Der Mond kennt unsere Namen

Zwischen Stille und Worten beginnt sie, sich selbst zu finden.

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Cover: Der Mond kennt unsere Namen

Klappentext: „Manchmal ist das Leise das Lauteste.“

Florence sieht Farben, wo andere nur Stimmen hören. Sie fühlt Wahrheiten, lange bevor sie jemand ausspricht. Nach einem schweren Verlust und Jahren stillen Mobbings beginnt für sie ein neues Kapitel auf Guernsey – einer Insel zwischen Himmel, Meer und Vergangenheit.

Dort trifft sie auf Robert, der lieber zeichnet als spricht, auf Daisy, die gelernt hat, sich selbst treu zu bleiben, und auf Mitschüler, die die Regeln von Zugehörigkeit und Ausgrenzung mit erbarmungsloser Präzision beherrschen.

Ein Gedichtewettbewerb wird zum stillen Katalysator. Zwischen Stille und Worten, Licht und Schatten wächst etwas, das stärker ist als Spott, Gerede und das, was war: Vertrauen.

Ein feinfühlig erzählter Roman über Anderssein, stille Stärke und die Macht kleiner Gesten. Für alle, die gelernt haben, zwischen den Zeilen zu lesen.

  • ASIN: B0FYYNDZ1Z
  • Herausgeber: SaarPoesie
  • Erscheinungstermin: 1. November 2025
  • Sprache: Deutsch
  • Seitenzahl der Taschenbuch-Ausgabe: 325 Seiten
  • ISBN-13: 979-8296087195
  • Abmessungen: 12.7 x 2.08 x 20.32 cm

Vorwort:

Ich schreibe langsam.

Weil ich glaube, dass Stille mehr erzählt als Lärm.

Nicht das Offensichtliche interessiert mich – sondern das, was man beinahe übersieht.

Zwischen zwei Sätzen liegt oft mehr Wahrheit als in hundert Erklärungen.

Ich mag keine lauten Figuren. Mich berühren die Risse.

Dort, wo Licht hindurchfällt. Auch Räume sind keine Kulissen. Sie atmen. Erinnern. Halten fest.

Nicht jeder liest zwischen den Zeilen. Muss auch nicht. Aber wenn du es tust – bist du hier richtig.

Willkommen.

Prolog:

Es begann, lange bevor sie wusste, dass es einen Namen dafür gab.

Stimmen und Geräusche hatten Farben. Nicht als Idee – sondern wirklich. Die hohen klangen hell, wie dünnes Gelb auf Glas. Die tiefen waren oft grün, manchmal braun, seltener violett.

Ihre Mutter war lavendelfarben. Sanft und klar, wie ein warmer Abend. Ihr Vater: stahlgrau, ruhig und beständig.

Wenn jemand log, flackerte es. Wenn jemand weinte, ohne es zu zeigen, schimmerte alles wie Rauch.

Sie hatte einmal gefragt: „Mama, warum ist Mr. Trenth so rot, wenn er spricht?“

Ihre Mutter hatte geantwortet: „Weil er wütend ist, auch wenn er lächelt.“

Damals dachte Florence, alle sähen es.

Sie verstand nicht, warum niemand hinsah.

Und noch weniger, warum alle so viel redeten, wenn sie doch so wenig meinten.

Später, als sie älter war, hatte sie den Begriff in einem Buch gefunden: Synästhesie.

Sie schlug es nach, las die Definition, faltete die Seite. Und vergaß das Wort wieder.

Was blieb, war das Sehen. Das Lauschen. Das Wissen, das kam, bevor jemand sprach.

Das war genug.

Kapitel 1: „Ankunft“

Guernsey lag wie ein vergessenes Stück Welt in der Weite des Ärmelkanals, nur einen Atemzug entfernt vom französischen Festland, aber mit der Ordnung und Zurückhaltung Englands. Doch die Insel hatte ihren eigenen Klang, ihre eigene Farbe. Nicht London, nicht Paris – etwas Drittes. Etwas, das blieb.

St. Peter Port war ihr Herz. Die Hauptstadt schob sich terrassenförmig an den Hang, als hätte jemand sie vorsichtig mit der Handfläche gegen den Felsen gedrückt. Kleine, pastellfarbene Häuser reihten sich dort, mit Fensterläden in verblasstem Blau, Türen in Meeresgrün, von denen manche so alt aussahen, als hätte man sie seit Generationen nicht geschlossen. Die Gassen waren eng, schmal gepflastert, mit einem leichten Anstieg, der jeden Spaziergang zu einer kleinen Wanderung machte. In jeder Ecke eine Geschichte, in jedem Winkel eine Erinnerung.

Es roch nach Rosmarin, der sich durch alte Gärten zog, nach Salz und Stein, nach frisch gebackenem Brot und kaltem Metall, wenn die Fensterläden im Wind klapperten. Die Luft war weich und warm an diesem Julitag, aber nicht drückend – der Wind kam vom Wasser, trug Möwenschreie und das Quietschen der Hafenwinden mit sich. Keine Stadt in England roch so. Keine fühlte sich so an, als sei sie gleichzeitig alt und offen, verwurzelt und durchlässig.

Die Menschen sprachen englisch, aber mit einem Ton, der weicher war, fast melodiös, als wäre etwas Französisches darin zurückgeblieben. Manche Namen an Schaufenstern – Boulangerie, Parfumerie – erinnerten daran, dass Frankreich nur einen Horizont entfernt lag. Und doch: Hier war Guernsey. Ein eigener Ort. Kein Durchgang, sondern ein Ziel.

Die Straßen waren gesäumt von kleinen Läden, manche nur groß genug für eine Theke, manche vollgestopft mit Dingen, die niemand brauchte, aber jeder ansah. Antiquitäten, Teekannen, Bücher mit Stockflecken, Fischernetze, Porzellantiere. Dazwischen Cafés mit klapprigen Stühlen, deren Tische schiefe Tischdecken trugen und deren Löffel nie ganz zueinander passten. Über allem ein leiser Klang von Leben – nicht laut, nicht eilig. Ein Summen aus Stimmen, das nie hektisch wurde. Zeit verging hier anders.

