Spuren im Buch
Ein Buch. Fremde Gedanken. Und plötzlich wird aus Neugier etwas, das alles verändert.
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„Spuren im Buch“ Platz 6 der Kindle-Charts (Top 100 – Gratis).


Klappentext: Alexandra Drayton lebt ihren Traum als Künstlerin im idyllischen Falmouth, Cornwall. Doch unter der malerischen Oberfläche ihres Alltags verbirgt sich eine tiefe Sehnsucht – nach etwas, das sie selbst nicht benennen kann. Eines Tages entdeckt sie in einem Antiquariat ein geheimnisvolles Buch, das voller persönlicher, handschriftlicher Randnotizen steckt. Diese berührenden Kommentare ziehen Alexandra in ihren Bann und wecken ihre Neugier auf den unbekannten Verfasser.
Entschlossen folgt sie den rätselhaften Spuren, die nicht nur ihr Leben, sondern auch das Leben anderer verändern könnten. Alexandra begibt sich auf eine Reise zwischen Vergangenheit und Gegenwart, getrieben von der Hoffnung, hinter den emotionalen Notizen mehr als nur Worte zu finden.
„Spuren im Buch“ erzählt eine atmosphärische Geschichte über Zufälle und Schicksal, über die Kraft von Worten und über die geheimnisvollen Wege, auf denen Bücher uns manchmal begegnen und berühren.
Infos
- ASIN: B0FPM429VJ
- Herausgeber: SaarPoesie
- Erscheinungstermin: 2. September 2025
- Sprache: Deutsch
- Seitenzahl der Taschenbuch-Ausgabe: 316 Seiten
- ISBN-13: 979-8317166038
- Abmessungen: 12.7 x 2.01 x 20.32 cm
Leseprobe
Vorwort:
Die Idee für diese Geschichte ist … nun ja … ein bisschen seltsam.
Eigentlich arbeitete ich an einem ganz anderen Buch – eine völlig andere Geschichte, die mir wirklich gefiel. Doch dann stellte ich fest: Verdammt, diese Geschichte gibt es bereits! Obwohl ich sie vorher nie bewusst wahrgenommen hatte. Und weil ich nichts kopieren wollte, nahm ich nur die zugrunde liegende Metapher und schrieb sie um.
Normalerweise habe ich meine Geschichten bereits im Kopf, bevor ich sie zu Papier bringe. Doch diesmal war es anders. Sie entstand einfach so – aus einem Gedanken, der sich verselbstständigte, aus einer Idee, die sich in eine neue Richtung bewegte.
Die Grundidee jedoch blieb: Worte in Büchern zu verstecken. Ursprünglich hatte ich vor, das über Generationen hinweg zu erzählen. Doch schließlich landete die Geschichte im Hier und Jetzt.
Und so entstand „Spuren im Buch“. Ich hoffe, es gefällt euch.
Armin Knebel
Prolog:
Alexandra stand an ihrer Staffelei, die Pinselspitze in der Luft verharrend, während ihr Blick über die Leinwand wanderte. Die Farben darauf wirkten noch roh, unausgeglichen – ein Himmel, der zu dunkel geraten war, das Meer darunter zu still. Es fehlte etwas. Ein Detail, ein Hauch von Leben.
Ihr Atelier war ihr Rückzugsort, eine Mischung aus kreativer Unordnung und durchdachter Struktur. An den Wänden lehnten fertige und halbfertige Gemälde, einige in kräftigen Blautönen, andere in sanften, erdigen Farben. Ein großer Holztisch in der Mitte des Raumes war übersät mit Farbtuben, Skizzenbüchern und Pinseln, einige von ihnen noch mit getrockneten Farbresten bedeckt. Im hinteren Bereich befand sich eine kleine Küchenecke – kaum mehr als eine Spüle, ein Regal mit Tassen und eine alte Kaffeemaschine, die sie längst aufgegeben hatte.
Das Herzstück des Raumes aber war das große Fenster. Es ließ das Licht in langen, warmen Streifen auf den Boden fallen.
Alex trat einen Schritt zurück, betrachtete das Bild noch einmal mit kritischem Blick. Dann seufzte sie leise und legte den Pinsel auf die Ablage neben der Staffelei. Vielleicht war es an der Zeit, eine Pause zu machen.
Sie streifte sich die Farbspritzer von den Händen – ein vergeblicher Versuch, denn einige Pigmente hatten sich bereits in ihre Haut gearbeitet – und ging durch die Tür in den angrenzenden Verkaufsraum. Der kleine Shop war ein Kaleidoskop aus Farben. Gemälde in verschiedenen Größen bedeckten die Wände, von großformatigen Küstenlandschaften bis hin zu kleineren, detailverliebten Aquarellen.
Ein altes Holzregal in der Ecke beherbergte eine Sammlung von Drucken und Postkarten, während in der Mitte des Raumes ein niedriger Tisch stand, auf dem eingerahmte Bilder und kleine Staffeleien arrangiert waren.
Sie ließ den Blick über die Bilder gleiten. Manche von ihnen kannte sie in- und auswendig – sie hatte jeden Strich darauf gesetzt –, andere wirkten beinahe fremd, als hätte eine andere Version von ihr sie geschaffen.
Ein erneuter Seufzer. Samstag. Flohmarkt.
