Runen aus Blut
Was einst begraben wurde, wartet nur darauf, zurückzukehren.
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Klappentext: Vergessen sind sie – die Kreaturen jenseits der gängigen Legenden.
Als in Tromsø ein alter Fischer auf grausame Weise stirbt, ahnt Kommissar Ivar Nyheim noch nicht, dass dieser Mord nur der Anfang ist.
Eine uralte Rune. Eine verfluchte Münze.
Und ein Jarl, der im Tod nicht ruhen will.
Die Historikerin Ylva Strand erkennt das Muster – und es führt in die düstere Vergangenheit Nordnorwegens, tief in die Mythen um den Draugr Sigvaldr Blóðøx.
Doch manche Geschichten ruhen nicht – egal wie tief man sie vergräbt …
Ein düsterer Mystery-Horrorroman über Runen, Reue und Rache – für Fans von nordischer Mythologie, Lovecraft und dunkler Archäologie.
„Er ist nicht tot!“ schrie einer der Männer.
„Die Götter nehmen ihn nicht!“
Infos
- ASIN: B0GNB3MHF5
- Herausgeber: SaarPoesie
- Erscheinungstermin: 13. Februar 2026
- Sprache: Deutsch
- Seitenzahl der Taschenbuch-Ausgabe: 221 Seiten
- ISBN-13: 979-8293558490
- Abmessungen: 12.7 x 1.42 x 20.32 cm
Leseprobe
Vorwort:
Vampire, Werwölfe, Zauberer und Hexen – sie sind die unangefochtenen Herrscher der dunklen Legenden. Ihre Geschichten wurden unzählige Male erzählt, in Filmen und Büchern verewigt, bis sie fast alltäglich geworden sind. Doch was ist mit den anderen Kreaturen der Nacht? Den Wesen, die in der Dunkelheit zwischen den Geschichten warten, vergessen, verformt, namenlos?
Kelpie, Wendigos, Aswangs, Strigoi, Draugr – ihre Legenden sind alt, verborgen in vergessenen Mythen und flüsternden Überlieferungen. Sie existieren jenseits der bekannten Pfade der Fantasie, unberührt von den Händen des Mainstreams. Dabei tragen gerade sie das Potenzial für neue, ungezähmte Geschichten – düster, archaisch und voller Geheimnisse.
Besonders die Sagen des Nordens sind eine unerschöpfliche Quelle für solch uralte Schrecken. Die eisige Wildnis Norwegens und Islands ist durchdrungen von der Anwesenheit des Unheimlichen – von Geistern, die in den Fjorden wandern, untoten Kriegern, die ihr Gold bewachen, und Wesen, die mit dem Wind flüstern. In dieser frostigen Welt, wo die Dunkelheit Monate lang währt, werden Albträume lebendig.
Willkommen in meiner Welt – einer Welt, in der die vergessenen Kreaturen der Nacht ihr Recht auf Schrecken zurückfordern.
Willkommen in der Nordischen Saga.
Armin Knebel
Prolog:
Über Store Grindøya hing die Nacht wie eine stumme Warnung. Kein Laut, kein Leben – nur das leise Schaben der Schaufeln, die Torf in die Dunkelheit gruben. Der Himmel war ein endloses, schwarzes Tuch, zerrissen von fahlen Wolkenfetzen, die über den bleichen Mond jagten. Der Wind peitschte über die Fjorde, trug den salzigen Atem des Meeres mit sich, doch auf der Insel selbst war es unnatürlich still. Kein Rauschen der Blätter, kein Kreischen der Möwen – nur das gedämpfte Schaben der Schaufeln, die nassen, kalten Torf aus dem Hügel gruben.
Dutzende Männer standen im Kreis um die Grube, ihre Schatten zitterten im flackernden Licht der Fackeln. Ihre Gesichter waren hart, doch ihre Augen zeigten mehr als nur Ehrfurcht – Angst. Denn dies war keine gewöhnliche Bestattung. Dies war das Begräbnis eines Mannes, den sie fürchteten, selbst im Tod.
Jarl Sigvaldr Blóðøx lag auf einer hölzernen Bahre, sein Körper in dunkle Stoffe gehüllt, das mächtige Beil, das ihm seinen Namen gegeben hatte, quer über seine Brust gelegt. Sein Gesicht war seltsam unversehrt, als hätte der Tod sich nicht ganz nehmen lassen, was ihm gehörte. Die Augen geschlossen, die Lippen leicht geöffnet, als würde er noch immer atmen.
