Tödliche Geschichte

Ein Mord wie aus einer anderen Zeit – und ein Täter, der Geschichte nicht nur nachstellt, sondern vollendet.

*Affiliate-Link: Ich erhalte eine kleine Provision, für Sie entstehen keine Mehrkosten.

Während einer Gratisaktion erreichte der Titel

„Tödliche Geschichte“ Platz 1 der Kindle-Charts (Top 100 – Gratis).

Cover: Tödliche Geschichte

Band 2

Klappentext: Ein Mord im Londoner Green Park, eine antike Duellpistole am Tatort und ein Täter, der die Vergangenheit lebendig machen will – Inspector Ethan Hawthorne steht vor einem tödlichen Rätsel. Als er die Spuren verfolgt, stößt er auf ein makabres Schauspiel: ein inszeniertes Duell, das bis ins kleinste Detail der Geschichte nachempfunden wurde. Doch was treibt den Mörder an? Und welche Botschaft will er hinterlassen?

Während Hawthorne und sein Team tiefer in die Ermittlungen eintauchen, enthüllt sich ein dunkles Netz aus Obsession, Ehre und tödlichem Ehrgeiz. Ein packender Thriller voller Spannung, historischer Anspielungen und unerwarteter Wendungen.

Tödliche Geschichte ist der zweite Roman der Hawthorne-Serie – ein Muss für Fans raffinierter Kriminalromane!

  • ASIN: B0FGXHY79F
  • Herausgeber:SaarPoesie
  • Erscheinungstermin: 6. Juli 2025
  • Sprache: Deutsch
  • Seitenzahl der Taschenbuch-Ausgabe: 237 Seiten
  • ISBN-13: 979-8310437678
  • Abmessungen: 12.7 x 1.52 x 20.32 cm

Vorwort:

Geschichten sind mehr als Worte auf Papier. Sie sind Fenster in andere Zeiten, andere Leben – manchmal sogar in die dunkelsten Winkel des menschlichen Geistes.

Dieser Roman ist eine Reise durch Dunkelheit und Vergangenheit, durch Ehre und Obsession. Ein Mörder, der kein gewöhnlicher Mörder ist. Ein Ermittler, der mehr sieht, als er sollte. Und eine Stadt, in der das Echo vergangener Zeiten nicht verstummt, sondern nach Erlösung verlangt.

Die Grenze zwischen Geschichte und Gegenwart verschwimmt, wenn sich die Vergangenheit mit tödlicher Präzision wiederholt. Ist es nur ein Spiel? Eine Kunst? Oder steckt mehr dahinter?

Vielleicht findest du es heraus. Vielleicht auch nicht.

Aber eines ist sicher: Die Vergangenheit vergisst nie.

Armin Knebel

Prolog:

Der Wind trug Erinnerungen durch die dunklen Straßen Londons – brüchig, kaum hörbar, wie Stimmen in Träumen. In den engen Gassen hallten gedämpfte Schritte wider, vermischten sich mit dem leisen Flüstern des Regens, der in unregelmäßigen Tropfen auf das Pflaster schlug. Eine Stadt voller Geschichten, voller Geheimnisse – und manche davon sollten nie ans Licht kommen.

Etwas löste sich aus der Dunkelheit – kaum mehr als ein Umriss, aber zielstrebig wie ein Gedanke. Ein Jäger in der Nacht, getrieben von einer Mission, die nur er verstand. Jeder seiner Schritte war durchdacht, jedes Detail geplant. Es ging nicht um Mord. Nein, das, was er tat, war mehr. Eine Kunstform, eine akribische Rekonstruktion der Vergangenheit.

Seine Finger umschlossen das kalte Metall einer Waffe, die lange vor seiner Zeit gefertigt worden war. Eine Duellpistole – alt, aber nicht vergessen. Sie war gereinigt, restauriert, bereit für das, was folgen sollte. Der Mann kniete sich nieder, zog ein altes, ledergebundenes Buch aus seiner Manteltasche und schlug es auf. Staubige Seiten, verfasst in einer Schrift, die mehr war als nur Worte – sie waren eine Botschaft, eine Erinnerung.

„Ehre ist mehr als ein Wort.“

Er hatte diese Worte unzählige Male gelesen. Sie brannten in seinem Geist, führten seine Hand. Die Welt mochte ihn für einen Mörder halten. Doch er wusste es besser. Er war ein Geschichtenerzähler. Und diese Geschichte war noch nicht zu Ende.

Er trat in den Green Park hinaus. Der Nebel verschluckte seine Konturen, nahm ihn auf wie ein alter Vertrauter. Der Ort war perfekt. Bald würde sein Werk vollbracht sein.

Und die Welt würde verstehen.