Die Vorstellung, durch die engen Reihen zu schlendern, zwischen alten Büchern, verstaubten Kisten und vergessenen Dingen zu stöbern, war plötzlich verlockend. Vielleicht würde sie neue Motive finden – etwas, das sie inspirierte, das ihren Bildern die Tiefe verlieh, die sie im Moment vermisste.
Mit einer entschlossenen Bewegung griff sie nach ihrer Digitalkamera, die auf dem Tresen lag, warf einen letzten Blick durch den Raum und schloss dann die Tür hinter sich ab.
Draußen umfing sie die klare Luft des Morgens. Der Weg zum Hafen war nicht weit, und während ihre Schritte über das unebene Pflaster hallten, konnte sie nach kurzer Zeit das geschäftige Treiben in der Ferne hören – gedämpfte Stimmen, das Klappern von Holz, das Rufen eines Verkäufers.
Ein neuer Tag, ein neues Bild im Kopf.
Teil 1: „Notizen haben kurze Beine“
25.05.2024:
Falmouth war ein Ort, erfüllt vom Atem vergangener Geschichten. Die salzige Meeresbrise trug das Echo vergangener Zeiten mit sich, während die Möwen schrill über den alten Hafen riefen. Der Geruch von Tang und nassem Holz lag in der Luft, vermischt mit der warmen Würze von frischen Scones, die in den kleinen Cafés entlang der Küste gebacken wurden. Hier, an der südlichen Küste Cornwalls, lag eine Stadt, die gleichermaßen vom Wind geformt und von den Gezeiten umarmt wurde.
Die Gassen von Falmouth waren schmal und verwinkelt, gepflastert mit ungleichmäßigen Steinen, die unter Alexandras Stiefeln klapperten, während sie über das unebene Pflaster schlenderte. Die Häuser drängten sich eng aneinander, ihre Fassaden von der salzigen Luft ausgebleicht, doch die Fensterläden waren in kräftigem Blau, Grün und Rot gestrichen, als wollten sie sich dem Grau der Stürme widersetzen. Wäsche flatterte auf gespannten Leinen über den Hinterhöfen, und irgendwo in der Ferne klapperte eine Tür im Wind.
In den frühen Morgenstunden war die Stadt noch schläfrig. Die Fischerboote kehrten gerade erst von ihrer nächtlichen Fahrt zurück, ihre Netze voller zappelnder Makrelen und Dorsche. In der Nähe des Hafens standen einige Fischer in ölverschmierten Jacken und rauchten Pfeife, während sie in ruhigem, gedehntem Kornisch miteinander sprachen. Alexandra mochte dieses Raunen, dieses halb verstehbare Murmeln einer Sprache, die älter war als die Stadt selbst.
Entlang der High Street reihten sich kleine Läden aneinander – Buchhandlungen mit schief stehenden Regalen, Antiquitätenläden, in denen sich silberne Löffel mit vergilbten Postkarten vermischten, und Cafés, die bereits mit Kreide ihre Tagesangebote auf Tafeln kritzelten. Ein süßer Duft von frisch gemahlenem Kaffee und gebackenem Brot lag in der Luft, und Alexandra blieb kurz stehen, um ihn einzuatmen.
Weiter unten, am Prince of Wales Pier, legten Fähren an, die Menschen nach St. Mawes oder hinüber nach Flushing brachten. Die Fähren schwankten leicht auf dem dunkelblauen Wasser, während Touristen in bunten Regenjacken sich an den Relings festhielten. Ein alter Mann, der seit Jahren an derselben Stelle Saxophon spielte, ließ eine melancholische Melodie über die Wellen treiben.
Doch es war der Hafen, der Falmouth seinen Charakter gab. Die riesige Bucht, die sich wie eine schützende Hand um die Stadt legte, war gesäumt von Booten aller Art – von schaukelnden Fischerbooten bis hin zu eleganten weißen Yachten. Die Werftarbeiter, mit ölverschmierten Händen und wettergegerbten Gesichtern, standen an den Docks, während sie Holzbalken mit kräftigen Schlägen aufeinandertrieben.
Alexandra ließ ihren Blick über das Wasser wandern, während sie weiterging. An sonnigen Tagen wie diesen – wenn das Licht weich über den Wellen lag und die Stadt in einen goldenen Schimmer tauchte – fühlte sie sich hier zu Hause.
Als sie den Event Square erreichte, breitete sich vor ihr ein Gewirr aus bunten Marktständen aus. Jeden Samstag verwandelte sich der Platz in einen lebendigen Flohmarkt, auf dem sich Menschen zwischen alten Büchern, handgefertigtem Schmuck und kunstvoll bemalten Keramikschalen hindurchdrängten. Der Klang von Stimmen, Lachen und gelegentlichem Hundebellen mischte sich mit dem leisen Klirren von Porzellan und dem Rascheln von Stoffen.
Ein älterer Herr mit zerzaustem Haar verkaufte Schallplatten, seine Hände flogen geschickt von einer Hülle zur nächsten, während er einem jungen Paar erklärte, warum diese eine Platte von Fleetwood Mac ein wahrer Schatz sei. Nicht weit entfernt feilschte eine Frau mit einem Standbesitzer um den Preis eines bestickten Tischläufers, während ein Kind aufgeregt ein altes Spielzeugauto durch die Menge rollte.
Alexandra liebte diesen Ort. Schon als Kind war sie oft hier gewesen und hatte das bunte Treiben der Menschen verfolgt, ihr Handeln und Feilschen.
