Carol’s Christmas: Eine Geschichte zum Weinen

Der Weihnachtsmann ist durch mit Weihnachten. Leider ist Weihnachten noch nicht durch mit ihm.

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Cover: Carol's Christmas

Klappentext: Carol’s Christmas – Eine Geschichte zum Weinen (vor Lachen)

Weihnachten ist tot. Und der Weihnachtsmann hat’s getötet. Fast.

S.C.R.O.O.G.E. – einst der Weihnachtsmann, heute ein grantiger Eigenbrötler in Cordhose. Seine Werkstatt verlottert, sein Herz vereist, sein Glühwein lauwarm. Geschenke? Kommerz. Freude? Überbewertet. Raclette? Vielleicht.

Doch dann kommt Carol. Haushälterin des Weihnachtsmanns, Geschichtenerzählerin, Glöckchen-Guru. Und mit ihr: drei seltsame Kinder der Weihnacht – ausgestattet mit LED-Mützen, Streaming-Zitaten und KI-Support.

Was folgt, ist eine absurde Reise durch Vergangenheit, Gegenwart und Zimtnebel-Zukunft. Mit dabei: ein rebellischer Roboter namens Tiny T.I.M., eine Rentiergewerkschaft mit Attitüde, ein Kaffeebarista mit italienischem Herzen – und natürlich Rotnase Marley, der Geist mit der Zuckerstangenkette.

Carol’s Christmas ist eine liebevolle, bitterzarte Satire auf Dickens’ Klassiker – voller Herz, Humor, und der hoffnungsvollen Erkenntnis, dass Weihnachten vielleicht doch noch zu retten ist.

Irgendwie. Irgendwann. Zur Not mit Laserschlitten.

  • ASIN: B0FX8YT3TP
  • Herausgeber: SaarPoesie
  • Erscheinungstermin: 21. Oktober 2025
  • Sprache: Deutsch
  • Seitenzahl der Taschenbuch-Ausgabe: 90 Seiten
  • ISBN-13: 979-8296377241
  • Abmessungen: 12.7 x 0.58 x 20.32 cm

Vorwort

Ich liebe die Geschichte von Charles Dickens‘ „A Christmas Carol“ – und das schon seit meiner Kindheit.

Ich glaube, ich habe wirklich alle Verfilmungen gesehen, ob bekannt oder vergessen, animiert oder mit mehr Lametta als Handlung. Vom originalen Text auf Englisch bis zu diversen deutschen Übersetzungen – ich kenne sie, ich liebe sie, ich verliere mich darin. Denn für mich ist es die schönste Weihnachtsgeschichte, die es gibt.

Keine andere trifft den Kern von Weihnachten so direkt ins Herz: die Hoffnung, dass sich etwas ändern kann. Dass sogar ein Miesepeter mit Schneestaub im Herzen lernen kann, was Liebe, Güte und Gemeinschaft bedeuten.

Und ja… selbst im Sommer erwische ich mich manchmal dabei, wie ich mir eine Verfilmung ansehe. Heimlich. Ohne Glühwein. Dafür mit Gänsehaut. Dass ich mir diese Geschichte also für meine eigene Version aussuche, war klar. Sie hat alles, was ich liebe: Magie, Wandel, Geister mit Terminkalender – und einen verdammt guten Plot.

Natürlich liebe ich auch „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Hans Christian Andersen – aber mal ehrlich: Diese Geschichte wäre einfach zu kurz gewesen, um daraus wirklich was Lesenswertes zu machen. Zu traurig, zu still, zu wenig Geschenke. Und Raclette kommt auch nicht vor.

Also? Auf zum Nordpol!

Carol wartet schon. 😉

Prolog

Elfie die Weihnachtselfe und ihr Bruder Elfrus hatten später wieder Dienst – natürlich in der Weihnachtsbäckerei. Dort, wo Zimt geschnupft und Vanillezucker wie weißer Puder in der Luft lag, als hätte eine übermotivierte Zuckerfee geniest.

Aber heute war etwas anders. Etwas besonderes.

Denn Carol würde zu Besuch kommen.