Kapitel 1: „Duell“

Der Mond schien fahl durch zerrissene Wolken und tauchte den Green Park in London in gespenstisches Licht. Der Wind fuhr durch die kahlen Baumkronen, als wollten ihre Äste verborgene Zeichen in den Himmel schreiben. Der kalte Dunst kroch über die Wiesen, verschluckte die Lichtkegel der Laternen und formte unheimliche Silhouetten.

Jonathan Carrick hatte nie geglaubt, dass Dunkelheit ein Eigenleben besitzen könnte. Doch in dieser Nacht schien sie ihn zu verschlingen – jede Bewegung dämpfte sie, jeden Atemzug raubte sie. Der Kies knirschte unter seinen schweren Stiefeln – ein ungewolltes Signal, das durch die unheilvolle Stille hallte wie ein scharfer Schrei. Es war, als wäre der Park ein lebendiges Wesen – und er ein Fremdkörper in seinem Inneren.

Er zog seinen Mantel enger um die Schultern und warf einen Blick über die Schulter. Nichts. Nur die unendliche Schwärze zwischen den Bäumen, deren Schatten wie hungrige Bestien am Boden lauerten. Die Kälte drang durch den dicken Stoff seines Mantels, biss in seine Haut und kroch wie Eiswasser durch seine Adern. Jonathan schüttelte den Kopf. Sein Atem wurde schneller. „Nur ein Spaziergang“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zur Nacht.

Doch die Nacht schwieg. Die Stille verdichtete sich, legte sich schwer auf seine Ohren, als wollte sie ihm den Atem nehmen. Er wollte nicht hier sein, nicht in diesem Park, nicht um diese Zeit. Sein Wagen war liegengeblieben, und statt auf den Abschleppdienst zu warten, hatte er beschlossen, sich zu Fuß auf den Weg zu machen. Eine fatale Entscheidung, wie er jetzt erkannte.

Jonathan erstarrte. Zwischen den Bäumen erkannte er eine regungslose Gestalt – eine Silhouette, die mit dem Wald zu verschmelzen schien. Sein Atem ging stoßweise – kleine, weiße Wolken, die der Wind sofort zerriss.

Er konnte nicht erkennen, ob es ein Mensch war oder etwas anderes. Ob die Gestalt ihn ansah oder einfach nur dastand, war unmöglich zu sagen. Doch er konnte das unangenehme Gefühl nicht abschütteln, beobachtet zu werden. Sein Herz begann zu hämmern, laut und schwer in seiner Brust, wie das Dröhnen einer Kriegstrommel.

„Hallo?!“, rief er mit einer Stimme, die ihm selbst fremd vorkam. Sie klang schwach, kaum mehr als ein Flüstern, das vom Wind fortgetragen wurde. Keine Antwort. Die Gestalt blieb regungslos, wie eine Statue, die aus der Dunkelheit selbst gehauen war.

Plötzlich bewegte sie sich. Langsam, fast gemächlich, setzte sie einen Fuß vor den anderen. Jonathan spürte, wie ihm die Luft aus den Lungen wich. Die Bewegung war zu flüssig, zu still, als wäre die Gestalt kein Wesen aus Fleisch und Blut, sondern ein dunkler Fleck, der sich über die Erde schob. Die Bäume schienen sich mit ihr zu bewegen, verschlangen ihre Konturen und ließen sie immer wieder neu entstehen.

„Wer ist da?!“, rief Jonathan erneut, diesmal lauter. Doch seine Stimme klang hohl und verängstigt, und er konnte nicht verhindern, dass sie am Ende brach.

Keine Antwort. Stattdessen beschleunigte die Gestalt ihre Schritte, fast unmerklich, aber genug, dass Jonathan es spürte. Der Abstand zwischen ihnen wurde kleiner, Zentimeter für Zentimeter, und die beklemmende Dunkelheit schien mit jedem Moment dichter zu werden. Jonathan wich einen Schritt zurück, dann noch einen, sein Herz raste, und der Kies unter seinen Stiefeln knirschte laut – viel zu laut.

Und dann hielt die Gestalt inne. Sie war jetzt näher, viel näher, und Jonathan konnte ihre Umrisse deutlicher erkennen. Eine große, hünenhafte Gestalt, die von Kopf bis Fuß in Dunkelheit gehüllt war. Das Gesicht war verborgen, doch Jonathan konnte spüren, wie ein unsichtbarer Blick ihn durchbohrte, kalt und gnadenlos wie eine Klinge.

Sein Atem ging stoßweise, und die Luft brannte in seinen Lungen. Er wollte weglaufen, wollte schreien, aber sein Körper gehorchte ihm nicht. Er stand wie angewurzelt, die Angst hatte ihn in ihrem eisigen Griff.