Sie ließ ihre Finger über die raue Oberfläche eines Lederbuches gleiten, das in einer Kiste lag, als eine vertraute Stimme sie aus ihren Gedanken riss.
„Alex? Ich hätt’s mir denken können.“
Sie drehte sich um, als sie die vertraute Stimme hörte.
Sie gehörte Clara Crumplin, die direkt hinter ihr stand. In der Hand hielt sie eine Eiswaffel, aus der bereits ein Tropfen auf ihre Finger lief. Ihre kupferroten Haare leuchteten im diffusen Morgenlicht, und ein sanftes Lächeln spielte um ihre Lippen. Sie trug eines ihrer typischen langen Kleider, bedruckt mit winzigen Blüten, und an ihren Ohren baumelten silberne Ohrringe, die bei jeder Bewegung leise klimperten.
„Hey, Süße.“ Alexandra lächelte, beugte sich vor und drückte ihr flüchtige Küsse auf beide Wangen. „Was treibt dich hierher?“
Clara leckte nachlässig an ihrem Eis und deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung der hinteren Stände. „Stan wollte unbedingt her – irgendwas mit alten Gitarren.“
Alexandra schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Ihr zwei … Wieder zusammen?“
Clara zuckte mit den Schultern, ihr Blick war schelmisch, doch das Funkeln in ihren grünen Augen verriet genug.
Alexandra seufzte.
„Was denn?“ Clara schob ihr Eis in die andere Hand und sah sie herausfordernd an. „Lass mir doch den Spaß.“
„Ich sag ja nichts …“ Alexandra hob die Hände abwehrend. „Aber letzte Woche – Funkstille.“
„Kennst mich doch.“ Clara zwinkerte ihr zu, als wäre das Erklärung genug.
Alexandra ließ es darauf beruhen. „Sonst?“
Clara biss ein Stück von der knusprigen Waffel ab und kaute kurz, bevor sie mit einem beiläufigen „Joah – läuft.“ antwortete. Dann ließ sie ihren Blick über die Stände schweifen und deutete mit einem leichten Nicken auf den Markt. „Und? Ab zum Meer?“
Alexandra atmete tief durch. „Klar. Die Bilder malen sich ja nicht alleine.“
Clara lachte leise. „Echt erstaunlich, dass du da nicht längst campst.“
„Sehr witzig.“
In diesem Moment tauchte Stan auf, eine abgenutzte Gitarre unter dem Arm. Sein dunkles, leicht zerzaustes Haar fiel ihm in die Stirn, und sein gewohnt lässiges Grinsen lag auf seinen Lippen. Er legte einen Arm um Clara, als wäre das gerade das Natürlichste auf der Welt.
„Hey, Alex.“
„Hi, Stan.“ Sie nickte ihm kurz zu.
Clara drückte sich an seine Seite. „Wir gehen mal weiter – der Laden wartet.“
„Alles klar.“ Alexandra zuckte nur beiläufig. „Sehen wir uns morgen?“
Clara drehte sich im Gehen noch einmal zu ihr um. „Wehe nicht!“
Alexandra sah ihnen nach, bis die beiden in der Menge verschwanden. Dann stand sie allein da, mitten zwischen den Ständen, während die Stimmen um sie herum weiterlebten, als wäre nichts gewesen.
„Kostet zehn Pfund.“
Die Stimme ließ sie zusammenzucken. Sie wandte sich um und sah einen älteren Mann mit runder Brille und einem Tweedjackett, die Art von freundlichem Kauz, den man in einer alten Buchhandlung erwarten würde.
„Was?“
Er deutete mit einem leichten Kopfnicken auf ihre Hände. „Das Buch. Zehn Pfund.“
Erst jetzt fiel Alexandra auf, dass sie das Lederbuch noch in der Hand hielt. Ihre Finger strichen gedankenverloren über den rauen Einband. Hastig legte sie es zurück auf den Stapel.
„Danke … lieber nicht.“
Der Mann musterte sie kurz, dann hob er eine Braue. „Sieben?“
Alexandra lächelte knapp, winkte ab und drehte sich um. Der Markt lebte weiter – Stimmen, Gerüche, ein Hauch von Geschichten, die in der Luft lagen. Sie ging weiter.
Alexandra schlenderte über den Markt, von Stand zu Stand, inmitten der Stimmen, Farben und Düfte, die sich zu einem lebendigen Gewirr vermischten. Zwischen den kunstvoll arrangierten Auslagen von Handwerksarbeiten, Büchern und Antiquitäten entdeckte sie einen großen Standspiegel, der auf einer hölzernen Staffelei lehnte.
Sie blieb einen Moment davor stehen.
Das Spiegelbild zeigte eine junge Frau mit dunklem Haar, das locker zu einem Zopf gebunden war, einige Strähnen hatten sich gelöst und fielen sanft über ihre Wangen. Blaugraue Augen, die im Licht der Morgensonne silbrig schimmerten, blickten sie nachdenklich an. Ihr Gesicht wirkte weich, die Züge sanft, doch in ihren Augen lag eine Spur von Müdigkeit – oder war es nur die Reflexion der vergangenen Monate?
Fast ein halbes Jahr war es her.
