Saarblut

Ein Tod, der keiner sein sollte. Eine Wahrheit, die niemand hören will. Und ein Ermittler, der erkennt, dass manche Geheimnisse tiefer verwurzelt sind, als jedes Schweigen verbergen kann.

Ab Mai 2026

Cover: Saarblut

Band 2

Klappentext: Die Wahrheit kennt keine Ruhe.

Saarland – ein Landstrich voller Geschichten, stiller Wälder und Orte, die mehr verbergen, als sie preisgeben. Die Saarschleife windet sich wie ein Geheimnis durch die Landschaft, majestätisch und schön – und wird doch zum Schauplatz eines Todes, der Fragen stellt, die niemand hören will.

Als Kommissar Daniel Berres nach Merzig gerufen wird, stößt er auf Spuren, die zu tief reichen, um Zufall zu sein. Ein Journalist, erhängt an einem Baum. Offiziell Selbstmord – doch eine letzte Aufnahme weckt Zweifel, die nicht mehr verstummen.

Zwischen alten Bekannten, verhüllten Wahrheiten und einer Familie, die mehr verloren hat, als sie ertragen kann, gerät Daniel in einen Strudel aus Macht, Schweigen und Verrat. Und während die Schatten der Vergangenheit ihn noch immer verfolgen, muss er erkennen: Manche Geschichten lassen sich nicht begraben.

Ein neuer Fall für Daniel Berres – beklemmend, rätselhaft und näher, als ihm lieb ist.

  • ASIN: —
  • Herausgeber: SaarPoesie
  • Erscheinungstermin: Mai 2026
  • Sprache: Deutsch
  • Seitenzahl der Taschenbuch-Ausgabe: 276 Seiten
  • ISBN-13: —
  • Abmessungen: 12.7 x 1.5 x 20.32 cm

Vorwort

Die Entscheidung, ob Daniel Berres erneut einen Fall annehmen würde, ist mir diesmal relativ leicht gefallen.

Nach den Vorkommnissen in Blieshagen ist mir der stoische Kommissar ans Herz gewachsen.

Doch: Blieshagen liegt hinter ihm – genauso wie das Graumoos, das ihn in seinen Träumen noch immer verfolgt. Nicht wegen des Mooses an sich, sondern wegen der Geschichte, die dahinter steckte.

Seine Angst vor Wasser ist geblieben – bis heute.

Aus dem Saarland wollte ich ihn aber nicht wegschicken. Denn das Saarland hat so viel mehr zu bieten: die Saarschleife mit ihrem atemberaubenden Blick von der Cloef, die quirlige Altstadt von Saarbrücken mit dem St. Johanner Markt, den Naturpark Saar-Hunsrück, den Losheimer Stausee, die römische Villa Borg oder den Bostalsee – um nur einige zu nennen.

Ich hatte also die sprichwörtliche Qual der Wahl: Wo wird Daniel diesmal aktiv werden?

Am Ende entschied ich mich, ihn ein wenig im Saarland herumkommen zu lassen – nach Saarbrücken, zur Saarschleife, nach Merzig … und an andere sehenswerte Orte.

Doch Daniel bleibt, was er ist: ein professioneller Polizist – mit all seinen Stärken und Schwächen.

Darum: Freuen wir uns auf eine neue Runde mit ihm …

Prolog

Das La Marina war ein einziger, vibrierender Organismus an diesem Abend. Stimmen, Lachen, klirrende Gläser – alles mischte sich zu einem Strom aus Wärme und Bewegung. Die Luft roch nach Knoblauch, Tomaten, frischem Basilikum, nach gebackenem Teig und dem salzigen Hauch von Meer, der irgendwie zwischen den Wänden hängen geblieben war, obwohl es hier kein Meer gab.

Hinter der Theke stand Maria Tedesco, wie fast jeden Abend. Eine Hand am Zapfhahn, die andere um den Hals einer Weinflasche, schenkte sie im Rhythmus der Bestellungen ein. Ihre Bewegungen waren schnell, präzise, ohne Hast – die Routine einer Frau, die diesen Platz kannte wie ihre Westentasche.

Als die Tür aufging, warf sie einen kurzen Blick hoch – und der erste Gedanke war: Nicht noch einer. Doch dann blieb ihr Blick hängen. Das Lächeln kam von selbst.