Carol – mit dem goldenen Buch, den funkelnden Augen und der Stimme, die selbst eingeschlafene Zuckergussfiguren wieder aufweckte. Carol, die Haushälterin des Weihnachtsmanns, die Geschichten erzählte, als hätte sie das Universum selbst mit Lebkuchenteig ausgekleidet.

Und oh – was für Geschichten sie erzählte! Zum Beispiel:

Die Geschichte von dem Rentier, das versehentlich in den Osterdienst versetzt wurde und dann im Hasenkostüm 3000 Eier auslieferte, bevor es merkte, dass es die Eier vorher hätte füllen müssen.

Die Geschichte von dem Wunschzettel, der so groß war, dass er als internationales Handelsabkommen missverstanden wurde – und heute noch in Brüssel verhandelt wird.

Die Geschichte vom Glühweinkessel, der ein Eigenleben entwickelte, in die Politik ging und seither unter dem Namen „Herr von Glüh“ als Regionalvertreter für Wintergetränke arbeitet.

Und natürlich die Geschichte von dem Elfen, der so stark an Zimt gerochen hatte, dass er in einer Gewürzmühle angestellt wurde – und dort jetzt unter dem Pseudonym „Zimtian der Milde“ Gedichte schreibt.

Elfie und Elfrus kicherten vor Vorfreude. Carol war nicht nur ein wandelndes Geschichtenbuch – sie war auch die einzige Erwachsene, die sich nicht darüber beschwerte, dass in der Weihnachtsbäckerei selbst die Teigschüsseln glitzerten.

Und so gingen die beiden los – durch die Gänge der Weihnachtswerkstatt, dorthin, wo die Weihnachtsbäckerei eine Niederlassung hatte. Voller Vorfreude. Voller Zimt.

Und voller Sehnsucht nach Geschichten, bei denen selbst der Marzipan weint. 

Gewidmet Charles Dickens – dem Erfinder des Geistes der Weihnacht.

Kapitel 1: „Der Geist von Rotnase Marley“

Irgendwo am Nordpol. Also dort, wo die Landkarten aufhören höflich zu sein und anfangen zu schummeln. Ein Ort, der in jedem Geographieunterricht mit einem Schulterzucken erklärt wird und in jedem Thermometer mit einem nervösen Zucken. Der Nordpol war – geografisch gesehen – ein recht unentschlossener Fleck auf dem Globus, der auf keiner Straße lag, aber auf vielen Wunschzetteln. Man stelle sich ein riesiges, ewig gefrorenes Sofakissen vor, auf dem sich niemand hinsetzen will, es sei denn, er hat eine Vorliebe für Polarwind, Rentierduft und metaphysische Frostbeulen.

Hier lebten die Weihnachtselfen. Nicht zu verwechseln mit den Garten- oder Schuhmacherelfen, denn diese hier waren – wie man es von Beschäftigten in einem ganzjährig betriebenen Spielzeugimperium erwarten durfte – permanent leicht überdreht. Ihre Energiequelle war eine Mischung aus Zuckerstangen, Gruppenzwang und einer nie ganz geklärten magischen Lohnabrechnung.

In einer besonders warm beleuchteten Ecke der Nordpolwerkstatt, dort, wo der Teppich einmal fast gemütlich war und ein Plätzchenduft hing, als hätte jemand eine Bäckerei in ein Kaminzimmer gesprengt, saßen mehrere dieser Elfen in einem Kreis. In ihrer Mitte: Carol.

Carol, die Haushälterin des Weihnachtsmanns, war keine gewöhnliche Frau. Ihr Lächeln hatte schon heiße Schokolade trösten können, und ihre Stimme klang wie kandierte Melancholie. Sie trug ein Schürzchen mit kleinen goldenen Glöckchen, das bei jedem Schritt klingelte, als würde sie mit jedem Gang ein Weihnachtsversprechen ausliefern.

„Früher“, sagte sie, während sie sich mit einer Tasse dampfendem Zimttee auf einen Sessel sinken ließ, „früher war alles… auch nicht besser. Aber es glitzerte mehr.“

Die Elfen rückten näher. Es war Erzählsaison. Und Carol erzählte.