Thorgrim Ulfsson trat nach vorn, sein Blick schweifte über die Männer, die sich um die Grube versammelt hatten. Sie hatten ihm gefolgt, hatten mit ihm die Rebellion angeführt, Sigvaldr mit ihren eigenen Händen niedergestreckt. Doch jetzt, da sie sein Grab schaufelten, zog eine düstere Stille durch ihre Reihen.
Ein alter Schamane trat aus den Reihen hervor, sein knorriger Stab klapperte leise gegen die kalten Steine. Sein Gesicht war eingefallen, seine Haut wie altes Pergament. Er blickte hinab auf Sigvaldrs Körper, murmelte Worte in einer Sprache, die selbst die Ältesten kaum noch kannten. Schutzrunen wurden in die Erde geritzt, Holzpfähle mit nordischen Symbolen in den Boden geschlagen.
„Er darf nicht zurückkehren“, flüsterte der Alte, seine Stimme kaum mehr als ein Hauch.
Thorgrim, der den Titel des neuen Jarls beanspruchte, verzog das Gesicht. „Er ist tot. Er kann nicht zurückkehren.“
Der Schamane hob seine von Runen gezeichnete Hand. „Du weißt nichts über das, was im Dunkeln lauert, Thorgrim. Er hat zu viel genommen, zu viele Leben ausgelöscht, zu viel Blut vergossen. Der Tod reicht nicht, um ihn zu binden.“
Ein leises Raunen ging durch die Männer. Keiner von ihnen war abergläubisch – nicht wirklich. Doch sie alle hatten die Geschichten gehört. Von den Rastlosen. Den Verdammten. Denjenigen, die nicht verrotteten, deren Hunger selbst der Tod nicht stillen konnte.
Sigvaldrs Körper wurde in die Grube gesenkt. Mit ihm sein Gold, seine Waffen, sein Schild, all das, was ihm im Leben gedient hatte. Die Erde sollte es bedecken, für alle Zeiten.
Eine Bewegung.
Es war kaum mehr als ein Zucken, ein leichtes Beben der Bahre. Doch es ließ die Männer erstarren.
„Was war das?“ flüsterte jemand.
Niemand antwortete. Jeder sah es. Jeder spürte es.
Die Lippen des toten Jarls … bewegten sich.
Ein leises Keuchen.
Eine Stimme, kaum mehr als ein Schaben in der Kehle eines Toten.
„Mein Gold …“
Thorgrim stolperte zurück. Der Schamane hob die Hände, begann in einem hastigen, verzweifelten Ton zu sprechen. Die Runen auf seiner Haut schienen im Fackelschein zu glimmen.
„Er ist nicht tot!“ schrie einer der Männer. „Die Götter nehmen ihn nicht!“
Die Erde begann sich zu bewegen. Kein Beben, keine Gewalt, nur ein langsames, unheilvolles Einsinken. Die Münzen, die sie mit ihm begraben hatten, zitterten, rollten leise über das Holz der Bahre.
„Schließt das Grab!“ rief der Schamane. „Schnell!“
Mit panischer Eile wurde das Grab verschlossen. Die Männer schaufelten Erde in die Grube, bedeckten den Sarkophag des Jarls. Die Erde verschluckte ihn, begrub ihn unter ihrem kalten, schweren Gewicht.
Der Wind erhob sich plötzlich, heulte über die Insel wie ein gequältes Wesen. Die Fackeln flackerten, einige erloschen, Dunkelheit kroch zwischen die Männer.
Stille.
Nichts bewegte sich mehr.
Der Schamane trat nach vorn, kniete sich nieder und ritzte mit einer zitternden Hand ein letztes Symbol in die Erde. Eine alte Rune. Eine Warnung.
„Möge er ruhen“, flüsterte er. Doch seine Augen sprachen eine andere Sprache.
Sie wussten es alle.
Sigvaldr Blóðøx würde nicht ruhen.
Nicht ewig.