Die Scheidung fühlte sich manchmal an wie ein längst vergangenes Kapitel, an anderen Tagen wie eine Wunde, die immer wieder aufbrach. In nicht einmal drei Jahren würde sie 30 sein. Eine Zahl, die nie beängstigend gewirkt hatte – bis jetzt. War sie auf dem richtigen Weg? Hatte sie irgendwo eine falsche Abzweigung genommen?
Ein plötzlicher Stoß riss sie aus ihren Gedanken.
„Oh, entschuldigen Sie!“ Eine Frau mit einem Leinenbeutel über der Schulter war mit ihr zusammengestoßen, schenkte ihr ein kurzes Lächeln und verschwand wieder in der Menge.
Alexandra ließ ihren Blick noch einmal über das geschäftige Treiben wandern, dann setzte sie ihren Weg fort, vorbei an den letzten Ständen, bis hinunter zum Meer.
Vor ihr erstreckte sich der Hafen, das Wasser bewegte sich sanft, nur gelegentlich kräuselte der Wind die Oberfläche. Die Boote lagen ordentlich aufgereiht, als hätte jemand sie mit unsichtbarer Hand an einer Schnur entlanggezogen. Reihen aus weißen, blauen und roten Rümpfen, einige davon mit abgeblätterter Farbe, andere frisch gestrichen, spiegelten sich im Wasser. Es war ein Bild, das sie so oft gesehen hatte – und doch faszinierte es sie immer wieder.
Sie überlegte, ob sie hierbleiben oder weiterziehen sollte. Das Motiv war vertraut. Vielleicht zu vertraut. In den letzten Jahren hatte sie den Hafen unzählige Male gemalt, in jeder Stimmung, zu jeder Tageszeit. Der Blick auf die Boote war eine Art Konstante in ihrem Werk, eine Szene, die sich ständig veränderte und doch immer dieselbe blieb. Heute war das Licht weich, beinahe durchscheinend, und ließ die Farben leuchten, ohne sie zu überstrahlen. Es war ein gutes Motiv – wie immer.
Ihr Atelier lag nur wenige Minuten entfernt, an der Arwenack Street, in einem alten Sandsteingebäude mit großen Fenstern zur Straße hin. Es war ein kleiner Raum, erfüllt vom Duft nach Leinöl und Farbe, die Regale voll mit Skizzenbüchern, Töpfen mit Pinseln und kleinen Glasfläschchen mit Pigmenten. Dort verbrachte sie die meiste Zeit, malte und experimentierte mit neuen Techniken. Direkt nebenan befand sich ihr Shop – eine unscheinbare, aber charmante Galerie, in der sie ihre Bilder verkaufte. Touristen, die durch Falmouth schlenderten, fanden oft den Weg dorthin, angezogen von den leuchtenden Farben ihrer Landschaftsmalereien. Viele kauften ihre Werke als Erinnerung an die Tage am Meer, als Momentaufnahmen einer Stadt, die von Wind und Wellen geformt wurde.
Ihr Blick wanderte zurück zum Markt. Auch dieses Motiv hatte sie schon unzählige Male auf die Leinwand gebracht – das bunte Gewirr aus Menschen, die sich zwischen den Ständen drängten, das Spiel von Licht und Schatten, die Geschichten, die sich zwischen all den alten Büchern, antiken Möbeln und handgemachten Kunstwerken verbargen. Doch heute … heute war das Licht perfekt. Die Stände genau richtig, das lebhafte Treiben hatte genau den Punkt erreicht, an dem es weder überfüllt noch leer wirkte.
Ohne lange zu überlegen, griff sie in ihre Tasche und zog eine kleine Digitalkamera hervor. Sie war kein Fan von modernen Geräten, aber die Kamera war praktisch – klein genug, um sie immer dabei zu haben, und gut genug, um die Stimmungen einzufangen, die sie später auf Leinwand bringen wollte. Sie hob das Gerät, stellte den Fokus ein und drückte den Auslöser. Ein leises Klicken, dann das nächste.
Sie bewegte sich ein wenig, suchte neue Perspektiven. Mal nahm sie den Markt aus der Distanz auf, mal zoomte sie auf einzelne Details – eine geblümte Teekanne auf einem Holztisch, eine ältere Frau mit Hut, die nach einem alten Buch griff, eine Reihe bunter Stoffbahnen, die im Wind flatterten. Dann drehte sie sich wieder um und richtete die Kamera auf das Meer.
Ja, das würden wunderbare Bilder werden.
Dann machte sie sich auf den Heimweg. Während sie durch die verwinkelten Gassen von Falmouth schlenderte, malte sie die Bilder bereits in ihrem Kopf. In der Pause, wie jeden Mittag, würde sie bei ihren Eltern im The Rusty Compass vorbeischauen – dem kleinen Familiencafé, das schon seit Jahrzehnten am Hafen stand. Essen, einen Kaffee trinken, ein wenig über Alltägliches plaudern, dann zurück in ihren Shop spazieren und wieder öffnen. Eigentlich hatte sie ein Traumleben – in einer Traumumgebung mit einem Traumjob.
Eigentlich.
Wäre da nicht diese ständige, nagende Sehnsucht nach … etwas anderem. Etwas Unbestimmtem, das sie weder benennen noch ignorieren konnte.
