Diagnose: Tod
Ein unsichtbarer Scharfschütze, gezielte Opfer – und ein Täter, der ein ganzes System verurteilt. Während London im Winter erstarrt, beginnt für Ethan Hawthorne ein Wettlauf gegen einen Gegner, der keine Fehler macht … und genau weiß, wo es am meisten weh tut.
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Band 7
Klappentext: London. Dezember. Eiskalt. Gnadenlos.
Ein Obdachloser stirbt mitten in der Nacht – lautlos, präzise, aus großer Entfernung erschossen. Detective Inspector Ethan Hawthorne erkennt schnell: Das war kein Zufall. Ein Scharfschütze geht um, und seine Opfer sind nicht willkürlich gewählt. Gemeinsam mit der neu zugewiesenen Detective Sergeant Katherine Sterling begibt er sich auf die Spur eines Täters, der sich selbst als Vollstrecker eines kaputten Systems sieht.
Als weitere Tote folgen, wird klar: Der Mörder kennt die Schwächen des Gesundheitssystems – und nutzt sie skrupellos aus.
Während der Druck steigt und die Feiertage näher rücken, beginnt für Ethan ein Wettlauf gegen die Zeit. Doch nicht nur der Fall holt ihn ein – auch seine eigene Vergangenheit.
„Diagnose: Tod“ ist der siebte Band der erfolgreichen Reihe um DI Ethan Hawthorne – düster, emotional, beklemmend aktuell.
Infos
- ASIN: B0GV3GPNWD
- Herausgeber: SaarPoesie
- Erscheinungstermin: 26. März 2026
- Sprache: Deutsch
- Seitenzahl der Taschenbuch-Ausgabe: 240 Seiten
- ISBN-13: 979-8245160627
- Abmessungen: 12.7 x 1.52 x 20.32 cm
Leseprobe
Vorwort:
Wie kommt ein Autor auf seine Geschichten? Gute Frage! Und die Antwort ist oft genauso chaotisch, wie man es sich vorstellt. Manche Ideen schleichen sich langsam an, wachsen über Monate oder Jahre hinweg, bis sie irgendwann so laut sind, dass man sie nicht mehr ignorieren kann. Andere hingegen sind wie ein Blitzschlag – plötzlich da, klar und kraftvoll, ohne Vorwarnung.
Auch diese Geschichte war eine dieser „Aha-Momente“. Eine Idee, die mir unvermittelt kam und sich sofort festsetzte. Was wäre, wenn jemand nicht aus Hass oder Gier mordet, sondern aus Überzeugung? Jemand, der glaubt, das Richtige zu tun – und dabei einen perfiden, eiskalten Plan verfolgt?
So könnte es laufen, dachte ich mir.
Und dann? Dann begann das Kopfkino. Szenen, Dialoge, Wendungen – alles formte sich nach und nach. Manchmal wirkte es, als würde sich die Geschichte von selbst schreiben, als gäbe es irgendwo ein unsichtbares Puzzle, das nur darauf wartete, zusammengesetzt zu werden. Charaktere tauchten auf, nahmen Gestalt an, und irgendwann war sie fertig – zumindest in meinem Kopf.
Aber eine Geschichte im Kopf reicht nicht. Sie muss aufs Papier, muss leben, muss gelesen werden. Und genau deshalb ist dieses Buch jetzt hier.
Viel Spaß beim Lesen!
Armin Knebel
Prolog:
London atmete in dunklen Farben. Die Nacht schien zu lauschen, reglos und nah. Ein Mosaik aus mattem Glanz und flackernden Reflexen spiegelte sich in den nassen Pflastersteinen. Der Regen hatte aufgehört, doch die Feuchtigkeit lag noch in der Luft – eine unsichtbare Schicht, die sich in Kleidung, Haut und Atem festsetzte.
Auf einem alten Fabrikdach in den Docklands kauerte eine einsame Gestalt. Die Hände ruhig, der Atem kontrolliert. Der Wind strich über das verlassene Gebäude, rüttelte an einem losen Blechschild, das in einem klagenden Quietschen antwortete. Doch er hörte es kaum. Sein Fokus lag einzig auf dem Ziel.
Der Schütze legte sich langsam hin, die Wange gegen den kalten Schaft seines Gewehrs gedrückt. Das Gewicht war vertraut, die Bewegungen automatisiert, als hätte sein Körper längst verinnerlicht, was zu tun war. Der Blick durch das Zielfernrohr offenbarte ein entferntes Ziel: eine simple Zielscheibe, befestigt an einem rostigen Metallzaun am Ende des stillgelegten Geländes.