Ein Zischen – ein bösartiges Geräusch, das an das Fauchen eines Tieres erinnerte. Plötzlich stürzte die Gestalt auf ihn zu, ein Gespenst, das sich wie ein Sturm über ihn warf.

Jonathan schrie. Ein lauter, durchdringender Schrei, der in der Nacht widerhallte und zwischen den Bäumen nachklang. Er drehte sich um und rannte, so schnell ihn seine Beine trugen. Der Kies spritzte unter seinen Füßen auf, und die Kälte schnitt wie Messer in seine Lungen. Hinter sich hörte er das Zischen näherkommen, immer näher, wie das Rasseln einer unsichtbaren Kette.

Er wusste, dass er keine Chance hatte. Doch er rannte – blind, durch die Dunkelheit, ohne Ziel, ohne Hoffnung. Die Düsternis verschlang ihn, der Nebel löschte jede Kontur um ihn herum.

Jonathan blieb stehen und drehte sich um, sein Atem ging stoßweise. Sein Herzschlag dröhnte in seinen Ohren, während die Gestalt vor ihm in der Dunkelheit verschwand. Doch die Stille blieb – eine erdrückende, lähmende Stille, die sich wie Blei auf seine Gedanken legte.

Er schaute sich um, suchte mit den Augen nach der Bewegung, die er eben noch gesehen hatte, aber da war nichts. Die Dunkelheit verschluckte alles.

Plötzlich spürte er es. Kein Geräusch, kein Luftzug, doch etwas Verändertes lag in der Luft – eine Spannung, die ihm die Haare auf den Armen aufstellte. Jonathan stolperte zurück, seine Augen weiteten sich. Sein Verstand versuchte zu verstehen, was seine Augen nicht sahen.

Ein dumpfer Klang, der in der Stille wie ein metallischer Schlag verhallte. Jonathan drehte sich um, doch es war zu spät. Etwas traf ihn mit der Wucht eines Vorschlaghammers in die Brust, und er ging zu Boden. Der Schmerz explodierte in seinem Innersten, heiß und brennend, und seine Lungen schienen sich zusammenzuziehen.

Er versuchte zu schreien, doch kein Laut kam über seine Lippen. Sein Blick verschwamm, und alles um ihn herum wurde zu einem dunklen Strudel aus Düsternis und Schmerz. Er konnte nicht sehen, wer oder was ihn getroffen hatte, doch irgendwo in der Ferne hörte er Schritte, langsam und bestimmt, die sich von ihm entfernten. Die Luft schien zu flüstern, trug die Schritte davon, bis nur noch die Stille blieb.

Als Jonathan wieder zu Bewusstsein kam, wusste er nicht, wie lange er gelegen hatte. Sein Körper fühlte sich taub an, und sein Atem ging flach und schwach. Über ihm zeichneten sich die kahlen Äste scharf gegen den Himmel ab, während der Mond blass und kalt auf ihn herabsah.

Er versuchte, sich zu bewegen, doch ein stechender Schmerz schoss durch seinen Körper. Als er nach unten blickte, sah er die dunkle, klebrige Feuchtigkeit, die sich über seinen Mantel ausbreitete – sein Blut, das langsam in den Kies sickerte.

In diesem Moment sah er sie – die Silhouette. Keine Bewegung, kein Laut. Sie stand da, nicht weit von ihm entfernt. Sie schien ihn anzustarren – ohne Augen, ohne Gesicht –, und doch spürte Jonathan ihren Blick wie einen Dolch in der Brust. Dann bewegte sich die Gestalt in seine Richtung.

Sein letzter Gedanke, bevor ihn die Dunkelheit endgültig verschlang, war ein einziger, bohrender Zweifel: Warum?

Die Gestalt blieb neben Jonathan stehen. Die Arbeit war fast vollbracht. Dies war nicht bloß ein Mord – es war ein Kunstwerk, eine akribische Inszenierung. Die Dunkelheit nahm ihn auf, ließ ihn eins werden mit dem Ort, während er die letzten Details arrangierte.

Zwei Stiefelabdrücke waren sorgfältig im feuchten Kies platziert, genau zwölf Schritte voneinander entfernt. Sechs Schritte in jede Richtung. Sie waren wie ein Echo einer Vergangenheit, die er so sehr verehrte. An der einen Stelle, wo die Abdrücke abrupt endeten, hatte er eine antike Pistole aus der Tasche seines Mantels gezogen, ihr kaltes Metall ein Nachklang vergangener Epochen.