Später würde sie noch ins Antiquariat gehen, wie so oft in den letzten Monaten. Sich einen Roman mit einer Liebesgeschichte aussuchen – irgendeinen, Hauptsache, es gab ein Happy End. Es war fast ironisch: Sie, die mit romantischen Klischees nichts anfangen konnte, flüchtete sich seit der Trennung genau in diese Geschichten. Perfekte Liebe, perfektes Glück, perfekte Zweisamkeit – süßer Eskapismus zwischen vergilbten Seiten.
„Sentimentaler Scheiß“, dachte sie und schmunzelte über sich selbst. Und doch würde sie es nicht lassen können. Irgendwann, da war sie sich sicher, würde diese Phase vorbeigehen und sie über sich selbst lachen.
Clara hatte sie natürlich längst damit aufgezogen: „Wie viele Schmonzetten willst du dir noch reinpfeifen? Geh raus in die Welt! Hübsche Männer – überall!“
Typisch Clara. Sie war schon immer ein Freigeist gewesen – voller Energie, voller Leidenschaft. Regeln interessierten sie nicht, Pläne machte sie selten, und wenn, dann nur, um sie im letzten Moment über den Haufen zu werfen. Alexandra hatte sich oft von ihr mitreißen lassen – in spontane Trips, in absurde Situationen, in unvergessliche Erinnerungen. Ihre Freundschaft war ehrlich, tief, auf eine Art unerschütterlich. Clara verstand sie oft besser, als sie sich selbst verstand.
Und dann – wieder so ein Moment.
Alexandra hielt inne, blinzelte irritiert. Sie war fast an ihrem eigenen Atelier vorbeigegangen.
Ein leises Lachen entwich ihr, als sie den Schlüssel aus der Tasche zog. Wie oft war ihr das schon passiert? Ihr Kopf war mal wieder überall gewesen – in Erinnerungen, in Tagträumen, in alten Geschichten. Nur nicht dort, wo er sein sollte.
Hier. Im Jetzt.
***
Das Schlafzimmer roch nach warmer Haut, nach Sex und einem Hauch von Erdbeer-Menthol. Clara lag entspannt auf der Seite, die Decke nur halb über sich gezogen, während sie an ihrer E-Zigarette zog. Sie inhalierte tief, ließ den Dampf einen Moment in ihren Lungen kreisen, bevor sie ihn langsam in die Luft entließ. Eine dicke, weiße Wolke stieg auf und breitete sich im Zimmer aus.
Stan rümpfte die Nase und fächelte sich mit der Hand Luft zu. „Boah – das Zeug stinkt. Was ist das?“
Clara betrachtete die rötliche Flüssigkeit in ihrem Gerät, dann zuckte sie die Schultern. „Erdbeere, glaube ich … mit Menthol.“
Stan räkelte sich im Bett, streckte sich genüsslich und ließ sich wieder in die Kissen sinken. „Widerlich. Und das schmeckt?“
Clara hob eine Braue und schmunzelte während sie aufstand. „Du hattest eben ganz andere Sachen im Mund. Stell dich nicht so an.“
Er lachte leise, griff nach einem Kissen und warf es in ihre Richtung. Sie wich geschickt aus und schlenderte splitterfasernackt ins Bad. Die Dusche rauschte, während Stan sich aufsetzte und nach seiner Jeans griff. Er zog sie mit einer routinierten Bewegung über die Hüften, schlüpfte in sein T-Shirt und zündete sich eine Zigarette an.
Sein Blick fiel auf die Gitarre neben dem Bett – sein neuestes Fundstück vom Flohmarkt. Das Holz war verkratzt, die Lackierung an mehreren Stellen abgesplittert, und die Saiten hatten längst ihre besten Tage hinter sich. Aber er konnte das Potenzial sehen. Neue Saiten, eine frische Lackierung, vielleicht ein bisschen Feinarbeit am Holz … Sie würde wieder klingen.
Er nahm die Gitarre auf, drehte sie prüfend in der Hand und rief dann in Richtung Badezimmer: „Ich pack’s dann mal wieder.“
Das Wasser verstummte, und einen Moment später trat Clara aus der Tür, ein Handtuch lose um ihren Körper geschlungen. Ihre kupferroten Haare klebten nass an ihrem Nacken, ihr Blick war überrascht. „Du gehst schon? Ich dachte, wir gehen noch was essen?“
Stan ging zu ihr, beugte sich vor und drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. „Sorry, keine Zeit mehr. Die Gitarre braucht mich.“
Claras Augen verengten sich. Sie stellte sich mit verschränkten Armen vor ihn, ihr Blick scharf. „Aber fürs Vögeln hat’s gereicht!“
Stan verdrehte die Augen. „Was willst du von mir? Es war so abgemacht – keine Verpflichtungen.“
Clara schnaubte. „Ach, leck mich doch.“
Ohne eine weitere Reaktion griff Stan nach seiner Jacke, schwang sich die Gitarre über die Schulter und ging. Die Tür fiel mit einem dumpfen Geräusch ins Schloss.
Er ging die Treppen hinunter und hinten raus – zog die Tür hinter sich zu und ließ das leise Klicken des Schlosses verhallen. Vorne, zur Straße hin, lag Claras Blumenladen – geschlossen. Die Rollläden halb heruntergelassen, das handgeschriebene Schild „Später wieder da“ in schwungvollen Lettern an der Scheibe.