Er war nicht hier, um zu töten. Noch nicht. Heute war ein Tag des Übens, des Perfektionierens.
Die Finger umfassten das Gewehr fest, aber nicht verkrampft. Die Atmung verlangsamte sich. Seine Gedanken wurden klarer, präziser. Dies war sein Ritual.
Er zählte.
Eins – Kontrolle. Die absolute Stille in sich selbst finden.
Zwei – Berechnung. Windgeschwindigkeit, Entfernung, Feuchtigkeit in der Luft.
Drei – Urteil. Ein Ziel setzen. Eine Entscheidung treffen.
Vier – Erlösung.
Der Schuss fiel.
Kein Echo. Nur der stumpfe Aufprall des Projektils, das sein Ziel durchdrang. Ein perfekter Treffer. Kein Zittern, keine Unsicherheit.
Er ließ das Gewehr sinken, betrachtete die dunklen Umrisse der Stadt. In den Fenstern ferner Hochhäuser brannten Lichter – kleine Inseln der Hoffnung in einer Welt, die zu oft versagte. Er wusste es. Er hatte es selbst erlebt.
Die Krankenhäuser, die Formulare, die leeren Versprechungen. Das System wählte nicht nach Gerechtigkeit. Es entschied willkürlich, wer eine Chance bekam und wer nicht. Wer gepflegt wurde – und wer vergessen blieb. Seine Tochter war vergessen worden.
Er würde nicht vergessen.
Er schloss die Augen, hörte den Wind, roch die Kälte in der Luft. Es war fast so weit. Die Vorbereitungen liefen perfekt. Bald würde er anfangen.
Aber nicht heute.
Heute zählte nur die Perfektion. Der Moment, in dem sein Finger am Abzug ruhte, das letzte Zögern verschwand – und nur noch die Gewissheit blieb.
Ein leiser Hauch entwich seinen Lippen. Sein Mantra.
„Ich entscheide. Nicht sie. Nie wieder sie.“
Kapitel 1: „Sterling“
Ethan Alaric Hawthorne lenkte seinen Wagen durch das morgendliche Verkehrschaos und rollte schließlich auf den Parkplatz am Victoria Embankment. Der Motor verstummte mit einem letzten Zittern, und er ließ für einen Moment die Hände auf dem Lenkrad ruhen. Zu wenig Schlaf. Zu viel Arbeit. Und jetzt noch eine verdammte Kälte, die selbst durch die dickste Jacke kroch.
Er seufzte, griff nach der Akte auf dem Beifahrersitz und nahm mit der anderen Hand den lauwarmen Kaffeebecher aus dem Halter. Der erste Schluck war bitter – genau wie der Tag vermutlich verlaufen würde.
Mit einem routinierten Schwung schlug er die Autotür mit dem Ellenbogen zu und machte sich auf den Weg zum Gebäude. Der Wind griff nach seinem Mantel, zog an ihm wie ein ungeduldiges Kind. Ethan ignorierte es. Er kannte diesen Weg in- und auswendig – die Stufen hinauf, vorbei an der Einlasskontrolle, durch den langen Gang mit den abgenutzten Bodenfliesen.
Mit der Akte unter dem Arm und dem Kaffeebecher in einer ungeschickten Balance zwischen den Fingern nahm er die Treppe nach oben – gedankenverloren, versunken in den Berichten, die noch immer keine klaren Antworten lieferten.
Ein dumpfer Aufprall. Bloff!
Kaffee schoss aus dem Becher, ergoss sich in einem braunen Schwall auf dunklen Stoff. Ethan riss den Kopf hoch, gerade rechtzeitig, um das entsetzte Gesicht der Frau zu sehen, die er gerade unfreiwillig getauft hatte.
Sie sog scharf die Luft ein, ihre stahlblauen Augen blitzten auf – nicht vor Wut, eher aus einer Mischung aus Schock und blankem Unbehagen. Ohne ein Wort begann sie, hektisch die durchnässte Jacke abzustreifen, dabei vergeblich nach einem Taschentuch kramend.
„Verdammt – ich … Entschuldigung, ich hab Sie nicht gesehen.“ Ethan hob automatisch die Hand, als wollte er helfen, doch in dem Versuch, ihr über den Ärmel zu streichen, verschlimmerte er es nur. Noch mehr Kaffee tropfte vom Stoff, dunkle Flecken zogen sich über ihre Bluse.
