Temporalis
Er kennt das System. Jetzt muss er ihm entkommen – durch die Zeit selbst.
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Klappentext: Zeitreisen sind Realität.
Und sie gehören den Mächtigen.
Im Jahr 2147 verkauft ChronoAdventure die Vergangenheit als perfektes Erlebnis. Sicher. Kontrolliert. Unveränderbar. So lautet das Versprechen.
Victor Carlisle weiß es besser.
Als Techniker des Systems kennt er die Wahrheit – und wird zum Gejagten, als seine Frau ermordet wird und alle Spuren auf ihn zeigen.
Seine einzige Flucht führt dorthin, wo keine Kameras existieren: in die Vergangenheit.
Während Victor durch Epochen flieht und beginnt, die Gesetze der Zeit selbst zu brechen, setzt die Sicherheitsbehörde alles daran, ihn aufzuhalten. Denn was er entdeckt, bedroht nicht nur die Ordnung der Gegenwart – sondern die Existenz der Zeit selbst.
Temporalis ist ein kompromissloser Science-Fiction-Thriller über Macht, Schuld und eine Technologie, die niemals hätte existieren dürfen.
Zeit ist keine Reise.
Sie ist eine Waffe.
Infos
- ASIN: B0GR148KVM
- Herausgeber: SaarPoesie
- Erscheinungstermin: 3. März 2026
- Sprache: Deutsch
- Seitenzahl der Taschenbuch-Ausgabe: 235 Seiten
- ISBN-13: 979-8245141626
- Abmessungen: 12.7 x 1.5 x 20.32 cm
Leseprobe
Vorwort:
Zeit war für mich nie nur ein Maßstab – keine Sekunden, Minuten oder Stunden, sondern ein Wesen. Ein flüchtiger Begleiter. Ein Richter. Ein Zeuge.
Als ich begann, Temporalis zu schreiben, wollte ich keine klassische Geschichte über Zeitreisen erzählen. Ich wollte eine Frage stellen: Was geschieht mit einer Gesellschaft, in der die Vergangenheit zur Ware wird? Was passiert, wenn Erinnerung nicht mehr Wahrheit ist, sondern Design? Wenn Menschen durch die Geschichte spazieren wie durch ein Museum – sicher, steril, distanziert?
Temporalis ist meine Antwort auf diese Fragen – eine Welt, in der Zeitreisen möglich, aber nicht harmlos sind. Wo Technologie als Spiegel dient: für unsere Sehnsucht, Kontrolle zu haben – über Geschichte, über andere, über uns selbst.
In dieser Welt gelten Gesetze – selbst erdacht, selbst auferlegt. Die „Eternitas-Klauseln“ sind meine Fiktion, aber sie basieren auf einem Gedanken, der mich seit Jahren begleitet: Wenn wir in der Lage wären, durch die Zeit zu gehen, könnten wir der Versuchung widerstehen, sie zu verändern?
Victor Carlisle, eine der zentralen Figuren, ist kein Held. Vielleicht nicht einmal ein Opfer. Er ist ein Fragment jener Frage. Und Elias Rainer? Ein Mann, der glaubt, nach Gerechtigkeit zu suchen – aber vielleicht nur einem sehr alten, sehr gut getarnten Irrtum folgt.
Dieses Buch ist keine Anleitung zur Zeitreise. Es ist ein Blick auf Macht, auf Wahrheit, auf die Lücken zwischen Ursache und Wirkung. Ein Spiel mit Paradoxien, in dem es kein Schwarz oder Weiß gibt – nur Grauzonen, die sich ständig verschieben.
Wenn Temporalis eines zeigen will, dann dies: Zeit ist nicht neutral. Sie gehört denen, die sie beherrschen.
Danke, dass du dich auf diese Reise einlässt.
Armin Knebel
Prolog:
Britanica Prime, Universität für temporale Physik – Jahr 2101:
Es begann mit einem Flackern.
In einem unterirdischen Forschungskomplex, tief unter der nebligen Skyline von New London, surrten Maschinen, die nicht für Menschen gedacht waren. Die Luft vibrierte. Raum und Zeit krümmten sich leicht, fast schüchtern – wie ein Tier, das sich zum ersten Mal blicken lässt.
Professor Dr. Oliver Farnsworth stand reglos vor dem schimmernden Kern der Kammer, in der die Raumzeit selbst zum Werkzeug geworden war. Seine Hände zitterten nicht – dafür war er zu oft gescheitert, zu lange verlacht worden. Und doch war es heute anders.