Der Weg zum Hafen senkte sich, die Pflasterung wurde unregelmäßiger, der Wind frischer. Je näher man kam, desto lauter das Wasser – nicht tosend, sondern stoisch, wie ein alter Bekannter, der niemals aufdringlich wurde. Der Hafen selbst war eingefasst von niedrigen Mauern aus dunklem Granit, fleckig von Algen, blank von Jahrzehnten. Boote lagen vertäut, einige mit abblätterndem Lack, andere neu und prahlerisch weiß. Das Wasser darin war tiefblau mit Adern von Grün, klar genug, dass man manchmal das Schaukeln der Tangbüschel unter der Oberfläche sah.

Und dort, an diesem Mittag, als die Sonne so stand, dass sie den Horizont nicht blendete, sondern das Wasser in metallisches Licht tauchte, legte ein Schiff an. Kein großes, kein stolzes – eher eines, das Geschichten trug. Und auf seiner hölzernen Rampe stieg eine Frau mit graublondem Haar und geradem Rücken hinab, gefolgt von einem Mädchen, dessen Schritte leicht wirkten, aber vorsichtig.

Florence hielt sich einen Moment am Geländer. Nicht, weil sie Angst hatte – sondern weil sie sah. Alles auf einmal: Die Farbe des Wassers. Das Geräusch der Taue, die über Holz rutschten. Den Geruch von Diesel und Seegras. Und jenen seltsamen, fremden Moment, in dem etwas endet, ohne dass man es merkt – und gleichzeitig etwas beginnt, das noch keinen Namen hat.

Und ein leiser Teil in ihr dachte: Hier bin ich nicht zu Hause. Noch nicht. Vielleicht nie.

Sie verließen das Schiff, als hätte das Festland auf sie gewartet. Margaret Langley trat mit einer Selbstverständlichkeit über die Reeling, die keinen Zweifel ließ, dass sie ankam, nicht anreiste. Ihr Gang war aufrecht, die Bewegungen präzise, ihr silberblondes Haar zu einem makellosen Knoten frisiert. Selbst das helle Leinenkostüm, das sie trug, wirkte, als habe es keine Falten gewagt – zu strikt war die Frau, die es trug. Ihre Handtasche hielt sie fest unter dem Arm, die Lippen leicht aufeinandergepresst, die Augen wachsam.

Florence folgte ihr mit ein paar Schritten Abstand. Sie bewegte sich anders – nicht unsicher, aber zurückhaltend. Ihre Figur schmal, die Schultern gerade, der helle Rock schwang leise um ihre Knie. Ihre Haare – dunkelblond, sanft gewellt – fielen ihr offen über die Schultern. Es war keine inszenierte Schönheit. Nichts an ihr forderte Blickkontakt, aber wer hinsah, konnte nicht wegsehen. Ihre graugrünen Augen wanderten über die Ankommenden, ohne stehenzubleiben – sie sah viel, sagte nichts.

Margaret blieb stehen, ihr Blick glitt über die kleine Menge am Kai. Da war er: Ein Mann mittleren Alters, dunkler Anzug, sauberes Auftreten, in der Hand ein Schild mit der Aufschrift „Langley“. Darunter das diskrete Emblem des diplomatischen Dienstes.

Sie tippte Florence an die Schulter, sanft, aber bestimmt. „Ich glaube, da müssen wir hin.“

Florence blinzelte, als müsse sie erst zurückfinden. Der Geruch des Hafens, das Grollen eines entfernten Dieselmotors, das Kreischen der Vögel – all das hatte sie festgehalten. Doch sie nickte und ging los, neben ihrer Großmutter, nicht hinter ihr.

Der Mann verbeugte sich kaum merklich, stellte sich nicht vor. Es war nicht nötig. Er führte sie wortlos zu einem dunkelblauen Wagen mit diskreter Beschriftung und getönten Scheiben. Ein Dienstfahrzeug. Florence glitt auf den Rücksitz, Margaret folgte. Die Tür schloss satt.

Kaum hatte der Wagen die ersten Kurven genommen, sagte Florence leise, fast beiläufig: „Wie weit ist es bis Frankreich?“

Margaret, gerade mit der Hand in ihrer Tasche, hob kurz die Augenbrauen. „Hm?“ Sie fingerte weiter, zog ein Taschentuch, ein kleines Notizbuch, einen Füller hervor. „…Dreißig bis vierzig Kilometer. Wir sind fast in der Normandie.“

Florence sah aus dem Fenster, dort, wo sich das Wasser zurückzog und die Küstenlinie kaum mehr zu erahnen war. „Und das gehört immer noch zu Großbritannien?“

Margaret lachte – nicht laut, aber mit Wärme. „Jain. Die Kanalinseln sind eine Mischung aus britischer Ordnung und französischer Sinnlichkeit. Sie gehören zur Krone, aber der Einfluss Frankreichs ist überall. Architektur, Küche, Sprache, Lebensgefühl. Dieu et mon droit, mein Kind… Dieu et mon droit.“

Florence wandte ihr Gesicht zu ihr, die Stirn leicht gerunzelt.

„Gott und mein Recht“, erklärte Margaret. „Das offizielle Motto von Guernsey.“

Dann beugte sie sich ein wenig nach vorn, tippte mit den Fingern an die Rückenlehne des Fahrersitzes. „Wir fahren aber nicht direkt ins Honorarkonsulat, oder?“

„Nein, Ma’am“, kam es sachlich vom Fahrer. „Ich soll Sie zuerst in Ihr neues Heim bringen.“

Margaret nickte zufrieden, tätschelte den Stoff des Sitzes. „Gut, gut.“

Die Fahrt dauerte nicht lang. Sie verließen das Zentrum von St. Peter Port, fuhren an niedrigen Steinmauern vorbei, hinter denen wilde Hortensien wucherten, vorbei an Weiden mit grasenden Kühen, durch Alleen aus Platanen und blühenden Ligustern.