Sie sprach über dies und das: Über den Tag, an dem jemand irrtümlich ein Einhorn als Rentier eingestellt hatte (es weigerte sich zu fliegen, bestand aber auf glamourösen Pausen), über die Konferenz mit dem Osterhasen, die im Eiersalat endete, und über das Jahr, als der Wunschzettel eines Kindes aus Versehen den Weihnachtsmann zu einem Wellness-Urlaub in einer Vulkansauna geschickt hatte („Ich war zwei Wochen lang nur Dampf!“ hatte er danach geschrien).

Plötzlich hob ein kleiner Elfe namens Nibbs seine Hand. Nibbs hatte die unangenehme Eigenschaft, Fragen zu stellen, die nicht im offiziellen Nordpolfragenkatalog vorkamen.

„Carol – ist es wahr, dass der Weihnachtsmann mal kein Weihnachtsmann mehr sein wollte?“

Stille. Sogar die Plätzchen hörten auf zu knuspern.

Carol sah Nibbs lange an. Sehr lange. So lange, dass ein anderer Elfe bereits begonnen hatte, heimlich seine Socken zu besticken.

Dann sagte sie leise: „Ja… aber das ist schon lange her.“

„Und warum?“, fragte Nibbs – natürlich.

Carol lehnte sich zurück. Ihre Augen wurden glasig, aber nicht von der Kälte. Eher von der Erinnerung. Und vielleicht vom Zimttee.

„Das ist eine laaaaaaaaaange Geschichte… wollt ihr sie wirklich hören?“

„Jaaaaaaaaaaa“, riefen die Elfen im Chor, der stark nach einem schlecht einstudierten Theaterstück klang.

Carol lächelte. Mit einer Bewegung, die aussah, als würde sie ein Stück Himmel umblättern, zauberte sie ein goldenes Buch in die Hände. Auf dem Einband stand in geschwungenen Lettern: „Carol’s Christmas“

„Da steht ja dein Name drauf!“, rief ein Elfe, dessen geistige Reaktionszeit noch auf Holzspielzeugniveau kalibriert war.

„Ooooooooohhhhhhhhh“, machten die anderen, wie eine Glühbirne, die zum ersten Mal leuchtet.

Carol lachte. Es klang wie eine Mischung aus Glöckchen, Kindheit und einem kleinen Schuss Überheblichkeit.

„Dazu später mehr“, sagte sie und schlug das Buch auf. Der Raum wurde still, als sei er plötzlich Teil einer anderen Zeit.

„Früher“, begann Carol, „früher war der Weihnachtsmann nicht allein. Er hatte Rotnase Marley – sein Freund, seine kreative Abteilung.“

Sie sprach von ihren erfolgreichsten Zeiten: Kaminschlachten, Milchverkostungen und Wunschzettel wie Pergamentlawinen. Es war eine Ära aus Glanz, Glimmer und gelegentlichem Glühwein.

Doch dann … wurden sie müde.

„Es begann damit, dass sie sich über das vierhundertste Jojo des Jahres nicht mehr freuen konnten“, sagte Carol. „Und bald kamen sie kaum noch aus ihrer Werkstatt.“

Die Wunschzettel stapelten sich wie Schneeverwehungen, und dann, eines Tages, starb Rotnase Marley. Einfach so. Ohne Dramatik. Ohne Abspannmusik. Einfach … nicht mehr da.

„Auf seiner Beerdigung“, flüsterte Carol, „hatten alle rote Kugeln dabei. Und legten sie auf sein Grab.“

„Nur der Weihnachtsmann nicht“, fügte sie hinzu, und ihre Stimme wurde hart wie eingefrorener Sirup. „Für ihn war das Weihnachtsquatsch.“

Er zog sich zurück. Sieben Jahre lang. In seine Werkstatt. In sich selbst.

Und: in eine olivgrüne Cordhose mit glänzenden Knien, dazu ein ausgewaschenes T-Shirt mit dem Aufdruck „Grüße aus Lappland“, das ihm nie jemand geschenkt hatte. Darüber ein Flanellhemd, das ständig halb offenstand – ein stummer Protest gegen Knöpfe im Allgemeinen.