Der Bildschirm vor ihm zeigte grüne Werte: Stabilität 98,7 %.
Er nickte kaum merklich. Dann sprach er die Worte, die die Menschheit für immer verändern würden:
„Aktiviere temporale Feldkonvergenz. Zielzeitpunkt: 15. April 1897.“
Die Halle wurde still. Kein Summen, kein Klicken – nur die Stille vor dem Sturm.
Dann öffnete sich die Einstein-Rosenbrücke. Nicht als reißendes Portal oder grelles Licht – wie in alten Science-Fiction-Fantasien –, sondern als sanfte Ausbuchtung in der Realität. Ein flüssiger Spiegel, der nicht reflektierte, sondern verhieß.
Farnsworth trat näher. Vor ihm lag kein Ort, sondern ein Moment – keine Vergangenheit, sondern ein Pfad. Seine Theorie hatte Recht behalten: Durch die Zeit konnte nicht gesprungen werden – sie musste durchschritten werden.
Er schloss die Augen.
Jeder Wissenschaftler, jeder Skeptiker, jede Regierung hatte es für unmöglich gehalten. Doch nun war es geschehen: Die erste stabile Öffnung einer Brücke durch die Zeit. Nicht für Sekunden, nicht als flüchtiger Riss – sondern kontrolliert, gehalten, synchronisiert mit der Prime-Timeline.
Er öffnete die Augen wieder.
„Temporaler Widerstand liegt im Normbereich“, murmelte sein Assistent hinter ihm. „Keine Rückkopplung. Keine Paradox-Detektion.“
Farnsworth lächelte schwach. In diesem Moment wusste er, dass seine Arbeit – sein Leben – einen Punkt erreicht hatte, der über Wissenschaft hinausging. Er hatte den Fluss selbst berührt – nicht um zu beherrschen, sondern um zu verstehen.
Was er noch nicht wusste: Dieser Tag würde nicht als Triumph in die Geschichte eingehen – sondern als Beginn einer gefährlichen Ära. Eine Ära, in der Wahrheit und Lüge durch die Zeit reisen konnten. Eine Ära, in der ChronoAdventure bald alles übernehmen würde.
Und dass er selbst, der Vater der Zeitreise, eines Tages spurlos verschwinden würde – als hätte die Zeit ihn heimgeholt …
Teil 1: “Die Welt, in der wir leben“
Ein dichter Schleier aus Wolken hing über der weiten, aufgewühlten Ebene. Der Regen, der in der Nacht gefallen war, hatte den Boden in eine zähe, trügerische Masse verwandelt. Matsch klebte an den Stiefeln der Soldaten, den Rädern der Kanonen, den Leibern gefallener Pferde. Es stank nach feuchtem Pulver, Schweiß und Blut – der metallische Geruch von Eisen vermischte sich mit dem Verwesungsgeruch erster Leichen.
Auf einer sanften Anhöhe stand Napoleon Bonaparte, sein Blick durchdringend, sein Dreispitz tief ins Gesicht gezogen. Vor ihm erstreckte sich das Schlachtfeld, gespickt mit britischen und alliierten Truppen. Seine Adlerstandarten flatterten im Wind, während seine Generäle Karten studierten und Befehle riefen.
Der Feind – Herzog von Wellington – hatte sich auf den Hügelketten verschanzt. Er wusste, dass seine Linien standhalten mussten, bis die preußischen Verstärkungen eintrafen. Reihen aus roten Uniformen formten starre Vierecke, Bajonette glänzten stumpf unter dem grauen Himmel. Sie waren diszipliniert, vorbereitet – ein Bollwerk gegen die anrückenden französischen Wellen.
Napoleon ließ angreifen.
Seine Kanonen donnerten. Kugeln rissen Schneisen in die britischen Linien, zerfetzten Fleisch, warfen Männer wie Puppen durch die Luft. Doch der Matsch verschlang die Artillerie – einige Geschosse blieben stecken, andere prallten harmlos ab. Die Infanterie marschierte voran, schrittweise, durch das Chaos aus Rauch und Geschrei. Franzosen und Briten rangen in Nahkämpfen, Bajonette und Klingen klirrten aufeinander. Schreie hallten über das Schlachtfeld – Schreie des Sieges, des Todes, der Verzweiflung.
Doch Wellington hielt stand.