„Ciao, sorella!“, rief er – Schwester, wie er sie schon als Kind genannt hatte.

„Ma guarda chi c’è!“, erwiderte sie, und für einen Moment war da nur Wiedersehensfreude.

Roberto grinste, beugte sich vor, küsste sie links, rechts, wie früher.

„Ist Papa da?“

Sie deutete mit dem Kopf nach hinten, Richtung Küche. „Bleibst du, oder gehst du gleich wieder?“

Er hob beide Hände leicht vom Körper, die Handflächen nach außen, die Finger gespreizt – diese typische italienische Geste zwischen Was soll’s und Natürlich bleibe ich: „Ein Lambrusco… und Spaghetti aglio e olio.“

„Ma certo!“, sagte Maria und wandte sich wieder den Gläsern zu.

Roberto trat in den schmalen Gang hinter der Theke, doch er ging nicht in die Küche. Er wartete, bis Maria sich wieder den Gästen zuwandte, dann schlüpfte er geräuschlos an der Küchentür vorbei und die schmale Treppe hinauf in den Wohnbereich.

Oben war es dunkel. Kein Geräusch außer dem gedämpften Herzschlag des Restaurants unter seinen Füßen. Er kannte jeden Schritt, jede Kante, als wäre er nie weg gewesen.

Vor einer Tür blieb er stehen. Marias Zimmer. Er öffnete leise, trat ein.

Im Schatten zeichnete sich die Silhouette des kleinen Schranks ab. Er ging direkt darauf zu, öffnete die Schmuckschatulle auf der Kommode und holte aus seiner Jackentasche einen unscheinbaren, schwarzen USB-Stick. Ohne zu zögern legte er ihn zwischen den Schmuck, schloss die Schatulle wieder und blieb einen Atemzug lang still stehen.

Dann verließ er den Raum, so leise wie er gekommen war.

Unten im Gang bog er diesmal in die Küche ab.

„Ciao, Papa!“, rief er.

Und aus der Tiefe der Küche kam die warme, vertraute Stimme von Giovanni Tedesco zurück.

Teil 1: „Maria“

Die Saarschleife lag still an diesem frühen Morgen, in einem Licht, das die Luft fast zum Flirren brachte. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen selbst die Natur den Atem anhielt. Kein Laut. Kein Wind. Nur der Blick – dieser Blick von der Cloef, der sich über das Tal spannte wie ein offenes Geheimnis.

Die Cloef selbst – dieser steinerne Vorsprung hoch über dem Tal – wirkte wie ein natürlicher Balkon, erschaffen für den Blick auf das Große, das Ganze. Hier standen sonst Besucher und hielten die Kamera vors Gesicht, als könnten sie das Gefühl festhalten, das dieser Ort auslöste. Eine Mischung aus Ehrfurcht und Ruhe, aus Weite und etwas, das man nicht ganz greifen konnte.

Der Fels war rau unter den Fingern, von Wind und Regen gezeichnet. In seiner Mitte ragte ein schlichtes Geländer aus dunklem Eisen auf – nicht schön, aber notwendig. Dahinter: nichts als Tiefe. Der Abgrund fiel in mehreren Stufen in die Schleife hinab, wo das Wasser ruhig kreiste wie ein endloser Gedanke.

Man sagte, wer hier oben stehe, könne den Atem des Landes spüren. Manche glaubten, die Cloef sei ein heiliger Ort, alt wie das Gestein selbst. Andere sahen darin nur ein schönes Stück Aussicht.

Der Fluss selbst schlängelte sich in einer eleganten Kurve durch das dichte Grün, als hätte jemand mit ruhiger Hand einen Pinselstrich in die Landschaft gezogen. Nebelschwaden zogen in dünnen Schleiern über das Wasser, lösten sich sacht auf, als wolle der Tag seine Decke langsam zurückziehen. Am gegenüberliegenden Ufer krochen erste Sonnenstrahlen durch das dichte Blätterdach, warfen tanzende Schatten auf die Böschungen und ließen das Moos auf den Felsen wie Smaragd glühen.