Statt einem Mantel aus Samt nun Secondhand-Parka mit Kaffeefleck. Statt Stiefeln trug er alte Turnschuhe, bei denen sich die Sohlen leicht abspreizten, als wollten sie weglaufen.

Die Mütze? Lag irgendwo hinter der Werkbank, zwischen Schrauben und Selbstzweifeln.

Der Gürtel? Durch einen ausgeleierten Rucksackgurt ersetzt – aus Prinzip.

Wenn früher noch irgendwo ein Glöckchen gebimmelt hatte, dann klackte heute nur noch der Thermostat der Heizung, begleitet vom Knirschen seiner morgendlichen Müsliroutine.

Er war nicht mehr der Weihnachtsmann.

Er war jetzt: Herr S. Claus, wohnhaft Werkstatt, Beruf: Eigenbrötler mit Erfahrungswerten.

„Mittlerweile arbeitete Bobby Cratshit bei ihm – ein tapferer kleiner Elfe mit zu viel Verantwortung und zu wenig Mittagspause.“

Carol seufzte.

„Er versuchte, so viele Briefe wie möglich zu lesen … zu beantworten … irgendwie die Maschine am Laufen zu halten. Aber der Weihnachtsmann … blieb lustlos.“

Sie sah in die Runde. Ihre Stimme wurde leiser, eindringlicher.

„Es wurde so schlimm … dass es warm wurde in der Stube.“

Schockiertes Raunen.

„Warm“, sagte Carol, „am Nordpol.“

Die Elfen japsten.

„Weil der Weihnachtsmann zu lustlos war, Eisbriketts zu zaubern. Stellt euch das vor! Es roch nach … Sommer.“

Bobby Cratshit fragte sich – mal wieder –, ob es sich jemals ändern würde.

Die Werkstatt war ein Schatten ihrer selbst, so wie eine ausgepustete Schneekugel oder ein Plätzchenteller nach dem Besuch hungriger Wichtel. Selbst das einst funkelnde Firmenlogo über der Tür hatte den Glanz der Jahre verloren. Die goldenen Lettern, einst geschmiedet aus Nordlicht und Marketingvision, waren stumpf geworden, wie der Humor in einer PowerPoint-Präsentation.

Darunter, kaum noch lesbar, stand in schnörkeliger Schrift:

„Schlitten-Commander für Routen, Organisation, Ordnung, Geschenke & Elfen“

Oder, wie das Monogramm es verkürzte: S.C.R.O.O.G.E.

Eine Berufsbezeichnung, die zugleich Verantwortung und Buchstabensalat war.

Bobby seufzte leise, als er sich an die alte Zeit erinnerte … an glänzende Schlitten, kichernde Elfen, das tägliche „Ho-ho-ho“-Warm-up. Ein verträumter Ausdruck legte sich auf sein Gesicht, wie ein Hauch Puderzucker auf Zimtsternen.

„Schau nicht so verträumt, du ewig gestriger!“, knurrte plötzlich eine Stimme hinter ihm. „Leg gefälligst ein gelangweiltes und lustloses Gesicht auf – sonst kannst du gehen. Dann wird niemand mehr die Wünsche der Kinder beantworten.“

Es war der Weihnachtsmann. Der alte, mächtige, mittlerweile extrem unbegeisterte Weihnachtsmann. Er thronte in einem verblichenen Sitzsack wie ein deprimierter Gott über einem Ramschtisch.

Cratshit reagierte sofort. Er senkte den Blick, zog die Mundwinkel nach unten und versuchte, so auszusehen, als hätte ihn gerade ein Lebkuchen beleidigt. Mit dieser offiziellen Miene des Nordpols antwortete er auf einen Wunschzettel: „Ein fliegendes Klo mit eingebautem Eiscremeautomaten…? Na gut, Julian. Wenn du das wirklich willst.“

Da öffnete sich die Tür mit einem frostigen Knarren. Zwei kleine Weihnachtselfen traten ein – festlich gekleidet, mit glitzernden Mützen und einem Ausdruck von Hoffnung in den Augen, der in dieser Werkstatt eigentlich längst Hausverbot hatte.

„Was wollt ihr?“, fragte der Weihnachtsmann tonlos, während er sich ächzend aufrichtete, als müsste er eine moralische Verpflichtung heben.