Stunde um Stunde tobte die Schlacht. Reihen von Soldaten brachen zusammen, neue wurden nachgeschoben. Blut vermischte sich mit dem Morast. Der Wind trug den Lärm von Trommeln und Hörnern weiter – das dumpfe Echo der Gewehrsalven.
Und dann, am Nachmittag, ein neues Geräusch.
Ein fernes Grollen – wie ein Gewitter am Horizont.
Blüchers Preußen.
Mit eiserner Disziplin kämpften sie sich durch das unwegsame Gelände, während Wellingtons Truppen die Franzosen in Schach hielten. Napoleon wusste, dass seine Zeit ablief. Er setzte alles auf eine Karte.
Seine letzte Offensive: Die Garde Impériale.
Es war die Elite, die unbesiegbare Wache des Kaisers. Sie marschierten voran, schwarze Bärenfellmützen, makellose Uniformen, unbeirrbarer Ausdruck in den Gesichtern. Sie waren die Faust Napoleons, die letzte Hoffnung.
Doch selbst sie wurden zurückgeschlagen.
Die britisch-preußischen Kräfte hielten stand. Reihenweise brach die Garde zusammen. Es ging nicht mehr um Strategie – es war pures Gemetzel.
Dann begann die Flucht.
Soldaten warfen Waffen weg, rannten, stolperten, sanken in den Matsch. Die französische Armee zerbrach wie ein zerschmettertes Schachbrett. Napoleon hatte verloren.
Er floh.
Die Geschichte war geschrieben …
Hoch über dem Schlachtfeld:
Unberührt von Blut, Chaos und Verzweiflung schwebte sie über dem Geschehen – eine gewaltige, kugelförmige Zeitkapsel, getarnt, unsichtbar für die Welt darunter. Die Aussichtskapsel der Generation III von ChronoAdventure.
Ihr Kraftfeld war absolut. Kein Windhauch, kein Geschützfeuer, kein Schrei drang nach innen. Die Geräusche von draußen wurden per Lasermikrofone in das Innere übertragen. Es war ein stiller, klinisch sauberer Ort – eine schwebende Beobachtungsplattform für jene, die es sich leisten konnten.
Dreihundert Gäste hatten für diesen exklusiven Einblick in die Vergangenheit bezahlt.
Sie standen an den riesigen Panoramafenstern, blickten hinab auf den tödlichen Tanz der Soldaten. Einige staunten ehrfürchtig, andere betrachteten das Schauspiel mit dem kühlen Blick von Historikern. Ein paar genossen schlicht das Privileg, hier zu sein – während unten, in einer längst vergangenen Zeit, Männer um ihr Leben kämpften.
Ein kaum wahrnehmbares Summen erfüllte die Kapsel. Auf einer schwebenden Plattform, perfekt ausgeleuchtet, stand der Reiseführer – ein Mann mit makelloser Haltung, gekleidet in die elegante Uniform von ChronoAdventure. Seine Stimme war ruhig, professionell – gehüllt in das sanfte Echo der Lautsprecher.
„Und so, meine Damen und Herren, kam es zum Ende einer der bedeutendsten Schlachten der Geschichte. Die französische Armee löste sich auf, Napoleon wurde einige Tage später gefangen genommen und schließlich ins Exil auf die Insel St. Helena verbannt. Ein Imperium, einst unaufhaltsam, lag in Trümmern.“
Er pausierte.
„Danke, dass Sie sich für ChronoAdventure entschieden haben. ChronoAdventure – die Geschichte wartet auf dich.“
Applaus.
Einige Gäste klatschten begeistert. Andere ließen den Moment auf sich wirken, bevor sie sich dem nächsten Programmpunkt zuwandten.
Die Bar zog die Aufmerksamkeit derjenigen auf sich, die sich nach Genuss und Exklusivität sehnten.
Sie erstreckte sich über eine breite Fläche im hinteren Teil der Kapsel – eine halbmondförmige Konstruktion aus schwarzem Glas, die in einem schimmernden Blau pulsierte. Über der Theke schwebten Hologramme feinster Spirituosen, die auf Bewegung reagierten. Ein Gast musste nur mit dem Finger auf eine Flasche zeigen, und ein Glas wurde präzise gefüllt.
Der Barkeeper, ein KI-gesteuerter Serviceroboter, war ein Kunstwerk aus Chrom und Lichtstreifen, sein Design an einen klassischen Kellner angelehnt. Perfekt programmierte Eleganz, ohne die Launen eines echten Menschen.