Der Ausblick wirkte wie aus der Zeit gefallen – ein Gemälde, das zu atmen schien. Keine Häuser, kein Lärm, nur die Natur, majestätisch und sanft zugleich. Uralte Eichen standen wie stumme Zeugen auf den Hängen, ihre Äste von Wind und Jahren geformt. In der Ferne hörte man das Rufen eines Kormorans, irgendwo zwischen Himmel und Wasser.

Es war ein Ort, an dem Menschen innehalten. Fotografen. Wanderer. Verliebte. Ein Ort für Postkarten und Poesie – nicht für das, was man heute hier finden würde.

Ein leichter Geruch von feuchter Erde lag in der Luft. Der Boden unter den Füßen war vom Tau durchweicht, der Pfad zur Aussichtsstelle gesäumt von Farnen und wilden Himbeersträuchern. Noch war niemand hier – nur das Rascheln eines Rehs im Unterholz verriet, dass der Wald wach wurde.

Ein Schrei. Hoch, kurz, wie abgeschnitten. Die Vögel verstummten. Das Kreischen einer Krähe, die in hektischem Flug aus dem Baumkronendach stob. Als wäre etwas Uraltes aufgewacht. Etwas, das nicht hierhergehörte.

Und plötzlich hatte die Saarschleife ihre Unschuld verloren.

***

Der St. Johanner Markt lag im goldenen Licht des Spätsommers. Es war einer dieser ungewöhnlich warmen Abende, an denen die Stadt nicht zur Ruhe kam. Die engen Gassen rund um den Platz flimmerten vor Wärme, durchzogen von Stimmen, Gläserklirren, Musikfetzen. Das Kopfsteinpflaster war noch warm vom Tag, glänzte hier und da von verschüttetem Wein oder Bier, während sich Gäste und Passanten in der Dämmerung tummelten, als wollten sie das Ende des Sommers hinauszögern.

Der Platz war Herz und Lunge Saarbrückens, ein Schmelztiegel aus Alt und Neu. Alte Barockfassaden drängten sich dicht an moderne Cafés, Weinbars, Eisdielen und Boutiquen. Die Menschen saßen auf durchgewetzten Holzstühlen, lehnten an groben Sandsteinmauern, hielten Gespräche über das Leben, die Arbeit oder die Liebe, und bestellten immer noch eine letzte Runde. Der Markt war niemals leise – aber er konnte vertraut klingen, wie ein altes Lied, das man im Hintergrund summt.

Savoir-vivre – das war die Kunst, das Leben nicht zu überholen. Es war dieses beiläufige Glück im Moment, das sich nicht aufdrängte, aber spürbar blieb. Ein Glas Wein in der Dämmerung, Gespräche, die mehr fühlten als erklärten. Man lebte nicht nur – man kostete das Leben, Stück für Stück, mit allen Sinnen. Und im Saarland – da schien dieses ‚Wissen zu leben‘, oder sinngemäß: die Kunst, das Leben zu genießen, oft zwischen den Gassen zu liegen – wie der letzte Sonnenstrahl auf warmem Stein.

Nur ein paar Häuserreihen neben dem St. Johanner Markt, in einer Seitenstraße mit groben Putzfassaden und Balkonen voller Geranien, stand Daniel Berres am offenen Fenster seiner Altbauwohnung im dritten Stock. Die Tasse mit dem abgestoßenen Rand lag in seiner rechten Hand. Der Kaffee darin war längst nur noch lauwarm, aber er trank ihn trotzdem.

Der Wind war kaum spürbar. Nur ein flüchtiges Streichen auf der Haut, das nach Grillfleisch, Parfum und staubiger Straße roch. Von hier oben hatte er freien Blick auf das abendliche Treiben – auf all die kleinen Dramen und Sehnsüchte, die sich zwischen Weingläsern und Straßenlaternen abspielten.

Daniel sah müde aus. Immer ein bisschen, aber heute mehr als sonst. Das dunkle Haar war an den Schläfen grau durchzogen, kurz geschnitten, zweckmäßig. In seinem kantigen Gesicht lagen Schatten – unter den Augen, in den Falten neben dem Mund. Die grünlich dunklen Augen wirkten wach, aber leer. Wach wie jemand, der zu viel gesehen hatte. Und leer, weil er wusste, dass da noch mehr kommen würde.

Er stellte die Tasse auf den schmalen Fenstersims, ließ sie dort stehen, wo früher mal ein Aschenbecher gestanden hatte. Jogginghose, graues T-Shirt, barfuß – Sonntagabendmodus.