„Wir wollten fragen, ob … ob der Weihnachtsmann ein paar Geschenke spenden könnte – für das Kinderheim am Rande der Rentierweide…“

Ein Moment der Stille. Dann explodierte S.C.R.O.O.G.E. wie ein schlecht temperierter Schneebesen.

„SPENDEN?! Für wen haltet ihr mich – einen sentimentalen Sozialkeks?! Geschenke sind nur Kommerz! Raus hier, bevor ich euch in eine Schneekugel fluche!“

Mit einem Temperament, das Rentierschlitten zum Kentern bringen konnte, griff er nach der Tür, öffnete sie und warf die Elfen samt ihren wohltätigen Gedanken hinaus. Fluchend wie ein Rohrspatz auf Zimtentzug. Der letzte Ausruf hallte durch die Werkstatt: „Und nehmt euer schlechtes Gewissen gleich mit, ich brauch den Platz für meinen Nihilismus!“

Er ließ sich wieder in seinen Sitzsack fallen. Die universelle Miesepeter-Position: leicht seitlich, Decke über dem Bauch, Missmut in den Augen.

Cratshit schüttelte nur mit dem Kopf. Es war ein trauriger Anblick. Und das, obwohl er täglich mit einem Roboter zu Mittag aß – seine Schmerzgrenze war hoch.

Dann öffnete sich erneut die Tür. Der Weihnachtsmann knurrte leise. Noch jemand. Offenbar war heute Tag der offenen Enttäuschung.

Und herein kam: Fredoardo „der Barista“, Betreiber des Letzten Weihnachtscafés – und der Neffe des Weihnachtsmanns – italienischerseits. Er war der menschgewordene Duft von warmem Kakao und diplomatischer Hartnäckigkeit.

„Buooooongiorno, Onkelooo!“, rief er, als würde er ein Musical betreten. „Schau dich an, du alter Grappaweihnachtsbär! Immer noch in deiner Trauerwurstposition?“

Der Weihnachtsmann blinzelte. „Und … Neffe … was kann ich diesmal nicht für dich tun?“

Fredoardo lächelte strahlend. Sein Lächeln hatte in seinem Café schon Milch aufschäumen lassen, ohne dass die Maschine eingeschaltet war.

„Onkel, es ist bald wieder Natale, verstehst du? Weihnachten! Und ich denke mir – warum nicht feiern? Mit mir, mit meinen Angestellten, mit ein bisschen amore, ein bisschen Latte Macchiato, ein bisschen dolce vita natalizia!“

Er zählte an den Fingern ab:

„Cappuccino. Caffè lungo. Punschino di caramello. Und süße Stückchen, die selbst ein Schneemann in der Fastenzeit essen würde!“

Der Weihnachtsmann verzog keine Miene. Seine Stimme klang wie ein eingefrorenes Brotmesser.

„Bäääääh … sentimentaler Scheiß. Mein letztes Weihnachten ist erst siebzig Jahre her … das langt. Ich hab genug Plätzchen gegessen, genug Lieder gehört, genug Mistelzweige gemieden. Keinen Bock mehr.“

Er rollte sich tiefer in seinen Sitzsack, wie ein deprimierter Truthahn, der sich selbst gestopft hatte.

Fredoardo trat näher. Sein Blick blieb hell, aber in seinen Augen lag ein Hauch Sorge, wie feiner Puderzucker auf zu hartem Lebkuchen.

„Aber Onkel … du bist doch der Chef hier…“

Der Weihnachtsmann antwortete nicht. Sein Blick ging ins Leere. In ihm lag der Nordpol. Kalt. Weiß. Und leer.

Fredoardo gab nicht auf. Er beugte sich ein wenig vor, sein Lächeln ein Sonnenstrahl auf einem Gletscher.

„Komm schon, Onkelchen … es ist nur einmal Weihnachten im Jahr. Und by the way: Was bist du eigentlich von Beruf?“ Er zwinkerte. Charmant wie ein Glitzersturm mit Espresso-Unterton.

Der Weihnachtsmann sprang nicht auf. Er explodierte innerlich – eine stille Detonation aus Zynismus und chronischer Festtagsverstopfung.