„Was darf es sein?“ fragte die künstliche Stimme, samtig weich, makellos freundlich.
Die Drinks waren einzigartig. Manche basierten auf historischen Rezepturen – Napoleon’s Cognac, ein seltener Tropfen aus dem frühen 19. Jahrhundert. Andere waren futuristische Kreationen, molekular destillierte Cocktails, die Farben änderten oder in winzigen schwebenden Kugeln serviert wurden.
Hinter der Bar war eine große, halbtransparente Wand, die Szenen aus der Geschichte projizierte – Napoleon bei Austerlitz, die Krönung von 1804, das Exil auf Elba. Die Bilder änderten sich langsam, nahtlos, als wären sie lebendige Erinnerungen, die sich in den Raum webten.
In einer Ecke spielten sanfte, fast hypnotische Klänge – eine Mischung aus klassischer Musik und Synth-Tönen.
Die Atmosphäre war entspannt, exklusiv.
Es war eine Welt fernab der Realität. Eine Blase aus Luxus, während draußen, auf dem echten Schlachtfeld, die Zeitgeschichte mit Blut geschrieben wurde.
***
Die roten Warnlichter warfen flackernde Reflexionen auf die glatten, mattschwarzen Paneele des Technikraums. Ein ständiges Summen erfüllte die Luft, durchbrochen von leisen Bestätigungstönen der Konsolen und dem rhythmischen Klackern von Fingerkuppen auf holographischen Eingabefeldern. Kabel verliefen in perfekten Bahnen entlang der Decke und tauchten in Bodenplatten ein, die auf feinste Erschütterungen reagierten. An den Wänden leuchteten Monitore mit endlosen Reihen von Datenströmen, Berechnungen zur temporalen Stabilität und Echtzeitanalysen der Sprungparameter.
Victor Carlisle stand vor der Hauptkonsole, die Finger über das Interface gespannt. Sein dunkler Techniker-Overall saß etwas lockerer als es die Vorschriften erlaubten, die Ärmel leicht hochgekrempelt. Das blassblaue Licht der Monitore spiegelte sich in seinen grün-blauen Augen, die aufmerksam jede Zeile an Daten verfolgten. Sein blondes Haar war wie immer ein wenig zerzaust – ein Überbleibsel langer Nächte in den Techniklabors von ChronoAdventure. Er wirkte konzentriert, aber entspannt, als wäre die Wartung der temporalen Systeme für ihn längst Routine. Und doch lag in seinem Blick eine Schärfe, ein ständiges Abwägen, als würde er unbewusst nach etwas suchen, das nicht ganz stimmte.
Um ihn herum arbeiteten die Techniker von ChronoAdventure, gekleidet in standardisierte graue Anzüge mit integrierten AR-Schnittstellen. Einige trugen Headsets, vertieft in ihre Aufgaben, andere überprüften die Statusanzeigen auf den leuchtenden Wandtafeln. Die Atmosphäre war routiniert, fast mechanisch – als wäre Zeitreisen für sie nicht mehr als ein Verwaltungsakt.
Victor berührte das Bedienfeld. Seine Stimme war ruhig, kontrolliert:
„Einleitung der Rückkehr-Sequenz … Eternitas-Klausel prüfen … Check … Sprung in drei … zwei … eins …“
Dann geschah es.
Ein unmenschliches Licht explodierte im Raum, gleißend, als hätte jemand die Realität selbst für einen Sekundenbruchteil umgestülpt. Schatten wurden in unnatürliche Winkel gezerrt, Konturen verschwammen. Es gab kein Geräusch – nur einen kurzen Moment absoluter Stille.
Dann war es vorbei.
Die Zeitkapsel schwebte über dem leeren Schlachtfeld. Der 09. Oktober 2147. Es war Morgen. Kalt.
Unten, wo einst Chaos geherrscht hatte, wo Bajonette gegeneinander geschlagen und Kanonenkugeln Fleisch zerrissen hatten, lag nun eine unberührte Einöde. Die Erde war glatt und hart, durchzogen von feinen Rissen, als hätte die Zeit selbst hier ihre Spuren hinterlassen. Der Himmel spannte sich in einem dunstigen Grau über die endlose Weite. Kein Rauch, kein Blut, keine Schreie. Nur Stille.
Victor betrachtete das, was von der Vergangenheit übrig geblieben war – nichts. Nur ein Echo in der Geschichte. Er tippte auf die Konsole.