Teil 1: „Geschichtsstunde“
Der Nebel kroch über den Fjord wie eine lebendige Kreatur, dick und eisig, als Bjørn das Ruder seines Bootes fest umklammerte. Das Wasser schlug dumpf gegen den Holzrumpf, ein monotoner Rhythmus, der ihn in trügerische Sicherheit wiegte. Dann hörte er es: ein flüstern im Wind – das Knarren von altem Holz, das Klirren rostiger Ketten. Durch den Schleier der Nacht tauchte es auf – ein Langschiff, schwarz wie verkohlte Knochen, seine Segel zerfetzt, sein Rumpf von Moos überwuchert. Die Luft roch plötzlich verfault und modrig. Auf dem Deck stand eine Gestalt, regungslos, die Augen zwei glühende Kohlen in einem gespenstischen Antlitz. Bjørns Atem gefror. Sigvaldrs Geisterschiff. Er ruderte, bis seine Arme brannten, doch das Schiff folgte, immer näher, bis der Schrei des Windes sich in ein Flüstern verwandelte: „Mein Gold … mein Gold …“
Sigvaldr kam im Winter zur Welt, als die Sonne monatelang nicht über den Horizont kroch. Seine Mutter starb im Kindbett, sein Vater warf den schreienden Säugling den Schamanen zu. „Er gehört den Göttern“, brummte er, während das Feuer im Langhaus die Schatten tanzender Dämonen an die Wände warf. Doch Sigvaldr überlebte. Er lernte früh, dass Macht aus Schmerz geboren wird. Mit zwölf Jahren schlitzte er einem rivalisierenden Jarlssohn die Kehle auf, als dieser ihn beim Stehlen erwischte. Das Beil, mit dem er den Kopf vom Rumpf trennte, war fortan sein Symbol. Blóðøx nannten sie ihn – das Blutbeil.
Tromsøs Küste bebte unter Sigvaldrs Stiefeln. Seine Festung, aus Holz und gebrochenen Knochen errichtet, ragte wie ein verwundeter Riese über den Fjord. Jeder Bauer, jeder Fischer musste Tribut zahlen: Körbe voller getrockneter Fische, Pelze, Silbermünzen. Wer sich weigerte, endete an Sigvaldrs Pfahl – ein Opfer für Odin, dessen leere Augenhöhlen in die Kälte starrten. Nachts, wenn der Nordwind durch die Palisaden heulte, flüsterten die Männer: „Er verkauft seine Seele für jeden Krümel Gold.“ Doch keiner wagte es, laut zu sprechen. Nicht einmal die Raben.
Thorgrim Ulfsson lächelte, als er Sigvaldr den Metkelch reichte. „Auf deine unsterbliche Herrschaft!“, rief er, während die Halle von Gelächter und dem Scheppern der Trinkhörner widerhallte. Sigvaldr trank gierig, das Gift brannte erst Stunden später. Als er stürzte, durchbohrten ihn die Speere seiner eigenen Krieger. „Du hast genug genommen“, zischte Thorgrim, sein Gesicht eine Maske aus Hass und Angst. Sie warfen Sigvaldrs Leichnam in die Grabkammer, doch sein letzter Fluch klebte an ihren Seelen: „Ich werde niemals ruhen. Niemals.“
Store Grindøya war fortan eine Insel des Schweigens. Die Fischer mieden ihre Küsten. Nicht einmal die Möwen kreisten noch dort. Bis eines Nachts ein Dieb kam, angelockt von den Legenden über Sigvaldrs Schatz. Er grub, bis seine Hände blutig waren – und stieß auf etwas Schwarzes, Verwestes, das nach Moder und Eisen roch. Die Schreie hallten über das Meer. Am nächsten Morgen fand man ihn am Strand, die Augen herausgerissen, die Lippen zu einem ewigen Staunen erstarrt. In seiner Hand: eine Münze, bedeckt mit Runen, die nur eine Warnung zeigten: „Der Draugr wacht.“
*WUMM*
Mit einem lauten Klappern schlug Ylva das schwere Buch vor sich zu. Der dumpfe Knall hallte durch den Raum wie ein Hammerschlag. Einige der Zuhörer zuckten zusammen. Ein Mann in der zweiten Reihe ließ beinahe seinen Kaffeebecher fallen. Jemand hustete – skeptisch.
„Gruselig, aber das ist doch nur Legende, oder?“, hörte sie jemanden rufen.