„RAAAAAAAAAAAAAAUUUUUUUUUUUUUUUUUUSSSSSSSSSSSSSSS!!!“

Es war kein Schrei, es war eine Urgewalt. Die Fenster klirrten. Ein Lebkuchen fiel tot um.

Fredoardo seufzte theatralisch. Er drehte sich zu Cratshit um, der ihm ein verlegenes, aber ehrliches Lächeln schenkte. Über seinem Kopf schwebte ein kleines Herz. Unaufdringlich. Warm. Offenbar hatte sich dort eine emotionale Regung verirrt.

Fredoardo lächelte zurück.

„Wenigstens einer, der hier noch an den Weihnachtszauber glaubt“, sagte er, und dann ging er – wie ein gut duftender Hoffnungsschimmer mit leichtem Espresso-Aroma.

Der Weihnachtsmann erhob sich langsam. Seine Gelenke klangen dabei wie ein Rentier, das rückwärts über Kies läuft.

„Apropos Weihnachten …“, sagte er – das Wort wie ein Stück Gallensaft auf Zunge und Stolz. „Du willst bestimmt wieder Weihnachtsurlaub, oder? So wie es im Tarifvertrag steht.“

Bobby Cratshit stand da wie ein Kind, das gehofft hatte, dass der Pudding nicht runterfällt. „Wenn es möglich wäre …“, murmelte er kleinlaut.

„Pah“, machte der Weihnachtsmann und winkte ab, als fächele er sich schlechte Laune zu. „Aber komm bloß nicht auf die Idee, dass ich dir was schenke! Und lass die Eisbriketts in Ruhe – hier ist es endlich mal angenehm warm! Kein Mensch braucht diese scheiß Kälte.“

Cratshit sagte nichts. Er zog nur sein letztes Hemd aus. Schweiß perlte auf seiner Stirn, sein Körper dampfte wie ein überkochter Kakao. Für einen Elfen musste es kalt sein – bitterkalt. Doch hier drinnen fühlte es sich an wie die tropische Variante einer Weihnachtskrise.

„Dann feier dein Weihnachten“, sagte der Weihnachtsmann, während er sich wieder in seinen Sitzsack plumpsen ließ, wie ein Sack voll verdorbener Marzipanlaune. „Aber dafür hilfst du im Frühling dem Osterhasen. Der nervt mich schon wieder. Will irgendeine Hasensteuer oder sowas.“

„Natürlich … natürlich“, sagte Cratshit und verbeugte sich – halb aus Respekt, halb aus Hitzeschock.

Die Werkstatt wurde geschlossen. Der Weihnachtsmann aktivierte den Schließzauber: einmal … zweimal … dreimal … und – nur um ganz sicher zu gehen – ein viertes Mal. Magische Schlösser klickten, runenbeschriebene Scharniere leuchteten schwach bläulich auf, und irgendwo jaulte ein unterdrückter Wunschzettel.

Cratshit winkte noch. „Dann bis übermorgen … und frohe—“

„Wage es nicht“, knurrte der Weihnachtsmann wie ein Lebkuchenwolf auf Diät.

Cratshit schluckte. „… Ostern. Im Voraus.“

Dann trennten sich ihre Wege – wie heiße Milch und alte Kekse. Und Cratshit, der sich an die Kälte klammerte wie an einen Rest Würde, stapfte los. Er zog sich eine zu dünne Jacke über sein verschwitztes Hemd, während die Tür hinter ihm zufiel wie ein Urteil.

Draußen wurde es nicht besser.

Cratshit hatte sich schon immer gefragt, warum es am Nordpol aussah wie in London zur Zeit der Cholera – ein endloser viktorianischer Irrtum. Vielleicht war es ein persönlicher Spleen vom Chef. Oder eine stilistische Entscheidung der Weihnachtsbehörde.

Kutschen ratterten über vereiste Straßen, an denen Laternen flackerten wie Teelichter auf Methadon. Elfen mit Gehröcken, Spazierstöcken und Monokeln stolzierten herum, als hätten sie gleich ein philosophisches Duell mit dem Zeitgeist.

Alles tariflich vorgeschrieben.