In Les Baissières schließlich hielt der Wagen vor einem Anwesen, das sich nicht aufdrängte, aber stand. Ein zweigeschossiges Herrenhaus mit hellem, leicht verwittertem Putz, eingefasst von alten Mauern, über die Efeu kroch. Die Fensterläden in moosgrün standen offen, aus einem davon wehte eine weiße Gardine. Der Kiesweg knirschte unter den Reifen, als der Wagen zum Stillstand kam. Ein kleiner Brunnen sprudelte im Innenhof, daneben ein Rosenbeet, das aussah, als habe es jemand mit Liebe, nicht mit Planung angelegt. Der Garten roch nach Holunder, Rosmarin und Erde.

Ein Haus, das Geschichten kannte – und bereit war, neue aufzunehmen.

Es empfing sie mit Stille – nicht kühl, aber fest. Die Tür schloss sich hinter ihnen mit einem gedämpften Klick, und sofort legte sich eine Ordnung über alles. Der Flur war hell, klar gestrichen, die Fliesen am Boden glänzten matt, die Luft roch nach Holzpolitur und etwas Zitrusartigem, kaum wahrnehmbar. Rechts stand ein alter Garderobenschrank, links führte eine hölzerne Treppe in die obere Etage, ihr Geländer blank gerieben.

Auf einem kleinen, runden Tisch gleich im Eingangsbereich stand eine Vase mit frischen Rosen – cremeweiß, mit leicht rosafarbenem Kern. Daneben ein Zettel, akkurat gefaltet. Florence ging langsam darauf zu, ließ ihre Finger über das Glas der Vase gleiten, dann beugte sie sich vor, roch an den Blüten. Sie lächelte kurz, hob den Zettel auf und las leise vor: „Willkommen, Mrs. Langley, Miss Whitmore. Es ist uns eine Ehre, Sie auf Guernsey willkommen zu heißen. Bei Fragen wenden Sie sich jederzeit an das Konsulat. – Honorarkonsul Ellingham.“

„Aufmerksam“, sagte Margaret, die hinter ihr stand und den Raum mit prüfendem Blick durchmaß.

Florence nickte nur, faltete den Zettel wieder und legte ihn zurück. Sie streiften durch das Haus, das still eingerichtet war, fast zurückhaltend. Kein Prunk, keine Zurschaustellung. Möbel aus dunklem Holz, helle Vorhänge, kleine Teppiche mit geometrischen Mustern. Florence blieb schließlich im oberen Stockwerk stehen, vor einem Zimmer mit einem Fenster zum Garten. Das Bett war bezogen, ein kleiner Schreibtisch stand am Fenster, ein Bücherregal, halb gefüllt. Das Zimmer war weder zu eng noch zu geräumig. Genau richtig. Sie trat ein und stellte ihre Tasche ab. Mehr nicht. Noch gehörte nichts ihr.

Später trafen sie sich in der Küche wieder. Die Kanne stand auf dem Herd, der Geruch von Assam mischte sich mit dem nach frisch gewaschenem Porzellan. Margaret stand am Spülbecken, drehte gerade die Flamme klein.

„Alles sehr sauber und ordentlich … wirst du zurechtkommen?“, fragte sie, ohne sich umzudrehen.

Florence sah ihre Großmutter an – das Profil streng wie immer, aber da war etwas anders. Ihre Stimme war nicht das übliche Grün, nicht das tiefe, weiche Moosgrün der Regelmäßigkeit. Heute war es dunkler, dichter – fast tannengrün. Etwas war schwerer.

„Muss ich wohl, oder?“, sagte sie ruhig.

Margaret stellte die Tasse ab, drehte sich um. „Ist ja nur noch ein Jahr – dann hast du deinen A-Level in der Tasche. Und dann… na mal sehen… Alles kommt zu dem, der wartet.“

Florence nickte. Es war ein Satz wie ein alter Mantel – schwer, aber tragbar. Sie ließ ihre Tasse stehen, ging zurück in den Flur, wieder zu den Rosen. Sie beugte sich, roch noch einmal daran. Dann zog sie eine einzelne Blüte heraus, hielt sie in der Hand. Sah sie an, als sei sie mehr als nur Pflanze. Und lächelte. Ganz leicht.

***

Das Café Belle war ein Ort, der wusste, dass Stil nicht laut sein musste. Zwischen den weiß gekalkten Fassaden von St. Peter Port war es wie ein Einschub aus einer anderen Zeit – moderner, mutiger. Die Wände trugen ein tiefes Petrol, vereinzelt unterbrochen von freien Backsteinflächen. Edisonlampen hingen an langen Kabeln von der Decke, gaben ein warmes, gedämpftes Licht. Die Möbel waren eine Mischung aus industriellem Chic und Second-Hand-Charme – Metallstühle, holzvertäfelte Bänke, ein alter Kaugummiautomat in der Ecke, der nur noch aus Dekozwecken da stand. Jugendliche saßen in Grüppchen an den Fensterplätzen, manche mit Schuluniformteilen noch lose umgebunden, andere in Jeans und T-Shirts, deren Ärmel absichtlich eingerissen wirkten. Es roch nach Kardamom, frisch gemahlenem Kaffee und Zimt. Immer ein Hauch zu viel Zimt.

Daisy Morven stand hinter der Theke, den großen Metallheber in der Hand, mit dem sie eben ein Stück Aprikosenkuchen auf eine Porzellanplatte setzte. Ihre Locken hatte sie mit einem türkisfarbenen Tuch aus dem Gesicht gebunden, die Schürze saß schief, aber mit Absicht. Sie war nicht klassisch hübsch im herkömmlichen Sinn – doch ihre großen braunen Augen, die helle, leicht sommersprossige Haut und ihr offenes Lächeln hatten eine eigene, aufrichtige Anziehung. Nichts an ihr wirkte einstudiert. Sie war Wärme mit Haltung.