Dann klingelte es. Kein Ton, der in diesen Moment passte. Eher wie ein Sprung in der Platte, ein leiser Bruch in der Stille des Abends.

Daniel drehte sich langsam um. Sein Blick glitt zur analogen Funkuhr über dem Fernseher – ein rundes Ding mit silbernem Rand, das rhythmisch tickte, als wollte es sagen: „Es ist 20:41 Uhr. Wer zur Hölle klingelt da?“

Er hob eine Augenbraue. „Besuch? Um diese Uhrzeit?“ murmelte er, mehr zu sich selbst als zur Uhr.

Er fluchte leise, schob sich vom Fenster weg. Die Gegensprechanlage war schon seit Ewigkeiten kaputt – ein kleiner elektrischer Tod, den er längst akzeptiert hatte. Daniel drückte wortlos den Türöffner und wartete nicht einmal auf das metallische Klacken unten. Wer hochkommen wollte, sollte das einfach tun.

Zurück im Wohnzimmer trank er den letzten Schluck Kaffee und spülte die Tasse in der Küche grob aus. Dann stellte er sie ins Spülbecken. Die Küche war klein, praktisch. Dunkle Fliesen, ein Gasherd, offene Regale mit Gewürzen und ein alter Kühlschrank, der brummte wie ein unzufriedener Bär im Winterschlaf. Auf dem kleinen Tisch lagen Akten, lose Notizen und ein leerer Teller mit Krümeln.

Die ganze Wohnung war ein Ort, der bewohnt wurde, aber nicht wirklich gelebt. Bücherstapel auf dem Boden, zwei Jacken über dem Stuhl im Flur, ein alter Ledersessel mit einem eingerissenen Armlehnenbezug. Es roch nach Papier, Kaffee und einem Hauch Rasierwasser, das irgendwo aus der Vergangenheit stammte.

Ein Klopfen. Drei Mal. Kurz. Entschlossen.

„Herein – die Tür ist offen“, rief Daniel, ohne sich zu beeilen. Er hatte sie nur angelehnt, wie so oft.

Er trat in den Flur, als sich die Tür langsam öffnete. Kein Zögern, kein Zwang. Nur ein kurzes, leises Knarren der Scharniere.

Vor ihm stand eine Frau.

Daniel musste dreimal hinschauen. Sein Verstand rebellierte gegen das, was seine Augen ihm da auftischten. Das konnte nicht sein …

Alte Erinnerungen schlugen gegen ihn wie Wellen an eine Brandungsmauer, ungestüm und salzig und zu nah. Er blinzelte, einmal, zweimal, und erst beim dritten Blick erkannte er sie wirklich.

Sie stand da wie ein Echo aus einer Zeit, die sich wie ein anderes Leben anfühlte. Der Zahn der Zeit hatte bei ihr scheinbar Urlaub gemacht – oder war einfach sehr gnädig gewesen. Maria Tedesco war damals schon eine dieser Frauen gewesen, die nicht nur schön waren, sondern eine eigene Schwerkraft besaßen. Und jetzt, fast fünfzehn Jahre später, trug sie diese Anziehungskraft noch immer – nur leiser, wie ein Lied, das man fast vergessen hatte, aber sofort mitsummen konnte.

Hätte er die Tasse noch in der Hand gehabt, sie wäre ihm spätestens jetzt entglitten.

„Maria?“ Seine Stimme klang rau, fast erstickt.

Sie hob kurz die Hand, ein kleines, fast scheues Lächeln auf den Lippen. „Ciao, bello.“

So hatte sie ihn früher immer genannt. Halb im Scherz, halb ernst – mit diesem Zwinkern, das nie ganz verriet, was sie wirklich dachte. Jetzt aber haftete etwas an ihr, das damals nicht da gewesen war. Etwas Schweres, Unausgesprochenes. Ein Schatten, der ihr Lächeln streifte, ohne es ganz zu vertreiben.

Sie waren zusammen gewesen – kurz. Vier Monate? Vielleicht fünf. Daniel wusste es nicht mehr genau. Mit Anfang zwanzig verschwimmen Zeiträume wie durch ein beschlagenes Fenster. Es war eine dieser Verbindungen gewesen, von denen man wusste, dass sie nicht halten würden – und die man doch nie ganz vergaß. Sie waren im Guten auseinandergegangen. Ein paar Anrufe danach. Vielleicht noch eine Nachricht. Dann: Stille. Jahrelang. Bis jetzt.