Eine seltsame Welt. Eine kalte Welt. Aber immerhin: eine mit Struktur. Und Cratshit stapfte hinein – in eine weitere Nacht im industriell-romantisierten Wunderland.

Der Weihnachtsmann stapfte durch den Schnee, als trüge er nicht nur Stiefel, sondern auch eine tiefsitzende Weltenttäuschung. Sein Weg führte ihn nicht etwa direkt nach Hause, sondern wie immer zunächst ins „Rentierstall Nr. 13 – Wirtshaus für Anspruchslose“. Es war ein Gasthaus, das schon im Sommer Frostbeulen verteilte und als Spezialität etwas anbot, das auf der Speisekarte nur als „Verdächtige Weihnachtsreste, frittiert“ bezeichnet wurde.

Er setzte sich an seinen Stammplatz – ein abgewetzter Hocker mit nur zwei stabilen Beinen – und bestellte wie immer:

„Einmal das billigste, was sie haben. Überrasch mich nicht.“

Der Wirt – ein übergewichtiger Gnom mit traurigen Augen und einer Bratenspritze im Gürtel – nickte und kam kurz darauf mit einem dampfenden Teller zurück. Darauf:

Gebratene Wunschzettel auf einem Bett aus Instant-Grieß, garniert mit gebrochenen Zuckerstangen und einem Schluck Punsch vom letzten Jahr.

„Bon appétit“, nuschelte der Gnom, was bei ihm wie eine Entschuldigung für das Essen klang.

Der Weihnachtsmann kaute mürrisch und las dabei die aktuelle Ausgabe des Nordpol-Kuriers. Einige der Schlagzeilen:

„Osterhase verklagt Weihnachtsrat: ‚Ich will auch mal Emotionen verteilen dürfen!’“

„Rentiergewerkschaft droht mit Streik – ‚Keine Karotten, keine Starts!’“

„Elfensängerin Candy Minz veröffentlicht Skandalalbum: ‚Let it Ho!’“

„Kälteanomalie in der Werkstatt: Experten vermuten funktionierenden Weihnachtsgeist.“

Er schnaubte, legte die Zeitung beiseite und verließ das Gasthaus mit einem Magen voller Fragezeichen und Frittieröl.

Sein Zuhause lag nicht weit entfernt – ein schiefer Bau, der einst festlich war, aber jetzt aussah, als hätte jemand Weihnachten rückwärts entworfen. Es war Rotnase Marleys altes Haus, das der Weihnachtsmann geerbt – und anschließend nach seinem eigenen Geschmack entzaubert hatte.

Wo früher Lametta wie Regen hing, klafften jetzt kahle Wände. Statt Türmchen mit Lichterketten gab es rostige Metallröhren, durch die gelegentlich warmer Dampf pfiff, wie aus der Nase eines beleidigten Drachen. Ein Schild neben der Eingangstür verkündete in schnörkelloser Schrift:

„Hier wohnt kein Wunder mehr.“

Er ging zur Tür. Griff nach seinem Schlüssel und betrachtete beiläufig den schweren Türklopfer – eine alte, gusseiserne Rentiernase. Noch bevor er den Schlüssel in das Schloss stecken konnte, veränderte sich das Metall des Türklopfers. Augen öffneten sich. Ein Maul formte sich. Und das Gesicht von Rotnase Marley erschien. Verkleidet als Weihnachtsmann – mit Mütze, Bart und tadelndem Blick, der durch Mark und Zimtstern ging.

Der Weihnachtsmann zuckte nicht mal.

„Die Werbung wird auch immer verrückter“, murmelte er und öffnete die Tür.

Drinnen war es still. Kalt war es nicht – aber auch nicht warm. Es war die Temperatur von Gleichgültigkeit. Er kontrollierte jeden Raum: das Anti-Weihnachtszimmer (früher Kaminzimmer), das Nicht-Geschenk-Kabinett, und den Nicht-Advent-Korridor, in dem einmal ein Adventskalender hing – jetzt nur noch eine Wand mit zwölf leeren Haken.


© Armin Knebel, 2025
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Armin Knebel

"Ich glaube, jede Entscheidung hinterlässt eine Version von uns, die wir nie kennenlernen werden."

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