„Flugfreigabe erhalten … Sektor 3. Achtung, Schub in drei … zwei … eins.“
Der Magnetoplasma-Antrieb zündete. Ein kaum hörbares Brummen schwoll an, wandelte sich in ein tiefes Vibrieren, als die Kapsel beschleunigte. Innerhalb von Sekunden durchbrach sie die Schallmauer. 1000 km/h. 1500. 2000.
Doch die Gravitationskontrolle hielt die Reisenden sicher. Es gab keinen plötzlichen Ruck, kein Gefühl der Bewegung. Ohne die Anzeigen an den Wänden wäre es, als würde die Kapsel stillstehen. Die Massereduktionstechnologie tat den Rest – ein Wunder der modernen Physik.
Zehn Minuten später tauchte New London am Horizont auf.
Die Stadt erstreckte sich unter einem diffusen Morgenlicht, ein Meer aus schwebenden Plattformen, gewaltigen Wolkenkratzern und schimmernden Verkehrsströmen, die sich in organischen Mustern durch die Luft zogen. Drohnen flitzten durch die Häuserschluchten, regulierten den Verkehr, überwachten die Straßen. Die Skyline war eine Silhouette aus poliertem Stahl und dunklem Glas, durchzogen von pulsierenden Lichtern, die den ewigen Strom an Daten symbolisierten, der durch die Stadt floss.
New London war perfekt – kalt, funktional, gnadenlos effizient. Und darunter, wo niemand hinsah, lauerte die Wahrheit.
Die Kapsel setzte sanft zur Landung an – ChronoAdventure, Gebäude 5, Landeplatz 13. Kein Zittern, kein Ruck. Die Technik war perfektioniert, jede Bewegung berechnet. Mit einem gedämpften Zischen verringerte das Antigravionsfeld die Restenergie, bevor die Halteklammern einrasteten. Die massive Landeplattform vibrierte kaum merklich, als sich die große Tür der Kapsel mit einem leisen, mechanischen Summen öffnete.
Menschen strömten hinaus.
Lachend, gut gelaunt, in Gespräche vertieft. Vor wenigen Minuten noch hatten sie Zeugen eines gnadenlosen Massakers in Waterloo sein dürfen – eines blutgetränkten Kapitels der Geschichte. Sie hatten Männer kämpfen, sterben, verenden sehen. Doch das alles lag in einer anderen Zeit. Jetzt, hier, in ihrer Realität, waren jene Soldaten längst verweste Fragmente eines längst vergessenen Krieges. Ihr Schicksal? Nicht mehr als eine Randnotiz in den Geschichtsbüchern.
Einige der Rückkehrer verabredeten sich für eine Runde Golf. Andere diskutierten, welchen Tee sie nach diesem „aufregenden Ausflug“ genießen würden. Waterloo war für sie eine Attraktion gewesen, nichts weiter. Die Vergangenheit diente der Unterhaltung. Und die Toten? Bedeutungslos.
Während die Gäste sich zerstreuten, öffnete sich seitlich eine kleinere Tür – der Mitarbeiterausgang. Zwei Männer traten heraus.
Victor Carlisle lief mit langen Schritten über die glatte Plattform, an seiner Seite Dr. Felix Maro.
Felix war einen Hauch kleiner als Victor, sein schlanker Körper stets in Bewegung. Sein schwarzes, leicht gewelltes Haar fiel ihm locker ins Gesicht, ein paar widerspenstige Strähnen hatten sich aus seinem improvisierten Versuch einer ordentlichen Frisur gelöst. Seine Uniform saß weniger straff als Vorschrift, die Ärmel nachlässig hochgekrempelt – als hätte er sich gerade erst aus einem endlosen Arbeitszyklus losgerissen. Seine hellgrünen Augen funkelten unter der künstlichen Beleuchtung des Terminals, voller Energie, voller Ideen – und einem Anflug von Amüsement.
„Heim. Duschen. Essen.“ Victor streckte sich kurz, rollte die Schultern.
Felix schnaubte. „Klingt nach einem soliden Plan. Was gibt’s?“
Victor zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ava hat ihre Liebe zu richtigem Essen entdeckt.“
„Ich beneide dich.“
Victor grinste schief. „Sag das nochmal, nachdem du es probiert hast.“
Felix lachte leise. „Versuchskaninchen?“
„Garantiert.“
Sie überquerten den Gang, glitten durch den schimmernden Lichtkorridor, der zu den internen Sektionen von ChronoAdventure führte. Die Luft war erfüllt vom Summen entfernter Maschinen, von gedämpften Stimmen aus den angrenzenden Kontrollräumen.