Seine Hände waren ruhig, fast andächtig, als er die Pistole erneut betrachtete. Eine Spencer-Pistole aus dem frühen 19. Jahrhundert – ein Meisterwerk von Ingenieurskunst und ein Relikt einer Ära, in der Ehre noch Gewicht hatte. Die Waffe war nicht bloß eine Waffe. Sie war ein Symbol. Ein Stück Geschichte, das er mit akribischer Präzision und moderner Technik wieder funktionsfähig gemacht hatte.

„Ehre ist mehr als ein Wort.“

Die Stimme seines Urgroßvaters hallte durch seinen Kopf, tief und unerbittlich. Sie war nie wirklich verstummt – nicht in all den Jahren, in denen er die Geschichte seiner Familie enträtselt hatte. Manchmal kam sie leise, ein Flüstern vergangener Zeiten. Manchmal war sie ein donnernder Befehl, der in seinem Schädel widerhallte.

„Erinnere dich, Junge. Was verloren ging, kann wiederhergestellt werden. Aber nur durch Taten.“

Sein Griff um die Pistole wurde fester. Ja. Durch Taten.

Die Wolken rissen auf, und der Mond ließ ein bleiches Licht über die Lichtung gleiten, still wie Staub im Wasser. Er kniete nieder und zog ein kleines altes Tagebuch aus seinem Mantel. Er platzierte es neben seinem Opfer. Jedes Detail war geplant, jede Geste ein Schritt in Richtung seines ultimativen Ziels.

„Sie sehen dich jetzt.“

Er erstarrte kurz, sein Atem stockte. Die Stimmen klangen näher. Er kannte sie. Sie waren immer da, zwischen den Zeilen alter Briefe, in den verstaubten Korridoren seines Gedächtnisses.

„Sie wissen, dass du es getan hast. Aber hast du es richtig getan?“

Seine Finger zitterten leicht, während er das Tagebuch zurechtrückte. Ein Fehler – nur ein kleiner Fehler – und sie würden ihn wieder verspotten. Wie damals.

Er trat einen Schritt zurück, musterte seine Inszenierung und lächelte unter der Kapuze, die sein Gesicht verbarg. Es war perfekt. Der Ort würde gefunden werden, und die Welt würde staunen. Doch nicht über die Gewalt – nein, Gewalt war bloß das Mittel zum Zweck. Sie würde staunen über die Reinheit, die Ästhetik, die Unvergänglichkeit der Geschichte.

Sein Blick wanderte zum Opfer, dessen Körper er mit Bedacht in Position gebracht hatte. Ein ausgestreckter Arm, ein leichter Winkel im Kopf. Das trübe Wetter würde den Rest tun, die Details verschlucken und die Vorstellungskraft derer beflügeln, die es später sehen würden.

Er richtete sich auf und verschwand lautlos in der Dunkelheit, wie ein Traum, der nie da gewesen war. Sein Werk war vollbracht. Jetzt musste er nur warten. Warten, bis die Welt die Schönheit seiner Vision erkannte.

„Es ist noch nicht vorbei.“

Die Worte kamen nicht von ihm. Sie schienen aus der Luft selbst geboren, flüsterten zwischen den Ästen, schlichen sich in seine Gedanken. Seine Ahnen. Sie waren noch nicht zufrieden.

„Es gibt noch mehr zu tun. Mehr zu sühnen.“

Ein Frösteln lief über seinen Rücken. Kaum merklich nickte er – nicht für sich selbst, sondern für sie. Sie sollten wissen, dass er sie gehört hatte.

***

Ethan nippte gedankenverloren an seinem kalten Kaffee. Der bittere Geschmack verstärkte die Kälte des Märzmorgens, die sich durch die beschlagenen Fensterscheiben des Polizeipräsidiums drängte. Sein Gesicht verzog sich, als der abgestandene Kaffee über seine Zunge lief, und er stellte den Becher mit einem leisen Klirren auf den Schreibtisch, der zwar aufgeräumt war, aber unter der Last seiner Akten und Notizen fast ächzte. Unterlagen und Aktenstapel türmten sich dort wie stumme Zeugen vergangener Verbrechen.

Plötzlich öffnete sich die Tür mit einem Quietschen, das Ethan aus seinen Gedanken riss. Detective Constable Harold Browning, ein jüngerer Kollege mit stets zerzaustem Haar und nervösem Blick, steckte den Kopf durch den Türspalt. „Ethan, der Chef will dich sehen.“ Seine Stimme klang bemüht fest, doch die dunklen Ringe unter seinen Augen verrieten die langen Nächte, die sie alle zu überstehen hatten.