Gerade als Daisy ein neues Blech mit Birnen-Schoko-Tarte in die Glasvitrine schob, ging die Tür auf. Ein kaum hörbares Klingeln – und dann trat Florence ein.

Das Gespräch am Fenster verstummte kurz. Drei Jungen drehten synchron die Köpfe. Einer von ihnen sagte leise etwas – nichts Konkretes, aber das Lachen war eindeutig.

Florence ließ den Blick schweifen, ruhig, beinahe tastend. Dann ging sie zur Theke. Ihr Rock fiel glatt, ihre Bluse war sauber geknöpft, ihr Auftreten leise, aber unübersehbar.

„Ich brauche zehn Stückchen. Können Sie was empfehlen?“ Ihre Stimme war kontrolliert – aber nicht unfreundlich.

Daisy, die eben noch halb hinter der Vitrine gehockt hatte, richtete sich auf, musterte sie interessiert – nicht neugierig, eher wie jemand, der verstehen will, ohne zu drängen. „Kommt darauf an – für was?“ Ihre Stimme war warm, wie ihr Ausdruck. Kein Zwang zum Lächeln. Nur Anwesenheit. Ein Orange, dachte Florence – nicht grell, sondern tief und leuchtend.

„Meine Großmutter feiert einen Einstand“, sagte Florence nach kurzem Zögern. „Für Kollegen.“

Daisy nickte langsam. „Hmm. Vielleicht eine Mischung aus allem?“ Sie zeigte auf die Auswahl. „Die Orangen-Mandel ist ohne Mehl, der mit den Nüssen ein bisschen herb, und die mit Frischkäse oben geht eigentlich immer.“

Florence nickte nur. Daisy begann, die Stücke einzupacken – sorgfältig, aber ohne übertriebene Perfektion. Während sie arbeitete, warf sie einen kurzen Blick auf Florence. „Neu auf der Insel?“

Florence sah auf, kurz nur. Dann wieder zu Boden. „Ja.“ Nur dieses eine Wort. Keine weiteren Türen öffnen.

Die Jungen vom Fenster waren näher gekommen. Einer stieß den anderen an. „Ey, guck mal – Prinzessin ist gelandet.“, murmelte er, nicht besonders leise.

Florence stand still, die Schultern unbewegt.

Daisy hörte es. Ihr Ausdruck veränderte sich nicht. Aber ihre Bewegungen wurden ruhiger.

Callum, der Mutigste von ihnen, trat vor, lehnte sich mit einem Arm an die Theke und grinste Florence an. Er sagte kein Wort – aber das Grinsen sprach Bände.

„Nicht an die Theke lehnen“, sagte Daisy ohne aufzusehen.

Er ignorierte sie. Lächelte weiter. Tat nichts – aber auch das war zu viel.

„Bist du taub?“, fragte Daisy – diesmal mit einem Ton, der klar war.

Callum richtete sich langsam auf, musterte sie von oben bis unten. „Bist du nicht Schwabbelbacke?“, sagte er spöttisch.

Für einen Moment war es still. Dann schob Daisy den letzten Deckel auf die Kuchenbox, trat um die Theke herum und stellte sich direkt vor ihn. Sie war kleiner – aber stand größer.

„Wir sind hier nicht mehr auf der Schule“, sagte sie ruhig. „Deine dummen Sprüche kannst du woanders ablassen. Raus hier.“

Ihre Chefin, eine drahtige Frau mit Brille und blitzendem Blick, trat aus dem Hinterzimmer, blieb aber stumm. Ihre Anwesenheit reichte.

„Schon gut, schon gut…“ Callum hob die Hände, tat, als wäre es ein Spiel. Er ging rückwärts, nicht schnell, aber mit wachsendem Abstand. „Kommt“, rief er den anderen zu. „Wir gehen. Schwabbelbacke hat schlechte Laune.“

In dem Moment ging die Tür erneut auf. Ein weiterer Junge trat ein – unauffällig, mit einem langsamen, leicht schleppenden Gang. Dunkle Haare, die ihm in die Stirn fielen, eine Brille, zu groß für sein schmales Gesicht. Und ein leichtes Hinken, das jedes zweite Geräusch seiner Schritte anders klingen ließ.

Robert.

Er war keiner, der auffiel – es sei denn, man achtete auf die Stille. Seine Bewegungen waren zurückhaltend, fast bedächtig. Der linke Fuß setzte nicht flüssig auf, sondern mit einer leichten Verzögerung, was seinem Gang einen rhythmischen Bruch verlieh. Die Jeans, die er trug, war ausgebeult an den Knien, der Pullover etwas zu lang in den Ärmeln, an den Bündchen ausgefranst. Man sah, dass die Kleidung nicht neu war – nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Notwendigkeit. Sie hatte schon einem anderen gehört. Dem Bruder vielleicht.

Als er das Café betrat, sah er nicht sofort auf. Er wusste, was kommen würde – und es kam.

„Hey Krüppel – hast Ausgang?“ Der erste spie das Wort aus wie etwas, das nicht runterwollte.

„Achtung, Achtung: Hinkefuß im Anmarsch“, rief ein anderer, begleitet vom dumpfen Gelächter der Gruppe.

Robert sagte nichts. Er sah nicht zu ihnen hin, wich nicht aus, hielt auch keinen Blick. Er ging einfach weiter, langsam, gleichmäßig. Als würde er den Lärm nicht hören – oder gelernt haben, ihn zu überleben.

Daisy war bereits wieder hinter den Tresen zurückgekehrt, ihr Gesicht gerötet vor Zorn. „Diese Idioten…“, murmelte sie, mehr zu sich selbst, während sie die Box schloss.

Florence hatte das Ganze schweigend beobachtet, nur der Winkel ihres Kopfes verriet, dass sie jeden Ton mitbekommen hatte. Ihr Blick blieb einen Moment bei Robert, dann drehte sie sich zurück zu Daisy.