Er zögerte nicht. Sein Weg führte über den kleinen Hinterhof, wo noch ein paar vertrocknete Blütenreste vom Vortag verstreut lagen. Mit schnellen Schritten überquerte er das Pflaster, trat hinaus auf die Hauptstraße. Der Asphalt war noch nass vom nächtlichen Nieselregen, und irgendwo in der Ferne hörte man Möwen streiten.
Er zog die Kapuze seines Pullovers über den Kopf und lief los. Ziellos, planlos – einfach nur weg.
Er hasste sich. Hasste sich dafür, wie er mit Frauen umging, wie er Nähe zuließ und sie im selben Atemzug wieder abblockte. Ein endloser Kreislauf aus Kommen und Gehen, aus Verlangen und Flucht. Aber es war sein Schutzschild. Seine Art, sich davor zu bewahren, noch einmal so tief zu fallen wie damals.
Nie wieder.
Er hatte es sich geschworen, an jenem Tag, als er mit leerem Blick auf die gepackten Koffer gestarrt hatte. Als die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte und mit ihr all die Versprechen, die einst so leicht über ihre Lippen gekommen waren. Er hatte zugesehen, wie alles zerbrach, wie er die Kontrolle verlor, und er wusste: Das würde er kein zweites Mal durchmachen.
Emotionaler Selbstschutz – lieber gehen, bevor er verlassen wird.
Er nahm eine Zigarette aus der Tasche, zündete sie mit einem routinierten Handgriff an und sog den Rauch tief ein. Viele fanden darin Ruhe – er nicht. Das tat es nie. Aber es gab ihm etwas, an dem er sich festhalten konnte, während seine Gedanken kreisten.
Angst vor Abhängigkeit – er würde niemanden mehr so sehr brauchen, dass es wehtat, wenn er ihn verlor.
Seine Finger umklammerten die Gitarre, die er über die Schulter geworfen hatte. Seine einzige Konstante. Holz und Saiten, Musik und Melodien. Töne verließen einen nicht, sie enttäuschten nicht, sie stellten keine Fragen und verlangten keine Antworten.
Selbstzerstörerische Muster – er wusste, dass er Clara verletzt hatte. Aber verdammt – er wusste nicht, wie er sich anders verhalten konnte.
Er war ein Idiot. Und das Schlimmste war: Er wusste es.
Langsam bog er in eine der kleineren Seitenstraßen ein, ließ die Hektik der Stadt hinter sich.
Sein Blick fiel auf das Schaufenster eines Antiquariats, hinter dem alte Bücher sich in schiefen Stapeln türmten. Eine leise Melancholie erfasste ihn. Geschichten, die zwischen vergilbten Seiten darauf warteten, dass jemand sie wiederfand. Ein bisschen wie er selbst.
Er zog erneut an der Zigarette und schüttelte den Kopf über sich selbst.
Dann ging er weiter.
Clara stand immer noch oben. Einen Moment lang bewegte sie sich nicht, ließ den Ärger in ihr brodeln. Es war eine Mischung aus Wut und Enttäuschung. Was sollte sie noch tun, um diese Beziehung in normale Bahnen zu lenken? Dann schüttelte sie langsam den Kopf. Ihre Lippen formten ein leises, kaum hörbares Wort: „Arschloch.“
Sie zog sich an, zog eine ihrer bunten, luftigen Kleider über und band ihr noch feuchtes Haar grob nach hinten. Dann ging sie nach unten in ihren Blumenladen – Wild Ivy, ihr ganzer Stolz.
Als sie die Tür aufschloss, umfing sie der vertraute Duft von frischem Lavendel und Eukalyptus. Sonnenlicht fiel durch die großen Fenster, tauchte die Räume in ein weiches, warmes Licht. Der Laden war ein kleiner, verwinkelter Ort voller Farben – von den satten Grüntönen der Pflanzen bis zu den kräftigen Blütenfarben, die sich in Töpfen und Vasen verteilten.
Drei Monate hatte es gedauert, die alte Bäckerei in einen Blumenladen zu verwandeln. Alexandra hatte ihr geholfen, genauso wie ein paar andere Freunde. Stan? Der hatte natürlich „keine Zeit“. Aber das war Clara egal. Sie hatte es alleine geschafft. Seit zwei Jahren gehörte ihr der Laden – und er lief gut.
Sie zog die Rollläden hoch, öffnete die Tür und trat hinaus auf die kleine Stufe vor dem Laden. Ein leichter Wind wehte durch die Straßen von Falmouth, trug den Duft von Meersalz und frisch gebackenem Brot heran.
Neuer Umsatz – neues Glück.
Oder so ähnlich.
***
Das Antiquariat war ein Ort, in dem die Zeit anders verstrich. Die Luft roch nach alten Seiten und Staub, vermischt mit dem herben Aroma von Leder und vergilbtem Papier. Hier, zwischen den hohen, vollgestopften Regalen, war es leicht, die Welt draußen zu vergessen.
Alexandra trat durch die knarrende Tür und nickte dem älteren Herrn hinter der Kasse zu. Er erwiderte ihr Nicken mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln – einer Mischung aus Belustigung und stummer Erkenntnis. Er kannte sie inzwischen. Leider. Nie hätte sie gedacht, dass sie einmal so „abhängig“ von Büchern werden würde. Aber hier war sie wieder.