Ethan erhob sich langsam, kontrolliert, beinahe mechanisch. Sein dunkelblauer Einreiher saß perfekt, die Kanten scharf wie die Klinge eines Rasiermessers. Darunter ein makellos weißes Hemd, dessen Kragen mit einer dezenten Krawatte in Marineblau ergänzt wurde. Seine schwarzen Oxford-Schuhe erzählten eine stille Geschichte: Sie waren gut gepflegt, doch bei genauem Hinsehen zeigten sich kleine Schrammen an den Kanten und feine Kratzer auf den Spitzen. Es waren die Spuren eines Mannes, der einst auf jedes Detail achtete, aber inzwischen keine Zeit mehr dafür hatte – oder sich diese nicht mehr nahm.

Mit 37 Jahren strahlte Ethan die Ernsthaftigkeit eines Mannes aus, der mehr gesehen hatte, als er wollte, aber weniger, als er musste. Seine 1,75 Meter wirkten größer durch die aufrechte Haltung und die Spannkraft seines schlanken, durchtrainierten Körpers. Die muskulöse Statur ließ auf Disziplin und regelmäßiges Training schließen, ohne übertrieben zu wirken. Sein Gesicht war scharf geschnitten, mit markanten Wangenknochen und einem leicht kantigen Kiefer. Das Haar dunkelbraun, mit grauen Ansätzen an den Schläfen – ein leiser Verrat der Zeit.

Doch es waren seine Augen, die jeden in ihren Bann zogen – tiefgrün, durchdringend und schwer von der Last einer Vergangenheit, die er nicht loslassen konnte. Diese Augen schienen Geschichten zu bergen, von Schauplätzen des Grauens und Momenten menschlicher Abgründe. Sie waren wie stille Zeugen, die mehr sagten, als Ethan je in Worte fassen würde.

Seine Hände, von feinen Narben durchzogen, erzählten von akribischer Arbeit – vom Entschärfen von Sprengsätzen, der Erstellung von Ballistikgutachten oder dem Entdecken winziger Hinweise. Eine schlichte silberne Armbanduhr schmiegte sich um sein Handgelenk, ein Erbstück seines Vaters.

Trotz der Aura von Präzision und Kontrolle, die seine Erscheinung vermittelte, lag darin auch eine kaum wahrnehmbare Unsicherheit. Seine Haltung war professionell, doch in seinem Blick lag ein Hauch von Melancholie – als würde ihn das Echo vergangener Entscheidungen nie ganz loslassen.

Der Weg zum Büro des Chief Inspectors führte durch ein Labyrinth von Großraumbüros, in denen Telefone unaufhörlich klingelten und die gedämpften Gespräche der Beamten wie ein ständiges Murmeln im Hintergrund klangen. Neonröhren warfen ein kaltes, unbarmherziges Licht auf die kargen Wände, an denen vergilbte Fahndungsfotos und Motivationsplakate hingen. Der modrige Geruch von altem Papier und abgestandenem Kaffee vermischte sich mit der stickigen Mischung aus Nikotin und Schweiß.

Als Ethan an einem der offenen Fenster vorbeikam, wehte ihm der Geruch von Regen und Abgasen entgegen – der Duft Londons im Jahr 1999. Eine Stadt, so voller Leben, und dennoch auch Heimat für die finstersten Abgründe der Menschheit.

Das Büro des Chief Inspectors war ein Relikt vergangener Jahrzehnte, schweres Eichenholz und dunkle, lederne Sitzgelegenheiten dominierten den Raum. Eine antike Standuhr tickte beständig in der Ecke, ein leises, aber ständiges Mahnen an die unaufhaltsam verrinnende Zeit. Chief Inspector William Hardy war ein massiger Mann in den Fünfzigern, dessen graue Haare wie ein schütterer Heiligenschein sein kahlrasiertes Haupt umgaben. Der Duft von Zigarrenrauch lag wie eine unsichtbare Decke über dem Raum und schien sich in jede Ritze des abgenutzten Teppichs gefressen zu haben.

Neben dem Schreibtisch saß bereits ein anderer Mann, Inspector Nigel Sutherland. Seine Haltung war aufrecht, sein Blick wachsam. Die graublauen Augen musterten Ethan kurz, bevor er den Blick abwandte, als wollte er eine Bemerkung unterdrücken. Man sah ihm die Erfahrung an – nicht nur in den Falten um seine Augen, sondern auch in der Art, wie er sich bewegte: ruhig, aber mit einer unterschwelligen Energie, als sei er jederzeit bereit, einzugreifen.

Hardy stemmte sich aus dem ledernen Sessel, sein massiger Körper füllte die breiten Armlehnen fast aus. Er seufzte leise, ein dunkles Brummen, während sein Blick über Ethan und Sutherland wanderte. „Ethan, setzen Sie sich.“ Seine Stimme war tief und gemessen, aber da war auch ein Anflug von Müdigkeit – nicht die des Alters, sondern die eines Mannes, der seit Jahrzehnten mit der Düsternis der Stadt ringt.