„Ciao …“, murmelte Daniel. „Was … komm doch erstmal rein.“

Sie nickte, trat über die Schwelle. Ihre Bewegungen waren ruhig, sicher, aber es lag eine Spur Zögern darin. Nicht Unsicherheit – eher das vorsichtige Tasten durch eine alte Erinnerung.

Maria sah sich in der Wohnung um, während sie langsam weiterging. Ihre Augen streiften den Flur, die offenstehende Küchentür, die knarzende Bodendiele, über die sie fast automatisch trat.

„Hat sich nicht viel verändert …“

Daniel war unfähig zu reden.

Sie ging ein paar Schritte weiter ins Wohnzimmer, sah sich um wie jemand, der einen alten Film nochmal sieht, diesmal mit Untertiteln.

Bücher, ein gerahmtes Foto von seinem Vater, die Uhr über dem Fernseher. Alles war noch da, irgendwie.

Daniel hatte diese Wohnung nie aufgegeben. Selbst in den Jahren mit Eva, der langen, leisen Beziehung bis 2021, war sie immer sein Rückzugsort geblieben. Eva hatte ihn nie gedrängt umzuziehen. Vielleicht, weil sie wusste, dass hier ein Teil von ihm wohnte, den sie nie ganz erreichen konnte.

Sie drehte sich zu ihm um. Stand einfach nur da.

Und etwas lag zwischen ihnen. Kein Groll, kein Bedauern – eher eine feine Melancholie. Wie bei diesen alten Liedern, die nie wirklich aus der Mode kommen, weil sie einmal ganz tief unter die Haut gegangen sind.

Und plötzlich war sie da – die Vergangenheit. Ganz nah.

Er stand noch immer im Flur, die Schultern leicht angehoben, als müsse er sich erst daran erinnern, wie man atmet. Dann, fast unmerklich, ließ er den Blick sinken, holte Luft – und fand zurück in sich.

„Maria … was willst du hier?“ Seine Stimme war ruhig, nicht abweisend. Eher wie ein vorsichtig geöffnetes Fenster in einem Raum, der lange verschlossen war. Neugier, vermischt mit dem leisen Hall vergangener Jahre.

Maria senkte den Blick, als hätte sie die Frage erwartet, aber nicht gewusst, wie sehr sie sie treffen würde. Ihre Stimme kam leise, fast tonlos.

„Deine Hilfe.“

Daniel sagte nichts. Er schloss wortlos die Tür, ließ den Riegel einrasten, als sei damit etwas entschieden worden. Dann machte er eine knappe Geste in Richtung Wohnzimmer – nicht einladend, sondern selbstverständlich.

„Setz dich.“

Bevor sie ging, griff er noch hastig nach ein paar Zeitschriften und einem Buchstapel auf dem Sofa. Er schob alles zur Seite, als müsse er Platz schaffen – nicht nur auf dem Polster, sondern auch in seinem Kopf. Besuch hatte er nicht erwartet. Schon gar nicht diesen.

Zwei leere Kaffeetassen standen noch auf dem Tisch. Er nahm sie, ging in die Küche, stellte sie zu der von eben. Ein leises Klirren im Spülbecken. Dann drehte er sich kurz zum Fenster, das noch offen stand – von draußen klang das Leben herein: Gesprächsfetzen, das ferne Surren eines Rollers, Musik aus einem Innenhof. Saarbrücken, wie es atmete, langsam und warm.

Er schloss das Fenster. Der Lärm schnitt ab wie ein Band. Stille. Besser so.

Zurück am Sofa setzte er sich. Nicht neben sie. Gegenüber. Beobachtend. Wartend.

Maria saß mit geradem Rücken, die Hände im Schoß gefaltet. Ihre Augen wanderten über das Zimmer, blieben an Details hängen – dem eingerissenen Sessel, der Uhr, dem Foto an der Wand.

Dann, plötzlich, blickte sie ihn an. Direkt.