Sie sah ihn an. Nicht verärgert, nicht wirklich – aber auch nicht begeistert. „Schon gut.“ Ihre Stimme war ruhig, sachlich. Dann, ohne ein weiteres Wort, drehte sie sich auf dem Absatz um und verschwand Richtung Toiletten.
Ethan blieb stehen. Blickte auf seine leere Kaffeetasse. Seufzte.
Mit einem leichten Knall ließ er die Akte auf seinen Schreibtisch fallen. Der Morgen war noch keine Stunde alt, und er hatte bereits ein schlechtes Gewissen. Während er seinen Mantel über die Stuhllehne warf, war nur eine Frage in seinem Kopf: Wer war sie?
Mit einem weiteren Seufzen schob er sich in Richtung Kaffeemaschine. Neuer Tag, neuer Kaffee.
Im Pausenbereich standen bereits zwei seiner Kollegen. Detective Sergeant Daniel Carter lehnte lässig gegen den Tresen, ein Plastikbecher in der Hand, während Detective Constable Alexandra Fraser mit verschränkten Armen auf ihn einredete.
„… also entweder haben die Zeugenaussagen ein massives Loch oder jemand hat sich sehr viel Mühe gegeben, das Bild zu verzerren.“
„Oder beides.“ Daniel nahm einen Schluck Kaffee, verzog das Gesicht. „Verdammt, das Zeug wird auch nie besser.“
Ethan schenkte sich wortlos eine neue Tasse ein, während seine Gedanken noch immer bei der Unbekannten waren. Dann sah er sie wieder.
Dunkler Stoff, jetzt mit getrockneten Kaffeeflecken. Die Jacke über den Arm geworfen. Das energische Klopfen an Chief Hardys Tür.
Sie verschwand im Büro.
Ethan runzelte die Stirn. „Wer ist das?“
Alex und Daniel folgten seinem Blick – schüttelten dann gleichzeitig den Kopf.
„Hab nichts gesehen.“ Alex nahm einen Schluck Kaffee.
„Geht mir genauso.“ Daniel zuckte mit den Schultern.
Bevor Ethan weiter fragen konnte, flog Hardys Tür auf.
Der Chief stand in der Tür, suchte mit scharfem Blick die Anwesenden. Als seine Augen Ethan fanden, blieb er stehen.
„Hawthorne – zu mir. Sofort.“
Ethan hielt inne, warf Alexandra und Daniel einen fragenden Blick zu.
Daniel hob nur die Brauen. Alex grinste spöttisch.
Ethan atmete tief durch, schnappte sich seine neue Tasse Kaffee – und machte sich auf den Weg.
Er strich sich mit zwei Fingern über die Schläfe, eine unbewusste Geste, während er an die Tür klopfte. Die Haut unter seinen Fingerspitzen war rau, dort, wo sich erste graue Strähnen in das dunkle Braun seiner Haare mischten. Er war es gewohnt, dass die Zeit Spuren hinterließ – in Gesichtern, in Akten, in Körpern, die zu lange in diesem Job steckten. Seine eigene Müdigkeit zeigte sich in den feinen Linien um seine tiefgrünen Augen, die jetzt mit der gewohnten Wachsamkeit auf die Tür gerichtet waren.
„Kommen Sie rein, Hawthorne“, ertönte Hardys Stimme von innen, rau und gewohnt ungeduldig.
Er stieß die Tür auf und trat ein.
Hardy saß hinter seinem Schreibtisch, wie immer mit geradem Rücken, die Hände vor sich gefaltet. Der muffige Geruch von abgestandenem Kaffee und Papier drang in seine Nase. Auf einem der beiden Besucherstühle saß die Frau von eben.
Ihr Blick traf ihn, erst überrascht, dann mit einer Spur Belustigung. Ihre Mundwinkel zuckten kaum merklich.
„Ach, sieh an … der Kaffee-Attentäter.“
Ethan blieb stehen, strich unbewusst den Stoff seines Jacketts glatt. Hardy runzelte die Stirn, warf erst ihr, dann Ethan einen verwirrten Blick zu.
„Es war sein Kaffee“, erklärte sie mit einem Anflug von amüsierter Resignation. Offenbar hatte sie Hardy bereits über den kleinen Unfall informiert, noch bevor Ethan den Raum betreten hatte.
Hardy brummte leise, schüttelte den Kopf und lehnte sich zurück. „Ethan – das ist Detective Sergeant Katherine Sterling aus Irland. Sie wird bei uns beginnen. Genauer gesagt – unter Ihnen.“
Er ließ die Worte wirken, gab Ethan einen Moment, sich zu fassen.