„Und was macht ihr?“ fragte Victor schließlich.
Felix‘ Gesicht hellte sich auf. „Morgen geht’s zu den Niagaras – Dax kann’s kaum erwarten. Sind ja nur für einen Monat an.“
Victor pfiff leise durch die Zähne. „Nicht schlecht. Und Naomi?“
Felix seufzte theatralisch. „Naomi … naja … kennst ja ihre Flugangst.“
Victor lachte. „Die eine Stunde?“
Mit einer übertriebenen Geste hob er die Arme, ließ die Schultern locker, als würde er schweben. „Schwerelos!“
Felix verzog das Gesicht. „Das ist das Problem. Sie muss davon immer kotzen.“
Beide lachten.
Langsam verlangsamten sich ihre Schritte. Die Gänge vor ihnen verzweigten sich – eine Trennungslinie, die für jeden Mitarbeiter von ChronoAdventure eine unausgesprochene Bedeutung hatte.
Victor schlug den Weg in den blau beleuchteten Gang ein – die Sektion der Techniker. Ein kühles, neonfarbenes Licht legte sich auf seine Schultern, reflektierte sich schwach in den Metallpaneelen um ihn herum.
Felix wandte sich dem gelb getönten Korridor zu – der Bereich der Ingenieure.
Ein letztes Nicken.
Dann trennten sich ihre Wege.
Victor betrat den Umkleideraum, ein steriler, funktionaler Raum mit mattgrauen Schließfächern, die in symmetrischen Reihen aufgestellt waren. Die Luft roch nach synthetischer Reinigungslösung, kühl und neutral. Er zog seinen Techniker-Overall aus, faltete ihn mit der Routine eines Mannes, der jahrelang nach Vorschrift lebte, und legte ihn ins Fach.
Stattdessen schlüpfte er in seine zivile Kleidung – eine schlichte, dunkle Hose, ein leichtes Shirt mit integrierter Temperaturregulierung und eine Jacke aus karbonverstärktem Gewebe. Praktisch, unauffällig.
Er verließ die Umkleide, lief durch den Korridor mit den glattpolierten Böden und trat in den Aufzug. Die Tür schloss sich lautlos. Ein sanftes Summen begleitete seine Fahrt nach oben.
Als sich die Türen öffneten, trat er hinaus auf das Dach von ChronoAdventure, Gebäude 5. Die Luft war klar, kühl, mit einem Hauch von Ionisierung – ein Nebenprodukt der ständigen Drohnenflüge. Über ihm spannte sich der Himmel von New London, ein schimmerndes Firmament aus Verkehrsströmen, Drohnenkorridoren und hoch aufragenden Wolkenkratzern, die von pulsierenden Lichtstreifen durchzogen waren.
Seine Autodrohne wartete bereits. Ein schlankes, aerodynamisches Modell in tiefem Schwarz, mit einer Oberfläche, die sanft reflektierte, als wäre sie flüssig. Die Türen glitten zur Seite. Victor setzte sich auf den Fahrersitz, das Interieur war minimalistisch, eine harmonische Verschmelzung aus High-Tech und Komfort.
Kaum hatte er sich angelehnt, erwachte die KI zum Leben.
„Hallo, Victor … wohin möchtest du?“ Die Stimme war sanft, weiblich, mit einer beinahe menschlichen Wärme.
„Einfach nur heim“, sagte er leise.
Ohne ein weiteres Wort hob die Drohne ab. Lautlos glitt sie über den Rand des Daches, kippte leicht nach vorne und sank in die vorgesehene Flugbahn.
Er lehnte sich zurück und ließ die Stadt an sich vorbeiziehen. Der Himmel über Greenwich war eine komplexe Maschinerie aus fließendem Verkehr, streng durch Algorithmen reguliert. Die Drohnenkorridore waren nach Status aufgeteilt – eine unsichtbare Hierarchie in der Luft.