„Es gab heute Morgen einen Mord im Green Park.“ Hardy schob einen Stapel Papiere beiseite, enthüllte einen dicken, fleckigen Kaffeebecher, den er offenbar vergessen hatte. „Jonathan Carrick, mittleren Alters. Bizarre Umstände.“ Seine Augen – graugrün, scharf, aber nicht kalt – musterten Ethan eindringlich. „Die Spurensicherung ist vor Ort. Sutherland wird den Fall leiten, und Sie werden ihn unterstützen.“ Hardy griff nach dem Kaffeebecher, hielt inne, als hätte er kurz vergessen, was er tun wollte, und stellte ihn dann wieder ab. Er setzte sich wieder schwerfällig. Der Bürostuhl ächzte bedrohlich unter ihm.

„Ethan, am Tatort lag eine antike Pistole. Ob sie die Tatwaffe ist? Keine Ahnung. Vielleicht nur eine verdammte Botschaft. Aber wir brauchen Ihre Expertise“, seine Stimme wurde etwas weicher. Hardy lehnte sich zurück und verschränkte die Finger vor seiner Brust. „Und wenn wir ehrlich sind, ist das genau die Art von Fall, die bei Ihnen gut aufgehoben ist. Niemand hier versteht so viel von Waffen wie Sie.“

Dann wanderte sein Blick zu Sutherland, und seine Haltung änderte sich. Seine Schultern versteiften sich leicht, und die Linie seines Kiefers wurde härter. „Aber“, er betonte das Wort mit einem deutlichen Seitenblick, „Sutherland hat hier die Leitung. Er hat genauso viel Erfahrung und das Know-how, um diese Ermittlungen zu führen.“ Es war, als wollte Hardy einen Konflikt ersticken, bevor er entfachte – doch der leicht gereizte Unterton verriet, dass er sich Sorgen machte, ob das gelingen würde.

Nigel lehnte sich zurück, seine Finger klopften unruhig gegen die Lehne. Er atmete durch, als würde er einen Gedanken abwägen, bevor er sprach.

„Ich habe nichts gegen neue Ansätze, Ethan.“ Seine Stimme klang nicht abweisend, sondern müde. „Aber ich habe gesehen, wohin das führt. Wer sich auf Symbolik verlässt, statt auf harte Fakten, jagt am Ende nur Phantome.“

Er hielt inne, ließ seinen Blick kurz durch den Raum wandern, als würde er nach etwas suchen. „Ich sage nicht, dass du falsch liegst. Ich sage nur, dass ich mir sicher sein will, dass wir nicht in eine Sackgasse rennen.“

Ethan bemerkte, wie Sutherlands Finger unbewusst über die Tischkante glitten, immer wieder, wie ein Mechanismus, den er nicht kontrollieren konnte. Er fragte sich, ob die Geste Nervosität verriet oder eine Art Ventil war. „Antike Waffen erfordern mehr als nur normale Methoden, Nigel.“, erwiderte Ethan leise, seine Stimme klang ruhig, aber unnachgiebig. „Ein Fehler, und wir übersehen entscheidende Hinweise. Vielleicht haben wir hier keinen Raum für Routine.“

Nigel atmete tief durch, seine Finger ruhten ruhig auf dem Tisch. „Routine“, wiederholte er und schüttelte leicht den Kopf. „Das ist nicht nur ein festgefahrener Ablauf. Routine gibt uns Halt. Ohne sie verlieren wir die Kontrolle, wenn die Fälle chaotisch werden.“

Er hielt kurz inne, bevor er weitersprach. „Ich verstehe, dass du jedes Detail prüfen willst – und vielleicht ist das genau die Art von Blickwinkel, die wir hier brauchen. Aber für mich geht es darum, Ergebnisse zu liefern. Und wenn ich etwas hasse, dann ist es, einen Fall offen zu lassen.“

Hardy hob beschwichtigend die Hand, aber sein Blick wanderte für einen Moment länger zu Nigel, als hätte er etwas verstanden, was er zuvor übersehen hatte. „Genug jetzt.“ Seine Stimme war fester als zuvor. „Sie beide arbeiten zusammen. Nigel, Sie leiten die Ermittlungen. Ethan, Sie liefern die Expertise. Ende der Diskussion.“

Nigel stand so abrupt auf, dass sein Stuhl fast umgekippt wäre. Sein Blick traf Ethans für einen Moment – und darin lag etwas Neues. Nicht nur Abneigung, sondern vielleicht auch ein Hauch von Verletzlichkeit, den er hastig hinter seinem barschen Tonfall verbarg. „Dann sollten wir besser anfangen“, sagte er knapp und marschierte zur Tür, ohne auf eine Antwort zu warten.