Ylva ignorierte die Reaktion, schob sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht und begann ruhig, ihre Unterlagen zu sammeln. Ihre Finger glitten über alte, mit Notizen übersäte Seiten, über vergilbte Ausdrucke von Runeninschriften, über ein ledergebundenes Notizbuch, das schon bessere Tage gesehen hatte. Ihre Gestalt wirkte in dem schummrigen Licht der Leselampe fast wie ein Relikt aus einer anderen Zeit – der dunkle Wollpulli, die abgenutzten Stiefel, die unzähligen Tintenspuren an ihren Händen.
Die Luft im kleinen Konferenzsaal war schwer von abgestandener Heizungsluft und dem sanften, kaum hörbaren Summen des Projektors. Auf der Leinwand hinter Ylva Strand prangte das groteske Abbild eines Draugr: eine bleiche, ausgemergelte Gestalt mit schwarzen Klauen, die zwischen Licht und Nacht wachte. Die Haut ledrig, aufgesprungen wie altes Pergament, die Augen glühende Hohlräume. Der Mund verzogen in einem starren, fleischlosen Grinsen. Es war ein Bild, das die Fantasie anregte – oder Albträume schürte.
Darüber prangte in großen Lettern: „Nordische Mythologie – „Draugr Blutbeil“ (von Ylva Strand, Historikerin & Runen-Expertin)“
Die knapp hundert Zuhörer, die sich in den gepolsterten, aber abgenutzten Stuhlreihen versammelt hatten, starrten mit unterschiedlichen Reaktionen auf das Bild. Manche lehnten sich vor, die Hände unter dem Kinn verschränkt, fasziniert. Andere hatten die Arme verschlossen, ihre skeptischen Blicke sprachen Bände. Ein paar junge Leute in der letzten Reihe kicherten leise, während eine ältere Frau sich unbehaglich auf ihrem Platz hin und her bewegte.
Die ersten Zuhörer begannen, sich zu erheben, als sich eine Gestalt aus den Reihen löste und in Richtung Podium schritt.
„Strand,“ sagte der Mann mit einer Mischung aus Neugier und Unglauben in der Stimme. „Was ist wirklich wahr an den Geschichten? Du glaubst doch nicht wirklich daran, oder?“
Ylva sah auf. Ihr Blick glitt über den Mann – Mitte vierzig, hager, mit einem Mantel, der aussah, als hätte er bessere Tage gesehen. Seine Haltung war angespannt, doch in seinen Augen funkelte eine herausfordernde Skepsis.
Sie lehnte sich gegen den Tisch, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ sich Zeit mit ihrer Antwort.
„Tja …“ begann sie langsam, „was ist wahr an der Bibel? Wahr ist, was wir glauben, dass es wahr ist. Gibt es Vampire? Werwölfe? Untote? Keiner glaubt dran, aber alle rennen ins Kino, wenn ein neuer Vampirfilm kommt oder bereiten sich auf Zombie-Apokalypsen vor … also: Was ist wahr?“
Der Mann schnaubte leise, doch sein skeptischer Blick blieb. „Strand … ich bitte dich: Runen, ein Fluch, ein untoter Wikinger-Zombie, der aus seinem Grab steigt … klingt ziemlich strange.“
Ylva hob eine Braue und betonte das Wort bewusst: „Strange? Nun gut … dann erzähle ich dir mal etwas Stranges.“
Sie machte eine kurze Pause, ließ ihre Worte im Raum hängen.
„Früher erzählten Seeleute von gigantischen Seeungeheuern, die ganze Schiffe verschlangen, sie unter Wasser zogen. Glaubst du daran?“
Der Mann schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht – Seemannsgarn …“
Ylva lächelte dünn. „Ach ja? Und was ist mit dem Kraken? Wissenschaftler fanden in der Tiefsee tatsächlich Riesenkalmare, die über zwölf Meter lang werden. Man weiß immer noch wenig über sie. Immer noch Seemannsgarn?“
Der Mann presste die Lippen aufeinander, als sie weitersprach.
„Die Nazca-Linien. Die Antikythera-Maschine. Das Bermuda-Dreieck. Wirklich alles nur Hirngespinste?“
Es folgte ein Moment des Zögerns. Ein innerer Kampf, den sie kannte.