„Sie hat sich von Irland aus hier beworben. Mordermittlung. Ausgezeichnete Referenzen. Gute Leute können wir immer gebrauchen. Gerade jetzt, wo Personalmangel herrscht.“
Ethan trat näher, streckte ihr die Hand hin. „DI Ethan Hawthorne.“ Seine Stimme war ruhig, routiniert. „Und entschuldigen Sie nochmals das Missgeschick.“
Sie stand auf, ergriff seine Hand. Ihr Griff war warm, fest genug, um Selbstbewusstsein zu zeigen, doch ihre Haut fühlte sich unerwartet weich an.
„Ich habe mir meinen ersten Tag zwar etwas anders vorgestellt, aber …“ Ein kaum merkliches Zögern.
Ethan nahm sie jetzt zum ersten Mal richtig wahr.
Ihre Haare – rotblond, mit kupfernen Strähnen, die im Licht aufleuchteten, auch wenn sie zu einem praktischen Zopf gebunden waren. Ein paar widerspenstige Strähnen hatten sich gelöst, umspielten ihre Wangen, als wollten sie sich der Strenge widersetzen. Ihre Gesichtszüge waren markant, die hohen Wangenknochen gaben ihr etwas Unverwechselbares. Die Art, wie sie dort stand – gerade, mit einer Selbstverständlichkeit, die keine Unsicherheit zuließ.
Sie trug einen dunkelgrauen Hosenanzug, schlicht und ohne Schnörkel, dazu eine weiße Bluse, die noch immer verräterische Kaffeeflecken zeigte. Doch das schien sie nicht zu stören.
Ethan spürte ein Ziehen in seiner Brust, ein unwillkürliches Stocken, das ihm nicht gefiel. Er ließ ihre Hand los, rückte sich innerlich zurecht.
„Was verschlägt Sie ins graue London?“
Sie überlegte. Er sah es in ihren Augen – das kurze Abwägen, der innere Kampf zwischen Offenheit und Distanz. Dann entschied sie sich für das Letztere.
„Persönliche Gründe“, sagte sie knapp.
Hardy nickte, als wäre er nicht überrascht. „Okay – dann führen Sie sie mal rum, Ethan.“
Er erhob sich, streckte Katherine die Hand entgegen. „Willkommen bei der Metropolitan Police, DS Sterling.“
Sie erwiderte den Handschlag, ein kurzes, knappes „Danke“, dann drehte sie sich zu Ethan.
„Gut“, sagte er schließlich und deutete zur Tür. „Dann sehen wir uns mal an, was Sie sich da angetan haben.“
***
Die Dämmerung kroch über die Stadt, ein dunkler Schleier aus Kälte und Nebel, der selbst die Straßenlaternen trübte. London im Dezember war kein Ort für diejenigen, die keinen Unterschlupf hatten. Die Nacht kam früh, und mit ihr die Kälte, die selbst durch mehrere Lagen Kleidung kroch.
Oben auf dem Dach der Millennium Mills, einer verlassenen Industrieanlage mit zerbrochenen Fenstern und rostigen Stahlträgern, lag eine Gestalt in völliger Regungslosigkeit. Gekleidet in dunkler Tarnung – eine schwarze Rangerhose, ein schwerer Wollpullover, ein wetterfester Mantel, dazu Lederhandschuhe, die keine Spuren hinterließen. Seine schwarzen Ammunition Boots drückten sich in das bröckelnde Dachmaterial, doch er bewegte sich nicht. Jede seiner Bewegungen war kalkuliert, jedes Detail im Vorfeld geplant.
Irgendwo in der Ferne hupte ein Auto. Schritte hallten von den Backsteinmauern der Docklands. Doch hier oben – nur der Wind, der sanft an seinem Mantel zerrte.
Das schwarze Gewehr ruhte auf einem Sandsack vor ihm – eine Arctic Warfare Police, kurz AWP, ein Präzisionsgewehr, das speziell für Polizei- und Militäreinheiten entwickelt wurde. Sein mattes Metall schimmerte kaum unter dem fahlen Licht, das von den Straßenlaternen reflektiert wurde. Die Waffe war kein gewöhnliches Jagdgewehr, sondern ein Instrument chirurgischer Präzision.
Durch das Zielfernrohr blickte er in die Ferne, sein Blick wanderte über die Connaught Road Bridge, eine der vielen unscheinbaren Brücken dieser Stadt, die für die meisten nur ein Knotenpunkt im Straßengewirr war. Doch für ihn war sie ein feststehender Punkt in seinem Plan.