„Sorry“, sagte Daisy, bemüht um Fassung. „Ich hoffe, das wirft jetzt kein schlechtes Licht auf deine neue Heimat… Ich kenne die von früher – gleiche Schule. Die denken, sie können einfach so weitermachen wie damals.“

Florence musterte sie kurz. Dann: „Da haben sie wohl falsch gedacht. Trotzdem danke.“ Ihr Lächeln war nicht groß – aber es war da. Keine Maske. Keine Höflichkeitsgeste. Ein echtes Lächeln.

Robert war inzwischen an die Theke getreten, hatte sich leise neben sie gehumpelt. Er wartete, sagte nichts, nahm keinen Raum ein. Florence warf ihm noch einmal einen kurzen Blick zu – und schenkte auch ihm ein Lächeln. Noch leiser vielleicht, aber nicht weniger ehrlich.

Robert senkte den Blick. Nicht aus Ablehnung – eher, weil er nicht wusste, wohin mit dem Moment.

Daisy packte den Kuchen fertig zusammen, reichte Florence die große Box. „Macht dann zweiundfünfzig Pfund.“

„Britische Pfund nehmt ihr ja auch, oder?“, fragte Florence, während sie in ihrer Tasche kramte.

Daisy lächelte, als hätte sie die Frage schon hundertmal gehört. „Ja… natürlich. Britische und Guernsey-Pfund – die gelten hier beide.“

„Wir haben noch übrig… nächsten Monat gibt’s dann welche von hier.“

„Ah – neuer Job?“

„Nein… bin im Abschlussjahr. Meine Großmutter arbeitet im  Honorarkonsulat.“

Daisy nickte, nahm das Geld, legte das Wechselgeld ordentlich auf den Tresen. Florence griff nach der Box, nickte noch einmal – erst Daisy, dann kurz Robert – und verließ das Café.

Das Lächeln blieb. Auch als sie schon gegangen war. Und er wusste nicht, warum – aber er würde es zeichnen müssen.

Dann trat Robert vor.

***

Roberts Zimmer war kein Rückzugsort im klassischen Sinn, kein chaotischer Raum voller Poster, Kabelsalat und liegengebliebener Kleidung. Es war mehr ein Ort, der gelebt wurde – nicht spektakulär, aber still. Die Wände trugen Zeichnungen, dicht nebeneinander, ohne Rahmen, teils mit Klebeband, teils mit Reißnägeln befestigt. Aquarelle vom Hafen, Skizzen alter Hände, das Gesicht seiner Mutter im Profil, ein Baum im Sturm. Daneben Stillleben mit Tassen, zerbrochenem Spielzeug, eine Serie von Augen – jedes anders, jedes wach. Keine Ordnung. Keine Systematik. Nur: alles musste raus.

Tess lag in der Mitte des Zimmers, auf einem Teppich, dessen Muster kaum noch zu erkennen war. Der Collie-Mischling hob kurz den Kopf, als Robert sich bewegte, beobachtete ihn mit den trüben Augen der Jahre. Sie war alt, aber wach – und schien nur für diesen einen Menschen zu leben.

Im Hintergrund lief leise Musik. Aus der Kompaktanlage, die in einer Ecke stand, schwebte Ravels Boléro durch den Raum – gleichmäßig, sich steigernd, fast hypnotisch. Die Anlage hatte ein CD-Laufwerk, etwas Besonderes in diesem Haus. Robert hatte sie sich zusammengespart – Ferienjobs, kleine Aufträge, Reparaturen. Sie war altmodisch und doch modern genug, dass er sie manchmal wie einen Schatz behandelte.

Er lag auf dem Bett, halb auf der Seite, der Zeichenblock auf den Knien. Der Bleistift in seiner Hand bewegte sich kaum hörbar. Das Gesicht, das er zeichnete, war noch nicht fertig – oder vielleicht doch. Es hatte kein Geschlecht, keine Zeit. Nur ein Lächeln. Ein echtes. Und das war es, was ihn hielt.

Es klopfte. „Herein.“

Kenji Watanabe trat ein – mit seinem typischen, ruhigen Gang, als würde er nichts berühren wollen, was nicht notwendig war. Dunkles Haar, streng geschnitten, der Blick direkt, aber nie fordernd. Er trug eine schwarze Jacke, darunter ein schlichtes Shirt. Kein Accessoire, kein Schmuck – alles an ihm wirkte bewusst reduziert. Er war niemand, der versuchte aufzufallen, und genau das machte ihn auffällig.

„Hey – alles klar?“, fragte er, ohne sich gleich zu setzen.

Robert richtete sich auf, klappte den Block zu und legte ihn auf den Nachttisch. „Klar.“

Kenji blieb einen Moment stehen, hörte. „Was ist das?“

„Boléro“, antwortete Robert. „Kennst nicht?“

Kenji lauschte noch einen Moment, legte den Kopf leicht schief. „Nie gehört… Bekannt?“

Robert schmunzelte. „Kann man so sagen.“

Dann griff Kenji in seine Jacke, zog eine VHS-Kassette hervor – ohne Worte, einfach so, wie jemand, der wusste, dass der andere versteht.

Robert wurde wacher. „Du hast ihn?“

Kenji grinste nur schmal. „Klar. Kennst mich doch. War aber teuer.“

Robert nahm die Kassette fast ehrfürchtig entgegen, ging zum Videorekorder, der unter dem alten Röhrenfernseher stand. Das Gerät schnurrte leise, das Band wurde eingezogen, der Bildschirm flackerte.

Rauschen. Dann ein grünstichiges Bild. Ein Zombie-Film, schwer zu erkennen – offensichtlich kopiert, mehrfach überspielt. Die Figuren zuckten, das Bild sprang.

Kenji löschte das Licht. „Besser?“

„Etwas. Egal“, sagte Robert. Er nahm wieder Platz, Tess bewegte sich nicht.

Der Film war laut, brutal, übertrieben. Blut spritzte in Schlieren über den Bildschirm, Körper fielen, Geräusche krachten. Kenji sah konzentriert, zuckte manchmal zusammen bei Schockeffekten. Robert dagegen blickte nur hin und wieder auf. Meist war er bei seinem Block. Das Licht des Fernsehers reichte, um weiterzuzeichnen. Er setzte am Lächeln an, veränderte es. Machte es ruhiger.