„Du kennst doch noch Roberto, oder?“

Daniel brauchte einen Moment. Der Name fiel wie ein Stein in ein altes Wasser. Roberto … Roberto … dann zog es die Erinnerung nach oben. Der Bruder. Anwalt oder so. Natürlich. Der rastlose, wissbegierige, immer leicht abwesende Blick.

„Ja … natürlich“, sagte er langsam. „Dein Bruder. Was ist mit ihm?“

„Er ist tot.“

Die Worte kamen ohne Umweg. Wie ein Satz, der schon zu lange in der Kehle gelegen hatte.

Daniel zuckte nicht, aber irgendetwas flackerte in seinen Augen. Kein Schock, eher ein Nachhall.

„Das tut mir leid“, sagte er leise. „Mein Beileid.“

Er wartete. Da kam noch was, das spürte er.

„Er wurde ermordet“, sagte Maria. Ohne Zittern, ohne Zweifel.

Daniel runzelte die Stirn.

„Aber die Polizei sagt: Selbstmord.“

Er sah sie lange an, dann nickte er langsam, fast resigniert.

„Du bist anderer Meinung?“

Sie nickte nur.

„Wie kommst du darauf?“

Maria zögerte. Die Worte schienen ihr auf der Zunge zu brennen, doch sie wusste nicht, wie sie sie formen sollte.

„Er war an etwas dran …“, begann sie. „Ich weiß nicht genau, was. Er hat nie viel erzählt. War … verschlossen. Berufskrankheit, vielleicht.“

Daniel lehnte sich zurück. Die Erinnerung formte sich: Roberto. Nicht Anwalt – Journalist. Immer der Wahrheit hinterher, auch wenn sie keiner hören wollte. Vielleicht gerade dann.

„Und du denkst, er ist da in was hineingeraten?“

Maria nickte.

„Wo ist es passiert?“

Ein tiefer Atemzug. Sie musste sich sammeln.

„Er wurde an einem Baum gefunden. Erhängt. An der Saarschleife.“

Daniel richtete sich auf. „Erhängt? An der Saarschleife?“

Er dachte nach. Zu viele Bilder, zu viele Fälle. Aber das hier … hatte etwas. Etwas Falsches.

Er blinzelte, als müsste er etwas Scharfstellen, das nur halb im Licht lag.

„Moment … doch. Ich hab davon gehört“, flüsterte er leise vor sich hin.

Es war ganz am Rand gewesen – eine Meldung im Radio, während er im Auto saß. Kaum mehr als ein Satz, schnell vorbei.

Damals hatte er nicht weiter hingehört. Aber jetzt …

„Was sagen die Kollegen aus Merzig?“

„Dass es Selbstmord war. Die Untersuchungen werden eingestellt.“

Sie wurde lauter, drängender.

„Danno, er war nicht so jemand. Er hat geliebt, was er gemacht hat. Klar, es war oft stressig, aber … Selbstmord? Roberto? Niemals.“

Daniel sah sie lange an. In ihrem Blick lag keine Hysterie, keine Verzweiflung. Nur Überzeugung. Und ein Zorn, der sich nicht schreiend, sondern brennend äußerte.

„Hast du dafür Beweise?“, fragte er schließlich.

Maria griff in ihre Tasche, zog ihr Handy hervor. Sie entsperrte es mit einem geübten Daumenwisch, suchte. Dann hielt sie es ihm hin. Ein Fingertipp – die Aufnahme lief.

Robertos Stimme, brüchig, keuchend, flackerte aus dem kleinen Lautsprecher:

„… Maria … mi hanno …“ – ein Geräusch, wie ein dumpfer Schlag – „… devi trovare Karin … è una …“ – ein Schrei. Gepolter. Stille.

Aufnahmeende.

Daniel blickte auf das Display. Dann auf sie. Sein Gesicht verriet nichts.

Er versuchte, ruhig zu bleiben. Seine Gedanken kreisten, als würden sie nach einem Ausweg suchen – und fanden doch nur wieder zu demselben Punkt zurück.

„Kannst du das für mich übersetzen?“

Maria blinzelte. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie selbstverständlich es für sie gewesen war – dieser Satz, diese Sprache, die ihr Bruder so oft benutzt hatte. Für sie war es ein Echo aus der Kindheit, aus der Küche, aus alten Sommern. Für Daniel: nur Klang, keine Bedeutung.