Ihre Finger glitten gedankenverloren über die Buchrücken, während sie langsam durch die engen Gänge schritt. Das Schöne an Antiquariaten war, dass sie sich nicht nach Trends richteten. Während in großen Buchhandlungen Hochglanzcover aufgereiht wurden, warteten hier die Geschichten auf ihre Leser – geduldig, vergessen, bis jemand sie wieder entdeckte.
Sie zog ein Buch heraus, überflog den Klappentext und schob es zurück. Arztroman. Nein, das war dann doch zu schnulzig. Alexandra mochte Romantik, aber nicht in ihrer kitschigsten Form. Sie nahm ein weiteres Buch, betrachtete das Cover, las ein paar Zeilen – wieder nicht das Richtige. Ihre Fingerspitzen streiften die abgenutzten Kanten der Bücher, als könnte sie darüber erfühlen, welche Geschichte die richtige für heute war.
Fast hätte sie sich geschlagen gegeben, als ihr Blick an einem schlichten Cover hängen blieb. Himmelblau, weiche Wolken, ein Titel in zarten Lettern:
„Solange wir uns erinnern“ – Samuel Westcott.
Der Name kam ihr vage bekannt vor. Es war eines dieser Bücher, die vor Jahren kurz im Gespräch gewesen waren – und wieder verschwanden, wie so viele andere.
Ohne genau zu wissen, warum, zog sie es aus dem Regal und schlug es auf.
„Liebe vergeht nicht. Sie verändert sich, versteckt sich, wird leiser – aber sie bleibt.
Als Helena und Richard sich begegnen, scheint ihr Leben bereits in festen Bahnen zu verlaufen. Sie ist verlobt, er hat gelernt, nicht mehr nach dem zu greifen, was er nicht haben kann. Doch manchmal reicht ein einziges Gespräch, ein gestohlener Moment, um alles ins Wanken zu bringen.
Zwischen Briefen, die nie abgeschickt wurden, und Worten, die zu spät gesprochen werden, stellt sich die Frage: Ist es Liebe, wenn man jemanden loslassen muss, um ihn nicht zu verlieren?“
Alexandra runzelte leicht die Stirn. Normalerweise waren Klappentexte dieser Art blumiger, voller Versprechen über „brennende Leidenschaft“ und „unvergessliche Nächte“. Doch dieses Buch machte keine großen Andeutungen. Es klang ruhiger, fast melancholisch.
Gebongt.
Ohne weiter darüber nachzudenken, klemmte sie sich das Buch unter den Arm und trat zur Kasse. Der ältere Herr musterte sie mit wissendem Blick, nahm das Buch entgegen und schlug die Kasse auf.
„Macht fünf Pfund.“
Irgendwie kostete hier jeder Liebesroman fünf Pfund. Vielleicht ein kleiner Spleen des Besitzers. Alexandra kramte das Geld aus ihrer Tasche, legte es auf den Tresen und nahm das Buch wieder an sich.
„Viel Spaß damit“, sagte der Mann, während er das Geld in die Schublade fallen ließ.
Sie nickte, steckte das Buch in ihre Tasche und trat hinaus in den warmen Nachmittag.
Der Weg zum Rusty Compass dauerte nur wenige Minuten. Alexandra lief mit gleichmäßigen Schritten die vertraute Strecke entlang, während der Duft von Salz und Frühling in der Luft lag.
Das Café ihrer Eltern war ein Ort, der Geschichten atmete. Schon von Weitem konnte sie durch die großen Panoramafenster die warme, einladende Atmosphäre erkennen. Der Innenraum war großzügig, aber nicht unpersönlich – eine Mischung aus maritimem Charme und gemütlicher Nostalgie. Die hohen, hölzernen Balken an der Decke ließen das Café weitläufig wirken, während gedämpftes Licht durch die riesigen Scheiben fiel und die Holztische in ein sanftes Schimmern tauchte.
An der hinteren Wand prangte ein gewaltiges altes Steuerrad, ein Relikt aus längst vergangenen Tagen, das einmal an Bord eines Fischerbootes gedient hatte. Rundherum waren antike Kompasse angebracht, jeder mit einer kleinen Plakette, auf der stand, aus welchem Jahr und von welchem Schiff er stammte. Der Tresen aus dunklem, poliertem Holz erstreckte sich über fast die gesamte linke Seite des Raumes, dahinter standen schwere Regale voller Tassen und glänzender Gläser. Direkt am Übergang zur Terrasse, zwischen drinnen und draußen, lag ein echter, rostiger Schiffsanker, der wie eine Brücke zwischen Land und Meer wirkte.
Die Terrasse war das Herzstück des Rusty Compass. Sie lag direkt zum Wasser hin ausgerichtet, nur durch ein niedriges Geländer vom sanften Rauschen der Wellen getrennt. Hier draußen konnte man das Leben der Küstenstadt mit jedem Atemzug spüren – die salzige Luft, das Geschrei der Möwen, das Knarren der Holzplanken unter den Füßen. Mehrere Stühle waren mit weichen Decken ausgestattet, für Tage, an denen der Wind von der See her auffrischte.
Alexandra trat ein. Das leise Klingeln der Türglocke kündigte ihre Ankunft an. Das Café war gut besucht, aber nicht überlaufen. Die meisten Gäste saßen an den Tischen, unterhielten sich gedämpft oder blätterten in Zeitungen, während der Duft von frisch gebrühtem Kaffee den Raum durchzog.