Er zeichnete ein Gesicht, das er kaum kannte. Nur ein Blick. Nur ein Lächeln. Aber es war da geblieben – wie Licht durch eine geschlossene Tür.

Der Abend verging. Er war ein guter Abend, weil Kenji da war – jemand, der nichts erklärte, nichts forderte, aber blieb. Und er war ein schlechter Abend, weil Kenji da war – und damit erinnerte, dass solche Stunden immer gezählt waren.

***

Kapitel 2: „Neuanfang“

Die Wochen vergingen fast lautlos. Guernsey war nicht Oxford, nicht die lange Trauer ihrer Kindheit, nicht die flüchtige Härte der Jugendjahre. Es war etwas Drittes – ein Ort, der nicht fragte, sondern einfach war. Florence gewöhnte sich schneller, als sie es selbst für möglich gehalten hätte. Nicht, weil es leicht war, sondern weil das Schwere anders verteilt war. Der Schmerz lag hinter ihr wie Nebel, der sich lichtete. Zu lange war sie zur Projektionsfläche gemacht worden – nicht wegen eines Fehlers, sondern wegen ihrer Stille, ihrer Ausstrahlung, ihrer Schönheit, die nie darum gebeten hatte, bemerkt zu werden.

Jahrelang hatten Mitschülerinnen in ihr etwas gesehen, das sie fürchteten – und bekämpften. Nicht laut, nicht offensichtlich. Flüstern, Blicke, das feine Ausgrenzen. Es war subtiler gewesen als offener Spott – aber wirksamer. Florence hatte gelernt, sich zu entziehen. Zuerst den Blicken. Dann den Stimmen. Dann sich selbst. Guernsey war anders. Noch war nichts entschieden. Noch war alles offen.

Margaret Langley blühte auf in ihrer neuen Rolle. Als Beraterin für Kulturdiplomatie brachte sie Bewegung in den alten Apparat. Ihr Ruf eilte ihr voraus – streng, effizient, aber nie ungerecht. Sie war keine Frau, die sich verbog. Und sie verlangte das auch von niemandem. Nur Haltung, Klarheit, Respekt. Die Atmosphäre im Honorarkonsulat veränderte sich – nicht abrupt, aber spürbar.

Robert verbrachte die Ferien auf seine Weise. Zeichnend. Nachdenkend. Gelegentlich mit Kenji – schweigend, musikhörend, manchmal auch sprechend. Eine Freundschaft, die keinen Raum brauchte, um zu existieren. Als Matthew für zwei Wochen aus London kam, brachte er nicht nur Neuigkeiten vom Studium mit, sondern auch seine alten Hemden, eine Jacke, Bücher. Robert nahm sie entgegen, kommentarlos. Es war kein Geschenk. Es war etwas anderes – ein stiller Austausch zwischen Brüdern, bei dem beide wussten, was es bedeutete.

Die Zeichnungen an Roberts Wand wuchsen weiter. An einem Tag vollendete er das Bild mit dem Lächeln – fein, offen, ohne Name. Er hängte es zwischen zwei andere. Mehr sagte er nicht.

Am 4. August 1997 begann das neue Schuljahr. Das Abschlussjahr. Das Jahr, das zählte.

Das Highmoor Sixth Form Institute präsentierte sich nach außen als Schule der Prinzipien. Ordnung, Disziplin, Leistung. Uniformen wurden getragen, Lehrkräfte mit „Sir“ oder „Ma’am“ angesprochen. Die Schulordnung war dick wie ein kleiner Roman, und sie wurde durchgesetzt – zumindest in Teilen. Denn in Wahrheit war 1997 ein Jahr des Übergangs. Die Labour-Regierung hatte Bildung zur Priorität erklärt, doch die Realität hinkte oft hinterher. Zwischen alten Strukturen und neuen Ansprüchen standen Schüler wie Florence und Robert – mittendrin.

Sie saßen in der gleichen Klasse. Nicht nebeneinander, nicht nah – aber nicht mehr getrennt durch Unsichtbarkeit. In diesem Raum zählte anderes. Noch wussten sie nicht, wie nah sie sich kommen würden. Noch waren es zwei Linien auf demselben Blatt. Aber die Richtung war gesetzt.

***

Es war heiß an diesem Morgen, ungewöhnlich heiß für Guernsey. Die Sonne hing schon früh wie eine zu nah gerückte Glühbirne über den Dächern von St. Peter Port, und das Gemurmel, das durch die Flure des Highmoor Sixth Form Institute waberte, war eine Zusicherung: Es war der erste Schultag – und alles war möglich. Oder zumindest denkbar.

Florence betrat das Klassenzimmer früh, suchte sich einen Platz in der letzten Reihe, direkt am Fenster. Die Luft dort war kaum kühler, aber sie gab Sicht – auf die anderen, auf das Draußen, auf einen Fluchtpunkt. Um sie herum war das Crescendo der Stimmen wie ein offenes Orchester. Jungen lachten laut, Mädchen sprachen schnell, alles gleichzeitig. Für Florence war es nicht Lärm – es war Farbe. Ein Durcheinander aus Türkis, Lila, schreiendem Gelb und Neonrot. Als hätte jemand einen Farbkasten explodieren lassen.

Sie sah nicht zu den anderen, aber sie wusste: Auch sie war Teil dieses Spektakels. Neue Gesichter zogen immer Blicke an. Ihres besonders.

Dann öffnete sich die Tür. Mr. Hale betrat den Raum. Sofort flachte das Stimmengewirr ab. Schüler schlurften zu ihren Plätzen, schoben Taschen beiseite, setzten sich kerzengerade. Und standen wieder auf, fast mechanisch.

„Guten Morgen, Mr. Hale“, klang es im Chor.