„Ja, schon … aber Untote?!“
Ylva lächelte – sie erkannte diesen Ausdruck. Die feine Kluft zwischen Zweifel und Faszination.
„Jarl Sigvaldr Blóðøx hat wirklich existiert. Das ist wissenschaftlich belegt. Alles andere bleibt jedem selbst überlassen.“
Sie griff nach ihrer Tasche, während die ersten Leute den Saal verließen. „Wenn du mich jetzt entschuldigst … ich habe noch etwas zu tun.“
Der Mann wich einen Schritt zurück, schüttelte leicht den Kopf. „Danke trotzdem … es war … interessant.“
Sie sah ihm nach, als er ging. Dann hielt sie ihr Lächeln noch einen Moment auf den Lippen, bevor sie sich umdrehte und die letzten Papiere in ihre Tasche steckte.
***
Eisiger Atem lag auf dem Fjord, als hätte der Himmel selbst ausgeatmet. Die Sterne funkelten nicht – sie starrten, reglos und scharf, wie Nadeln im schwarzen Samt. Das Wasser war still, glitzerte im Mondlicht wie eine polierte Oberfläche. Der alte Fischer, dessen Hände rau waren wie Treibholz, lenkte sein Boot behutsam an den Ankerplatz. Es war eine dieser Nächte, in denen das Meer sich wie eine Vertraute anfühlte – ruhig, geduldig, ohne Hinterlist.
Mit geübten Bewegungen band er das Tau um einen moosbewachsenen Poller, zog es fest, bis es nicht mehr nachgab. Seine Gelenke schmerzten in der Kälte, doch das war er gewohnt. Jahrzehnte hatte er auf diesen Gewässern verbracht. Er kannte jede Strömung, jede Laune der See.
Er begann, seine Fracht zu entladen – ein paar Kisten mit Kabeljau, Netze, die nach Salz und Fisch rochen. Der vertraute Geruch beruhigte ihn. Dann – ein plötzlicher Wechsel.
Ein Frösteln lief ihm über den Rücken.
Der Geruch des Meeres … verschwand.
Ein Windstoß kam aus dem Nichts, wirbelte alte Seile und Papierfetzen auf.
Nebel.
Dicht. Schwere Schwaden krochen über den Steg, breiteten sich über das Wasser aus, umhüllten sein Boot. Sie stiegen auf wie lebendige Finger, schlängelten sich durch jede Ritze, verschluckten jede Kontur.
Sein Atem ging schneller. In all den Jahren, die er auf See verbracht hatte, hatte er vieles erlebt – Stürme, Eis, peitschenden Regen. Aber das hier? Der Nebel kam zu schnell, zu dicht. Kein Wetterumschwung war so abrupt.
Seine Sicht schrumpfte auf wenige Schritte. Der Ankerplatz, eben noch ein vertrauter Ort, wurde zu einer gesichtslosen, grauen Leere.
Der alte Fischer blinzelte. War das Einbildung? Ein Streich der Müdigkeit?
Er machte ein paar unsichere Schritte nach vorn. Das Holz unter seinen Stiefeln knarrte dumpf.
Plätschern.
Nicht das sanfte, rhythmische Schlagen der Wellen gegen den Rumpf. Nein. Etwas anderes. Unregelmäßig. Schwer. Als würde etwas Großes durch das Wasser steigen.
Er hielt den Atem an. Lauschte.
Ein langsames, schleifendes Schmatzen.
Er drehte sich ruckartig um.
„Hallo?“ Seine Stimme klang hohl im Nebel. Kein Echo. Keine Antwort.
Er spürte, wie seine Nackenhaare sich aufstellten.
Zwei rote Lichter.
Glühend, rund, reglos. Keine Reflexionen von Lampen oder Bojen. Sie schwebten im Nebel, nah beieinander, beobachtend. Augen.
Sein Herz schlug schneller.
Was … was war das?
Er machte einen Schritt darauf zu, versuchte zu erkennen, was dahinter lag. Der Nebel schien sich zu verdichten, fast als wollte er die Gestalt dahinter verbergen.
Eine Silhouette schälte sich aus der Finsternis.
Hochgewachsen. Kaum zu definieren. Eine Gestalt in Fetzen, die in der feuchten Luft hingen wie verweste Haut. Der Nebel wogte um sie herum, als würde sie ihn mit sich führen.