Zielstrebig ging sie zum Tresen, wo ihre Mutter gerade Gläser spülte. Eleanor Drayton sah auf, als ihre Tochter sich auf einen der hohen Hocker setzte, ihr nasses Geschirr mit routinierten Bewegungen polierend.
Eleanor war eine Frau, die mit der Zeit gewachsen war – nicht nur älter, sondern auch weiser. Ihre kastanienbraunen Haare, durchzogen von ersten silbernen Strähnen, hatte sie wie immer locker hochgesteckt, und Lachfalten umspielten ihre warmen, grünbraunen Augen. Ihre Bewegungen waren ruhig, fast beiläufig, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan, als sich um Gäste, Geschichten und dampfende Kaffeetassen zu kümmern.
„Na – was gefunden?“, fragte sie, während sie das letzte Glas zur Seite stellte.
„Ja, klingt ganz gut.“ Alexandra zog das Buch aus ihrer Tasche und legte es auf die Theke.
Eleanor musterte es kurz, zog die Stirn kraus. „Solange wir uns erinnern – klingt wehmütig.“
„Klingt nach Ablenkung.“
Eleanor sagte nichts weiter, sondern drehte sich um, um Kaffee zu machen. Das vertraute Zischen der Maschine erfüllte die Luft.
Alexandra betrachtete das Cover, fuhr gedankenverloren mit den Fingerspitzen über das leicht abgenutzte Blau. Als ihre Mutter ihr die dampfende Tasse hinstellte, schenkte sie ihr ein kurzes Lächeln.
„Danke, Mum. Ich geh raus zum Lesen.“
Mit dem Buch unter dem Arm und der Tasse in der Hand schob sie die Tür zur Terrasse auf. Die Luft war frisch, aber nicht kalt – zumindest nicht für jemanden, der hier aufgewachsen ist. Die Decken auf den Stühlen ließ sie unberührt, setzte sich mit dem Rücken zur Sonne und schloss für einen Moment die Augen.
Das Kreischen der Möwen über ihr, das leise Rauschen der Brandung, das gedämpfte Stimmengewirr aus dem Café – all das mischte sich zu einer Art Klangteppich, der sie einhüllte wie eine weiche Decke. Ein Moment der Ruhe. Ihr ganz eigener.
Dann öffnete sie langsam die Augen, atmete tief durch – und schlug das Buch auf.
„Hallo, neue Welt.“
Die ersten Seiten waren bereits bekannt – die kurze Inhaltsangabe, die Verlagsseite. Nichts Überraschendes. Doch dann folgte eine leere Seite, gefolgt von einer weiteren. Erst auf der dritten stand etwas, in großen, gedruckten Lettern:
„Autorenexemplar – nicht zum Verkauf gedacht.“
Alexandra zog überrascht die Brauen hoch. „Hups – zu spät“, murmelte sie trocken und blätterte weiter. Noch eine leere Seite.
Dann eine Widmung.
Handgeschrieben.
Sie richtete sich im Stuhl auf, ihr Blick verharrte auf den geschwungenen Buchstaben.
„Für Oliver –
Möge diese Geschichte dich inspirieren, so wie du mich inspiriert hast.
Mit all meiner Hoffnung, dass Worte uns immer verbinden.
– Sam“
Ein leiser Windhauch strich über die Terrasse, doch Alexandra fröstelte nicht deswegen.
Sie runzelte die Stirn, blätterte zurück zum Cover.
Samuel Westcott.
Dann sah sie die Widmung erneut an.
Sam.
Autorenexemplar. Handgeschriebene Widmung an einen gewissen Oliver.
Warum hatte sich jemand von so einem Buch getrennt?
Sie kaute kurz auf ihrer Unterlippe, dann ließ sie sich tiefer in den Stuhl sinken und begann zu lesen.
Anfangs floss der Text ruhig dahin. Eine Geschichte, melancholisch, aber nicht kitschig. Doch dann, auf Seite vier, stockte sie.
Am Rand, in feiner, mit Bleistift gezogener Handschrift, stand:
„Dieses Kapitel hätte ich vermutlich anders geschrieben.
Nicht nur hier, sondern im echten Leben.“
Sie stutzte. Was?
Ihr Blick glitt erneut über die Zeilen. Es war eine klare, fast beiläufige Notiz – und doch hallte sie in ihr nach.
Sie las weiter.
Auf Seite sechzehn, erneut eine Randnotiz:
„Er sagt ‚für immer‘ – sie glaubt ihm.
Warum tut sie das?“
Alexandra blinzelte. Die Worte wirkten fast … verzweifelt.
Sie blätterte mit dem Daumen durch die dicken Seiten, und ihre Augen fingen immer wieder handschriftliche Notizen auf. Zehn. Zwanzig. Dutzende. Manche mit Bleistift hingehaucht, andere in dunkler Tinte – als hätte jemand sie zu verschiedenen Zeiten hinterlassen.
Sie blätterte weiter. Immer wieder diese Notizen – so persönlich, so roh. Wer schrieb so etwas in ein Buch und gab es dann einfach weg? Absichtlich? Oder hatte jemand es verloren?
Sie konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken. Vielleicht war es nur eine harmlose Leserandeutung, vielleicht auch nicht. Aber warum fühlte es sich dann so nah an?
Alexandra spürte, wie ihr Herz einen Schlag schneller ging.
Das war mehr als nur ein Roman.
© Armin Knebel, 2025
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