Er hob die Hand, leicht genervt, leicht belustigt. „Guten Morgen. Gleich vorneweg: Die Begrüßungen an die Lehrkräfte – wurden abgeschafft. Das war das letzte Mal eben.“

Ein Raunen, einige Lacher, ein paar Seufzer.

„Ja, ja – die neue Zeit“, sagte er trocken. Seine Stimme war dunkelgelb mit einem Hauch Orange – warm, aber nicht weich. Florence hörte genau hin. Sie mochte Stimmen, die sich nicht versteckten.

Mr. Hale ließ sie erstmal von den Ferien erzählen. Von Afrika, von Grönland, von Paris. Viel war wahr, einiges übertrieben, alles wichtig für diejenigen, die es erzählten. Florence hörte, aber sagte nichts.

Neue Stundenpläne wurden verteilt, neue Fächer genannt, alte gestrichen. Verwirrung lag wie Staub auf allem. Und dann kam der Moment.

„Kommen wir jetzt zum Organisatorischen… Wie ihr bemerkt habt, haben wir eine neue Schülerin. Mrs. Whitmore?“

Ein kollektives Drehen der Köpfe. Florence saß regungslos ganz hinten. Alle hatten sie längst bemerkt. Doch jetzt war es offiziell.

„Mrs. Whitmore?“ Diesmal war seine Stimme fester. Erwartung lag darin.

Florence spürte die Blicke. Sie stand auf. Ihr Rock fiel glatt, ihre Haltung war aufrecht. Ihre Stimme leise, aber klar. „Mein Name ist Florence. Ursprünglich aus Oxford. Ich bin mit meiner Großmutter hier – sie arbeitet im Honorarkonsulat.“

Sie setzte sich.

Ein leises Kichern, dann eine Stimme, schneidend: „Mit Oma? Wie süß… Hat unser hübscher Engel keine Eltern, oder was?“ Das Mädchen – Ricarda – hatte eine Stimme in tiefem Grau. Fast schwarz. Sie wollte treffen. Und sie traf.

Gelächter.

„Ruhe“, sagte Mr. Hale. „Ricarda… das war nicht sehr nett.“

Stille kehrte zurück.

Dann wandte er sich wieder Florence zu. „Florence… möchtest du darauf etwas antworten?“

Florence hob den Kopf, schüttelte ihn nur. Nein. Nicht so.

„Na gut. Soll ich?“ Seine Stimme war ruhig. Kein Druck. Nur ein Angebot.

Florence sah ihn an. „Bitte.“

Er atmete ein. Alle warteten. Dann: „Florence hat beide Elternteile und ihren Großvater bei einem Flugzeugabsturz verloren. Sie war sieben.“

Totenstille.

Ein Moment, der nicht zu Ende ging.

Dann drehte sich Ricarda langsam um. „Sorry“, murmelte sie.

Florence nickte nur. Kein Zorn. Kein Sieg. Nur: genug.

Robert saß in der zweiten Reihe, regungslos. Das Geschehen hatte ihn überrollt. Die Geschichte, die Stimme von Mr. Hale, das leise Gelächter, der abrupte Umschwung – es war zu viel, zu dicht. Florence. Sie war nicht bloß das Mädchen mit dem Lächeln, das er gezeichnet hatte. Nicht die stumme Fremde aus dem Café. Keine Touristin, wie er damals gedacht hatte. Jetzt saß sie in seiner Klasse. Direkt in seinem Leben.

Neben ihm saß Kenji, die Arme verschränkt, die Haltung wie immer entspannt. Nur ein leises „Vollidioten“ kam über seine Lippen – so leise, dass nur Robert es hören konnte.

Robert rührte sich nicht. Seine Gedanken waren noch am Fenster, wo das Licht auf Florence gefallen war, während sie sprach. Ihr Gesicht hatte sich kaum verändert seit diesem Nachmittag im Café – und doch wirkte es jetzt… näher. Realer. Und gleichzeitig unerreichbarer.

Kenji warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. „Was ist los, Romeo?… Gefällt dir die Neue?“

Robert schüttelte kaum merklich den Kopf, sagte dann: „Dir etwa nicht?“

Kenji grinste schief. „Ihr Europäer seht für uns Asiaten alle gleich aus.“

Robert drehte sich zu ihm. „Dein Ernst? Man sieht doch…“

„Das war ein Witz“, unterbrach Kenji ihn. „Normalerweise lacht man da. Natürlich ist sie hübsch. Verdammt hübsch.“

„So“, sagte Mr. Hale vorn, „beginnen wir…“

Die Stunden zogen sich. Es war heiß, die Luft stand, die Fenster waren geöffnet, doch es brachte kaum Linderung. Der neue Stundenplan war ein Flickwerk aus bekannten Fächern, neuen Modulen, gestrichenen Projekten. Schüler schrieben widerwillig mit, redeten heimlich, rutschten auf den Stühlen. Der erste Schultag roch nach Papier, Staub und sommerlich warmem Schweiß.

Dann: endlich halb eins. Lunch Time.

Die Schüler strömten durch die Flure, Stimmen flackerten aneinander vorbei, das Licht fiel durch große Fenster auf den glänzenden Steinboden. Das Highmoor Sixth Form Institute war ein Ort mit Geschichte – dunkles Holz, hohe Decken, bleiverglaste Fenster in den Gängen. Doch zwischen all dem Traditionellen standen Computer, weiße Projektionsleinwände, moderne Schließfächer. Die Schule versuchte, die Brücke zu schlagen – zwischen gestern und heute. Nicht immer elegant, aber ehrlich.

Die Kantine war ein heller Raum mit Stahlregalen, gläsernen Ausgabetheken, langen Tischen in Reih und Glied. Es roch nach Aufgewärmtem, nach überkochtem Gemüse und süßem Tee. Das Geräusch klappernder Tabletts war allgegenwärtig.

Robert und Kenji bewegten sich durch die Menge, unauffällig, wie immer. Langsam, wie immer. Doch dann – Stimmen hinter ihnen.