Sie wussten beide, dass dieser Fall mehr als nur eine Mordermittlung war. Es war ein Kampf der Methoden, der Prinzipien, und letztlich auch des gegenseitigen Respekts – oder dessen, was davon übrig war.

Draußen auf dem Flur spürte Ethan die Spannung, die wie eine greifbare Last in der Luft hing. Nigel war schon ein paar Schritte voraus, seine Schritte hart und bestimmt. Ethan wusste, dass ein Gespräch sinnlos sein könnte, doch er versuchte es trotzdem. „Also, was hältst du davon, wenn wir diesen Fall gemeinsam lösen?“ fragte er beiläufig, auch wenn er die Antwort schon kannte.

Nigel blieb abrupt stehen, sein Blick wanderte über Ethan, diesmal weniger feindselig, sondern eher vorsichtig. Als ob er überlegte, wie viel er preisgeben wollte.

„Ich habe meinen eigenen Stil, Ethan. Und ich bin es gewohnt, meine Fälle alleine zu lösen.“ Sein Ton war fest, aber nicht mehr so harsch. „Das hier ist kein persönlicher Kampf zwischen uns. Ich brauche keine Ablenkung – aber wenn du wirklich helfen willst, dann bring mir Beweise, keine Hypothesen.“

Ethan erwiderte den Blick, sein Kiefer fest zusammengepresst. „Solange du nicht alles durch dein enges Raster presst, haben wir vielleicht eine Chance, den Täter zu finden.“ Die Worte kamen ruhig, aber sie hatten Gewicht – schwer genug, um im langen, stillen Flur widerzuhallen.

Nigel lachte leise – ein trockenes, bitteres Geräusch. „Enges Raster? Weißt du, was engstirnig ist, Ethan?“ fragte er, und seine Stimme zitterte kaum merklich vor unterdrücktem Zorn. „Dein verdammtes Idealismus-Gehabe. Erinnerst du dich an den Fall mit den Docklands vor neun Monaten? Ich schon. Wir hätten die Sache abschließen können, wenn du nicht alles überanalysiert hättest. Und was haben wir jetzt? Einen freien Mann und eine Familie, die immer noch keine Antworten hat.“

Ethan spürte, wie ihm das Blut in den Ohren rauschte, doch er zwang sich, ruhig zu bleiben. Die Erinnerung traf ihn härter, als er erwartet hatte. Der Docklands-Fall war kompliziert gewesen, und er hatte tatsächlich auf ein weiteres Gutachten bestanden, das letztendlich zu einem Freispruch geführt hatte – ob zu Recht oder Unrecht, ließ sich immer noch schwer sagen. Er hatte geglaubt, das Richtige zu tun, doch die Schuld, nichts bewiesen zu haben, war ein Gespenst, das ihn seitdem verfolgte.

„Du weißt genau, dass das nicht meine Schuld war“, entgegnete Ethan leise, seine Stimme wie eine gespannte Saite. „Die Beweise waren nicht ausreichend, und du weißt es genauso gut wie ich. Aber du schiebst es mir in die Schuhe, weil es einfacher ist, als dich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen.“

Nigel schnaubte, drehte sich abrupt um und marschierte weiter. Seine Schritte hallten durch den Flur – laut, als könnte er die Diskussion damit ersticken. Ethan sah ihm einen Moment nach, dann seufzte er leise. Es würde kein einfacher Fall werden – nicht nur wegen des Mörders, sondern vor allem wegen der Geister, die sie beide mit sich trugen. Docklands war nur einer von vielen.

***

Die Spurensicherung hatte den Tatort im Green Park bereits abgesteckt: ein kleiner, vom Nebel verhüllter Bereich unter einer Gruppe alter Eichen. Das Licht der tragbaren Scheinwerfer warf scharfe Kontraste aus Licht und Schatten, während der Morgen ringsum undurchdringlich blieb.

Ethan und Nigel traten durch die Absperrung. Der Geruch von feuchter Erde, abgestandenem Wasser und etwas Metallischem – vielleicht Blut – klebte in der Luft wie ein feuchter Film. Ethan zog unwillkürlich den Mantel enger um sich und rückte mit einem leisen Knirschen die blauen Nitrilhandschuhe zurecht, während er die Szene betrachtete. Der Boden war durchweicht, der Kies klebte an seinen Schuhen, und ein Hauch von Moder mischte sich mit dem scharfen Aroma der Chemikalien, die die Spurensicherung verwendet hatte.