Dann traf ihn der Geruch.
Fäulnis.
Dick, süßlich, durchzogen von altem Blut und verrottendem Fleisch. Es kroch ihm in die Nase, in den Rachen, drehte ihm den Magen um. Er würgte, stolperte einen Schritt zurück.
Die rote Glut starrte ihn weiter an.
Etwas war hier.
Etwas, das nicht sein sollte.
Panik durchzuckte ihn. Er drehte sich um, rannte los, blind durch den Nebel.
Knall!
Er prallte gegen den Steg, fiel hart zu Boden. Der Aufprall raubte ihm den Atem. Keuchend drehte er sich auf den Rücken, kroch weiter, die Hände rutschend auf feuchtem Holz. Der Gestank wurde stärker, so unerträglich, dass ihm Tränen in die Augen schossen.
Eine Hand. Eiskalt, knochig, unmenschlich stark.
Sie schloss sich um seinen Hals, packte zu.
Er wurde hochgerissen, mühelos. Keuchend trat er um sich, seine Fingernägel schabten über verrottete Haut – oder war es Stoff? – doch der Griff lockerte sich nicht.
Ein leises, rasselndes Atmen hinter ihm.
Er sah sie nicht. Doch sie war da.
Druck.
Ein schreckliches Knirschen.
Sein Hals wurde einfach zerdrückt, als wäre er nichts als reife Frucht. Sein Kopf rollte zur Seite, traf dumpf das Holz. Sein Körper, noch zuckend, sackte zusammen.
Doch es war noch nicht vorbei.
Ein schwerer Schatten bewegte sich.
Das metallische Flüstern eines Beils in der Luft.
Wumm!
Das Beil rauschte nieder, spaltete den leblosen Körper mit einem dumpfen Geräusch.
Stille. Der Nebel begann zu verschwinden.
So schnell, wie er gekommen war.
Der Fjord lag wieder still, das Wasser spiegelte den Sternenhimmel.
Die Nacht war, als wäre nie etwas geschehen.
Nur der alte Fischer erlebte diese Stille nicht mehr.
***
Der Schrei durchbrach die Stille wie ein scharfes Messer, hallte über das dunkle Wasser und kroch durch die engen Gassen der Stadt. Eine Frau, die frühmorgens ihren Hund ausführte, hatte die Leiche gefunden – oder vielmehr das, was von ihr übrig war. Ihr Entsetzen färbte die Nacht mit einer neuen Art von Schrecken. Es dauerte nicht lange, bis die Polizei eintraf, Blaulichter die Finsternis zerschnitten und sich Menschen um den Tatort sammelten – neugierige Gesichter, die sich hinter Absperrungen drängten.
Kommissar Ivar Nyheim stieg aus dem Wagen, zog den Mantel enger um sich und spürte, wie ihm der eisige Wind die Wangen aufraute. Das Wetter hatte sich verändert. Tromsø war ohnehin kein freundlicher Ort – zumindest nicht um diese Jahreszeit. Der Sommer war vorbei, die Dunkelheit kam schneller, der Himmel hing schwer über der Stadt. Bald würde die Polarnacht beginnen, jene Monate, in denen die Sonne sich weigerte, über den Horizont zu steigen.
Er ließ den Blick über den Tatort schweifen. Sie hatten den Bereich am Westufer von Tromsø, nahe der Sandnessund-Brücke, abgeriegelt. Die Brücke verband Tromsø mit Kvaløysletta, einem eher ruhigen Vorort auf der benachbarten Insel. Ganz in der Nähe lag der kleine Flughafen von Tromsø, wo Lichter aus der Ferne blinkten.
Tromsø selbst war eine Stadt der Gegensätze. Eine kleine Inselstadt, umgeben von Fjorden, Bergen und Kälte, die sich trotzdem wie eine Metropole anfühlte. Moderne Glasfassaden standen neben alten Holzhäusern aus der Zeit der Robbenfänger. Die Stadt war voller Leben – Studenten, Touristen, Fischer und Wissenschaftler. Eine Stadt, die von Dunkelheit lebte und in der man lernen musste, mit solchen Dingen umzugehen.
Aber die Düsternis, die heute Nacht herabgesunken war, war anders.