Unten, nahe am Fuß der Brücke, hatten sich mehrere Obdachlose auf einem kleinen Vorsprung zusammengedrängt – eine Insel aus Decken, Schlafsäcken und zerschlissenen Jacken inmitten der winterlichen Härte. Eine Oase, so nah an der Kälte des Todes.
Sein Ziel saß dort. Ein Mann mittleren Alters, abgemagert, mit hohlen Wangen und ausgemergelten Augen. Er aß aus einer offenen Dose – kalte Bohnen oder ein Fertigeintopf. Nahrung war für ihn keine Freude mehr, nur ein Mittel, um noch einen weiteren Tag zu überstehen.
Doch dieser Tag sollte sein letzter sein.
Der Schütze hatte die Entfernung bereits am Tag zuvor exakt ausgemessen. Mit einem Laser-Entfernungsmesser hatte er den Abstand zum Brückenpfeiler bestimmt – knapp 600 Meter. Keine Überraschungen, keine unvorhergesehenen Variablen.
Doch die Entfernung allein genügte nicht. Ein kleiner Stofffetzen, der an einer rostigen Metallkante des Daches befestigt war, flatterte leicht im Wind – eine improvisierte, aber verlässliche Methode, um die Windrichtung zu bestimmen. Der Wind kam aus Westen.
Sein Zielfernrohr war mit einem Mil-Dot-Absehen ausgestattet – eine spezielle Skala aus kleinen Punkten innerhalb des Sichtfelds. Jeder dieser Milliradiant-Dots half dabei, die Entfernung zu berechnen und die notwendige Korrektur vorzunehmen.
Ein Mil entspricht etwa 10 cm auf 100 Metern Entfernung. Das bedeutete, dass er die Höhenkorrektur auf 2,5 Mil einstellen musste – um den Geschossabfall bei dieser Distanz auszugleichen. Dazu kam eine Korrektur von 1 Mil nach rechts wegen des leichten Seitenwinds.
Er überprüfte die Werte mit einer Windkorrektur-Tabelle – einem kleinen Notizbuch, das er stets bei sich trug. Er wusste, was zu tun war.
Das Gewehr lag stabil auf dem Sandsack. Ein Dreibein mochte er nicht. Es war zu starr, zu unflexibel. Mit einem Sandsack konnte er besser tarieren, das Gewehr feiner justieren.
Subsonic-Munition, Schalldämpfer. Kein Geräusch wie im Film – kein kaum hörbares pfff, wie es Hollywood einem weismachen wollte. In Wahrheit würde der Schuss so laut sein wie ein kräftiges Händeklatschen. Gerade genug, um unterzugehen in den Geräuschen der Stadt.
Sein Finger wanderte langsam zum Abzug.
Langsam. Ganz langsam.
Sein Atem ging ruhig. Kontrolliert.
Er flüsterte, kaum hörbar, nur für sich selbst:
„Ich entscheide. Nicht sie. Nie wieder sie.“
Dann hielt er den Atem an.
Ein leiser Knall.
Kein Donnerschlag. Kein Echo. Nur ein gedämpftes, unbedeutendes Geräusch – verschluckt vom Herzschlag der Stadt.
Unten fiel das Opfer nach hinten, als wäre er einfach eingeschlafen. Ein Kopfschuss. Sofort tot.
Die anderen Obdachlosen schreckten hoch. Einer tastete nach dem leblosen Körper, rüttelte an der schlaffen Schulter. Keine Reaktion. Die anderen begannen zu murmeln, nervös, ängstlich. Doch keiner hatte den Schuss gehört, keiner wusste, was geschehen war.
Oben auf dem Dach begann der Schütze bereits mit dem Abbau.
Effizient. Präzise. Ohne jede Eile.
Er nahm das Gewehr auseinander:
Lauf abnehmen.
Repetiermechanismus entfernen.
Zielfernrohr mit Schnellverschluss lösen.
Schaft und Magazin verstauen.
Jedes Teil verschwand in einer unauffälligen Sporttasche. Kein sperriger Waffenkoffer, keine auffälligen Bewegungen.
Er griff nach dem Hülsenfangnetz, das rechts von ihm befestigt war. Die Hülse? Gesichert. Keine Spuren. Kein Beweis.
Er war bereits auf dem Rückweg, als unten an der Brücke das erste verzweifelte Rufen begann.
Dann war er fort. Kein Laut, keine Spur – nur die Stille, die blieb.
***
© Armin Knebel, 2025
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