„Was haben wir hier?“ Ethans Stimme war ruhig, fast monoton, doch seine Augen arbeiteten wie die Linsen einer Kamera, erfassten jedes Detail. Vor ihm lag ein Mann mittleren Alters. Der Körper war merkwürdig drapiert, ein Arm ausgestreckt, der andere angewinkelt. Der Kopf war leicht zur Seite geneigt, die Augen starrten in die Leere.

„Carrick, Jonathan. Einfache Herkunft, keine bekannten Feinde“, begann einer der Techniker in einem weißen Forensikanzug und reichte Ethan eine Mappe. Doch er ignorierte sie zunächst und kniete sich nieder, um den Körper genauer zu betrachten. Der Mantel des Opfers war geöffnet, darunter ein fleckiger, durchnässter Anzug. Die Wunde in der Brust war klein, fast chirurgisch – das Einschussloch präzise, umrandet von dunklem, geronnenem Blut. Ethan vermutete, dass das Projektil tief eingedrungen war und schätzte den Abstand des Schützen auf ein paar Schritte.

„Das hier ist keine gewöhnliche Schießerei“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu Nigel. Sein Blick wanderte über die Position des Körpers, die antike Waffe und die deutlichen Spuren im Kies. Etwas klickte in seinem Kopf, ein unvollständiges Puzzle, das sich zu formen begann.

„Ich brauche eine Leiter“, sagte Ethan schließlich, seine Stimme nun fester. Nigel, der mit verschränkten Armen abseits stand und sichtlich wenig von Ethans akribischem Ansatz hielt, hob eine Augenbraue.

„Eine Leiter? Im Ernst?“ Nigel zog eine Augenbraue hoch. „Willst du nachsehen, ob da oben noch mehr antike Waffen vom Himmel gefallen sind?“

Doch Ethan ließ sich nicht provozieren. „Ein Perspektivwechsel, Nigel. Von oben sehen wir vielleicht, was uns hier unten verborgen bleibt.“ Sein Tonfall ließ keinen Widerspruch zu.

Die Leiter kam, und Ethan stieg hinauf. Eine Böe zerrte an seinem Mantel, als er sich auf die oberste Stufe stellte und die Szene von oben betrachtete. Plötzlich fügte sich das Puzzle zusammen. Die Fußspuren im Kies – exakt zwölf Schritte, symmetrisch verteilt. Das Opfer – reglos, mit einer Haltung, die wie eingefroren wirkte. Es war die Nachstellung eines Duells, bis ins kleinste Detail.

„Nigel, sieh dir das an.“ Ethans Stimme war leise, aber eindringlich. „Das hier ist kein Zufall. Das ist eine Inszenierung. Jemand hat diesen Mord geplant wie ein Stück Theater.“

Nigel trat näher, folgte Ethans Blick – und sah es jetzt ebenfalls. „Verdammt.“ Nigel drehte sich abrupt um und funkelte die Spurensicherung an. „Das ist euer verdammter Job! Wie kann man sowas übersehen?!“ Seine Stimme hallte durch die Bäume, während die Techniker betreten zu Boden starrten.

Unterdessen hob Ethan das Tagebuch auf, das neben dem Opfer lag. Die Lederhülle war abgenutzt, die Seiten wellten sich von der Feuchtigkeit. Er blätterte vorsichtig darin, seine Augen flogen über die handschriftlichen Notizen. Ein Eintrag stach hervor – eine Passage über ein berühmtes Duell aus dem frühen 19. Jahrhundert. Er las die Worte laut vor, seine Stimme ruhig, aber fesselnd: „… zwei Männer, von Ehre getrieben, zwölf Schritte auseinander. Der Morgen war kalt. Ein Schuss brach die Stille, und einer fiel.“

„Ein Duell?“ Nigel schnaubte. „Willst du mir etwa erzählen, dass wir es hier mit einem Haufen verrückter Romantiker zu tun haben, die sich nachts im Park treffen, um sich gegenseitig abzuknallen?“

„Vielleicht war es ein Unfall“, fügte Nigel hinzu und lachte trocken. „Ein paar Spinner mit zu viel Fantasie?“

Ethan schüttelte den Kopf. „Das hier ist kein Unfall, Nigel. Das ist eine Botschaft.“ Ethan klappte das Tagebuch zu, sein Blick kühl und scharf. „Die Frage ist nur: Für wen?“ Die Spannung zwischen den beiden Männern war greifbar, wie das Knistern in der Luft vor einem Sturm.


© Armin Knebel, 2025
Alle Rechte vorbehalten.
Diese Leseprobe darf nicht ohne ausdrückliche Genehmigung vervielfältigt, verbreitet oder veröffentlicht werden.

Armin Knebel

"Ich schreibe keine perfekten Welten – ich schreibe ehrliche."

Nach oben scrollen