit langen Wimpern und einer Kullerpfote stupste Noah kurz an und flitzte dann lachend davon.
„Alle hier sind neugierig“, sagte Trixi.
Flitschi flog hoch und rief: „Da ist was! Da hinten! Eine Zeichnung im Felsen!“
Sie folgten ihm zu einer hohen Steilwand, in die Symbole eingeritzt waren: ein großer Fußabdruck, daneben ein Kreis – und darunter der Umriss eines Wesens, das sie noch nie gesehen hatten.
Vier Beine. Ein langer Schwanz. Kurze Ohren. Und ein Auge, das strahlte.
„Der Vergessene Dino…“, flüsterte Noah. „Und da – was ist das?“
Neben dem Bild war ein kleines Loch im Fels. Kaum größer als Noahs Hand. Vorsichtig griff er hinein – und spürte etwas Glattes, Rundes.
Der dritte Zeitstein.
Er zog ihn heraus – er war silberfarben, mit leichten goldenen Linien. In der Mitte: ein leuchtender Punkt, der sofort begann zu pulsieren.
Bipp. Bipp. Bipp.
Die Dino-Uhr vibrierte stark. Alle drei Symbole leuchteten.
Trixi sah ihn an. „Noah… du hast es geschafft. Du hast alle drei Zeitsteine gefunden.“
„Was passiert jetzt?“, fragte er.
„Jetzt… entscheidet die Uhr. Vielleicht bringt sie dich zurück nach Hause. Vielleicht zeigt sie dir etwas Neues.“
Noah schaute auf die leuchtende Uhr.
Er hatte keine Angst. Nicht mehr. Denn er wusste:
Er war mutig gewesen. Neugierig. Und wichtig.
Selbst der vergessene Dino hatte auf ihn gewartet.
Was wohl passieren wird, wenn Noah den dritten Stein in die Uhr legt?
Wird er nach Heckendalheim zurückkehren?
Oder wartet noch ein letztes, großes Abenteuer auf ihn?
Das erfährst du in Kapitel 6 – Der letzte Funke.
Kapitel 6 – Der letzte Funke
Der dritte Zeitstein lag in Noahs Hand. Er fühlte sich leicht an – fast wie ein Kiesel vom Bliesufer. Und doch war darin etwas Besonderes: ein leuchtender Funke, der sachte pulste, wie ein Herzschlag.
Trixi, Flitschi und Noah standen gemeinsam vor dem Steinbild des Vergessenen Dinos. Die Sonne der Kreidezeit stand tief und warf lange Schatten durch den Dschungel. Ein warmer Wind strich über Noahs Gesicht – fast wie ein Abschiedskuss von dieser alten Welt.
„Drei Steine“, flüsterte Noah. „Und nur eine Uhr.“
Er holte die Dino-Uhr von seinem Gürtel und legte den dritten Stein in die kleine Vertiefung in der Mitte. Ein sanftes Klick – und plötzlich wurde alles still.
Dann begann die Uhr zu leuchten.
Nicht grell. Nicht laut. Sondern weich. Wie das erste Licht am Morgen, wenn die Sonne über Heckendalheim aufgeht.
Ein Lichtkreis bildete sich um die Freunde. Er schimmerte in Farben, die Noah nicht kannte – wie Träume, die man am nächsten Tag nicht mehr richtig beschreiben kann.
„Ist das… der Rückweg?“, fragte er leise.
Trixi nickte. „Die Uhr weiß, wann es Zeit ist.“
Flitschi wurde plötzlich ganz still. Seine Flügel klappten sanft zusammen. „Ich… ich werd dich vermissen, Noah.“
„Ich euch auch“, sagte Noah. Seine Stimme zitterte ein bisschen.
Trixi trat näher. „Du hast etwas ganz Besonderes getan. Du warst mutig, klug, freundlich – und du hast gelernt. Du hast uns geholfen. Und du wirst dich erinnern. Immer.“
„Aber… wenn ich wieder zuhause bin… werde ich euch wiedersehen?“
Trixi überlegte. Dann lächelte sie.
„Vielleicht. Wenn du genau hinsiehst. Wenn du im Wald bei Heckendalheim ein Rascheln hörst, das nicht vom Wind kommt. Oder wenn du nachts einen Stern blinken siehst, der wie eine Dino-Spur aussieht. Dann weißt du: Wir sind noch da. Und du bist einer von uns.“
Flitschi streckte ihm etwas entgegen – ein kleines Blatt, eingerollt wie eine Nachricht.
„Hier“, piepste er. „Falls du mal einen Dino-Freund brauchst. Oder ein Wurm-Rezept.“
Noah nahm es. Es duftete nach Wald und Abenteuer.
Die Uhr vibrierte nun stärker. Der Lichtkreis zog sich zusammen.
„Ich… danke euch“, sagte Noah leise. „Für alles.“
Trixi berührte ihn mit der Stirn. „Und du, Noah aus Heckendalheim, bist jetzt Teil unserer Geschichte.“
Ein letzter Blick – ein letztes Lächeln –
und dann: Zisch. Bling. Flimmer.
Zurück
Noah blinzelte.
Es war… still.
Vogelgezwitscher. Das Rascheln von Laub. Und da – die Bank am Waldrand. Der umgestürzte Baum. Der Spielplatz an der Straße.
Er war wieder da.
Zuhause.
Er schaute auf seine Hand – die Uhr war weg. Stattdessen lag dort ein glatter Stein. Rund, warm, mit einem kleinen Dino-Fußabdruck drauf.
Er roch nach Farn. Nach Flitschi. Nach Trixi.
Langsam ging Noah den Weg zurück. Im Garten saß sein Opa Bernhard und las Zeitung.
„Na, mein Schatz? Wo warst du denn so lange?“, fragte er.
Noah grinste. „Ach… ich war im Wald. Lesen. Und ein bisschen Abenteuer erleben.“
Sein Opa zwinkerte. „Na, dann bring mir nächstes Mal ein Dino-Ei mit.“
Noah lachte – und wusste:
Vielleicht… hat er das ja sogar.
ENDE. Oder vielleicht… ein neuer Anfang?
© Armin Knebel
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