„Oh … natürlich“, murmelte sie. „Sorry … er hat …“

„Moment“, unterbrach Daniel, hob die Hand, stand auf.

Er ging rüber zum kleinen Schreibtisch neben dem Fenster, zog eine Lade auf, kramte. Dann kam er zurück, legte einen zerknitterten Notizblock und einen Kugelschreiber vor sie auf den Tisch.

„Schreib es auf. Wortwörtlich. Haarklein, was er gesagt hat. Auf Italienisch – und auf Deutsch.“

Maria nickte, nahm den Stift. Ihre Finger zitterten leicht, doch die Schrift war klar. Italienisch zuerst, dann die Übersetzung. Zeile für Zeile. Als sie fertig war, schob sie ihm den Zettel hinüber.

Daniel nahm ihn, las laut:

„Maria – die haben mich – du musst Karin finden – das ist eine …“

Er senkte den Zettel. Die Worte standen wie Brandspuren auf dem Papier.

„Hast du das der Polizei vorgespielt?“

„Natürlich.“

„Und?“

„Unbedeutend für sie … Sie bleiben bei Selbstmord.“

Daniel lehnte sich zurück. Die Stille war wieder da, aber sie fühlte sich jetzt anders an. Dichter. Erwartungsvoller.

„Wann ist es passiert?“

„Vor genau zwei Wochen. Am Vierten.“

Er sah zur Uhr an der Wand, obwohl dort kein Datum stand – ein Reflex. Rechnete im Kopf. Heute war der 18. August. Vierzehn Tage. Nicht alt, aber in Polizeizeit fast verjährt.

„Und warum kommst du erst jetzt damit zu mir?“

Maria zuckte nur mit den Schultern. Es war keine Ausrede, keine Erklärung – nur ein stilles Eingeständnis.

„Ich hatte noch Hoffnung …“

Dann brach es. Nicht schlagartig, nicht mit einem Schrei. Sondern leise. Ein Zittern in der Stimme, ein feuchter Glanz in den Augen. Maria begann zu weinen – vorsichtig, fast schüchtern. Als wolle sie nicht stören. Aber Trauer war wie Wasser: Sie suchte sich ihren Weg. Immer.

Daniel blieb kurz sitzen, dann stand er auf. Ohne zu zögern, ohne ein Wort zu sagen. Er ging um den Tisch herum, kniete sich neben sie, nahm sie seitlich in den Arm. Keine große Geste. Kein Trost, der alles heilt. Aber genug, um nicht allein zu sein.

Alte Beziehung hin oder her – er konnte keine weinende Frau sehen. Schon gar nicht sie.

Ihr Kopf ruhte für einen Moment an seiner Schulter, ihre Hand hielt den Stift noch immer fest, als müsse sie sich an irgendetwas klammern.

Daniel spürte es längst. Die Entscheidung war gefallen, noch bevor sie ausgesprochen war.

Er wusste, was zu tun war.

***

Das Thermometer zeigte schon um acht Uhr fast dreißig Grad.

Die Stadt war ein einziger, dampfender Asphaltkörper. Über den Straßen lag ein milchiger Schleier, als hätte die Hitze selbst einen Dunst aus Schweiß und Staub gezogen. Daniel Berres stand mit müden Augen und einem fast leeren Kaffeebecher in der Hand im dritten Stock des Polizeipräsidiums, vor einer Tür mit Namensschild und Milchglas: Erster Kriminalhauptkommissar Gregor Lüders.

Er hatte kaum geschlafen. Vielleicht zwei Stunden, wenn überhaupt. Der Fall ließ ihn nicht los – oder vielmehr das Gefühl, dass unter der Oberfläche etwas brodelte, das andere nicht sehen wollten. Er hasste Untätigkeit. Hasste das stumpfe Warten. Also stand er jetzt hier – einen Schritt vor der Tür, die zwischen Routine und Instinkt lag.

Er klopfte. Zweimal kurz, einmal lang – fast automatisch.

„Herein.“

Gregor Lüders stand am Fenster. In der einen Hand eine alte, grüne Blechgießkanne, in der anderen das Leben – oder was davon noch übrig war. Die Pflanze auf dem Fenstersims war kaum mehr als ein Häufchen Blätter mit Erinnerung. Braune Spitzen, ein schiefer Stängel, Erde, die eher nach Staub aussah.