Nyheim trat näher an die Szenerie heran. Scheinwerfer tauchten die Szenerie in gleißendes Licht. Männer in weißen Ganzkörperanzügen bewegten sich methodisch über den Platz, sicherten Spuren, machten Fotos, markierten Bodenstellen mit nummerierten Kärtchen. Der Himmel war ein schweres Grau, die ersten Flocken trieben in der Luft.
Und mitten in diesem Chaos – die Leiche.
Der alte Fischer lag noch genauso da, wie man ihn gefunden hatte. Sein Kopf war sauber vom Rumpf getrennt, der Mund weit aufgerissen in einem stummen Schrei. Die Augen starrten nach oben, weit aufgerissen, als hätte er in seinen letzten Sekunden etwas gesehen, das sein Verstand nicht fassen konnte.
Der Körper daneben – gespalten wie Feuerholz. Kein Schnitt, keine klaffende Wunde wie von einem Messer. Das hier war rohe Gewalt. Nyheim hatte in seinen Jahren als Ermittler viel gesehen – aber das hier war nicht normal.
Er atmete durch. Die Luft schmeckte nach Fisch, nach Blut, nach Tod. Eine schwere Mischung, die sich tief in die Lungen setzte.
Er kratzte sich an der Schläfe, während sein Blick über den Ort glitt, nach einer Antwort suchend, die nicht kam. Schließlich drehte er sich zu einem seiner Kollegen um, der sich neben ihm in den Kragen seiner Jacke duckte.
„Was zum Teufel ist hier passiert?“ fragte Nyheim leise.
Sein Kollege, ein junger Ermittler mit müden Augen und einer Zigarette zwischen den Fingern, zuckte die Schultern. „Wenn wir es wüssten, wären wir arbeitslos …“
Nyheim schnaubte. „Was für eine Scheiße …“
Dann hob er den Kopf, lauschte – und runzelte die Stirn.
„Es ist ruhig … zu ruhig.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Sein Kollege blies Rauch in die kalte Luft. „Wie meinst du das?“
Nyheim ließ seinen Blick über die leeren Straßen, die stummen Bäume, die reglosen Dächer schweifen. „Keine Vögel. Kein Wind. Kein Rascheln. Keine Tiere. Gar nichts.“ Er zog die Schultern hoch, als ob ihm plötzlich kälter wurde. „Es ist, als wäre alles verschwunden.“
Sein Kollege trat die Zigarette aus, seine Augen huschten unruhig zur dunklen Baumreihe am Straßenrand. „Vielleicht ist es das ja auch.“
Nyheim sagte nichts. Aber als die ersten Flocken zu Boden sanken, hatte er das seltsame Gefühl, dass mit dem Schnee etwas anderes kam. Etwas, das nicht hier sein sollte.
Er ließ den Blick über die Szenerie schweifen, sog die Eindrücke auf – das aufgewühlte Wasser, die Leichenteile, die sich bereits mit einer dünnen Schneeschicht bedeckten, die abgesperrte Zone, in der Spurensicherung und Forensiker methodisch ihre Arbeit verrichteten. Es war ein Bild des Todes, doch es war nicht das Blut oder die Verstümmelung, die ihn beunruhigten.
Sein Kollege trat neben ihn, wies mit einem knappen Nicken auf eine Stelle neben dem Opfer. Zwischen den dunklen Holzplanken des Anlegestegs lag etwas Kleines, Rundes, das langsam von den fallenden Schneeflocken verschluckt wurde.
„Da drüben. Haben wir markiert.“
Ein gelbes Nummernschildchen ragte zwischen den Planken hervor. Nyheim kniete sich hin, zog sich die eng anliegenden Nitrilhandschuhe über und griff nach dem Gegenstand. Als er ihn anhob, glänzte die Oberfläche matt im kalten Licht der Tatortlampen. Eine Münze.
Er drehte sie zwischen den Fingern, hielt sie gegen das künstliche Licht. Die Prägung war alt, fast erodiert, aber dennoch erkennbar. Irgendwelche Symbole, eine grobe, primitive Schrift, eingerahmt von einem unregelmäßigen Rand.
„Sieht alt aus …“ murmelte er.
Sein Kollege sah nur kurz hin und nickte.