Victor flog in der mittleren Höhe – ein Privileg der ChronoTechniker. Weniger Verkehr, schnellere Routen. Weiter unten bewegten sich die einfachen Arbeiter, gedrängt in dichten Schwärmen aus silbernen Transportmodulen. Über ihm – die Geschäftsführung, die Elite. Ihre gold-schwarzen Executive-Drohnen flogen in gesonderten Korridoren, von autonomen Sicherheitssystemen begleitet. Und ganz oben, in Höhen, die den normalen Bürgern verwehrt blieben – die CEOs, Minister, hohe Bosse. Ihre Fluggeräte waren keine gewöhnlichen Drohnen, sondern schwebende Festungen, gepanzert, mit disruptiven Tarnfeldern ausgestattet.
Die Skyline von New London dehnte sich in alle Richtungen aus – eine Stadt der Zukunft, gebaut auf den Ruinen der Vergangenheit. Dort, wo einst das alte London lag, erhoben sich nun kilometerhohe Türme, die an monolithische Zitadellen erinnerten.
New Chelsea, sein Ziel, lag im westlichen Bezirk. Früher war Chelsea eine der wohlhabendsten Gegenden Londons gewesen – ein Synonym für Eleganz und Exklusivität. Heute war es Teil von Britanica Prime, dem Nachfolger des alten Vereinigten Königreichs. Eine technologische Supermacht, autokratisch regiert von Magnus Warrington – Präsident, Diktator, und Besitzer von ChronoAdventure.
Warrington war ein Geist aus dem System. Offiziell demokratisch gewählt, inoffiziell ein Mann, der durch Erpressung, Manipulation und Mord an die Macht gelangt war. Er besaß alles – die Wirtschaft, die Technologie, die Zeit selbst.
Man sprach nicht über ihn. Man sprach nur über das, was er geschaffen hatte.
Die Drohne durchbrach die untere Flugschicht und sank sanft ab. Fünf Minuten hatte der Flug gedauert – für normale Bürger wären es fast zwanzig Minuten gewesen.
Unter ihm erstreckte sich New Chelsea – eine perfekte Mischung aus modernster Architektur und der Illusion von Natur. Jeder Einwohner von New London besaß seinen eigenen kleinen Garten – ein Statussymbol, abhängig von Rang und Familiengröße. Manche waren nicht größer als ein Teppich. Andere erstreckten sich über mehrere Ebenen.
Victors Garten war standardisiert – Stufe 4. Eine rechteckige Fläche mit exakt gestutztem Rasen, umgeben von einem holographischen Zaun, der sich als Hecke tarnte. Kein Luxus, aber auch keine Armut. Als Techniker hatte er eine komfortable Existenz, aber kein Übermaß.
Mehr als zwei Kinder waren selten, eigentlich verboten. Die Geburtenkontrolle war ein fester Bestandteil des Systems. Victor und Ava hatten noch keine Kinder – noch nicht. Der Antrag lief. Ava war 36. In vier Jahren wäre die Grenze erreicht. Danach wäre eine Geburt nicht mehr erlaubt.
Die Drohne setzte lautlos auf.
Victor stieg aus. Der Rasen unter seinen Stiefeln war weich, gepflegt bis zur Perfektion. Er schritt über das Gras zur kleinen Terrasse.
Hinter ihm versank die Drohne im Boden – ein lautloser Mechanismus, der sie in eine versteckte Ladebucht unter dem Garten zog. Sekunden später war nichts mehr zu sehen.
Als wäre sie nie da gewesen.
Victor stand da, atmete tief durch.
Zuhause.
Die Terrasse war schlicht und funktional, eine nahtlose Verbindung zwischen dem kleinen Garten und dem Haus. Kein überflüssiger Schnickschnack – nur ein stabiler Tisch mit zwei Stühlen aus dunklem Verbundmaterial, wetterfest und pflegeleicht. Die Glasplatten der Brüstung waren selbstreinigend, und die Beleuchtung reagierte automatisch auf die Lichtverhältnisse. Alles in perfekter Ordnung.
Doch die Tür stand offen.
Victor blieb stehen. Ein feiner Luftzug strich durch die Öffnung, trug den dezenten Geruch von Feuchtigkeit und Stadtluft ins Innere. Er runzelte die Stirn. Im Oktober ließ niemand in New London eine Tür offen – zu viel Feinstaub, zu viele Sicherheitsprotokolle, die automatisch auf Temperaturanpassung und Luftfilterung achteten.
„Ava?“ Seine Stimme war ruhig, doch ein feines Misstrauen lag in ihr.
Keine Antwort.
Er trat ein.