„Hey – Mr. Secondhand-Boy… wirst du uns vermissen, wenn der Wahnsinn nächstes Jahr hier vorbei ist?“ Callum Pike, mit seinem typischen Tonfall – beiläufig, spöttisch.

Robert sagte nichts. Reagierte nicht. Weitergehen war oft der einzige Schutz.

Jamie Rowntree kam dichter. „Hey Krüppel… Callum hat dich was gefragt.“

Kenji blieb stehen. Drehte sich ruhig um – kein Zucken, keine Wut. Er stellte sich einfach direkt vor die beiden. Nicht groß, nicht aggressiv. Nur da. Unübersehbar.

„Probleme?“, fragte er leise.

Callum hob abwehrend die Hände. „Nein… alles cool… schon okay.“

Sie wichen zurück, langsam, als hätten sie sich verbrannt. Jamie murmelte, als sie sich abwandten: „Der mit seinem Karate-Boy immer…“

Kenji drehte sich wieder um. Robert sah das kurze Zucken seiner Mundwinkel – ein Lächeln, das kam und ging wie eine Windböe.

Er wusste nicht, wie man Dank ausspricht, wenn die Welt einen immer zum Schweigen erzogen hat. Aber Kenji verstand es trotzdem.

***

Es roch nach Thymian, Butter und einer Prise Muskat. Florence stand am Herd, rührte ruhig in der schweren Pfanne, in der kleine Stücke Shepherd’s Pie-Füllung vor sich hin brutzelten – Rinderhack, Zwiebeln, Erbsen, Karotten, alles fein geschnitten, weich, aber nicht verkocht. Auf dem Nebenteller wartete das Kartoffelpüree, noch dampfend, mit einem Stich Butter glänzend. Kein kompliziertes Gericht. Kein Statement. Nur ein stiller Gruß an eine neue Heimat, die noch nicht vertraut war.

Die Haustür öffnete sich. Kein Schlüsselrasseln, kein schweres Atmen – nur das leise Einklinken des Schlosses. Margaret Langley trat ein, so wie sie alles tat: mit Haltung. Andere warfen Taschen in die Ecke, stöhnten über Meetings, zogen Schuhe mit einem Ruck aus. Margaret setzte zuerst den Seidenschal ab, faltete ihn ordentlich, legte ihn auf die Kommode. Dann nahm sie den Hut ab – für eine Jacke war es zu warm. Die Handtasche wurde abgestellt, der Blick blieb dabei ruhig, prüfend. Ein kurzer Griff zu den Schuhen, ein fester Wechsel in Hausschuhe. Fertig. Kein Wort über den Tag, kein Klagen.

Sie betrat die Küche, zog dabei fast unmerklich den Duft ein, der ihr entgegenschlug. „Hmmmm… was zauberst du denn Schönes?“

„Shepherd’s Pie“, antwortete Florence, ohne sich umzudrehen. „Aber nicht ganz klassisch. Ich hab Thymian statt Petersilie genommen. Und ein bisschen Muskat.“

Margaret trat näher, betrachtete die Szene, die Butter im Püree, die gleichmäßigen Bewegungen ihrer Enkelin. „Und? Wie war der erste Schultag?“

Florence schöpfte in eine ofenfeste Form, strich die Kartoffelmasse darüber. „Ganz okay. Blöde Vorstellungsrunde.“

Margaret lachte leise. „Sowas gibt es noch?“

„Ja. Aber die Lehrerbegrüßung wurde abgeschafft.“

Ein kurzer Moment der Stille.

„Bitte? Abgeschafft?“ Margarets Stimme klang nicht empört – aber auch nicht überrascht. Eher: aus dem Takt gebracht.

Florence zuckte mit den Schultern. „Anscheinend… neue Zeiten.“

Sie hatte nie mit ihrer Großmutter über das Mobbing gesprochen. Nicht von den Jahren der stillen Kränkungen, dem ständigen Spott, den Blicken. Für Margaret existierte so etwas nicht. In ihrer Welt hatten Menschen zu funktionieren, sich zu benehmen, Haltung zu wahren. Als Florence es ihr letztendlich doch sagen wollte, war der Umzug schon beschlossen. Ein neues Kapitel. Ohne Rückblick.

Sie aßen in ruhigem Einvernehmen. Margaret lobte das Essen – „Genau auf den Punkt gegart, mein Kind“ – und erzählte von einem französischen Konsul, der im Diplomatenflur seinen Kaffee auf dem Fensterbrett vergessen hatte. „Zum dritten Mal in einer Woche. Man sollte meinen, jemand, der einen Pass erkennt, erkennt auch seinen eigenen Becher.“

Nach dem Essen zog sich Margaret zurück, leise, wie immer.

Florence spülte ab. Ruhig. Dann stellte sie den Kessel auf den Herd, goss heißes Wasser über losen Tee – ein feiner, französischer, mit leichtem Zitrusduft. Der schmeckte ihr besser als der englische. Weniger Pflicht, mehr Seele.

Sie setzte sich an den Tisch, nahm ihr Buch zur Hand – nicht irgendeines. Ihr Gedichtsbuch. Niemand kannte es. Niemand würde es lesen. Es war ein stilles Geheimnis. Eine Grenze.

Sie schlug eine neue Seite auf. Und begann zu schreiben.

Wenn alles still wird
Die Narben reden leiser als die Wunden
Sie sagen nichts – doch bleiben.
Vergangenheit trägt keinen Duft
Doch man riecht sie –
in fremden Räumen.
Man erkennt sich selbst
nur, wenn es dunkel ist.
Und das Licht kommt später.
Nie zu früh.
Nie umsonst.
Nur dann,
wenn man sitzen bleibt.

Sie strich einige Worte, änderte zwei Zeilen. Dann hielt sie inne, las es noch einmal. Und war zufrieden.

Sie klappte das Buch zu, erhob sich, löschte das Licht. Und ging hinauf in ihr Zimmer.

***


© Armin Knebel, 2025
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Armin Knebel

"Ich glaube, dass jede Entscheidung ihren Preis hat – auch die richtigen."

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