„Ob wir dafür einen Experten haben?“
Der andere Mann zuckte mit den Schultern. „Mir fällt spontan keiner ein. Wir hatten aber mal vor Monaten einen Fall, wo wir einen Numismatiker brauchten.“
Nyheim verzog das Gesicht. „Numiswas?“
„Numismatiker … so Münztypen.“
„Dann ruf einen an.“
Der Kollege zückte sein Diensthandy, tippte eine Nummer ein und wandte sich von ihm ab, während er die Zentrale kontaktierte.
Nyheim richtete sich auf, ließ den Blick erneut über den Tatort schweifen. Er wandte sich dem kleinen Boot des Fischers zu, das noch immer an den alten, moosbewachsenen Pollern vertäut war. Schnee sammelte sich auf den Planken, und das Wasser darunter schien … anders.
Als er näher trat, fiel sein Blick auf etwas Dunkles im Boot. Ein Rabe.
Oder besser gesagt – der Kadaver eines Raben. Die Federn waren zerzaust, das Auge leblos, der Schnabel leicht geöffnet, als hätte das Tier in seinen letzten Momenten noch einen Schrei ausgestoßen.
Nyheim dachte sich nicht viel dabei. Ein toter Vogel war an einem Hafen nichts Ungewöhnliches. Doch als er weiter auf das Wasser blickte, spürte er, wie ihm ein unbehagliches Frösteln den Rücken hinaufkroch.
Das Wasser …
Es war trüb. Unnatürlich trüb.
Nicht so, wie es sein sollte – kein sanftes Schaukeln der Oberfläche, keine leichten Wellenbewegungen von der Strömung. Stattdessen wirkte es … still. Zu still.
Als wäre es erstarrt.
Als hätte es aufgehört zu atmen.
Ein eiskalter Schauer rann ihm über den Nacken.
Er wusste nicht, warum, aber sein Instinkt warnte ihn. Es war nicht der tote Vogel, nicht die groteske Szene des Mordes. Nicht diese Stille. Es war dieses Wasser.
Er beugte sich tiefer, kniete sich an den Rand des Stegs, starrte hinab.
Da war etwas.
Er konnte es nicht genau erkennen, nicht wirklich begreifen, aber unter der schlierigen, grauen Oberfläche war eine Bewegung. Eine Form? Etwas? Jemand?
Sein Herzschlag beschleunigte sich.
Er streckte langsam die Hand aus, näherte sich der Oberfläche, als könnte er das Geheimnis darunter mit bloßen Fingern greifen.
Gerade als seine Fingerspitzen das Wasser berührten –
– zerplatzte die Trübung.
Wie ein zerrissener Schleier löste sich die unnatürliche Stille auf. Das Wasser wurde klar, spiegelte wieder den Himmel und die Lichter der Stadt. Und mit einem Schlag kehrten die Geräusche zurück – das entfernte Rauschen der Wellen, das Knarren der vertäuten Boote, das leise Summen der Stadt. Der Wind fuhr durch die Bäume, Raben krächzten aus der Dunkelheit, irgendwo schlug eine Tür zu. Unter der Oberfläche jedoch – nichts. Keine Form. Keine Bewegung.
Nur dunkle, bodenlose Tiefe.
Ein Krächzen gellte durch die Luft – direkt hinter ihm.
Nyheim fuhr herum, riss den Kopf in Richtung des Bootes – und erstarrte.
Der Rabe …
Der tote Rabe …
… saß aufrecht im Boot.
Lebendig.
Sein schwarzes Gefieder glänzte nass im Schein der Tatortlampen, die kleinen Krallen krallten sich in das feuchte Holz. Der Vogel neigte den Kopf, fixierte Nyheim mit schwarzen, funkelnden Augen.
Dann breitete er die Flügel aus, stieß ein weiteres krächzendes Geräusch aus und erhob sich in die Nacht.
Nyheim starrte ihm nach, sein Atem stieß kleine Dampfwolken in die kalte Luft.
Er stand langsam auf, blickte noch einmal zurück zum Boot. Kein Kadaver. Kein Beweis, dass dort jemals ein toter Vogel gelegen hatte.
Nur der Wind, der durch die dunklen Gassen von Tromsø strich, und das Krächzen eines Raben, das sich langsam in der Ferne verlor.
***
© Armin Knebel, 2026
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