Die Wohnung war ebenso funktional wie komfortabel. New Chelsea erlaubte eine gewisse Individualisierung, doch die Grundstrukturen waren für alle gleich: Saubere Linien, glatte Oberflächen, optimierte Raumnutzung. Das Wohnzimmer war schlicht, aber wohnlich – eine große, in die Wand eingelassene Mediakonsole, ein niedriges Sofa in dunklem Blau, das sich automatisch der Körperhaltung anpasste, ein Couchtisch aus schwarzem Glas mit eingelassenem Touchdisplay. Ein paar persönliche Akzente machten den Raum lebendig – alte Bücher auf einem Regal, eine holografische Fotografie von Ava und ihm, aufgenommen in einem Moment seltener Sorglosigkeit.
Doch es war still. Unnatürlich still.
Er spürte, wie sich eine kalte Unruhe in seinem Nacken festsetzte. Seine Schritte wurden schneller.
„Ava?“
Er bewegte sich durch den offenen Wohnbereich, vorbei an der schwebenden Interface-Konsole, die mit sanftem Licht auf seine Anwesenheit reagierte. Der Boden war aus smartem Material, das Temperatur speicherte und sich federnd anfühlte. Das Haus war so modern, dass es fast atmete. Aber jetzt war es leblos.
Dann sah er den Kochbereich.
Sein Atem stockte.
Ava lag dort.
Zusammengekrümmt auf dem Boden, das Gesicht zum Boden gewandt, ihr Körper reglos.
Blut. Überall.
Ein feiner Film aus dunkler Flüssigkeit spiegelte sich in den kalten, matten Platten des Bodens. Es hatte sich in dünnen Bahnen verteilt, zog sich wie verzweigte Flussläufe durch die perfekt abgedichteten Fugen.
Victor fühlte, wie sein Körper wie von selbst reagierte. Er stürzte nach vorne, seine Knie schlitterten über den Boden, die Hände griffen nach ihr.
„Ava! Oh mein Gott… Ava!“
Er drehte sie vorsichtig auf den Rücken.
Ihr Hals … durchtrennt.
Die Haut war fahl, das Blut tiefrot. Ihre Augen waren halb geöffnet, leer, als hätte sie versucht, im letzten Moment noch etwas zu sehen, etwas zu verstehen.
Er keuchte, konnte kaum atmen. Sein Herz raste, aber sein Verstand war leer.
Dann sah er das Messer.
Es lag nur wenige Zentimeter entfernt, als hätte es jemand dort hingelegt.
Seine Finger schlossen sich unbewusst um den Griff. Ein Reflex. Ein dummer, instinktiver Reflex.
Und in genau diesem Moment brach die Welt zusammen.
Die Tür explodierte auf.
Ein dumpfer Knall, dann schweres Stampfen. Schritte, Stimmen, kaltes Metall.
„NEW LONDON AUTHORITY! HÄNDE HOCH!“
Victor wirbelte herum, das Messer noch in der Hand.
Uniformierte Männer mit dunklen Helmen, gepanzerten Anzügen, Gewehre im Anschlag. Ihre Gesichter waren kalt, maskenhaft, ausdruckslos – nur ihre Augen funkelten mit professioneller Schärfe.
Sie sahen ihn.
Sahen die Tote.
Sahen das Messer.
Die Stille nach dem Befehl dauerte keine Sekunde, doch für Victor fühlte es sich an wie eine Ewigkeit.
„Nein! Nein, nein! Ich … Ich fand sie so!“, rief er, warf das Messer von sich.
Einer der Männer trat nach vorne. Seine Stimme war ruhig, aber unerbittlich: „Hände hoch. Weg von der Frau.“
Victor hob die Hände, die blutigen Finger zitternd. „Das ist ein Fehler. Ich habe sie nicht–“
Die Männer bewegten sich wie eine präzise Maschine.
Einer packte ihn am Arm, ein anderer trat ihm das Bein weg.
Er stürzte zu Boden, die kalte Oberfläche schlug hart gegen seine Rippen.
Hände zerrten an ihm, rissen seine Arme nach hinten, pressten ihn brutal zu Boden.
„AVA!“
Seine Stimme war heiser, gebrochen. Er bäumte sich auf, wurde mit gnadenloser Härte niedergehalten.
Dann – ein dumpfer Schlag.
Etwas traf ihn an der Schläfe. Ein Gewehrkolben.
Licht flackerte.
Dann Dunkelheit.
© Armin Knebel, 2026
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