„Morgen, Boss …“, sagte Daniel trocken. Sein Blick glitt zur Pflanze. „Oje … aktive Sterbehilfe?“

Gregor drehte sich um, schnaubte leise.

„Sehr witzig“, sagte er und stellte die Kanne ab. Dann setzte er sich an seinen Schreibtisch, der aussah, als hätte jemand versucht, Ordnung durch Gedankenübertragung herzustellen – gescheitert, aber bemüht. Lüders trug wie immer Hemd und Weste, die Ärmel leicht hochgekrempelt, der Füller lag neben dem alten Notizblock wie eine persönliche Signatur.

Mit einem knappen Wink deutete er auf den Stuhl gegenüber.

„Setz dich, Danno. Was führt dich in meine heiligen Hallen?“

Er grinste dabei – nicht spöttisch, sondern mit diesem müden Sarkasmus, der oft mehr Nähe war als Schärfe.

Daniel ließ sich fallen, stellte den Kaffeebecher auf den Tisch.

„Roberto Tedesco“, sagte er. „Suizid. Fall liegt in Merzig. Hauptkommissar Paul Wildmann ist zuständig.“

Gregor zuckte mit den Schultern.

„Und? Sollte mir das was sagen?“

Daniel zog einen kleinen, gefalteten Zettel aus der Hosentasche – seine Handschrift, schräg und schnell. Er reichte ihn über den Tisch. Lüders nahm ihn, tippte die Nummer in seinen Rechner.

„SL 132 UJs 847362/24“, murmelte er. „Du weißt, dass das protokolliert wird, oder? Ist nicht unsere Zuständigkeit. Kein Kapitalverbrechen, offiziell.“

Daniel nickte nur. Er wusste, was er tat. Und Lüders wusste, dass er nichts leichtfertig anging.

Der Chef überflog die Akte. Sein Blick wurde schmaler.

„Okay … das ist komisch. An der Saarschleife erhängt … Kein Abschiedsbrief. Hab‘ davon gehört. Suizid. Hm.“

Er sah über den Bildschirm hinweg zu Daniel.

„Wie kommst du an den Fall?“

Daniel holte tief Luft und erzählte. Von Maria. Ihrem plötzlichen Auftauchen. Der Aufnahme. Ihrem Verdacht. Ihren Tränen.

Gregor hörte zu. Keine Zwischenfrage, kein Kommentar – nur dieser stille, prüfende Blick, der mehr wog als jedes Protokoll. Dann lehnte er sich zurück, verschränkte die Finger im Nacken, starrte an die Decke, als suchte er dort eine zweite Meinung.

Er kannte Daniel. Kannte seine innere Unruhe, sein Bauchgefühl – das war kein esoterisches Flattern, sondern das Ergebnis von Jahren im Dreck. Wenn es Danno juckte, dann war Kratzen keine Option, sondern Pflicht.

Schließlich sah er wieder zu ihm.

„Du weißt, was dich erwartet, wenn ich die Akte wieder öffne. Wenn ich dich dorthin schicke.“

Daniel nickte. Langsam. Fest.

Er wusste es. Ein großer Fisch aus Saarbrücken, der in Merzig wilderte – das würden sie dort denken. Vielleicht sogar sagen. Aber verfahrenstechnisch war nichts zu beanstanden. Die Abteilung 3 war zuständig für Kapitalverbrechen – und das schloss auch unklare Todesfälle ein. Auch wenn es niemand in Merzig gern sah.

Gregor drehte den Bildschirm leicht zu Daniel, tippte eine Notiz.

„Dann klären wir mal, ob’s wirklich Selbstmord war. Oder jemand wollte, dass es so aussieht.“

Ein letzter Blick zur Pflanze am Fenster.

„Und wenn du rausfindest, wie man das Ding da am Leben hält … sag Bescheid.“

Daniel grinste schmal. „Vielleicht braucht sie einfach einen neuen Standort.“

„Oder einen besseren Ermittler.“

Sie lachten. Dann stand Daniel auf. Die Akte war offiziell geöffnet. Und der erste Schritt getan.

***


© Armin Knebel, 2026
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Armin Knebel

"Ich schreibe über Momente, die sich nicht rückgängig machen lassen."

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